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Die Vernebelungskünste des Zensors

Michael Jungwirth
 Trotz mehrfacher Besuche im UN-Hauptquartier in Naqoura habe ich nie verstanden, welchen Zweck die Truppe wirklich erfüllt
© APA/AFP
 Trotz mehrfacher Besuche im UN-Hauptquartier in Naqoura habe ich nie verstanden, welchen Zweck die Truppe wirklich erfüllt

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

Bin gerade zu Besuch in Gaziantep, einer höchst modernen Stadt in der Südtürkei unweit der Grenze zu Syrien, die mehr Einwohner als Wien besitzt, im Fußball allerdings genauso mittelprächtig agiert wie Rapid und Austria, und deren Sehenswürdigkeiten in der Altstadt immer noch vom verheerenden Erdbeben vor eineinhalb Jahren schwer gezeichnet sind. Die Millionenstadt liegt unweit vom alten Antiochia, wo die allererste Christengemeinde entstanden ist, die frühere Seidenstraße begonnen hat, Marco Polo nach China aufgebrochen ist, Alexander der Große 333 vor Christus (Schulbuchwissen) bei Issos die Perser geschlagen hat. Mehr Abendland geht fast nicht. 

Und während der Wiener, Grazer, oder Klagenfurter wieder am Dienstplan feilt, um sich ein weiteres verlängertes Wochenende in Triest, Friaul oder Venedig zu gönnen, bleibt in der Levante eine Fahrt in den Süden eine Utopie. Wer im östlichen Mittelmeer unbedarft der Küstenstraße entlangfahren will, riskiert den Tod.  Aleppo liegt im Landesinneren etwas mehr als hundert Kilometer von Gaziantep entfernt, ist aber nahezu unerreichbar, weil man zuvor durch den türkisch besetzten Teil Syriens muss, allenfalls auch durch eine von Dschihadisten besetzte Region. Beirut, auch Haifa oder Tel Aviv wären von der Südtürkei entfernungsmäßig schneller zu erreichen als Lignano, Caorle oder Bibione von Wien aus - der Traum vom grenzenlosen Reisen und vom schnellen Wochenendtrip bleibt ein Privileg der Europäer. Oder ist ein Kind der Vergangenheit.

Denn während sich einige europäische Zeitungen rechtzeitig zum Herbst wieder dem geänderten Flugverhalten der Zugvögel widmen, die auf dem Weg in den Süden zunächst den Balkan und die Türkei queren und dann entlang des Mittelmeers ausgerechnet Syrien, Libanon und Israel völlig ungehindert passieren, erinnere ich mich an eine aufregende Serie der Kleinen Zeitung in meiner Jugend über einen abenteuerlustigen Steirer, der mit dem Kleinmotorrad den afrikanischen Kontinent von Nord nach Süd durchquert hat, ohne von Rebellen entführt, von Soldaten an der Grenze zurückgewiesen, von Polizisten eingekerkert worden zu sein. Heute wäre eine Afrika-Durchquerung nicht mehr möglich.  Grenzen gab es immer schon, nur waren sie passierbar. So viel zur neuen Unübersichtlichkeit.

Und während ich in Gaziantep die ersten Hochrechnungen aus Vorarlberg verfolge, die mit Ausnahme der FPÖ allen Parteien suboptimale Ergebnisse prophezeien, allen voran den Grünen, auch SPÖ und Neos (die ÖVP kommt mit einem blauen Auge davon), trudeln auf X erste Meldungen über einen Drohnenangriff der Hisbollah auf eine Kaserne in Binyamina auf halber Strecke zwischen Haifa und Tel Aviv ein. Ich kontaktiere meinen Sohn, der vor eineinhalb Jahren seinen Zivildienst in einem Kibbuz unweit von Binyamina, der unmittelbar an eine Kaserne grenzt, absolviert hat. Der Versuch, den Ort des Anschlags herauszufinden, scheitert auf konventionellem Weg, und da fallen mir Berichte über die israelische Militärzensur ein, die es Medien strengstens untersagt, genau zu benennen, wo Raketen der Hamas, der Hisbollah oder des Iran einschlagen - aus gutem Grund: Man würde dem Feind Hinweise über Erfolg und Misserfolg seines Raketeneinsatzes liefern. Anhand einiger verschwommener Fotos auf X findet mein Sohn heraus, dass es sich um die Kaserne neben seinem ehemaligen Kibbuz handelt. In keiner israelischen Zeitung, auch nicht auf X findet sich die genaue Ortsbezeichnung. 

Sorgen würde ich mich auch um die österreichischen UN-Soldaten machen, die entlang der israelisch-libanesischen Grenze stationiert sind. Trotz mehrfacher Besuche im UN-Hauptquartier in Naqoura habe ich nie verstanden, welchen Zweck die Truppe wirklich erfüllt - im Unterschied zu Einsätzen im Kosovo oder in Bosnien. Dass nun Videos publik geworden sind, die den Eingang zu unterirdischen Hisbollah-Tunnels in unmittelbarer Nähe von UN-Wachtürmen zeigen, passt genau ins Bild. Der 7. Oktober 2023 hat den Beweis geliefert, dass nicht die UN-Truppe, sondern die Hisbollah und die Israelis über Krieg und Frieden entlang der Grenze entscheiden.

Einen hoffentlich friedlichen Dienstag in unfriedlichen Zeiten wünscht

Michael Jungwirth