Sommergespräch

Josef Riegler: Ein Bergbauernbub mit Visionen

Josef Riegler, Vizekanzler außer Dienst und Eierschwammerlfan, attestiert seiner Ökosozialen Marktwirtschaft bessere Chancen denn je. Von harten Zeiten, Umwälzungen und neuen Herausforderungen.

„Antworten auf die Zukunft“ formuliert Josef Riegler bereits 1990 – sie haben nichts an Aktualität und Dringlichkeit eingebüßt. Sein „Blick nach vorn“ galt immer einer größeren Verteilungs- gerechtigkeit auf dem Planeten © Bettina Oberrainer
 

Wir zitieren Helmut Kohl: „Visionäre sind die wahren Realisten der Geschichte.“ Hier kommt einer. Und schmaust mit seiner Frau Antonia im „Arkadia“ Tagliatelle mit Schwammerl aus dem Möschitzgraben. Welch Fügung! Dort ist er aufgewachsen, der „Erdhübler“, pardon, der Herr Vizekanzler außer Dienst Josef Riegler. Aber es ist bloß normaler mittäglicher Hunger, nicht „ungezügelte Gier“, wie sie den globalen „Raubtier-Kapitalismus“ antreibt. Der die Menschheit an den Rand des Abgrunds jagt. Gegen ihn kämpft der heuer am 1. November 78-jährige Urheber der Ökosozialen Marktwirtschaft nach wie vor, eben hat er zu dieser möglichst freien Wirtschaftsweise, die so bahnbrechend sinnvoll wäre, ein aktuelles Papier veröffentlicht.
Wieder nur Zierde am Schreibtisch der vielen sturen Lobbys, so wie die Kapuzinerkresse am Mittagstisch des Bergbauernkindes? Die verzehrt Josef Riegler nämlich nicht, schmunzelt: „Gegen Blüten hab’ ich eine gewisse Sperre, die sind zu schön ...“ Gilt die auch für Maden und andere Nahrungsalternativen? Ein Gedanke, um unser Gespräch wahrlich nahrhaft zu starten.

