80 Jahre ''Anschluss''Die bewegende Rede von André Heller im Wortlaut

Der Künstler André Heller sprach beim Staatsakt über das Schicksal seines Vaters und darüber, dass es auch nach dem Krieg noch "in den Köpfen der Menschen weiter gegärt" hat.

'ANSCHLUSS' 1938: GEDENKAKT ZUM 80. JAHRESTAG / HELLER
© APA/HANS PUNZ
 

Mein, wahrscheinlich an diesem Tag, das letzte Mal in seinem Leben, optimistischer Vater, ein Süßwarengroßindustrieller und engagierter Austrofaschist, sagte am Abend des 11. März 1938 zu seinem Freund, dem ehemaligen Dollfuß Vizekanzler und Heimwehrführer Emil Fey, beruhigend: "Du, es wird sicher nicht so heiß gegessen werden wie gekocht."

Hundert Stunden später, nach einem brutalen Verhör durch die Gestapo, erschießt Fey seine Frau, seinen Sohn und dann sich selbst und am Morgen des 12. März, nach dem völlig ungehinderten, „Anschluss“ genannten, Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die erste Republik, läutete es gegen 9 Uhr an der Tür der Wohnung meiner Eltern, am Wiener Brahmsplatz 1, sturm. Die Haushälterin öffnete und sah sich drei jüngeren Männern in Polizeiuniformen mit Hakenkreuzbinden gegenüber.
Als ob normales Sprechen verboten wäre, brüllte einer der Drei: "Wo is da Jud, Stephan Heller?", mit beachtlichem Mut antwortete das Fräulein Kralicek: "Bitte schön die Herrschaften, empfangen nur nach Voranmeldung." Wieder ein Brüllen: "Mir kumman prinzipiell nur unangemeldet." Dann stießen sie das Mädchen grob zur Seite, so dass sie zu Boden fiel. In diesem Augenblick erschien mein Vater im Schlafrock, hinter ihm angstvoll meine 24-Jährige Mama mit meinem 3,5-Jährigen Bruder an der Hand. "Was erlauben Sie sich!" sagte mein Vater.

Die Aufzeichnung der Rede von Andre Heller

Die Antwort: "Olles ken ma uns erlauben. Jetzt san nämlich endlich die anständigen Menschen am Zug. Sie kumman stantapede mit." So zumindest erinnert es meine Mutter, die heute, in ihrem 104. Lebensjahr, zuhause die Übertragung dieser Veranstaltung im ORF verfolgt.
Mein Vater hat dann gefragt: "Ist das jetzt eine Verhaftung?"
"Ja, zu Ihrem Schutz."
"Schutz vor wem?"
"Vor dem berechtigten Unwillen des Volkes."
"Gestatten Sie mir noch mich umzuziehen und das Allernotwendigste in eine Tasche zu packen?"
„Ja, aber gschwind, gschwind. Mir haben heut noch viele andere interessante Schutzmaßnahmen durchzuführen."
Mein Vater ging in sein Garderobenzimmer, während der Wartezeit zwangen die drei Männer meine völlig eingeschüchterte Mutter ihnen ihren gesamten Schmuck zu übergeben.

Als mein Vater zurückkehrte, trug er über dem 3-teiligen Anzug einen Kamelhaarmantel, den er mit allen Orden, die ihm als Offizier im 1. Weltkrieg verliehen wurden, dekoriert hatte.
"Wos soll die Frechheit!" schrie einer der Schergen und ein anderer verpasste Stephan Heller aus selbstgefälligem Übermut eine Ohrfeige. "Das, meine Herren, was Sie Frechheit nennen, ist mein Ausweis für Dienste in der Armee des Kaisers und für mein leidenschaftliches Österreichertum."
"Österreich, des gibt's seit heut nimmer.", sagte einer gefährlich leise. Und dann, mit Blick auf Vaters Reisetasche: "I hoff Sie haben da drinnen a Zahnbürschtl. Des werns nämlich glei no brauchen."
Dann eskortierten sie meinen Vater zu einer Stelle vor dem Theresianum und zwangen ihn eine volle Stunde knieend und vor lachenden und ihn beschimpfenden Wienern und Wienerinnen angefeuert, auf den Gehsteig gemalte Schuschnigg Parolen, Aufrufe zur Volksabstimmung für ein freies Österreich, mit der Zahnbürste wegzuputzen, was ihm kaum gelang. Dann wurde er in der sogenannten "Liesl", dem Polizeigefangenenhaus an der Roßauer Lande, eingesperrt. So erlebten meine Eltern die ersten Stunden des Anschlusses.

