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Der Opernball und seine endlose Epoche

Ute Baumhackl
Opernball-Generalprobe in Wien: Glanz und Glorie, große Roben und Slimfit-Fracks  aber auch Künstler wie Bertrand de Billy, Elina Garanca, Piotr Beczala
© APA / Roland Schlager
Opernball-Generalprobe in Wien: Glanz und Glorie, große Roben und Slimfit-Fracks aber auch Künstler wie Bertrand de Billy, Elina Garanca, Piotr Beczala

Der Opernball ist in der Stadt. Der ganze Zirkus war schon deutlich unterhaltsamer – wird aber in Österreich aus gutem Grund wohl noch länger unverzichtbar bleiben.

Nachher wird es wieder fad gewesen sein. Dass im Quoten-Live-Duell mit dem ORF neuerdings Puls 4 als auf Effekt getrimmter Ereignisdolmetsch für das jüngere Fernsehpublikum antritt, wird daran kaum etwas ändern. An den Live-Übertragungsbemühungen der Sender liegt es aber nicht, wenn es vor dem Fernseher langweilig wird (auch wenn vor allem der ORF selten so sehr Staatsfunk ist wie an diesem Abend, gerade der heilige Etrnst, mit dem da schwungvolle Unterhaltung simuliert wird, ist ein untrügliches Zeichen dafür) - der Opernball ist halt längst zum Hochamt der Mittelmäßigkeit geschrumpft, da können die Debütantinnen und Debütanten noch so reizend sein, die Politiker noch so aufgedreht, die Moderatoren noch so viele vorbereitete Bonmots versemmeln.

Video: Die Party vor dem Ball

Und zugleich ist der Opernball nach wie vor ein Zirkus sondergleichen. Große Roben und Slimfit-Fracks, alte Eleganz und neureicher Pomp. Aufgekratzte Gäste, ein Staatsoperndirektor und ein Bundespräsident, die nicht ganz unangestrengt Contenance bewahren. Angeblich handelt es noch immer ein Staatsereignis, aber spätestens seit Richard Lugner ist der Opernball natürlich ein Operettenball, eine Travestie, bei der mithilfe eingekaufter Stargäste Größe und Internationalität nachgeahmt werden.

Deals im Glanz der Gesellschaft

Na und? Solange es halbwegs amüsiert, wird das so weitergehen, auch wenn mancher die Nase rümpft: Darf man derart feiern, angesichts der Weltlage? Den Veranstaltern des Blumenballs in St. Kikeriki wirft man derlei Moralversagen ja eher nicht vor, vermutlich liegt es das daran, dass dort eine Loge für acht nicht fast 25.000 Euro kostet. Oder daran, dass der Opernball noch immer unter dem Verdacht steht, es würden dort im Glanz der guten Gesellschaft und vor den Augen der Öffentlichkeit (aber diskret) fragwürdige Polit- und Industriedeals ausbaldowert – ein Image, mit dem der Opernball lange gut gefahren ist, zumindest damals, in der Nachkriegszeit, als der „Staatsball“ noch offiziell und Österreichs weltpolitische Bedeutung daran festzumachen war, dass Franz Joseph Strauß aus seiner Loge winkte.

Gedealt wird längst anderswo, und überhaupt verstärkte sich zuletzt der Eindruck, das Schönste am Opernball seien eigentlich die TV-Rückblicke, die er jedes Jahr verlässlich generiert: auf eine unbelastetere Ära, auf Wiederaufstiegszeit und Hochkonjunktur, auf Glanz und Glorie, die nicht von Protesten und Krisen überschattet waren, auf Zeiten, in denen sich vor dem Fernseher sacht zu fadisieren unter gepflegte Unterhaltung fiel. Vielleicht funktioniert das Nachkriegsereignis Opernball, das dank TV zum Faschingsbegleiter von Generationen wurde, deswegen noch immer als Quotenbringer und Zeitenwandler. Bekanntlich prägte der Historiker Iván T. Berend den Begriff des „kurzen 20. Jahrhunderts“, das – als eigenständige Epoche betrachtet – erst in den Jahren des Ersten Weltkriegs begann und mit der Öffnung des Ostblocks 1989 schon wieder beendet war. In Österreich aber dauert es an, der Opernball ist einen Abend pro Jahr das schillerndste Indiz dafür.