Herr Dipl.-Ing. Riegler, immer wieder ist der üppige Fleischkonsum der Menschen im Visier. Essen Sie Fleisch?
JOSEF RIEGLER: Meine Frau kocht seit Jahren kein Fleisch, zu Hause essen wir vegetarisch. Viel Salat und Gemüse – und meine Lieblingsspeise ist Eierschwammerl! Auf Maden habe ich keinen Gusto. Man müsste weltweit eine Kampagne machen, dass das viele Fleisch nicht in Ordnung ist, jetzt auch schon bei den Asiaten. Es ist ideell, ökonomisch und ökologisch bedenklich.
Ein Schwenk in Ihre Kindheit: Wie prägend war das harte Zupacken?
RIEGLER: Ich glaube schon, dass meine Kindheit mich geprägt hat, aber ich habe das damals nicht so hart empfunden, heute betrachtet war es schon eine brutale Situation. Der Vater gefallen, mit zwölf Jahren voll zu arbeiten begonnen. Handmähen, Pfluggespann, Holzschlägern. Ich wurde als künftiger Bauer programmiert, aber dann übernahm die ältere Schwester den Hof.
Viele Stationen prägten Ihr politisches Leben – aber wären Sie nicht der prädestinierte Landeshauptmann gewesen?
RIEGLER: Wahrscheinlich wäre es schön gewesen, aber mein Weg war ein anderer. So hatte ich Gelegenheit, viel Spannendes mit den Gestaltern vieler Länder mitzubekommen. Es war ein besonderes Geschenk.
Was zählte zum Aufregendsten?
RIEGLER: Besonders denkwürdig war die Begegnung mit Jelzin, der mir 1990 genau sein Konzept geschildert hat – und genauso ist es gekommen. Für meine inhaltliche Arbeit war es das Amt als Umweltlandesrat. Es war entscheidend für die Idee der Ökosozialen Marktwirtschaft.
Hochgelobt aber bis jetzt nicht umgesetzt: Woran scheitert es?
RIEGLER: Wenn es konkret wird, es irgend jemanden tangiert, gibt es heftigste Widerstände und die Politik zuckt zurück. Deshalb ist es mühsam, man vergleiche den Versuch der minimalen Angleichung der Diesel- an die Benzinsteuer. Grundgedanke ist, dass sich das Nachhaltige und das zum Schutz des Lebens Notwendige wirtschaftlich rechnen muss. Die Politik müsste die für allen gleich geltenden Regeln vorgeben.
Ihre aktuelle Einschätzung dazu?
RIEGLER: Ich glaube, jetzt ist wirklich die Geburtsstunde gefallen, der Paradigmenwechsel auf globaler Ebene ist angebrochen, der Druck des Faktischen nimmt zu, die Auswirkungen des Klimawandels werden spürbar. Der Mensch muss mit dem Kopf an der Wand anstoßen, damit sich was bewegt.
Sie kämpfen gegen Raubbau, Hunger, et cetera. Welche Lichtblicke gibt es beziehungsweise wie frustrierend scheint der Kampf gegen Windmühlen?
RIEGLER: Interessanterweise bin ich nie frustriert worden. 2003 sind wir mit dem Global Marshall Plan nach Brüssel, 2008 durfte ein Zehnjähriger sein Projekt „Plant for the Planet“ bei der UNO-Generalversammlung in New York vorstellen, daraus entstand einiges. Jetzt spricht sogar die EU vom Marshall Plan für Afrika. Man muss dort helfen, wo die Menschen leben. Das ist letztlich auch kostengünstiger. Wie ein Schriftsteller seine Ideen formuliert, wollte ich nach dem Ausscheiden aus der Spitzenpolitik meine Ideen einbringen im Vertrauen, dass sich daraus eine Dynamik entwickelt.
Was ist von TTIP zu halten?
RIEGLER: Ich war von Anfang an dagegen. Eine ökonomische Globalisierung nur mit dem Recht des Stärkeren ohne verbindliche Spielregeln ergibt keinen fairen globalen Wettbewerb. Die europäischen Standards werden unterlaufen. Es wäre gescheiter, die WTO weiterzuentwickeln.
Wie sehr brennt Europa?
RIEGLER: Es macht mir große Sorgen, dass das bisher erfolgreichst Friedensprojekt derzeit viel stärker gefährdet ist, als wir wahrhaben wollen. In vielen EU-Mitgliedstaaten sind Kräfte am Werk, die in den nationalen Egoismus zurück wollen. Im „Europa der Vaterländer“ steckt der Rückfall in den Nationalismus – das wäre eine Katastrophe.
Was würde uns in den USA mit Trump erwarten?
RIEGLER: Das wäre die nächste Katastrophe.
Beschreiben Sie mit einem Satz die aktuelle österreichische Regierung.
RIEGLER: Ich hoffe, ein Neustart gelingt.
Soll man heute noch Landwirt sein?
RIEGLER: Unbedingt, ja! Landwirtschaft wird für die Menschheit überlebenswichtig. Weil die Zukunft liegt nicht in der industriellen Landwirtschaft, sondern nur in der Ertüchtigung der familiären Betriebe, und zwar weltweit. Da passieren derzeit furchtbare Dinge, wie etwa der Landraub in Afrika.
Was verbindet Sie noch mit der Region?
RIEGLER: Im Herzen sind wir Obersteirer, Judenburger, St. Peterer. Ich fühle mich da daheim.
Und das Besondere am Möschitzgraben außer wilde Wetter?
RIEGLER: Der Menschentyp in der Region ist ein selbstbewusster, weltoffener, auch sehr tüchtiger. Der Möschitzgraben war halt eine sehr beschauliche Welt, einige Bauern behaupten sich. Es sind einfach „liabe Leit“ dort.
Bekommt der Begriff „Heimat“ im Zuge der (nur scheinbar?) massiver werdenden Bedrohlichkeiten eine andere Bedeutung?
RIEGLER: Heimat ist einfach der Bereich, dem man sich zugehörig fühlt. Je mehr die Menschen durch die Welt geistern, desto stärker wird das Verlangen nach einem „Daheim“. Aber natürlich stehen wir vor der Herausforderung, zu einer Mega-Schicksalsgemeinschaft werden, weil die Probleme immer globaler werden: Klimawandel, Migrationsbewegung, Wirtschaftlich-Soziales. Für uns Menschen eine neue Herausforderung, weil wir noch nicht die Instrumente haben.
Darf man Visionen haben?
RIEGLER: Man muss Visionen haben! Dazu Nelson Mandela: „Vision ohne Handlung ist nur ein Traum; Handlung ohne Vision ist nur Zeitvertreib; Handlung mit einer Vision kann die Welt verändern.“

Der Öko-Umwälzer

Josef Riegler, geb. 1938 in Judenburg, verheiratet mit Antonia, Kinder Martina, Klemens, sechs Enkel. Boku Wien, Ehrendoktorat
Unter anderem: Bauernbund-Direktor, Abgeordneter zum Nationalrat, Agrarsprecher, Stmk. Landesregierung, Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Vizekanzler und ÖVP-Bundesparteiobmann (April 1989 bis Juli 1991), (Ehren)präsident des Ökosozialen Forum Europa
Leitbild „Ökosoziale Marktwirtschaft“: Die Kraft einer möglichst freien Marktwirtschaft wird in den Dienst der natürlichen und sozialen Umwelt gestellt

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