Es muss der Oktober 1970 gewesen sein, als mein Freund und Mentor Helmut Qualtinger anrief und sagte: "Host Lust heute um 20 Uhr im Restaurant Falstaff bei der Volksoper den Carl Zuckmayer kennenzulernen?" Natürlich interessierte es mich dem Autor solcher Theaterereignisse, wie "Den Hauptmann von Köpernick" oder "Des Teufels General" zu begegnen. So nebenbei hatte er auch noch mit Heinrich Mann das Drehbuch zum Filmklassiker "Der blaue Engel" geschrieben. Ich erschien also pünktlich und sah Helmut bereits im aufgeregten Gespräch mit dem Pfeifenrauchenden, wie eine menschgewordene schöne Tiroler Holzschnitzerei wirkenden, Zuckmayer.
"Setz dich und pass auf, der Zuck hat nämlich mehr erlebt als andere in 5 Leben", sagte Helmut. "Übertreib nicht, aber für ein noch nicht beendetes Leben, ist es wahrlich ziemlich viel", antwortete der Dichter und nahm den Faden des Gesprächs, das ich durch mein Erscheinen unterbrochen hatte, wieder auf: "Die Formulierung von deinem Herrn Karl, dass die Stimmung der jubelnden Massen bei Hitlers Heldenplatzrede und den Tagen danach, ein Gefühl vermittelt hat, als wäre man bei einem riesigen Heurigen, nur feierlicher, mag für die Naziberauschten gestimmt haben. Für unsereins, wars aber ganz anders" und jetzt begann Zuckmayer leidenschaftlich das zu schildern, was er auch in seinen Erinnerungen "als wär's ein Stück von mir" festhielt.

Ich zitiere wörtlich: "Die Hölle brach los. Die Unterwelt hat ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Albtraumgemälde des Hieronymus Bosch: Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden, böswilligen Rachsucht und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt. Hier war nichts losgelassen, als die dumpfe Masse. Die blinde Zerstörungswut und ihr Hass richtete sich gegen alles, durch Natur oder Geist veredelte. Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde."
Soweit die Wahrnehmung eines begnadeten Beobachters und literarischen Analytikers, die ich nie vergessen habe und nie vergessen werde.

Dieser Wiener Hexensabbat der Verblendeten wurde zum Vorbild für das große Pogrom von November 1938 im gesamten Reichsgebiet. Darauf aufbauend hat Hitler zwei Monate später, Jänner 1939 im deutschen Reichstag, also aller Welt hörbar, für im den Fall eines kommenden Krieges, die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa angekündigt.

Meine Damen und Herren, es besteht ein nicht zu leugnender Zusammenhang zwischen dem Jubel damals, hier draußen vor diesen Fenstern am Heldenplatz und all den Ungeheuerlichkeiten die darauffolgten.

Was aber ging diesem Irrsinn voraus?
Das Rumpf Österreich der ersten Republik litt unter einem Verlustkomplex erster Klasse.

Radikaler Verlust an territorialer Größe, radikaler Verlust an Bedeutung auf der politischen Weltbühne, Verlust vieler Industrien, Verlust von Landwirtschaft und Arbeitsplätzen, Verlust von etwas besonders Grenzenlosen, Sehnsuchtsbeladenen und Schönheitsintensiven: dem Meer und den mediterranen Landschaften. Verlust der Rolle des Adels, Verlust eines kollektiven Selbstwertgefühls, des den Energiekörper Österreichisch - Ungarische Monarchie, jahrhundertelang nährenden und inspirierenden einzigartigen Sprachen-, Religionen-, Kulturen- und Völkergemischs. Man wusste im November 1918 nicht, was auf das von der habsburgischen Landkarte übrig gebliebene Deutsch - Österreich zukommen würde:

Repräsentative Demokratie. Bolschewismus, revolutionäre Gärungen aller schrecklichen und heilsamen Nuancen, waren eine realistische Option und fast niemand im Land wusste, welchen Sinn dieser Staat Österreich noch haben könnte. Die Regierungen wechselten schnell, einmal war ein Rechtsanwalt Bundeskanzler, dann ein Prälat, dann ein Polizeipräsident, dann ein Landwirtschaftsexperte der mit seiner Bewegung das Parlament abschaffte und eine katholische Diktatur errichtete.
Und in dieser Unsicherheit, diesem Wirrwarr, diesem auf Improvisation, Glück und politisches Geschick angewiesenen, tragischen Pallawatsch, dem das Schicksal in den frühen 20er Jahren, als weitere Erschütterung für die Lohnabhängigen und das Bürgertum auch noch eine Hyperinflation mit vollständiger Geldentwertung zumutete, war es sehr, sehr schwer optimistisch zu bleiben, wenn man nicht zu den Schiebern, den Notgewinnlern, den moralbefreiten Spekulanten gehörte.

