Das erste Dirndl meines Lebens
Zugegeben: Diese Phrase muss für Männer und Frauen naturgemäß etwas grundlegend anderes bedeuten. In meinem Fall – also als Frau – birgt es modetechnisch gesehen eine neue Welt. Der absolut gelungenen Neuauflage des mittelsteirischen Leiblkittels sei Dank.


Kleines Dirndl-ABC
Versprochen: Wortspiele à la „a Dirndl fürs Dirndl“ erspare ich uns. Obwohl ich anfangs darüber nachgedacht habe, muss ich zugeben. Sie merken schon: Entscheidungsfindungen meinerseits können ein langwieriger, reifender Prozess sein. Und an dieser Stelle kann ich nur sagen: Kompliment den Komplementärfarben! Rot und Grün liefern sich nicht nur im Straßenverkehr ein Duell in aller Fairness. Nein, auch beim Dirndl gilt ab sofort: Rot oder Grün? (Der Fall ist ähnlich unentschieden.)
Eine neue Style-Facette tut sich auf. Mitten in der Mittelsteiermark. Sie schimmert in Rot und Grün. In dieser Ein-Tracht macht sich das Farbensemble äußerst gut. So gut, dass ich von meinem anfänglichen Schwenk zu Rot über Nacht (heute hab ich schon davon geträumt!) hin zu Grün tendiere … Ach, es ist echt schwierig. Aber: Man kann – siehe Schürze – sogar Schwarz sehen und ist immer noch dabei.
Die neue Kreation des mittelsteirischen Leiblkittels hielt nicht nur die Tourismus-Experten der Region vor Vorfreude in Atem, sondern auch das Steirische Heimatwerk. Gemeinsam wurde aus vielfältigen tradierten Möglichkeiten gewählt. Also: Leib kariert, Kittel geblümt, Schürze uni. Das stand laut alten Aufzeichnungen von vornherein fest. Aber dann kommt’s: Leib vielleicht rosa oder blau oder …? Kittel violett dazu oder doch ganz anders? Schürze vielleicht in Braun? Ja? Nein? Jein?
Qual der Wahl ist nichts dagegen! Und doch wurde klug kombiniert: Das Grün steht für die Steiermark – und spiegelt sich gleich zweifach im Logo der Region Graz wider. Schwarz – als Klassiker – geht immer (hat schon Coco Chanel gesagt, ob sie damit Dirndl-Prêt-à-porter de la Styrie gemeint hat, ist nicht verbürgt). Und Rot bringt die gewünschte Frische. Die Weiblichkeit der Region hat nun also die Wahl zwischen: karierter Leib in Rot, geblümter Kittel in Hellgrün. Oder karierter Leib in Grün, geblümter Kittel in Dunkelgrün. Mein Zwiespalt wird immer größer, je länger die Schneiderin, Anneliese Weber, noch in exakter, detailgetreuer Handarbeit mit den 15 anderen Dirndln aus der Region Graz beschäftigt ist, die vor meinem dran sind. Denn: Ich schwöre, ich war schon fix bei der Rot-Grün-Kombi! Heute Nacht (hab’ ich schon erzählt) hat mich dann Grün-Grün überzeugt. Jetzt bin ich wieder wach und weiß gar nichts mehr. Wenigstens bei der Schürze wurde mir schon bei der Konzeption freundlich entgegengekommen – zwischen Schwarz und Schwarz gibt’s nicht so viel Unterschied. Bleibt eben noch die Kleinigkeit der Komplementärfarben-Komplikation. Hach! Aber bis es soweit ist und das erste Dirndl meines Lebens konkrete – nämlich meine – Formen annimmt, ist sicherlich alles im grünen Bereich. Oder doch im roten?Mittelsteirischer Leiblkittel. Er ist keine neue Erfindung, es gibt ihn wirklich: schon längst. Er ist Bestandteil der Sammlung der steirischen Frauentrachten. Und – wie es die alten Trachten so an sich haben: Man darf sie jederzeit entsprechend den alten Angaben (siehe Muster- und Farbcodes) neu aufleben lassen, sie „mit tradierten Elementen einer entwickelten Tracht in Kombination bringen“, wie Evelyn Kometter vom Steirischen Heimatwerk bestätigt.
Was darf’s denn dazu sein? Bei den Accessoires gibt es klarerweise ebenfalls überlieferte und traditionelle Stücke. Aber auch hier gilt: Ein Dirndl soll zeitgemäß sein. Es darf also durchaus mit Lackschuh, Clutch und Co. kombiniert werden. „Man soll sich ja nicht kostümieren“, sagt Kometter. Kopfschmuck und die wieder so modernen Kranzerln passen immer. Nur die Kopftücher seien schon länger ein wenig aus der Mode gekommen. Wichtig: Man muss sich wohlfühlen in seiner Tracht, nur so ist es authentisch und kommt gut an.
Aufgemascherlt. Wo tragen Sie die Masche der Dirndlschürze? Hoffentlich hinten in der Mitte, denn genau dort gehört sie in jedem Fall hin, sagt Kometter. Die Länge der Bänder sei auch seit jeher so gestaltet (10 bis 15 Zentimeter kürzer als der Kittel).
Im Alltag. Dirndl und Tracht generell stellen etwas Besonderes, aber nichts Außergewöhnliches mehr dar; sie haben sich in die Vielfalt eingegliedert. So wie man sonst ein Kostüm oder einen Hosenanzug wählt, zieht man eben ein Dirndl an.
Auf dem Catwalk. Das erste Mal wird die neue Regionstracht am Steiermark Frühling in Wien vorgeführt. Moderieren wird Dr. Monika Primas, GF der Volkskultur Steiermark. Details auf www.regiongraz.at