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Eine Nachricht, die alles aus den Angeln hob

Der Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

© Kleine Zeitung
Thomas Götz
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Es war - wie so oft abends in der Redaktion - alles fertig, als alles ins Wanken geriet. Der Aufmacher war witzig: „2G+ in Peking“ hatte Günter Sagmeister die beiden Goldmedaillen und ihre Zutaten zu einem Covid-Spruch verdichtet. Dazu hätte man die olympischen Triumphatoren in Siegerpose gesehen. Wir nennen das einen gesetzten Aufmacher, wenn junge Menschen Rekorde brechen.

Dann kam die Nachricht, die alle Vorbereitungen aus den Angeln hob: Gerhard Roth ist tot. Lange hatte der freundliche, hochgewachsene Mann schon mit dem Krebs gerungen, hatte sich aufgelehnt und mit aller Kraft versucht, sein riesiges Werk abzurunden. Der Tod überraschte ihn mitten im Text, der den Abschied schon im Titel trug: „Die Jenseitsreise“. Vor ein paar Tagen noch hat Roth drei Stunden lang mit seinem Lektor bis zur Erschöpfung gerungen, um den Torso der Fertigstellung wenigstens näherzubringen.

Gerhard Roth mochte Menschen. Er hörte ihnen zu, fotografierte sie, notierte, was sie zu sagen hatten. Sie ließen es geschehen, auch wenn sie lange misstrauisch blieben im Südsteirischen, wo sich der Grazer mit seiner Frau Senta angesiedelt hatte, als es dort noch kein Fließwasser und kein Fernsehen gab. Der Strom war gerade erst eingeleitet worden, als Roth seine große Arbeit des Beobachtens und Archivierens begann. Gerne kam er bei Gesprächen über ein neues Werk in seiner wohnlichen Enklave auf diese kargen Anfänge zurück.

Alles schien Roth der Beachtung wert, der Aufbewahrung und Einordnung in ein größeres Ganzes. Die lange Reihe von Romanen, Essays, Erzählungen, von Bildbänden mit fotografischen Annäherungsversuchen an eine ihm fremde Welt, legen Zeugnis ab von Roths intensiver Suche. „Gerhard Roth hob das Dunkle in die lichten Höhen der Literatur“, schreibt Bernd Melichar in seinem berührenden Nachruf über das Lebenswerk dieses Rastlosen: „Leben, um darüber zu schreiben. Das war das Credo von Gerhard Roth, der wahrlich gigantische Prosa-Kathedralen errichtet hat.“

Wir können sie besuchen, durchschreiten, entdecken. Der Mensch aber, der sie in langen Jahren errichtet hat, wird uns fehlen.

Thomas Götz