Meine angebetete, schöne und weltoffene Südtiroler Großmutter hat mir einmal erzählt: "Weißt du Bub, in der taumelnden Zwischenkriegszeit war mein Haupttrost, dass was ich als unverlierbare Heimat empfand, die Musik vom Mozart und vom Schubert. Und wenn ich die Lotte Lehmann in der Staatsoper singen gehört hab oder den Rilke oder den Hofmannsthal im Gewerbeverein ihre Gedichte vorlesen, war ich wenigstens auf Zeit gerettet und meine Augen und Ohren hatten eine Zuflucht vor dem Groben und Lieblosen. Man fühlte nämlich, dass sich etwas Schreckliches, ein unsäglicher Zusammenbruch anbahnte.
Spätestens, als auf die Arbeiter geschossen wurde und dann die Sozialisten, die Kommunisten und die illegalen Nazis gemeinsam in Lager der Austrofaschisten gesperrt wurden, fühlte man es aber nicht nur, sondern man wusste es. Ab 1936 waren die Nazis nicht mehr illegal und wieder sichtbar zurück auf den Straßen und am 12. März 1938 hatten sie alle, die den Weiterbestand eines unabhängigen Österreichs wollten, in Grund und Boden besiegt. So war das Bub", sagte meine kluge Großmutter.

Meine Damen und Herren, eine der grausamsten Säulen von mörderischen Diktaturen ist seit jeher, die Schaffung von Sündenböcken, die immer und an allem Schuld zu sein haben und denen man dafür die oft bestialischsten Bußen auferlegt. Sie sind der blutbefleckte Paravent hinter dem sich der äußerste Zynismus, die Morallosigkeit und das Kriminelle austobt. Aus der Staatsverbrecherbande der Nazis ragten überproportional viele Österreicher, ich nenne stellvertretend nur Hitler, Kaltenbrunner, Eichmann, Seyß-lnquart und einige besonders vertierte Kommandanten von Konzentrations- und Vernichtungslagern. Bis in die allerfinsterten Winkeln wurden die Arsenale an Mordrausch, an surrealen Sadismus, an Infamie, genützt:
mit generalstabsmäßig geplanter Auslöschung der Juden, aber auch der Roma und Sinti. Homosexuelle, Zeugen Jehovas und auch manche Gläubige anderer Religionsgemeinschaften und sogenannte Politische mussten in die KZs, während in Spitälern und Heimen die Vernichtung von, in Nazi- Diktion unwertem Leben, kranken Kindern und Erwachsenen praktiziert wurde. Das Ausmaß und die Tiefe des Schrecklichen in jener Zeit, übersteigt zumeist unser Begreifen, aber es gibt kleine Einblicke in Alltagsbanalitäten, die plötzlich den Vorhang der Distanz zerreißen und uns mitten ins Herz treffen:
Der Sohn des Auschwitzkommandanten Höß, der als Kind mit seinen Eltern eine Villa am Rande des Lagers bewohnte, erzählte, dass ihn seine Mutter oft ermahnte, keine Erdbeeren aus dem Garten zu essen, weil sie zu grau wären. Eines Tages begriff er, dass der graue Farbton von der Asche der Leichenverbrennungsöfen kam; aus den Rauchfängen immerzu bei Wind herabrieselte und die dann auch alle einatmeten. Kommandanten, SS-Wächter und Lagerinsassen, Täter und Opfer trugen also zumeist Aschepartikel der Ermordeten in ihren Lungen.

Nach einem maßlosen Weltkrieg, für deren Ausbruch und Dauer die Nazis allein verantwortlich waren, trieben sie das verblendete, »Deutschland, Deutschland über alles", in einen beispiellosen, unheroischen Untergang und in eine furchtbare Selbstzerstörung.
Hauptschuldige wie Hitler, Göbbels, Göring und Himmler stahlen sich durch Selbstmord aus der Verantwortung. Wenn jemals Hochmut und Wahnsinn vor den Fall gekommen sind, dann die Nazis 1945 mit ihrer Idee des Nationalsozialismus.

Jetzt kam die österreichische Wiedergeburt, die sogenannte Stunde null, die genau dies, natürlich für weite Teile der Bevölkerung nicht sein konnte, denn die geistige und faktische Brutalität, der deprimierende Selbstverrat an dem, was man gestern noch bejubelt hatte, die Menschenverachtung, die für Millionen Untertanen in allen Gauen, das Deformationsergebnis der Naziherrschaft waren, konnte, selbstverständlich, bei Gründung der zweiten Republik nicht durch drücken einer Löschtaste zum Verschwinden gebracht werden, sondern gärte in den Köpfen, Gedanken und Verhaltensweisen Vieler weiter, und wie wir wissen, in Splittern und Balken, tragischerweise bis zum heutigen Tag.

Wir verdanken unsere Befreiung den Alliierten Armeen. Die Menschen in Österreich wären nicht in der Lage und lange Zeit auch gar nicht willens gewesen, sich aus eigener Kraft zu befreien. Eine Mehrheit begrüßte die Demokratie dankbar als Erlösung, aber für die, auf den Trümmern ihres Fanatismus und Irrglaubens gestrandeten, war die Demokratie der Symbolraum ihrer Demütigung. In dieser, von diametralen Haltungen, bestimmten Situation, waren sich, merkwürdigerweise, alle politischen Gruppierung weitgehend darüber einig, die verjagten, beraubten, vogelfrei gewesenen Juden, sofern sie nicht in den Konzentrationslagern und anderswo ermordet wurden, nicht einzuladen nach Österreich zurückzukehren, um am moralischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes mitzuwirken. Es gab auch kaum Schuldgefühle ihnen gegenüber. 1991, 46 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft, fand durch Bundeskanzler Vranitzky das erste österreichische Schuldeingeständnis statt und die Einladung an die Juden zurückzukehren.

