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„Wir haben uns schrecklich geirrt“

Carina Kerschbaumer
© SAUL LOEB

Carina Kerschbaumer fragt, was in 30 Jahren in Geschichtsbüchern über Reality-Star Trump, die EU und Ukraine stehen wird.

Fragen Sie sich derzeit auch, was Historiker einmal über die Donald-Trump-Reality-Show im Weißen Haus, über die Ukraine, die hunderttausenden  verletzten, verstümmelten, getöteten Väter, Söhne schreiben werden? Eine Frage, die ich mir gestern im Museum des Krieges in Saigon stellte. Neben mir entsetzte, betroffene, erstarrte Gesichter, Besucher im Bann des Grauens der schwarz-weiß-Fotos, die da an der Wand hängen. Babys ohne Augäpfel, ohne Beine, ohne Arme, mit verkrümmtem Rücken, Babygesichter mit drei Wangen. Wie To Hoai Nam, der dem Besucher ängstlich in die Augen schaut, ein Kleinkind, nackt, ohne Beine, das von einer Frau gehalten wird. Ein amerikanisches Mädchen fragt seine Mutter, warum diese Kinder „so komisch aussehen“. Die Frau erzählt ihm vom verheerenden Einsatz giftiger Chemikalien während des Vietnamkrieges. Wenige Meter weiter eine Tafel mit dem Hinweis, dass 80 Millionen Liter giftiger Chemikalien, 61 Prozent Agent Orange, zur Entlaubung eingesetzt  wurden. Bis heute sind die Böden verseucht, Kinder werden mit schrecklichsten Missbildungen geboren.

Ob es in Kiew einmal ein Museum über hunderttausende Opfer und Trump-Zitate geben wird?

Ja, die Brutalität, das Grauen dieser längsten militärischen Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts kennen wir aus Filmen, Geschichtsbüchern. Vor diesen Fotos stehend, in die Gesichter getöteter Soldaten und bis heute grausam missgebildeter Kinder blickend, wissen Besucher eines: von der wirklichen Monstrosität eines Krieges absolut nichts zu wissen. Vor dem Ausgang eine Tafel mit der späten Einsicht des damaligen US-Verteidigungsministers McNamara, der Jahre nach Kriegsende und Millionen von Toten bekannte: „Yet, we were wrong, terribly wrong. (Wir haben uns schrecklich geirrt)“

Ob es in Kiew einmal ein Museum über den Ukraine-Krieg mit Fotos gefallener Männer, den Diktator-Aussagen von Trump über Selenskyj oder eine Tafel mit der Erkenntnis „We were wrong“ geben wird? Nach der derzeitigen US-Devise „Make Russia great again“ könnte nur die bittere Erkenntnis von Mahatma Gandhi drohen. Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt. 

Carina Kerschbaumer lebt als freie Journalistin in Graz.