Song Contest: Graz muss „geheimen“ Kriterienkatalog bis 4. Juli erfüllen
Streng vertrauliche Pflichten für eine Austragung landeten auch im Grazer Rathaus. „Fieberhaft“ wurden erste Punkte aufgearbeitet – ehe es zum Amoklauf kam. Bewirbt sich Graz nun bis 4. Juli?

Auf dem Weg über den Semmering hatte die E-Mail ganz schön zu schleppen, befand sich doch im Anhang eine umfassende Datei – jedenfalls wesentlich komplexer, als man im Grazer Rathaus erwartet hatte. „Einen halben Roman“ habe der ORF von Wien aus auf die Reise geschickt, so der Tenor. Gemeint ist jener Kriterienkatalog, den Städte erfüllen müssen, die sich für die Austragung des Song Contests 2026 bewerben wollen. Und dieser Katalog sei „zehn Mal detaillierter“ als noch im Jahr 2015, als Österreich nach dem Sieg von Conchita Wurst dieses Liederfestival austragen konnte.
Dennoch arbeite das gesamte Haus Graz „fieberhaft“ daran, wie gefordert schon bis 4. Juli den Nachweis für die „Austragungstauglichkeit“ zu erbringen – hieß es noch gestern Früh im Büro der Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr, wenige Minuten vor dem Amoklauf an einer Schule. Welche Auswirkungen nun diese dramatischen Ereignisse haben, ist noch nicht abzusehen. Schnürt der ORF das äußerst enge Zeitkorsett nun noch einmal auf? Schafft es dann Graz, die Unterlagen rechtzeitig abzugeben? Oder hat die Grazer Stadtregierung auf absehbare Zeit keinen Kopf für ein unterhaltsames Liederfestival?
ORF dementiert „Knebelverträge“
In den nächsten Tagen ist das ganz bestimmt der Fall, also werden viele Abteilungen im Magistrat und in Tochtergesellschaften der Stadt gleichsam zur Sicherheit die geplante Arbeit erledigen. Und Punkt für Punkt den Song-Contest-Kriterienkatalog durchgehen. Kann man etwa die geforderte Bettenzahl in Hotels erfüllen? Details verrät man nicht – mit Verweis auf eine „ziemlich strenge“ Geheimhaltungsklausel in den Vereinbarungen mit dem ORF. Gar von „Knebelverträgen“ sprachen Stimmen in Innsbruck, neben Salzburg ja eine der möglichen Gastgeberstädte. „Eine faire und nachvollziehbare Suche nach dem bestmöglichen Austragungsort für den ESC 2026 setzt neben vielen anderen Kriterien voraus, dass die Bewerberinnen ihre Bewerbung nicht aufeinander abstimmen. Dazu ist Vertraulichkeit der Bewerbung essenziell, ansonsten würde der bestmögliche künstlerische und wirtschaftliche Erfolg gefährdet“, heißt es dazu vom ORF gegenüber der Kleinen Zeitung.
Seitens der Pressestelle des Rundfunks weist man in einem Aufwaschen auch jenes Gerücht zurück, wonach „eh nur Wien“ in der Lage sei, alle Kriterien zu erfüllen. Die Anforderungen würden sich vielmehr „aus den faktischen Notwendigkeiten des Events“ ergeben und seien von der EBU vorgegeben, dem Zusammenschluss von 68 TV-Anstalten in 56 Staaten. Auch Dieter Hardt-Stremayr sieht anhand der Kriterien „keinen Vorteil für Wien von vorneherein“, so der Chef von Graz-Tourismus. Derzeit liege der Fokus auf Graz und auf die Stadthalle in der Landeshauptstadt – ein möglicher Doppelpass mit dem Schwarzl-Freizeitzentrum in Premstätten werde im Laufe des Prozesses zur Sprache kommen, so Hardt-Stremayr, der weiterhin von Song-Contest-Kosten „zwischen 20 und 25 Millionen Euro“ ausgeht.

Mit dem Publikum interagieren
Auch der „Ankünder“ wird in die Überlegungen eingebunden. Jenes Werbeunternehmen, das zu 67 Prozent der Stadt Graz gehört und zu 33 Prozent Gewista/JCDecaux. Dass die französische Firma laut eigener Aussage das größte Unternehmen für Außenwerbung in der Welt ist, könnte als gewichtiges Argument auch schon im Bewerbungsprozess eine Rolle spielen: So würde man nicht nur in Graz selbst auf verschiedenen Werbeflächen mit dem Song-Contest-Publikum interagieren, sondern das Event auch „international pushen“, heißt es.