Verehrte Zuhörer, es brauchte ungeheuren Todesmut und Prinzipientreue, um während des Terrors der Nazizeit in den Widerstand zu gehen oder sich auch nur in bestimmten, schwierigen Situationen anständig und charaktervoll zu benehmen.
Ich bewundere all diese Gerechten aufs Dankbarste und ihre Leistung ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, aber heutzutage gibt es keine akzeptable Ausrede Rassismus und Fremdenhass in der Politik nicht entgegenzutreten oder am Arbeitsplatz, am Stammtisch, dem Fußballplatz, den sozialen Medien oder in geselligen Vereinen. Man riskiert dafür nicht Folter und Tod, ich gebe zu, möglicherweise riskiert man berufliche Nachteile, aber wir erhalten dafür ein bedeutend qualitätsvolleres Österreich.

Vergessen wir nicht, dass am Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft nicht Ausschwitz, sondern die Ausgrenzung von Menschen, die als störend, als schädlich betrachtet wurden, stand.
Und, weil es dafür viel Zustimmung gab, hatten die Nazis freie Bahn und die humanitäre Katastrophe wurde immer größer.

Den jungen Zuhörern möchte ich weitergeben, was mir Bruno Kreisky bei unserem ersten Gespräch 1970 eindringlich sagte: "Für dich und alle aus deiner Generation in Österreich, die ihr die Gnade hattet, in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufzuwachsen, darf schon aus Dankbarkeit für euer Glück, die Feigheit keine Option sein. Und seid gefälligst euer Leben lang solidarisch mit den Schwachen und jenen, die Unrecht ausgesetzt sind."

Verehrte Zuhörer, von dem wofür der Nationalsozialismus stand, muss die Demokratie das genaue Gegenteil sein. Jede demokratisch legitimierte Regierung hat die oberste Verpflichtung, die Grundlagen ihrer Existenz, eben die Demokratie und deren Verfassung, in all ihren Facetten zu ehren und zu behüten. Also vor Schwächung und Unterhöhlung zu bewahren. Etwa das kostbare Gut der freien Berichterstattung in unabhängigen Medien. Das gilt nicht nur für den ORF, aber für den ganz besonders.

Demokratie sollte immer ein Schauplatz für Aufrichtigkeit sein.
Aufrichtigkeit bei der Information der Bürger zu allen relevanten Themen, im politischen Diskurs, Wahrheit beim Analysieren der geschichtlichen Ursachen, von nationalen Entwicklungen und jener für globale Verwerfungen.

Ich möchte gerne ein, seit Brot und Spiele, uraltes Phänomen beleuchten: Den Populismus.
Auch er ist zweifellos, eine Unterart des nicht der Aufrichtigkeit verpflichtet seins. Das entscheidend Demokratiefeindliche an ihm ist der Alleinvertretungsanspruch für das sogenannte Volk, wobei die Vielfalt der Meinungen in der Demokratie nicht als Qualität anerkannt wird. Er orientiert sich nicht an den Tatsachen, sondern an der Befindlichkeit und den Ressentiments gewisser Wählerschichten, deren Stimmungen häufig auch erst noch von den einflussreichen Populisten und ihren verbündeten Medien erschaffen oder zumindest befördert werden. Der populistische Manipulator verleugnet seine wirklichen Gedanken und Erkenntnisse zugunsten des wahltaktisch Zweckdienlichen und verzerrt sich dafür öffentlich in jemand, von dem seine Bekannten dann häufig sagen, sie würden staunen, wenn sie ihn besser kennenlernten, privat ist er oder sie nämlich ganz, ganz anders.

Die Probleme dieses, an Schönheit, an Qualität, an Chancenreichtum, so unermesslich großartigen und durch die menschliche Dummheit, Gier, Bösartigkeit und dumpfe Ignoranz so sehr gefährdeten Planeten haben sich aber keine Camouflage verdient, kein Leugnen der, mit mindestens 400. 000 Toten im Jahr zu Buche stehenden, Klimakatastrophe, denn es gibt keinen Zweifel: wir vergiften die Erde, wir verseuchen die Flüsse und wir verpesten die Luft. Kein Leugnen des Endes der Vollbeschäftigung, aufgrund von Digitalisierung und Robotisierung, kein Leugnen, dass eine zentrale Grundlage unseres Wohlstandes und Komforts, vom Handy bis zur Jeans, das Elend und die skrupellose Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern, darunter zahllosen Kindern, in der Dritten Welt sind. Allein 48 Millionen von ihnen sind Sklaven.

