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Buben – das leseschwache Geschlecht

Beim Lesen hinken Buben den Mädchen hinterher. Jugendbuchautor Frank Maria Reifenberg rät zu differenzierter Förderung und würde Lesen aus dem eutschunterricht herauslösen.

© KK
Klaus Höfler

Was Kinder gerne lesen

"Buben lesen anderes und anders.“ Zu dieser Schlussfolgerung kommt der deutsche Kinder- und Jugendbuchautor Frank Maria Reifenberg und verweist auf eigene Erfahrungen im direkten Kontakt mit jungem Lesepublikum und einschlägige wissenschaftliche Studienergebnisse: Mädchen begeistern sich eher und intensiver fürs Lesen als ihre männlichen Altersgenossen. Reifenberg warnt zwar vor der Genderfalle, nämlich einer simplifizierten Einfärbung in eine rosa und blaue Welt, empfiehlt aber, „sensibel zu sein für dieses Thema“.Mädchen präferieren Geschichten, in denen es um Beziehungen geht. Sie setzen den Inhalt in Bezug zur eigenen Umwelt und zu eigenen Problemen („Gibt es Lösungen für mich?“), setzen sich also mit dem Inhalt auf sozialer und emotionaler Ebene sehr intensiv auseinander.

Burschen bevorzugen Geschichten, in denen  Spannung und Abenteuer im Vordergrund stehen,  in denen Helden Probleme oder Herausforderungen  – in fremden Weiten und fernen Zeiten  – lösen. Sie bewegen sich beim Lesen also  außerhalb ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. 

Zur Person

Denn es geht um viel. „Lesen ist eine soziale Schlüsselkompetenz“, ist Reifenberg überzeugt: „Auch wenn es in unseren Gehirnen evolutionstechnisch nicht vorgesehen ist – es gibt kein Lesezentrum im Hirn, stattdessen braucht es viele Verschaltungen.“ Aber haben die sich erst einmal automatisiert, wachse mit dem Können die Lust. Es ist allerdings ein komplexer Lernprozess. Was mit einem Dechiffrieren der Zeichen und Buchstaben und dem Zusammenfügen zu Wörtern und Sätzen beginnt, geht in ein zunehmend flüssiger werdendes Lesen über. „Schon das ist ein neuralgischer Punkt einer Lesekarriere, an dem leider viele Kinder – vor allem Buben – hängen bleiben“, mahnt Reifenberg und fügt provokant hinzu: „Sie begnügen sich allzu schnell damit, dass ihr Wissen reicht, Dinge im Internet bestellen oder kurze Bildunterschriften verstehen zu können.“Frank Maria Reifenberg (54) ist Autor von Kinder- und Jugendbüchern. Initiator und Leiter des Projekts „kicken&lesen“, bei dem in Kooperation mit dem deutschen Bundesligaverein 1. FC Köln Buben in einer Kombination mit Fußball das Lesen
schmackhaft gemacht wird.
www.boysandbooks.de: Auf dieser Homepage gibt’s Bücherempfehlungen von Reifenberg für Buben aller Altersgruppen.

Erster steirischer Vorlesetag

Wer nicht über diesen Prozessschritt hinauskommt, dem fehle aber in weiterer Folge die Fähigkeit, Texte richtig verstehen und reflektieren und in der Fantasie neue Verhaltensmuster ausprobieren zu können: „Erst wer flüssig lesen kann, kann ein Flugticket in andere Welten, in andere Köpfe und andere Gefühle buchen.“ Buben tun sich damit im Vergleich zu Mädchen schwerer. „Der Unterschied der Lesekompetenz kann bei 15-Jährigen unter Umständen ein ganzes Schuljahr ausmachen“, erläuterte Reifenberg beim diesjährigen „Lesenetzwerktag“ zu Wochenbeginn an der Pädagogischen Hochschule in Graz.Der 1. Juli steht in der Steiermark im Zeichen des ersten steirischen „Vorlesetags“. In Bibliotheken, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen gibt es Aktionen zum Thema Vorlesen–auch an eher ungewöhnlichen Veranstaltungsorten, beispielsweise dem Eispalast am Dachstein, in Thermen oder Museen. Interessierte Institutionen können sich noch bis 19. Juni als Veranstaltungsort anmelden. Informationen: 0316/6853570.

Lesewanderungen und Spielevormittage

Schon zum Ende der Volksschule lässt sich in Untersuchungen ein erster „Leseknick“ feststellen. „Bei Buben fällt er stärker aus, was dazu führt, dass sie an einem Zeitpunkt schon wieder zu lesen aufhören, an dem sie es noch gar nicht richtig gelernt haben“, schlägt Reifenberg Alarm. Mit der Pubertät kommt dann der zweite geschlechterübergreifende Leseknick – auch dieser bei Buben viel ausgeprägter. Das hat zur Folge, dass mehr als die Hälfte der über 15- jährigen Burschen nur lesen, wenn sie es müssen. Wie können demnach vor allem Buben für das Lesen begeistert werden? Es müsse auf den unterschiedlichen Zugang und die differenzierenden Interessen von Buben Rücksicht genommen werden. Dass man damit leicht in tradierte, geschlechterspezifische Stereotype falle, nimmt er in Kauf: „Besser als sie lesen gar nichts.“ „Es fällt Buben eben leichter“, sagt Reifenberg, „einem männlichen Helden, der handelt und nicht ständig nachdenkt und reflektiert, durch eine Geschichte zu folgen.“ Das sei nicht zuletzt auch das Erfolgsgeheimnis von Computerspielen. Von ihnen könne man sich das schnelle, partielle Storytelling abschauen und prüfen, ob die klassische Unterrichtsliteratur diesem Muster entspricht. Reifenberg bezweifelt das. Deshalb schlägt er vor, das Lesen aus dem Deutschunterricht herauszulösen und es fächerübergreifend zu unterrichten. Warum? „Weil der durchschnittliche Deutschunterricht relativ wenig mit Lesen zu tun hat und wenig Lust aufs Lesen macht.“Bis 30. Juni finden landesweit anlässlich der „Lies was“-Wochen in öffentlichen Bibliotheken Veranstaltungen zum Thema Lesen statt, so am heutigen Samstag in der Bibliothek Großsteinbach eine Lesewanderung. Am Dienstag (20. Juni) gibt es eine Autorenlesungen Mit Ferdinand Auhser in Hart, einen Tagspäter gastiert der Kinderbuchautor in Fernitz-Mellach. Am Donnerstag (22. Juni) gibt es einen Spielevormittag in Premstätten. Infos: www.bücherhelden.at