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Marokko ist der Überraschungsgast – aber wer ist jetzt der Favorit?

Im Viertelfinale der WM steht das Who’s Who der Fußballwelt mit einer Ausnahme. Brasilien hat sich als Top-Titelanwärter vorgestellt. Doch die Europäer geben sich nicht geschlagen.

Marokko-Trainer Walid Regragui wird gefeiert
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Marokko-Trainer Walid Regragui wird gefeiert
Hubert Gigler

Die Spötter dürften jetzt Hochsaison haben, zumal die Spanier an ihrem Wunschgegner hängen geblieben sind. Zumindest war den Iberern unterstellt worden, sie hätten sich Platz zwei und damit Marokko ausgesucht. Ihre Spielweise ist nur noch ein müder Abklatsch der großen Ära zwischen 2008 und 2012. In ihrem einst so perfekt gefüllten Spielraum machte der Einfallsreichtum einer mit Fadesse gepaarten Ideenarmut Platz. Die Marokkaner haben das so sehr ausgereizt, dass den Spaniern die Lust am Elferschießen bis zum Eintreffen desselben längst vergangen war.

Der siebente Viertelfinalist beschert nicht nur Afrika und dem arabischen Raum einen Lichtblick, sondern fällt auch aus der vom Weltfußballsystem vorgegebenen Grundordnung. Das unerwartete Eindringen in den Favoritenkreis bringt Abwechslung in die zuvor dem Erwartbaren gefolgte Monotonie der K.-o.-Phase. Und außerdem: Wer übt sich sonst derart grandios in der Kunst des Verteidigens? Und sie können auch nach vorne spielen, wie sie es gegen die vor dem Turnier hochgepriesenen Belgier vorführten. Gegen die weitaus variantenreicheren Portugiesen, die sich im letzten Achtelfinalmatch in hervorragender Spiellaune präsentierten, wird für die Chance auf eine weitere Sensation jedoch eine signifikante Steigerung nötig sein.

Individualisten und Teamplayer

Marokko gehört, und auch das ist besonders hervorzuheben, zu den wenigen unbesiegt gebliebenen Teams. Die Niederlande, England und auch die Kroaten haben Niederlagen vermieden, das macht diese Mannschaften zwar nicht zwangsläufig zu den Topanwärtern auf den WM-Titel, die Auftritte der Elftal und der "Three Lions" waren jedoch bisher von beeindruckender Souveränität gekennzeichnet. Sie definieren sich in erster Linie über das Teamwork, der Star ist das auf höchstem Niveau kooperierende Kollektiv. Frankreich glänzt durch enorme individuelle Klasse eines Kylian Mbappe, eines Antoine Griezmann oder – in seiner Spezialdisziplin, dem Toreschießen – Olivier Giroud. Das gilt auch für Argentinien, wo das Volk die Hoffnung auf den großen nationalen Moment des Lionel Messi endlich erfüllt sehen will.

So gesehen, und auf Basis der im Achtelfinale gezeigten Leistungen, hat sich aber vor allem ein Bewerber als großer Titelaspirant präsentiert, und der heißt Brasilien. Sie lassen die Genialität des großen Könners mit dem Teamgeist verschmelzen, und Tite ist es auch gelungen, die völlig unterschiedlichen Typen auf das große Ganze so einzuschwören, dass sie ihre Einzelinteressen der Mannschaft unterordnen. So einfach wie gegen Südkorea wird es der "Seleção" natürlich im weiteren Verlauf des Turniers nicht gemacht werden, doch die Partie hat ihnen selbst und der Welt gezeigt, wozu Brasilien imstande sein kann.

Duelle der Giganten

Im Viertelfinale kommt es mit England gegen Frankreich und Niederlande gegen Argentinien zu den ersten Gigantenduellen, die einerseits taktisch Höchstwertiges vermuten lassen, andererseits aber auch hochgradigen spielerischen Glanz versprechen. Die Vormachtstellung Europas ist noch nicht ins Wanken geraten, Brasilien und Argentinien sind die logischsten Konkurrenten, Marokko bringt zusätzliche Würze. Portugal aber hat, wen man so will, mit dem Triumph und dem Torreigen über die Schweiz, sogar den Brasilianern ein klein wenig die Show gestohlen.

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