Herrschaften! Wir leben an einem der sichersten, reichsten und insgesamt privilegiertesten Plätze der Welt. Wir haben den Haupttreffer in der Geburtsort-Lotterie gewonnen. Nun müssen wir bereit sein, faire Preise zu bezahlen und permanent, etwas abzugeben und mit jenen zu teilen, die etwa von den katastrophalen Umständen in ihren Ländern zur Flucht gezwungen sind.
Wir müssen dazu beitragen ihnen ein, zumindest einigermaßen, würdevolles Dasein in Frieden, mit gerechtem Einkommen, medizinischer Versorgung, sauberem Wasser und gesunder Nahrung in ihren Heimatregionen zu ermöglichen. Das Verdrängen, das Ausblenden, das Wegschauen im Antlitz der grausamen Tatsachen, sowie Amerika oder Österreich zuerst Haltungen, befördern logischerweise die Katastrophe. Die Bewältigung der globalen Probleme und Bedrohungen bedürfen fast ohne Ausnahmen, globaler Anstrengungen, solidarischer Verbündetheiten und der leidenschaftlichen gegenseitigen Anteilnahme.

Diejenigen unter Ihnen die, eventuell, dieser Analyse nicht zustimmen, bitte ich höflich, orientieren Sie sich noch einmal an den schonungslosen Fakten und gestatten Sie sich einen Lernprozess und eine Verwandlung. Tun Sie dies aus Liebe zu Ihren Kindern und Ihren Enkeln. Es ist in der Politik und im Leben überhaupt keine Schande, wenn man sich einmal irrt. Man sollte Irrtümern nur wider besseres Wissen nicht treu bleiben.

Erlauben Sie mir Ihnen noch eine Merkwürdigkeit aus meinem Leben zu erzählen. Ich dachte Jahrzehnte lang, ich wäre etwas Besseres als andere. Klüger, begabter, amüsanter, zum Hochmut berechtigt. Ich war arrogant, selbstverliebt, ständig andere bewertend und es tat mir nicht gut, bis ich eines Tages in einem Wagon der Londoner U-Bahn um mich schaute. Da saßen und standen unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichster Hautfarbe und ich hörte unterschiedlichste Sprachen: In einer Art von Blitzschlag in mein Bewusstsein, erkannte ich, dass jede und jeder von diesen Frauen und Männern, alten und jungen, hoffnungsfrohen und verzweifelten, auch ich selbst bin und nicht Deutsch, Englisch, Russisch, Chinesisch, Spanisch, Arabisch oder Swahili unsere wirkliche Muttersprache ist, sondern die Weltmuttersprache ist und sollte das Mitgefühl sein. Es ermöglicht uns in jedem anderen, uns selbst zu erkennen und mit ihm innigst und liebevoll verbunden zu sein und diese Erkenntnis in weiterer Folge in all unseren Gedanken und Taten zu berücksichtigen.

Mitgefühl!

Zwischen 22 Uhr und 8 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.

sportkaernten
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Schade

dass die, die sich besonders angesprochen fühlen sollten, diese grandiose Rede nicht lesen und wenn dann vermutlich nicht verstehen werden.

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Doby Mick
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großartige Rede

Großartige Rede! Man hätte den Text hier allerdings vor Veröffentlichung korrekturlesen können ...

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astral24
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DANKE Andre

einfach nur großartig, eindringlich, mich sehr nachdenklich machend!!

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Rennfeld12
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Parteiprogramm

Vielleicht sollten sich die demokratisch, europäisch und kosmopolitisch orientierten Parteien in unserem Land ein paar Passagen aus dieser Rede als Teile ihres Parteiprogramms überlegen.

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scherz
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Respekt!

Eigene Erfahrungen unterlegt mit historischen Geschehnissen und intellektuell aufbereitet!

Es wird auch kurz vor dem Anschluss, sehr viele solcher Reden gegeben haben!

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Henry44
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Eine grandiose Rede.

Herr Kurz sollte den Mann als Berater einladen. Es ist keine Schande, Fehler zuzugeben und klüger zu werden, besonders, wenn man erst 31 Jahre alt ist.

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Lodengrün
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Glauben wir wirklich

das sich bei dieser Rede ein paar Leute, gar eine Partei angesprochen fühlt? Und wenn ja, was ja schon beachtlich wäre dann war Heller immer schon ein Sozi, ein Freund von Kreisky.

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selbstdenker70
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...

Die Erzählung vom Arik Brauer war "ehrlicher". Der Österreicher hat beim Anschluss nicht gejubelt weil unsere Großeltern der Hölle entsprungen sind, sondern weil sie schlichtweg keine Arbeit, kein Geld, wenig zu essen, und wie Brauer erzählt, barfuß in die schule gingen damit man das einige paar Schuhe nicht verschleißt. Und plötzlich bekamen sie Schuhe, Uniformen, und junge Männer, die vorher nichts hatten, gingen plötzlich reiten. Und wie er es auch gesagt hat, in solchen Situationen braucht es nur einen Funken für ein Feindbild, und das unvorstellbare Monster wird in den meisten Menschen erwachen....

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mapem
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Tja weißt, selbstdenker,

oft sind´s genau solche Postings, die mir immer wieder die frustrierende Erkenntnis bescheren, dass diese Dinge, um die´s hier geht, offensichtlich die Menschheit immer begleiten werden, und dass wir uns – wie auch immer – letztendlich versenken werden.

