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Über den neuen Gabalier-Song kann man trefflich lästern - muss man aber nicht

Andreas Gabalier betreibt auf dem Corona-Song "Neuer Wind" gehörig Katastrophenromantik. Damit steht er uns vielleicht näher, als uns lieb ist.

© KK
Bernd Melichar
Redakteur Kultur & Medien

Andreas Gabalier meldet sich also aus der „Auszeit“ zurück und hat ein „Corona“-Lied geschrieben. Im Video dazu sitzt er mit ernster Miene am Klavier und stimmt mit typisch angerauter Stimme den Song „Neuer Wind“ an. Ob wir bzw. „die Welt“ das braucht, darüber wird alsbald in den Internet-Foren ausgiebig diskutiert werden. Wenngleich: Diskutiert wird im Falle Gabalier ja schon längst nicht mehr, vielmehr mit Schaum vor dem Mund der jeweils Andersdenkende in Grund und Boden gestampft.

Natürlich ist das neue Gabalier-Stück mit einer gehörigen Portion Pathos übergossen. Darüber ließe sich jetzt trefflich und bequem lästern. Textzeilen wie diese laden förmlich dazu ein: Kinder sehen den Frühling wieder wachsen, „in der Einsamkeit wird der Mensch wieder Mensch“, „Liebe und Leid liegen eng beieinander“, „nach der Ebbe kommt die Flut“. Und: In der Not „hält ein gespaltenes Land wieder zusammen“. Gespalten wie das Land, ist auch die Gabalier-Welt: hier Freund, dort Feind. Dazwischen gibt es nichts. Nur einen hohen Zaun der gegenseitigen Intoleranz.

Ja, „Neuer Wind“ weht hart an der Kitschgrenze entlang, pfeift sogar gehörig darüber hinaus und die Lyrik stürmt picksüß in Richtung Kalenderspruch-Philosophie. Aber nein, so schlimm ist das nicht. Denn vieles, was Gabalier da textet, geistert derzeit auch durch die Köpfe der verunsicherten und verängstigten Menschen. Natürlich kann man das mit „Katastrophenromantik“ abtun aber Faktum ist, dass wir uns in der Krise gerne an der Vorstellung festklammern, dass im Bösen auch das Gute gedeiht, die Besserung, die Katharsis. Wir suchen immer nach Erlösung. Das ist menschlich, allzu menschlich.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Dieses Denken gehört zu unserem „Survival“-Kit. Dazu hat jetzt auch Andreas Gabalier gegriffen. Lassen wir es einfach so stehen. Ohne Häme, ohne Hass. Wir könnten ja am Beispiel Andreas Gabalier damit beginnen, unsere alten Verhaltensmuster und billigen Reflexe zu hinterfragen.