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Chronik

Lesen in der Krise

Vom Vorlesen, Sprachen-Lernen bis zu Polarforschung. Was prominente Grazer derzeit lesen.

vor 6 Jahren25. März 2020 um 05:59
Graz-UmgebungBücher
KulturGraz
Gilbert Prilasnig, Ex-Fußballprofi: "Wo ich lese, hängt derzeit davon ab, wo sich der Rest der Familie aufhält. Aber ich habe in diesen Zeiten vor allem wieder die Liebe zum Vorlesen bekommen. Ich lese meinem 9-Jährigen gerade Harry Potter vor und meiner 11-Jährigen Karl May. Jeden Tag, eineinhalb bis zwei Stunden. Ich bin schon ein richtiger Vorlese-Profi geworden. Ich selbst habe eigentlich immer viel gelesen. Derzeit: "Die Zahl, die aus der Kälte kam" von Rudolf Taschner."
Klaus Weikhard, Juwelier: "Aus Solidarität mit Italien frische ich mein Schulzeit-Italienisch wieder auf. Jeden Tag ein Kapitel mit Hörbeispielen und Übungen. Und ein Buch über mittelalterliche Uhren habe ich ebenfalls am Tisch. Ich lese sonst nur im Urlaub, aber immer nur gebundene Bücher."
Claudia Hauboldt, PR- und Medienexpertin: "Irgendwie inspiriert mich (erneut) "Die Wand" von Marlen Haushofer. In ihrem Rückzug, ihrer der Situation neu angepassten Tagesstruktur, ihrem Frieden, den sie mit der außergewöhnlichen Situation schließt, ihre großen freudigen Entdeckungen kleiner fast unsichtbarer Dinge…passenderweise zu Haushofers 100. Jahrestag. Ich hab mir auch wieder aus meiner maritimen Bücherecke das Buch „Shackletons Führungskraft“ rausgelegt, ich glaube, wir können jetzt einiges von dem großen Polarforscher lernen, wenn es darum geht, Krisen mit knappen Ressourcen zu meistern, Ordnung im Chaos zu bewahren – der britische Polarforscher und seine Mannschaft erlebten nach fast zweijährigem Überlebenskampf den Untergang ihres Schiffes im antarktischen Packeis…packende Lektüre. UND mit Begeisterung inhaliere ich natürlich jeden Morgen die Kleine Zeitung, inklusive die Doppelseite für KINDER – die – wenn ich mir was wünschen darf – unbedingt auch NACH Corona fixer Bestandteil bleiben sollte :-) WO lese ich? Schnappweise zwischen homeoffice, homeschool, Herd, Hund und Familienrudel – eben DAHOME
Andrea Stift-Laube, Herausgeberin der Literaturzeitschrift Lichtungen: "Ich lese gerade alle Doktor Dolittle-Bände von Hugh Lofting, die ich im Regal vorfinde. Einerseits, weil ich anlässlich der Ersterscheinung vor genau 100 Jahren einen Essay darüber schreibe, andererseits, weil mir der zu Tier und Mensch immer faire, sich aus Freigiebigkeit stets in Geldnot befindende und tierlinguistisch hochbegabte Doktor schon vor über 30 Jahren ans Herz gewachsen ist – genauso wie seine Tiere Dab-Dab, Jip, Göb-Göb, Polynesia und wie sie alle heißen."
Barbara Stelzl-Marx, Historikerin: "Vor etwas mehr als zwei Wochen hielt ich noch Veranstaltungen am Institut, nun wird alles von zu Hause aus abgewickelt, sogar Diplomprüfungen. Das gibt mir Gelegenheit, Lieblingsbücher aus dem Regal zu holen: zum Beispiel "Anleitung zum Unglücklichsein" von Paul Watzlawick, den ich sehr schätze, oder "Die Tante Jolesch" von Friedrich Torberg. Beide dringen in die Psyche des Menschen in Extremsituationen ein, aber mit einem Augenzwinkern und gutem Humor. Eine unbedingte Empfehlung: Der Roman "The Noise of Time" von Julian Barnes seziert das von Repressionen geprägte Leben von Dmitrij Schostakowitsch im Spannungsfeld zwischen Diktatur und Kreativität, zwischen (scheinbarer) Anpassung und künstlerischer Freiheit."
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