Es geht ja nicht darum, was unsere Urgroßeltern und Großeltern waren oder nicht waren und ob sie „schuldig“ waren – es geht viel mehr um das beklemmende Gefühl, dass diese Exkurse in die düstere österreichische Geschichte wie tägliche tagespolitische Deja vus anmuten – und zwar in jener „Vorlauf-Zeit“ damals, die dann genau zum „Point of no return“ führten – zur vollkommenen Enthemmung – zur vollkommenen Entmenschlichung … die Lawine, die man nicht mehr stoppen kann.
Und ob Arik Brauer da „ehrlicher“ war? … Nun, ich denke nicht, dass dieses Thema dafür geeignet ist, wie bei einer Casting-Show einer „Bewertung“ unterzogen zu werden – es geht realiter um 60 Millionen Tote – und jeder hatte einen Namen, war Vater, Mutter, Onkel, Sohn, Tochter, Oma, Opa, Kind … hat mal gespielt, gelogen, betrogen, gesungen, gelacht, geweint, gefurzt, … geliebt … und jeder von ihnen hatte ein Leben, welches genau dadurch zu Ende ging. Die Schuldfrage ist heute irrelevant – relevant ist vielmehr dies, dass man wahrnehmen und erkennen können sollte, dass man sich bereits anstellt, sich wieder auf den Weg dorthin zu machen.

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lieschenmueller
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@mapem

Ich denke, mit "ehrlicher" ist gemeint, dass Arik Brauer meinte, wäre er nicht zufällig jüdisch gewesen, er nicht sagen könne, dass er nicht vielleicht auch ein Mitjubler, ein mit Begeisterung in der HJ Gewesener wäre. Er zeigte, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, Verständnis, eben für die Leute, die aufgrund von Arbeitslosigkeit nur mehr einen geringen Geldbetrag bei sich hatten, diesen zum Branntweiner trugen, um kurz das Elend zu vergessen. Dass Kinder und Jugendliche dieses Gemeinschaftsgefühl genossen haben, plötzlich Urlaub machen konnten, segelten usw. Für Manipulation in dieser Situation taub und blind gewesen zu sein auch ihn hätte treffen können. So besah er sich dies als Ausgeschlossener, in der Schule musste er mit dem 2. jüdischen Mitschüler in der Eselsbank sitzen. Ein Lehrer, der ihn aufgrund seiner schon damals schönen Stimme mochte, ihn zu hassen begann, als er erfuhr, dass Arik Jude war. So in Richtung, wie konnte er - der Lehrer - sich so täuschen, weil einer "von denen" eine solche Begabung hatte und von ihm bewundert wurde. Eine aus den Fugen geratene Welt.

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lieschenmueller
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Das mit den Schuhen erzählte mir mein Vater auch immer

Er hatte, wie die meisten damals, schon Armut, aber es war bei seinen Eltern Arbeit vorhanden, im kleinen Ort hielt man sich Hühner und Hasen und hatte eine Stück Acker mit Gemüse. Dennoch, - Jugend kann kam gut manipulieren - hatte dieses Zusammensein und das schöne Gewand absolut Reiz. Die beste Freundin meiner Mutter war so eine Mädelführerin, meine Mama kam auch mit neuem Rock und Bluse und Strümpfen voller Freude heim. Mein Großvater befahl ihr, diese Kleidung umgehend zurückzubringen, mit diesem System und diesen Leuten hätte seine Familie nichts zu tun. In der Stadt hätte er unter Umständen große Schwierigkeiten bekommen mit der Einstellung, so verlief das im Sand und ist überlieferte Geschichte an mich.

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SoundofThunder
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Lieschenmüller

Dann hat Ihr Großvater IHN auch durchschaut was für ihn spricht und ich vor ihm meinen Hut ziehe. In Zeiten größter Not so zu handeln zeugt von Großer Moral und Stärke.

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lieschenmueller
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Meine Großeltern mütterlicherseits haben mir immer erzählt,

an diesem Tag - heute vor 80 Jahren - saßen sie daheim und haben geweint. Und waren gewiss, das bringt Krieg. Mein Opa war während des Krieges als Sozialist eine Zeitlang eingesperrt, in der deutschen Stadt Braunschweig. Von Nachbarn wurde meiner Oma oft angedroht, wenn sie noch einmal den Mund aufmache, würde man sie anzeigen und sie käme nach Dachau. Nach 1945 wollte man davon natürlich nichts mehr wissen und keiner war dabei ..........

