Literaturpreis: „Es ist fürchterlich, ein Schriftsteller zu sein“
Günter Eichberger, frischgebackener Literaturpreisträger des Landes Steiermark, muss immer gegen sich selbst antreten.

Er ist ein Flaneur zwischen Avantarde und Postmoderne, der sich die Lize gemeingefährlichen Konfabulieren leichthändig erarbeitet hat. Günter Eichberger hat immer gegen sein Leben geschrieben. In seiner Literatur kommt wenig von seinem eigenen Leben vor, seine Erfahrungen bedingen seine Fantasieprodukte. Es werden persönliche Gefühle wie Wünsche und Ängste verarbeitet, aber nichts Autobiografisches.
„Ich hatte sicher unterschiedliche Phasen in meinem 40 literarische Jahre umfassenden Leben. Ich fühle mich für mein Frühwerk nicht zuständig“, so Eichberger. Der Impuls zum Schreiben kommt ihm überraschend, und
davon hat er einen oder zwei im Jahr. Und dann folgt die Frage, wie weit ihn dieser Einfall tragen kann und wie er seine Ideen ausbauen kann. Kurz, sein Schreiben lebt von Überlegungen gepaart mit Intuition. „Es ist fürchterlich, ein Schriftsteller zu sein; du trittst immer gegen dich selbst an.“

Den Corona-Lockdown hat er nicht als bedrückend empfunden. „Schreiben ist sowieso ein isoliertes Leben. Ich bin von einer Schaffenskrise verschont geblieben. Ich war täglich am Schreiben und habe nun 20 Seiten Material. Mir ist auch nie langweilig, aber ich stelle mir immer wieder die Frage: Was kann ich mit mir anfangen? Der Sukkus: Bei mir ändert Corona wenig.“
Literaturpreis
Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring, promovierte 1984 in Germanistik und Anglistik, lebt seit 1987 als freier Schriftsteller in Graz. Seit seinem Debüt „Der Wolkenpfleger“ (Residenz, 1988) veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden, Theaterstücken und Hörspielen. Zuletzt erschien: „Stufen zur Vollkommenheit“ (Ritter, 2017).
Jurybegründung
Und was ändert nun der Literaturpreis an Günter Eichbergers Alltag? „Eines ist auffallend: Ich wurde noch nie von so vielen Menschen angesprochen, auch fremden. Auf Facebook sah ich die meisten Reaktionen; 200 Gratulationen und das bei 500 Freunden! Es stellt sich die Frage, ob man mit einem Preis zurück
oder nach vorne blickt. Es ist ein Höhepunkt meines Berufslebens, begleitet von dem Gedanken: So ein Jahr werde ich nie wieder haben. Gleichzeitig überlagert Trauer die Euphorie: Das war’s jetzt, da kommt jetzt nichts mehr.“
Günter Eichberger ist eine Künstlerpersönlichkeit, die international Beachtung findet und die literarische Szene vor Ort wie kaum ein anderer prägt. Ein Literat, der seit Jahrzehnten Möglichkeiten der Prosa befragt und erweitert, ein Flaneur zwischen Avantgarde und Postmoderne, der sich „die Lizenz zum gemeingefährlichen Kofabulieren“ leichthändig erarbeitet hat: Günter Eichberger verstört virtuos mit satirischen Verfahren. Furios die Paradoxien, Aporien, vorgeblichen Kindereien, Paraphrasen, Anspielungen und Geistesblitze in seinen Texten, die an die 20 Bücher, fast ein Dutzend Hörspiele und ebenso viele Stücke umfassen, beginnend mit seinem Debut „Der Wolkenpfleger“ (Residenz Verlag 1988) bis hin zu „Stufen zur Vollkommenheit“ (Ritter Verlag 2019).
In den von ihm exzellent beherrschten Formen des Tiefstapelns lässt Günter Eichberger Erzähler-Figuren um Begriffe wie Bewusstsein, Ich, Wahrnehmung, Erinnerung oder Sprache kreisen, Klischees dekonstruieren und Unsinns- wie
Gedankensprünge formulieren, feinsinnige wie unterhaltsame Anleitungen wider eine sich ins Bewusstsein fressende Bedeutungsindustrie. Als Dramatiker stellt er den Sprechmodus einer Gesellschaft aus, deren Zusammenhalt in Auflösung begriffen ist.