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Was ist ein hundertjährliches Hochwasser?

Wegen starker Niederschläge ist Sonntagfrüh ganz Niederösterreich zum Katastrophengebiet erklärt worden. Die Feuerwehren stehen im Dauereinsatz, unter den Einsatzkräften ist ein Todesopfer zu beklagen. Was genau bedeutet der Begriff „hundertjährliches Hochwasser“?

Das Hochwasser an der Perschling in Böheimkirchen
© IMAGO / Bernd März
Das Hochwasser an der Perschling in Böheimkirchen

Die Klassifizierung der Hochwasserereignisse erfolgt aufgrund der sogenannten „Jährlichkeit“. Der Begriff „Jährlichkeit“ beschreibt die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Hochwasserereignisses mit der dazugehörigen Abflussmenge. 

Ein hundertjährliches Hochwasser (HQ100) beschreibt ein Hochwasserereignis, das statistisch gesehen im Durchschnitt einmal in 100 Jahren auftritt. Es handelt sich dabei nicht um ein Ereignis, das genau alle 100 Jahre passiert, sondern innerhalb von 100 Jahren statistisch gesehen einmal vorkommt. Solche Ereignisse werden anhand der Wassermenge (Abfluss) und der Flusspegelhöhe charakterisiert und basieren auf langjährigen hydrologischen Daten. Es ist davon auszugehen, dass sich aufgrund des Klimawandels diese Wahrscheinlichkeiten ändern und es zu häufigeren Hochwasserereignissen kommt.

Die Wahrscheinlichkeit, ein hundertjährliches Hochwasser selbst zu erleben (bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren), liegt laut Experten bei etwa 55 % und ist damit relativ hoch. Wer in einem Gebiet lebt, das für Hochwässer bis zu dieser Jährlichkeit geschützt ist, sieht auch, dass die Wahrscheinlichkeit, ein größeres Hochwasser zu erleben, für das die Schutzwirkung nicht mehr gegeben ist, ebenfalls nicht klein ist. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich des Risikos bewusst zu sein und auf den möglichen Ernstfall vorbereitet zu sein.

Quelle: ChatGPT/Bundesamt für Wasserwirtschaft/Umweltministerium

Kommentar von Günter Pilch

Große Überschwemmungen in Österreich seit 1990

Österreich wurde immer wieder von enormen Wassermassen heimgesucht. Vor allem im Juli 1954, im August 2002 und im Juni 2013 gab es „Jahrhunderthochwasser“ im Einzugsbereich der Donau. Eine Chronologie der vergangenen drei Jahrzehnte:


1991 - Die schwerste Hochwasserlage seit den 1950er-Jahren: Die Zubringer von Salzach, Inn und Enns zum Donauraum treten über die Ufer. Teile Niederösterreichs werden völlig überschwemmt, im Raum Neunkirchen und Wiener Neustadt zahlreiche Keller und Straßen überflutet. In Wien wird erstmals wieder die Hochwassermarke erreicht. In den betroffenen Gebieten werden zwischen 31. Juli und 5. August sechs Menschen getötet, auf rund 6.000 Hektar Ackerland die Ernte vernichtet; rund 80 Prozent des bestehenden Niederwildes und 50 Prozent des Rotwildes getötet. Der Wert der Ernteausfälle bei Getreide, Gemüse und Obst beläuft sich auf rund 21,8 Millionen Euro, der Gesamtschaden (auch an Gebäuden, Uferverbauungen und Gütern) beträgt etwa 72,7 Millionen Euro.

1994 - Im Juli gehen über dem Osten Österreichs Gewitter nieder, die Schäden in Millionenhöhe verursachen. Auf der Wiener Hohen Warte wird innerhalb von drei Stunden mit 45 Litern/Quadratmeter mehr als die Hälfte des durchschnittlichen Monatsniederschlags registriert. Besonders schlimme Auswirkungen haben die Niederschläge am Bisamberg: Mit dem Regen mitgeschwemmte Erdmassen beschädigen Weinkeller, ganze Straßenzüge und dort geparkte Pkw. Ein Mann wird von den Wassermassen erfasst und getötet. Zu Überflutungen kommt es auch in nahegelegenen Gemeinden in Niederösterreich: In Wolkersdorf gleicht das Ortszentrum einem großen Schlammsee; bei Fischamend wird die B9 überflutet.

1997 - Von 4. bis 8. Juli wird Österreich vom „großen Regen“ heimgesucht. In Wien stehen zahlreiche Keller unter Wasser. In Oberösterreich sind die Bezirke Steyr, Schärding, Grieskirchen, Ried im Innkreis und Gmunden am stärksten betroffen. Mit den anhaltenden Regenfällen lösen sich zahlreiche Muren. In Niederösterreich ist die B3 zwischen Stockerau und Tulln auf rund einem Kilometer bis zu 15 Zentimeter hoch überschwemmt. Im Ortszentrum von Purkersdorf reißen die Fluten eine Brücke weg. Eine Pensionistin ertrinkt im Gablitzbach. Weite Teile der Stadt Baden werden ebenso überflutet wie das Regierungsviertel in Sankt Pölten. Der gesamte Bezirk Lilienfeld ist von der Umwelt abgeschnitten.

2002 - Im August werden durch das Jahrhundert-Hochwasser in Österreich Schäden in einer Größenordnung von mehreren Milliarden Euro angerichtet. Neun Menschen verlieren ihr Leben. In Niederösterreich sind hauptsächlich das Waldviertel und die Regionen entlang der Donau betroffen, wobei das absolute Schadenszentrum der Unterlauf und der Mündungsbereich des Kamps sind. In Oberösterreich trifft es das Machland und das Eferdinger Becken, viele weitere Schadenszentren sind über das Bundesland verteilt. In der Steiermark gibt es ein lokales Hochwasserereignis mit Schwerpunkt im Bezirk Liezen, in Tirol ein kleinräumiges Ereignis mit Zentrum in St. Johann. Salzburg ist ebenfalls betroffen.

Ein kleines Mädchen wird am 08. August 2002 während des Hochwassers in Schwertberg (OÖ) in Sicherheit gebracht. APA-FOTO: RUBRA
© APA / Rubra
Ein kleines Mädchen wird am 08. August 2002 während des Hochwassers in Schwertberg (OÖ) in Sicherheit gebracht. APA-FOTO: RUBRA

2005 - Am 11. Juli verursacht Dauerregen vor allem in Salzburg große Schäden: Am stärksten betroffen ist Mittersill im Pinzgau. Der ganze Ort wird überflutet, sogar das Krankenhaus muss geräumt werden.

2005 - Schwere Unwetter suchten Österreich am 22. August heim: In der Steiermark stirbt in der Gemeinde Gasen eine 50-Jährige durch eine Mure. Einen Tag später steigen die Pegel in Westösterreich dramatisch an. Der Bahnverkehr in Vorarlberg kommt komplett zum Erliegen, die Verkehrsverbindungen zwischen Tirol und Vorarlberg müssen gesperrt werden. Im Tiroler Ötztal kommt ein Arbeiter unter einer Steinlawine ums Leben, in Vorarlberg werden zwei Menschen vermisst.

Die Unwetter in Gasen
© Gemeinde Gasen
Die Unwetter in Gasen

2006 - Dramatische Szenen spielen sich im Frühjahr in Niederösterreich ab. Am 3. April bricht bei Jedenspeigen (Bezirk Gänserndorf) der Damm der March. Die Wassermassen führen in Dürnkrut zu Überflutungen, die halbe Gemeinde muss evakuiert werden. Die Lage spitzt sich über Tage zu. Regenfälle und Schneeschmelze hatten zuvor den Wasserstand der Donau und der meisten Nebengewässer im Wein- und Waldviertel ansteigen lassen. Die Thaya tritt in den Bezirken Waidhofen a.d. Thaya und Horn an vielen Stellen über die Ufer. Auch der Pegel des Kamp steigt.

2006 - Extreme Regenfälle führen Ende Juni erneut zu einer extremen Hochwassersituation im nördlichen Waldviertel. Der Pegel der Thaya steigt in ungeahnter Form an. Besonders betroffen sind Raabs a.d. Thaya, wo der Hauptplatz unter Wasser steht und große Zerstörungen an Häusern angerichtet werden.

2007 - So viel Regen innerhalb kurzer Zeit wie sonst im ganzen Monat sorgen im September für massive Probleme. In Steyr tritt die Enns, in Klosterneuburg die Donau über die Ufer. Lilienfeld wird zum Katastrophengebiet erklärt.

2009 - Ende Juni und Anfang Juli führen immer wieder Niederschläge für Überschwemmungen und prekäre Situationen im Osten und Südosten. Niederösterreich, die Steiermark und das Burgenland heim. Teilweise erreichen die Regenmengen neue Rekorde.

2012 - Heftige Regenfälle, Hagel und Sturm führen im Juli vor allem in der Obersteiermark für schwere Verwüstungen durch Muren und Hochwasser. Der Ortskern von St. Lorenzen im Paltental im Bezirk Liezen wird von einer meterhohen Schlammlawine erfasst, Dutzende Menschen müssen ihre Häuser teilweise per Luftbrücke verlassen. In Thörl (Bezirk Bruck/Mur) stirbt ein 47-jähriger Fußgänger unter einer Mure.

2013 - Nach anhaltenden Regenfällen wird die Alpennordseite Anfang Juni von einer Hochwasserwelle heimgesucht. Während es zunächst Vorarlberg, das Tiroler Unterland und Salzburg trifft, bewegen sich die Fluten danach in Richtung Osten. Donau und Enns treten in Oberösterreich über die Ufer, während die Schutzwände in Niederösterreich, wo vorhanden, den Anforderungen gewachsen sind. Erst nach Tagen zeichnet sich erste Entspannung ab. Der Schaden bleibt zwar weit unter jenem des Jahres 2002, beträgt aber dennoch Hunderte Millionen Euro.

2018 - Der Bezirk Lienz ist Ende Oktober nach Sturm und Starkregen vorübergehend am Straßenweg nicht erreichbar. Auch in zahlreichen kleineren Orten stellte sich die Situation ähnlich dar. In Arnbach im Gemeindegebiet von Sillian überschreitet der Pegel der Drau die hundertjährliche Hochwassermarke. Die Drau tritt aber nicht über die Ufer. Auch in Kärnten werden mehrere Ortschaften nach Unwetter- und Hochwasserschäden von der Umwelt abgeschnitten.