Nachhaltig bauen: „Weniger ist oft mehr“
Suffizienz – ein sperriges Wort, aber eine große Chance für die Bauwirtschaft. Denn es geht nicht um weniger Komfort, sondern um mehr Sinn. Peter Engert, Geschäftsführer der ÖGNI, plädiert für eine neue Haltung beim Planen, Bauen und Sanieren.

Das ganze Interview zum Ansehen:
Was bedeutet “Suffizienz” für die Immobilienbranche?
Peter Engert: Suffizienz ist ein philosophisches Thema, das sich auf viele Bereiche der Immobilienbranche anwenden lässt. Es geht etwa um die Frage, wie viel Wohnfläche ein Mensch wirklich braucht oder ob man Bestehendes erhalten und für neue Bedürfnisse adaptieren kann. Die Qualität und das Wohlbefinden müssen dabei erhalten bleiben. Letztlich ist Suffizienz eine Haltung, die jeder für sich selbst definieren muss.
Suffizienz – nur Verzicht oder der Schlüssel zu langlebigem, leistbarem Bauen mit Sinn? Wie viel ist tatsächlich notwendig, ohne an Lebensqualität zu verlieren?
Peter Engert: Suffizienz heißt nicht, dass wir auf Qualität verzichten. Natürlich stellt sich die Frage, ob es immer der höchste Schallschutz oder die aufwendigste Ausstattung sein muss. Aber das Wohlbefinden der Menschen, die darin leben oder arbeiten, darf nicht darunter leiden. Wir müssen bewusst entscheiden: Was brauchen wir wirklich?
Suffizienz klingt nach Regulierung – doch ist sie das tatsächlich?
Peter Engert: Es gibt hier keine Norm, die alles regelt. Suffizienz ist eine Haltung. Jeder muss sich selbst fragen: Was brauche ich wirklich? Das gilt für private Bauherren genauso wie für große Bauträger. Wer achtsam plant, spart nicht nur Kosten, sondern erhöht auch den langfristigen Nutzen eines Gebäudes.
Ist es nachhaltig, neu zu bauen? Oder kann Erhalten mehr bringen?
Peter Engert: Der größte CO₂-Verbrauch entsteht beim Neubau. Deshalb ist es oft nachhaltiger, ein bestehendes Gebäude zu erhalten und zu sanieren, statt es abzureißen. Gerade Wohnhäuser aus den 1970er- und 80er-Jahren können durch Sanierung energieeffizient werden und den Bewohnerinnen und Bewohnern geringere Betriebskosten ermöglichen. Das ist echte Nachhaltigkeit im Alltag.
Ist Nachhaltigkeit nur Ökologie – oder gehören noch weitere Aspekte dazu?
Peter Engert: Viele glauben: Wer ökologisch baut, ist automatisch nachhaltig. Das stimmt jedoch so nicht. Nachhaltigkeit ist wie eine Triangel: Ökologie ist eine Ecke, die zweite ist das Soziale – also, ob sich Menschen wohlfühlen – und die dritte ist die Wirtschaftlichkeit. Ein Projekt ist erst dann wirklich nachhaltig, wenn diese drei Aspekte im Gleichgewicht sind. Nur dann rechnet es sich auch langfristig.
Ist es heute noch vertretbar, eingeschossig zu bauen?
Peter Engert: Wenn Boden versiegelt wird, dann muss er effizient genutzt werden. Flächen sind ein kostbares Gut. Es ist nicht sinnvoll, mit geringer Dichte zu bauen, wenn gleichzeitig Wohnraum knapp und teuer wird. Hier sind kompakte, durchdachte Lösungen gefragt, mit einer gewissen Flexibilität für zukünftige Nutzungen.
Ist Suffizienz leistbar oder ein Ideal für Besserverdienende?
Peter Engert: Suffizienz ist kein Luxus, im Gegenteil. Es geht darum, mit weniger Mitteln mehr zu erreichen. Das hat nichts mit Verzicht zu tun. Im besten Fall bleibt die Lebensqualität gleich oder wird sogar besser. Es darf aber keine Selbstkasteiung sein. Vielmehr geht es um bewussten Umgang mit Ressourcen, um eine nachhaltige Verbesserung unserer gebauten Umwelt.

ÖGNI – Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft
Die ÖGNI ist eine unabhängige NGO, die sich für nachhaltiges Bauen einsetzt. Sie zertifiziert Gebäude, die ökologisch, ökonomisch und sozial verträglich sind – und über Generationen hinweg funktionieren. Im Fokus stehen Gesundheit, Wohlbefinden und Effizienz für die Nutzerinnen und Nutze