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Marie-Luise Stockinger: "Man muss nicht immer funktionieren"

Marie-Luise Stockinger hatte in "Ingolstadt" einen starken Auftritt bei den Salzburger Festspielen. Ab Sonntag ist sie im verzahnten Doppel-Drama von Marieluise Fleißer an "ihrem" Burgtheater zu sehen.

Marie-Luise Stockinger ist ab Sonntag
© BURGTHEATER/GAVRICH
Marie-Luise Stockinger ist ab Sonntag
Ute Baumhackl

Sie haben mit 22 erstmals am Burgtheater gespielt, seit 2015 sind Sie fix im Ensemble, und jetzt, mit 29, gehen Sie in Ihre achte Saison und sind quasi schon ein "Urgestein". Erstaunlich.

Marie-Luise Stockinger: Klingt kokett, aber das Burgtheater stand damals nicht auf meiner Wunschliste. Ich dachte anfangs, als Österreicherin muss ich jetzt einmal über die deutsche Grenze. Nach meinem Vorsprechen habe ich eine Zusage von Karin Bergmann bekommen, und dann dachte ich: Wenn jemand so laut 'Ja' zu mir sagt, dann ist das erst einmal der richtige Ort für mich. Und auch klar: Das Burgtheater ist ein nährreicher Boden zum Lernen und Wachsen. Es gibt kein vergleichbares Ensemble im deutschsprachigen Raum, die jüngsten sind 20, die ältesten 90.

Kriegt man Raum als Junge?
Im Idealfall: ja. Man will ja gefördert und gefordert werden.

Wie ist es, wenn man merkt, man kann einen Abend tragen?
Man trägt ihn nicht alleine, sondern ja trotzdem miteinander, im Sinn: Den König spielen die anderen. Es gehört viel Vertrauen ins Ensemble dazu, das einem Rückendeckung gibt. Dann kann man sich ausbreiten, das ist das größte Geschenk.

Zur Person

Marie-Luise Stockinger,
geboren am 27. September 1992 in Oberösterreich
Schauspielausbildung am Max Reinhardt Seminar, seit 2015 am Wiener Burgtheater engagiert. Zudem in Fernsehfilmen und Serien zu sehen.

Wie hat sich denn Ihre Sicht auf den Beruf verändert in diesen sieben Jahren?
Das Wichtigste für mich: "Nein" ist kein schlechtes Wort. Man darf sich Zeit nehmen. Immer sofort Lösungen anzubieten, immer unter Leistungsdruck zu funktionieren macht den Beruf irgendwann uninteressant.

Gab es da einen Knackpunkt?
Eher immer wieder Momente des Innehaltens, in denen ich gemerkt habe, so geht es mir nicht gut und so will ich nicht weiter tun. Wenn man gewohnt ist, immer alles zu geben und das immer noch nicht als ausreichend empfindet, dann liegt ja schon einmal etwas grundsätzlich im Argen. Stehen bleiben und schauen: Warum ist das so und wie verhält es sich eigentlich mit der anderen Seite? Was brauche ich und was wird mir eventuell verwehrt? Ängste und Blockaden mitzuteilen und Angst vorm Scheitern zu verlieren – kurz: fehlbar zu sein –, das musste ich lernen. Lerne ich eigentlich noch immer.

Für Schauspielerinnen und Schauspieler ist es ungewohnt zu sagen: Ich will nicht, kann nicht?
Wir bauen Fantasieräume der Regie nach. Und sind so in einer ausgesetzten Position, weil man seine Arbeit so gut wie möglich machen möchte. Weil ich jung aussehe, passiert mir es mir immer wieder, dass manche denken, ich mache alles mit. Ich bin aber keine Zulieferin. Ich bin aber gerne eine künstlerische Partnerin.

Gibt es eine Produktion in den letzten sieben Saisonen, an die Sie besonders gern zurückdenken?
Ich habe letztes Jahr zwei Produktionen in Folge mit Frank Castorf gemacht – "Zdeněk Adamec" von Peter Handke und "Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!" von Elfriede Jelinek. Das war für mich ein idealer Theater-Moment. Castorf wird nachgesagt, er sei ein Enfant terrible. Aber der weiß genau, dass er seinen Spielerinnen und Spielern vertrauen kann.

Zum Stück

„Ingolstadt“, nach den Stücken „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer (1901–74) in einer Bearbeitung von Koen Tachelet. Koproduktion von Salzburger Festspiele und Burgtheater. Regie: Ivo van Hove, ‘
Bühne: Jan Versweyveld. Mit Marie-Luise Stockinger, Lilith Hässle, Dagna Litzenberger Vinet u. a.
Premiere am Burgtheater: 4. September, 19 Uhr. Karten: Tel. (01) 51 444-4145.
www.burgtheater.at

Und wie war Ihre erste Arbeit mit Ivo van Hove bei "Ingolstadt"?
Wir sind ein junges Ensemble. Unsere Energie und Bereitschaft sowie seine Präzision und Erfahrung, das war – hoffentlich – für beide Seiten erfrischend. Er war irre gut vorbereitet. Im Spiel lässt er ziemlich viel Freiheit. Den Spielrahmen – sprich: Bühne, Musik, Auftritte, Abtritte – legt er aber genau fest.

Kannten Sie die Autorin von "Ingolstadt", Marieluise Fleißer?
Ich kannte "Fegefeuer in Ingolstadt". "Pioniere in Ingolstadt" kannte ich nicht.

Beide Stücke sind ja jetzt zu einem verbunden
Ja, Themen, Sehnsüchte und Ängste spiegeln sich dadurch. Ich mag es, wie Fleißer Partei für den Menschen an sich nimmt. Nicht für ein Geschlecht. Sie interessiert sich für die, die am Wegrand liegen.

Die geschilderten Moral- und Glaubenszwänge bedrücken.
Marieluise Fleißer hat die längste Zeit ihres Lebens in Ingolstadt verbracht und aus den Erfahrungen einer engen, harten, religiösen Welt heraus geschrieben. Sie schildert in Aufzeichnungen, dass religiöse Zwänge sie ihr Leben lang verfolgt haben. Die Figuren in beiden Stücken lechzen nach Freiheit, wissen aber gar nicht, wie diese auszusehen hat. Sie klammern sich aneinander und stoßen sich ab. Die religiösen, militärischen Systeme, die sie unterdrücken, lassen sie nicht "Mensch sein". Sie belauern und beobachten sich und hoffen auf Erlösung. Oder im Fall meiner Figur, der schwangeren Olga, auf Auslöschung. Die will einfach nicht mehr sein. Oder irgendwo anders sein.