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SoundofThunder
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Ja

Der 1.WK ging verloren.Die Monarchie zerfiel. Die Demokratie stand erst am Anfang.Die Wirtschaft lag danieder.Es gab Massenarbeitslosigkeit und eine Hyperinflation (Es gab sogar 500.000.000 Kronen Scheine und man bekam dafür nicht einmal einen Kilo Brot).Österreich galt als nicht Überlebensfähig. Und dann kam ER. Er versprach Milch und Honig (gekommen ist der 2.WK) und wurde von der Bevölkerung mit Begeisterung (wie ein Neil Armstrong nach der Mondlandung) empfangen.7 Jahre später sagen wir dass wir das erste Opfer waren und nichts dagegen tun hätten können.ER lieferte auch einfache Antworten auf die Misere:Dolchstoßlegende (Deutschland war im Felde unbesiegt) und Sündenböcke (Juden,Sozialisten,Kommunisten). Und es ist richtig:Plötzlich gab es wieder Schuhe! Zwar Gebraucht,aber immerhin.Keiner hat nachgedacht WEM diese Schuhe vorher gehört haben.Ich kann Ihrem Posting vollinhaltlich zustimmen 👏

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mapem
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Dunkler und Heller ...

Tja, was machma, wenns einst nicht mehr solche Heller gibt – oder sie sprechen lässt? …

Und in letzter Zeit kommt´s mir schon viel zu oft so vor, als zögen welche immer mehr und mehr den Vorhang zu … und man kann immer weniger hinaus blicken – dorthin, wo die Menschlichkeit sonnig erwärmend strahlt.

Ja, es wird dunkler – aber jeder hat die Möglichkeit … hat´s in der Hand … den Vorhang immer wieder aufzuziehen … jeden Tag.

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spwolfg
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Wer sind die Menschen...

die hier dagegen voten? Wer sind diese Leute?

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aral66
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Vergrämte

unzufriedene Menschen vielleicht

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Irgendeiner
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Ja,mapem, solange es nicht gelingt den mit

einem Ruck runterzureißen,muß man ihn aufziehen, wieder und wieder.Ich sagte ja schon, Menschen sind Menschen, das ist logisch eine triviale Tautologie und doch ein ungeheuer wichtiger Satz, weitermachen,mapem,be seeing you.

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pantau
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bravo!

applaus!

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clubderbunten
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Versteckte Botschaft

Herr Andre Heller vielen Dank für die etwas versteckte Botschaft.
Letzlich ist unsere Welt nur zu retten - wenn wir und Entnationalisieren und uns weltweit mit allen Menschen solidarisch fühlen. Nation ist dazu völlig unbrauchbar und ein Fossil von Gestern. Jeder Kauf eines Produktes wirkt sich letzlich weltweit aus. Und Nationalstaaten glauben immer noch sie könnten die gemeinschaftlichen Belange nationalstaatlich regeln.
Nation gehört downgegradet - und die Nationalflaggen bei Olympia gehören abgeschafft bzw. verboten. Was soll dieses dumme Theater der aller Nationalflaggenschwinger - jede Nation glaubt besser gescheiter klüger als die andere zu sein - jede. Dieses Gedankengut brauchen wir nicht - sondern europa - bzw. weltweite Solidarität - damit die Erde - deren Probleme nur gemeinschaftlich zu lösen sind - überlebt. club der bunten

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Irgendeiner
10
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Ich war ja bei Gott nie ein Fan von Heller, aber diese Rede

ist exzellent,welche Fallhöhe zu den Stereotypen des Kanzlerdarstellers.Respekt, Herr Heller.Und das Zuckmayerzitat, auch wunderschön,"Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden, böswilligen Rachsucht und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt." Ich weiß nur nicht, warum mir dabei 2014 einfällt.

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sapientia
10
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Irgendeiner; Ja, einfach "großartig", mehr ist zu dieser Rede einfach nicht zu sagen!


Sie hätte es verdient, als (Pflicht-) Lese- und Diskussionsstoff in allen Schulen Österreichs verwendet zu werden, in den Gegenständen Deutsche Sprache, Geschichte, Geografie, Religion, Ethik, Wirtschaftskunde, Staatsbürgerkunde und geistige Landesverteidigung!
Einfach jeder und jede in Österreich muss sich damit beschäftigen und auch heute auf jene Zeichen zu achten, die zeigen, "wie ES angefangen hat" ...

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Himmelschimmel
25
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Irgendeiner

Ja, ich bin auch kein Andre-Heller-Fan gewesen. Bin es aber nach dieser recht wortgewaltigen und deshalb verführerisch vernebelnden Rede noch immer nicht. Nur zum Nachdenken: Am Heldenplatz sind im März 1938 also 5.000 oder waren es 20.000 oder vielleicht noch mehr (wieviele waren es denn, Herr Heller?) jubelnde Verbrecher gestanden, die man hätte sofort einsperren müssen! Die aber alle geglaubt haben, das Richtige zu tun und - aus ihrer persönlichen Erfahrung gerechtfertigt - es tun zu dürfen, ja zu müssen. Erst heute wisse wir, dass der Jubel damals und die Gewissheit, das nun ein für alle besseres Leben beginnt, nichts anderes als desaströse Fehler waren. Wer will heute die Menschen damals und erst recht uns Heutigen - die mit den Fehlern der Vergangenheit aber sowas von überhaupt nichts zu tun haben - für die Ereignisse in diesen unseligen sieben Jahren verantwortlich machen? Ach so, sind wir ja gar nicht. Na, dann sollen uns die Andre Hellers dieser Welt bitte in Ruhe lassen. Wir bringen niemanden wegen seiner Sprache, Herkunft, Hautfarbe oder Religion um. Wir leben heute - und nicht vor achzig Jahren!

