Präsentismus„Krank arbeiten kommt allen teuer“

Die Präsenz am Arbeitsplatz trotz Krankheit gefährdet das Wohlergehen der Wirtschaft, warnt der Klagenfurter Uni-Professor Heiko Breitsohl.

Heiko Breitsohl, Professor für Organisation & Personalmanagement, hielt am Freitag seine Antrittsvorlesung an der Uni Klagenfurt
Heiko Breitsohl, Professor für Organisation & Personalmanagement, hielt am Freitag seine Antrittsvorlesung an der Uni Klagenfurt © KLZ/Markus Traussnig
 

Warum gehen – gerade in Grippezeiten – Menschen krank zur Arbeit? Rein aus Jobangst?
HEIKO BREITSOHL: Die Angst um den Arbeitsplatz ist ein ganz wichtiger Faktor. Weil man leicht ersetzbar ist, man Zeitarbeiter ist oder einen Werkvertrag hat. Also dann, wenn man kein einigermaßen sicheres Beschäftigungsverhältnis hat. Leute gehen auch krank zur Arbeit, weil die Arbeitsmenge groß oder die Abteilung unterbesetzt ist und sie den Eindruck haben, sie müssen die Arbeit jetzt erledigen.

Auch weil sie Kollegen nicht stärker belasten wollen?
Das ist eine teuflische Geschichte: Wenn ich ein gutes Verhältnis zu meinen Kollegen habe, bin ich eher bereit, mich auszubeuten und krank zur Arbeit zu gehen. Zu hohe Loyalität begünstigt also negative Verhaltensweisen.

Ist das Bewusstsein, dass Präsentismus ein Problem ist, bereits da?
Die meisten Unternehmen beschäftigen sich mit Absentismus – also wenn man krank zu Hause bleibt. Das ist ganz leicht zu erfassen: Die Person ist eben nicht da. Wenn sie aber da ist, erkenne ich nicht sofort, dass sie gar nicht da sein sollte, weil sie krank ist. Es gibt Unternehmen, die glauben, dass das gar nicht so schlimm ist, weil ja trotzdem gearbeitet wird.

Das ist falsch?
Wenn Leute krank zur Arbeit kommen, erbringen sie eine geringere Leistung, machen mehr Fehler und gefährden sich und andere. Und sie müssen irgendwann trotzdem zu Hause bleiben, um gesund zu werden. Der Verlust ist viel höher, als wenn sie gleich zu Hause bleiben.

Konkret?
Die Studien, die es dazu gibt, zeigen konsistent, dass sowohl auf der Unternehmens- als auch volkswirtschaftlichen Ebene Präsentismus ein größeres Problem ist als Absentismus.

Deutschen Studien zufolge kostet der Präsentismus dort Milliarden.
Es ist auf jeden Fall unglaublich teuer, sicher teurer als der Absentismus.

Ist die Bedeutung des Problems allen bekannt?
Es gibt Unternehmen, die bilden ihre Mitarbeiter weiter, damit diese erkennen, wann sie so beeinträchtigt sind, dass sie zu Hause bleiben. Bei Infektionskrankheiten ist es eindeutig: Wenn ich vermeiden will, Kollegen anzustecken, muss ich zu Hause bleiben. Die Frage ist: Gehen die auch krank zur Arbeit? Man muss vermitteln: „Leute, wir wollen das nicht.“

Was halten Sie vom Vorschlag der Wirtschaft, die ersten Tage im Krankenstand nicht zu bezahlen?
Es gibt empirische Belege: Die Leute gehen dann krank zur Arbeit. Noch problematischer ist es, wenn der Arbeitgeber Boni zahlt, wenn man möglichst wenig krank ist.

Kann man mit Selbstbehalten „Krankfeiern“ reduzieren?
Was ist das größere Risiko: Wenn ich ein paar Leute habe, die blaumachen? Oder wenn ein paar Leute krank zur Arbeit gehen? Sicher zweiteres. Wenn ich die Grundannahme habe, dass mich meine Mitarbeiter übers Ohr hauen wollen, wie kann ich dann ein guter Arbeitgeber sein? Wenn ich dem Mitarbeiter vermittle, dass ich ihm nicht über den Weg traue, wie sollen sie dann mir vertrauen?

Nimmt das Problem des Präsentismus zu?
Je weniger klassische unbefristete Arbeitsverhältnisse man hat, umso eher steigt die Wahrscheinlichkeit. Je mehr Arbeitgeber darauf achten, umso eher kann man es verhindern.

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