ATV und ProSiebenSat.1

Mögliche Senderfusion bedroht Österreichs Medienvielfalt

Sollte sich ProSiebenSat.1 den Konkurrenten ATV sichern, schiene zwar ein Privatsender gerettet, die Medienvielfalt in Österreich würde aber weiter leiden.

ATV und Puls 4 dürften Senderschwestern werden © APA/Neubauer
 

Österreichs Fernsehmarkt ist ein winziger, was an der jahrelangen Allianz aus Medienpolitik und ORF lag, Privatsender lange zu verunmöglichen. Als hierzulande ATV 2003 als erster Sender seine bundesweite Zulassung erhielt, waren Sat.1 und RTL in Deutschland jeweils 19 Jahre alt. Nun scheint es, als ob die rot-weiß-rote Senderlandschaft noch kleiner würde - zumindest die Eigenständigkeit betreffend. Viele Vorzeichen deuten darauf hin, dass sich die deutsche ProSiebenSat.1-Gruppe, zu der auch Puls 4 gehört, das zum Verkauf stehende ATV sichern wird. SPÖ-Medienminister Thomas Drozda sagt, eine solche Fusion sei "zweifellos unter gewissen Auflagen" möglich und Gespräche mit der Medienbehörde und auch Gespräche mit der Kartellbehörde sollen sich bereits "in der Finalisierung" befinden (Details hier). Der Deal könnte noch im Jänner perfekt gemacht werden.

Bestätigen möchte das der ATV-Besitzer nicht: "Laufende Gespräche oder Vertragsverhandlungen werden nicht kommentiert", heißt es aus dem Büro des Eigentümers der Tele-München-Gruppe Herbert Kloiber (69). Der gebürtige Wiener sagte letzten August, ATV sei sein "größter Fehler" gewesen, und brachte den Stein damit ins Rollen. Kloibers Verluste mit dem Sender gehen in eine zweistellige Millionenhöhe.

Die europaweit nahezu einmalige Eigentümerkonzentration würde so weiter verschärft. 

Peter Plaikner, Medienberater, über die mögliche Fusion

Sehr kritisch sehen die mögliche Übernahme Medienprofis: "ATV im Bunde von ProSiebenSat.1Puls 4 hieße das Ende des letzten eigenständigen Privatsenders, der im Informationsbereich politisch einigermaßen ausgewogen aufgestellt ist", sagt Kommunikationswissenschaftler Fritz Hausjell und präzisiert: "Denn Servus TV ist zwar eigenständig, aber den Launen eines Multimilliardärs unterworfen und droht im Informationsjournalismus zu Breitbart-TV zu verkommen. Wer medienpolitisch eine gewisse Mindestvielfalt im Privatfernsehen sicherstellen will, kann also eine Fusion weder gutheißen noch dieser zustimmen." Medienberater Peter Plaikner stimmt zu: "Die Medienvielfalt wird keinesfalls gestärkt, sondern die europaweit nahezu einmalige Eigentümerkonzentration weiter verschärft. Nur ein Grund spricht für diesen Deal: ATV würde ansonsten wohl eingestellt."

Die deutsche ProSiebenSat.1-Gruppe würde mit seinen Sendern ProSieben, Sat.1, Puls 4, Kabel 1, Sixx, ProSieben Maxx, Sat.1 Gold sowie künftig ATV seinen Marktanteil hierzulande zwar nur von 15,6 auf 18,9 Prozent erhöhen (der ORF hält rund 33 Prozent), allerdings stiege der Bruttowerbemarktanteil bei der TV-Werbung beträchtlich: von knapp 37 auf 44 Prozent. Der ORF lag im Vorjahr bei nur mehr 28,3 Prozent.

Andreas Mannsberger produziert seit Jahren auch für ATV Foto © Gernot Eder

Die Verunsicherung bei und rund um ATV ist derzeit groß: "Ich bin etwas ratlos, denn man weiß nie, was ein möglicher neuer Eigentümer umkrempeln möchte", sagt Produzent Andreas Mannsberger, der für ATV u. a. "Wachzimmer Ottakring" oder "Das Geschäft mit der Liebe" verantwortet. "Kein Kommentar" gibt es von Ufa Show & Factual, den Produzenten von "Bauer sucht Frau". Am Mittwoch holte die Kuppelshow mit Arabella Kiesbauer bei ATV rund 200.000 Seher. Trotz der möglichen Übernahme von ProSiebenSat.1 wäre der Erhalt von starken und unverwechselbaren Marken wie "Bauer sucht Frau" sowie den täglichen Nachrichten "ATV aktuell" wichtig. Denn nur eine Nachrichtenredaktion für Puls 4, Sat.1 Österreich, ProSieben Austria und ATV wäre journalistisch sehr bedenklich.

Kommentieren