Was 10 Jahre Kulturfestival KOMM.ST in der Oststeiermark bewirkt haben
Mit Günther Friesinger haben die Brüder Roland und Georg Gratzer aus dem einstigen Angerer Frühling das Kulturfestival KOMM.ST herausentwickelt, das weit über die Grenzen der Oststeiermark hinausschaut und gleichzeitig Schätze in der Region hebt.

Der Regen will herunterschauen hier in Anger vor dem KOMM.ST-LAB, der von hier aus mächtige, weil ganz nahe, Turm der Pfarrkirche tut es und macht alle Viertelstunden auf die Zeit aufmerksam - wie die Zeit vergeht! Und wegen der Zeit sitzen wir auch hier auf einer Holzbank - die Künstlerin Ulrike Königshofer, die ihre Ausstellung hier aufbaut, Georg Gratzer und Günther Friesinger. Zwischen uns am Tisch liegt das Handy, virtuell ist also auch Roland Gratzer bei unserem Interview dabei. Die drei Herren sind die Macher des Kulturfestivals KOMM.ST, das heuer seinen zehnten Geburtstag feiert.
Ursprünglich sollten ja nur die Gratzer-Brüder den Angerer Frühling weiterführen. Wie kamen Sie dazu, Günther Friesinger?
GÜNTHER FRIESINGER: Ich war sogar schon im ersten Jahr dabei mit meinem Hackbus (hacken in diesem Zusammenhang bedeutet, Systeme zu untersuchen, zu reparieren oder neu zu gestalten, Anm.). Mir hat das getaugt, wie wir im Ort aufgenommen worden sind und das Bespielen der alten Orte. Also habe ich Georg gefragt, ob ich mithelfen darf, das Festival weiterzuentwickeln. Ich habe ja auch selbst Verwandte in der Oststeiermark, die nächsten Verwandten leben in Stubenberg.
GEORG GRATZER: Und wir haben natürlich zugesagt, Günther war ja bekannt. Roland und ich haben den Angerer Frühling damals gern übernommen, aber gleich gesagt, dass wir ihn weiterentwickeln wollen. Nach 30 Jahren Angerer Frühling war ja schon viel Vorarbeit geleistet, die Leute waren auch an zeitgenössische Kunst gewöhnt.
Was hat Sie daran gereizt, den Angerer Frühling weiterzuführen?
GEORG GRATZER: Wir alle waren viel international unterwegs, man trifft Künstler aus der Region im Ausland und möchte dann auch einmal daheim was machen. Der Vorteil am Land ist: Man fällt leichter auf und hat viel Handlungsspielraum. Oder, wie unser Bürgermeister (Hubert Höfler, Anm.) immer sagt: "Wer viel fragt, geht lang irr." Ja, wir haben schon extrem viel Spielraum gehabt (lacht).
ROLAND GRATZER: Oft sagt man, DAS müsste man einmal machen oder DAS gehört ausprobiert. Viel schöner aber ist es, wenn man es einfach macht.
Das Festival
KOMM.ST ist ein Kulturfestival, das diverse Sparten der Kunst umfasst: bildende Kunst, Theater, Musik, Performance, Fotografie, Textilkunst, aber auch Kunstpädagogik um nur einige zu nennen.
Kuratoren sind Günther Friesinger als Programmgestalter und die Brüder Georg und Roland Gratzer.
Das Festival wurde von Land Steiermark und der Kleinen Zeitung im Vorjahr mit dem neuen Preis für Kulturinitiativen „Glanzstück“ ausgezeichnet.
www.komm.st
Ihr wolltet von Anfang an alte Orte bespielen - wie ist es damit gelaufen?
GEORG GRATZER: Extrem gut. Zuerst waren wir im alten Gasthaus Feichtinger in Anger stationiert, aber das war dann schon so baufällig, ist uns zu gefährlich geworden.
GÜNTHER FRIESINGER: Aber das war dann irgendwie auch ein Glücksfall, so sind wir zum KOMM.ST-LAB gekommen und so wiederum dazu, dass wir das Festival auf das ganze Jahr ausdehnen können.
ROLAND GRATZER: Und wir haben viele Orte entdeckt: Die Teller-Witzi-Mitzi, das Zetzboch-Stüberl, das Schloss Külml, den Stixpeter. Das hat sich dann so eingespielt, dass zum Beispiel die Leute einmal im Jahr ins Theater gehen und das, weil es beim Stixpeter (ein Gasthaus in Floing, Anm.) ist. Und weil sie nur ein Mal im Jahr gehen, wollen sie auch was G'scheites sehen. Und wenn ihnen das nicht gefällt, dann sagen sie es dir auch.
Wie hat KOMM.ST sich verändert, wie hat sich das Publikum in diesen zehn Jahren verändert?
GEORG GRATZER: Es gibt ja schon Leute, die sind mit KOMM.ST aufgewachsen! Das ist ein neues Publikum, das sind aber auch Leute, die selbst kreativ sind und sehen, dass man da was machen kann. Andererseits hat es auch was mit den Menschen hier gemacht, wenn Künstler von außen kommen und ihnen sagen, wie schön es hier ist. Da wird das Selbstverständnis ein anderes. Und es gibt schon Momente, die man als Erlebnis nie vergisst.
Was zum Beispiel?
GEORG GRATZER: Wie zum Beispiel die Teller Witzi Mitzi bei einer Veranstaltung eine Stunde lang getanzt hat mit ihren 71 Jahren. Oder die Julischka Stengerle, deren Rundgang durch Anger war unvergesslich, davon reden die Leute heute noch, obwohl nur 10 bis 15 Leute dabei waren.
Warum?
GEORG GRATZER: Wahrscheinlich auch, weil sie nackt war dabei (lacht).
Wie soll sich KOMM.ST weiterentwickeln?
GÜNTHER FRIESINGER: Wir erarbeiten mit der Regionalentwicklung Oststeiermark die Kulturelle Nahversorgung, wo wir Kunst zu den Leuten bringen, wo sie gerade sind. Wir bauen ein Netzwerk auf, organisieren Veranstaltungen für 12- bis 30-Jährige, helfen bei anderen bestehenden Veranstaltungen mit und bieten jungen Leuten eine Bühne, beziehungsweise beraten sie, wenn sie selbst etwas organisieren wollen.
GEORG GRATZER: Denn so, wie es bei uns als Jugendliche war, dass man ein paar Lautsprecher aufstellt und einfach ein Konzert spielt, geht es schon lang nicht mehr. Viele trauen sich da nicht drüber, da können wir helfen.
Das KOMM.ST-Programm bis Ende Oktober:
