ARMIN THURNHER: Die Frage ist natürlich akademisch. Was ist schon zeitgemäß? Was ist schon „noch“ zeitgemäß? In diesem „noch“ klingt die negative Antwort bereits mit. Natürlich ist Formel 1 in Zeiten des Klimawandels nicht zeitgemäß. Zweitens höre ich in der Frage aber jenes Quäntchen Nostalgie, das uns flüstert, dass man die Formel 1 gerade jetzt justament mögen muss, etwa wie sexistische Witze, gepflegte Ausländerfeindlichkeit und überhaupt Dinge, die man „wohl noch“ sagen darf. Dass die Formel 1 nicht mehr Bernie Ecclestone gehört, dass sie die Zahl der Todesopfer stark reduziert und sogar die leicht bekleideten Boxenluder abgeschafft hat, ist eine Art von Formel-1-Aggiornamento, die man so gesehen nicht billigen kann. Was meinen Sie, Fleischhacker?

MICHAEL FLEISCHHACKER: Wie Sie sich denken können, lieber Thurnher, finde ich die Formel 1 überhaupt nicht zeitgemäß, deshalb mag ich sie ja. Ob sie je zeitgemäß gewesen ist, wäre eine andere Frage, vielleicht ja, denn sie hat mich lange nicht interessiert. Viele, Sie wohl auch, halten eine solche Haltung für reine Pose, radical chic oder so was, und das ist auch würdig und recht. Aber ich denke, dass wir hier von einer Form der Unzeitgemäßheit reden, die umso wichtiger wird, je mehr die Verhausschweinung des Menschen alle Lebensbereiche durchdringt und alles, wofür der Rennsport steht, für hochtoxisch hält: Technikbegeisterung, Risiko, Kompromisslosigkeit und Gewinnenwollen. Die Formel 1 ist der Stachel im Wabbelfleisch unserer Luschenwelt.