Tina Frimmel-Hesse: „In Kärnten gibt es jede Art von Verbrechen“
Tina Frimmel-Hesse (50) stieg zur Leiterin der Staatsanwaltschaft Klagenfurt auf. Sie ist die erste Frau in dieser Spitzenposition und Chefin von 48 Beschäftigten.
Als Tina Frimmel-Hesse im Alter von 29 Jahren zur Staatsanwaltschaft Klagenfurt kam, hätte sie sich nie gedacht, dass sie diese Behörde einmal leiten wird. „Mein Interesse dafür wurde erst später geweckt.“ Zuerst war sie Gruppenleiterin, dann Erste Staatsanwältin und stellvertretende Behördenleiterin. Seit 1. November ist die 50-Jährige nun Chefin der Staatsanwaltschaft Klagenfurt. Sie ist die erste Frau in dieser Position. „Als ich vor 21 Jahren hier begonnen habe, war das noch eine Männerdomäne. Es gab nur zwei Staatsanwältinnen“, erinnert sie sich. Frimmel-Hesse kam als dritte Frau dazu. „Ich war die erste, die in Elternteilzeit gegangen ist. Die Behörde wusste erst gar nicht, was sie mit meinem Antrag auf Elternteilzeit machen soll“, schmunzelt sie.
Ich war die erste Staatsanwältin, die in Elternteilzeit gegangen ist. Die Behörde wusste erst gar nicht, was sie mit meinem Antrag auf Elternteilzeit machen soll.
— Tina Frimmel-Hesse, Leiterin der Staatsanwaltschaft Klagenfurt
Diese Zeiten haben sich geändert – und wie: Heute gibt es mehr Frauen als Männer bei der Anklagebehörde. Auch Frimmel-Hesses Stellvertreterin ist eine Frau: Staatsanwältin Sandra Agnoli ist zur Vize-Chefin aufgestiegen. Insgesamt arbeiten bei der Behörde 48 Personen – vom Lehrling bis zum Juristen.
Die neue Chefin gilt als Teamplayerin. „Es war fast schon überwältigend, wie sehr mich alle Kollegen – auch von Gericht und Polizei – unterstützt haben, als ich mich beworben habe.“ Das Hearing dauerte viel länger als geplant. Bis zuletzt war nicht klar, ob Frimmel-Hesse oder ein Mitbewerber der Korruptionsstaatsanwaltschaft das Rennen um den Chefposten gewinnen wird. Sie hat's gemacht. „Darauf bin ich stolz“, gesteht die Anklägerin, während sie die Türe zum Schwurgerichtssaal aufsperrt. Wie so oft trägt sie in einer Hand ein dickes Gesetzbuch und in der anderen ihren Talar. So sieht man sie fast täglich durch die Gänge des Gerichtes und der Staatsanwaltschaft gehen. „Gratuliere Frau Frimmel-Hesse. Ich freue mich“, wird ihr im Vorbeigehen zugerufen. Sie strahlt.
Der Zeitpunkt für den Karrieresprung scheint perfekt zu sein. Sie hat 21 Jahre Berufserfahrung, wurde vor Kurzem 50, „was ich groß gefeiert habe“ und die Kinder sind – wie es so schön heißt – außer Haus. Mit ihrem Ehemann, Anwalt Egbert Frimmel, hat die Chefanklägerin einen Sohn und eine Tochter. Winston ist 20 und Eishockey-Profi in Schweden, Tochter Vivian ist 18 und macht eine Tanzausbildung in New York.
Unsere Arbeit ist wichtig, weil wir dafür sorgen, dass Menschen, die sich strafbar machen, für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden.
— Tina Frimmel-Hesse, Chefanklägerin
Privat hat die Anklägerin also nichts zu klagen: „Ich habe eine tolle Familie, die hinter mir steht.“ Beruflich war für sie immer schon klar, was sie werden will: Juristin. „Wie mein Vater, der auch Jurist war und die Rechtsabteilung der Sparkasse geleitet hat.“ Sie faszinierte aber die härtere Seite der Gesetze – das Strafrecht. Hier geht es um Mord, Vergewaltigung, Betrug. „Das Strafrecht ist aus dem Leben gegriffen, das interessiert mich. Unsere Arbeit ist wichtig, weil wir dafür sorgen, dass Menschen, die sich strafbar machen, für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden.“
Besonders als meine Kinder noch klein waren, sind mir Kindermissbrauchsfälle nahe gegangen.
— Tina Frimmel-Hesse, Staatsanwältin
Sie habe im Zuge ihrer Ausbildung auch bei Notaren und Anwälten und am Handelsgericht gearbeitet. Aber am interessantesten fand sie das Straflandesgericht Wien und die Justizanstalt Stein. Somit war ihr Weg vorgezeichnet: Als Anklägerin sei ihr nichts Menschliches mehr fremd, sagt sie. „Es gibt nichts, was es nicht gibt. Auch in Kärnten, gibt es jegliche Art von Verbrechen.“ Das lasse sie nicht kalt. „Besonders als meine Kinder noch klein waren, sind mir Kindermissbrauchsfälle nahe gegangen. Als sie Jugendliche waren, haben mich die Drogentoten sehr beschäftigt. Ich habe meinen Kindern oft gesagt, wo sie aufpassen müssen. Aber man darf das nicht zu nahe an sich heranlassen.“
Sie bekommt ihren Kopf frei, indem sie im Fitnesscenter trainiert, das ihrem Mann gehört, und indem sie mit ihrem Labrador spazieren geht. Trotz all dem Elend, das sie als Anklägerin erlebt, lacht sie gerne und wirkt positiv. „Man muss lernen, von brutalen Fällen abzuschalten. Das ist wie eine Prüfung, die zeigt, ob man für den Job geeignet ist oder nicht.“
Werdegang
Tina Frimmel-Hesse ist in Klagenfurt aufgewachsen. Nach ihrem Studium in Wien, kehrte sie nach Kärnten zurück und wurde im Alter von 29 Jahren Staatsanwältin in Klagenfurt. Jetzt ist sie Chefin von 22 Staatsanwälten und Staatsanwältinnen und 26 weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.