Die Gründe für die teuren Lebensmittel
Die Untersuchung der Wettbewerbsbehörde im Lebensmittelhandel fand hohe Kosten im System, unlautere Praktiken und einen Österreich-Aufschlag, aber keine „Gierflation“.

Dass der Lebensmittelhandel in Österreich eine sehr spezielle Branche ist, lässt sich zum Beispiel im niederösterreichischen Purgstall an der Erlauf ermessen. Für rund 5.000 Einwohner stehen ein riesiger Eurospar, ein Penny, ein Billa und ein Hofer zur Verfügung. Wem das Angebot nicht reicht, kann ein paar Kilometer südlich nach Scheibbs fahren, mit ebenfalls vier großen Supermärkten, oder gen Norden aufbrechen, wo in Wieselburg sechs große Filialen stehen.
Nirgendwo in Europa ist die Dichte an Supermärkten, aber auch die Konzentration im Lebensmittelhandel so hoch wie in Österreich. Die großen Vier – Spar, Rewe, Hofer, Lidl – teilen sich mehr als 90 Prozent des Marktes. „Tendenz steigend“, sagt Natalie Harsdorf-Borsch, die Leiterin der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB). Seit 2019 schlossen mehr als 200 Nahversorger (vor allem Nah&Frisch), die großen Betriebe bauten aus.
Kommentar

Ein Jahr lang hat die BWB diese sehr spezielle Branche genau untersucht, Interviews mit dem Handel, mit Konsumenten und Erzeugern geführt und viele Daten ausgewertet. Da die Preise der Grundnahrungsmittel stärker stiegen als der Verbraucherpreisindex, „stellte sich die Frage, ob der Wettbewerb verfälscht ist“, so Harsdorf-Borsch.
Die Untersuchung förderte zutage, dass die Renditen und Handelsspannen für die Händler nicht gestiegen sind, also nicht „Gierflation“ die Preise hat steigen lassen. Im Gegenteil. Mit nur ein Prozent vom Umsatz war die Gewinnmarge im Vorjahr sehr niedrig. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass es unter dem Deckmantel der hohen Inflation zu höheren Margen gekommen ist“, sagt die Leiterin der Wettbewerbsbehörde.
Viel Wettbewerb, kaum Verschiebungen
Was diese allerdings fand: eine „versteinerte Struktur“. Die Marktanteile ändern sich kaum, die Hürden für neue Markteintritte sind hoch und werden höher. Dabei sei der Wettbewerb unter den großen Vier intensiv: „Es werden keine Kosten gescheut, um die Mitbewerber zu beobachten“, sagt Harsdorf-Borsch. Auf Preissenkungen des Konkurrenten werde sofort reagiert.
Dieser Preisdruck wird auch an die Erzeuger weitergegeben. „Das Bild ist beunruhigend“, sagt die BWB-Chefin. Vier von zehn Lieferanten gaben an, mit unlauteren Praktiken konfrontiert gewesen zu sein, etwa Drohungen von Auslistungen. Die Behörde hat deshalb auch Ermittlungen gegen Handelsketten wegen Verstößen gegen das Faire-Wettbewerbsbedingungen-Gesetz aufgenommen.
Die BWB fand auch einen überdurchschnittlichen Preisanstieg bei Eigenmarken und daher eine besondere Betroffenheit für Geringverdiener, die eher zu diesen Waren greifen. Internationale Lebensmittelkonzerne verkaufen zudem ihre Markenprodukte zu höheren Preisen als in Deutschland – eine Art Österreich-Aufschlag. „Wettbewerbsrechtlich ist das kein Problem, aber aus Sicht des EU-Binnenmarktes“, sagt Wifo-Experte Michael Böheim. Die BWB wird ihre Analyse auch der EU-Kommission senden.