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sapientia
5
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Himmel!, Sie haben den Heller vielleicht gehört, aber sicher nicht verstanden!


Denn wie soll man denn sonst Ihre "Gnade der späten Geburt", welche Sie in keiner Weise anerkennen und sich dafür bedanken, verstehen:
"Ach so, sind wir ja gar nicht. Na, dann sollen uns die Andre Hellers dieser Welt bitte in Ruhe lassen. Wir bringen niemanden wegen seiner Sprache, Herkunft, Hautfarbe oder Religion um. Wir leben heute - und nicht vor achzig Jahren!"

Sie haben ein ganz kleines Wörtchen vergessen, nämlich "noch", denn "Wir bringen NOCH niemanden wegen seiner Sprache, Herkunft, Hautfarbe oder Religion um." ist in Österreich derzeit NOCH ein Faktum, aber wie lange noch?

Irgendwie stolz (?) ein no-na zu bekräftigen, "Wir leben heute - und nicht vor achzig Jahren!", klingt auch sehr naiv und negiert, dass die niedrigsten Instinkte der Menschen zu jeder Zeit aktiviert werden konnten und können!

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ritus
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Gefährliche Vermischung

Alle Vereinfacher und Vergangenheitsverdränger vermischen zwei ganz wesentliche Dinge.
Jeder versteht, dass sich die überwiegende Mehrheit jener, die damals nicht zum Feindbild der Nazis gehörten, zuerst einmal zu Recht über eine Verbesserung ihrer Lebensumstände gefreut hat. Darüber zu jubeln, kann ich nachvollziehen.
Aber all jene, die nur eines zum Ziel hatten und dieses auch gnadenlos verfolgten, nämlich die pauschal zum schutzlosen Freiwild erklärten MENSCHEN wahllos zu verfolgen, denunzieren, berauben und ermorden, haben eben nicht das Richtige gedacht und getan. Sie hatten kein Recht, es zu denken oder zu tun. Sie haben es trotzdem getan, weil alle Gleichdenkenden es gedacht und getan haben. Das berechtigt jedoch niemand, sich in der mörderischen Masse zu verstecken und sich nachher mit der Sogwirkung der Masse zu rechtfertigen und auf ein Vergessen der Verbrechen zu hoffen oder gar zu verlangen, weil die Verbrecher in der Nachkriegszeit plötzlich wieder ehrbare Menschen und während der Nazizeit zufällig Opfer widriger Umstände geworden sein wollten. Niemand hat das Recht, heute ein vorsätzliches Vergessen oder Ignorieren, und schon gar nicht ein Leugnen der Gräuel von damals, zu fordern. Wir Menschen der heutigen Zeit MÜSSEN die Erinnerung wach halten, wenn wir verhindern wollen, dass ein solcher Massenwahn wieder unsere Gesellschaft und unser Leben zerstört. Wir Heutigen müssen uns aber nicht schuldig fühlen für die damalige Katastrophe.

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Irgendeiner
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Naja, das positive für Dich ist, Heller verstehst Du wenigstens ohne Stammtischerfahrung,man feixt.

Und nein,ich würde nicht sagen daß jeder der dort stand ein Verbrecher war,aber daß es blinde Idioten waren würd ich taxfrei behaupten,denn was die dritte Walpurgisnacht werden würde hatte Kraus schon viel früher sehen können, der ist aber im Sommer 36 schon für immer gegangen.Und die üblichen psychologischen Momente, Wunsch nach besserem Leben,,nach politischer Bedeutung der Zwergaustriaken(Hat Jörg in Kärnten auch gespielt),der Wunsch nach Heroen usw.,geschenkt,Menschen sind dumm und verführbar, aber das Straßenwaschen und die Demütigungen sind sofort losgegangen,auch die wilden Arisierungen,gegen den Willen der Nazis, das waren schon die bodenständigen Bretterköpfe, ganz ohne Order.Letzteres verblüfft mich nicht so, ihr habt ja erst jüngst gejubelt als, ich glaub die Dänen warens, man Flüchtlingen das Gerettete auch noch abnahm aber wie eine Generation von männlichen Kriegsteilnehmern zuschauen konnte wenn man Mädels mit Reibelappen auf die Knie zwang ist mir nie verständlich gewesen, die braune Herrschaft war ja noch nicht gefestigt.Und natürlich sind wir beide später reingehampelt und hatten da kein Teil dran,was ich im Gegensatz zu Dir aber sehe,die Idioten sind wieder da,die niederen Motive sind wieder da,die Verdammung aus Gruppenzugehörigkeit ist wieder da, ihr startet den nächsten Anlauf, selber Idiot, anderer Paria sozusagen.Und so gesehen habt ihr mit dem damaligen nichts zu tun und doch alles.

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