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Recycling von BaustoffenWie man Häuser wieder verwertet

Helmut Rechberger vom Institut für Wassergüte und Ressourcenmanagement der TU Wien erklärt, ob ein Einfamilienhaus überhaupt nachhaltig sein kann und warum Information eine der wichtigsten Ressourcen in diesem Bereich ist.

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Sustainable living
Sustainable living © (c) malp - stock.adobe.com
 

Beim Bauen ist immer mehr von Nachhaltigkeit die Rede. Worauf muss man achten?
HELMUT RECHBERGER: Wenn wir hier von ökologisch nachhaltigen Gebäuden sprechen, dann weist ein ökologisch nachhaltiges Gebäude einen geringen Ressourcenverbrauch sowie geringe Umweltbelastungen auf. Beim Ressourcenverbrauch stellen sich Fragen wie: Aus welchen Materialien ist das Gebäude errichtet und wie langlebig ist es? Und: Wie gut ist das Bauwerk recycelbar? Die Umweltauswirkungen betreffen unter anderem die Produktion der Rohstoffe: Gibt es Emissionen in Luft oder Gewässer? Wie wird das Gebäude betrieben?

Viele träumen vom eigenen Haus: Kann ein Einfamilienhaus überhaupt nachhaltig sein?
Natürlich sind Einfamilienhäuser problematischer als ein verdichteter Siedlungsbau in der Stadt. Ein Einfamilienhaus verbraucht normalerweise mehr Fläche als ein mehrgeschoßiges Mehrfamilienhaus, es hat eine größere Oberfläche und das ist energetisch wieder ungünstiger. Dazu kommen noch die Faktoren Erreichbarkeit und Verkehr. Man ist viel mehr auf Individualverkehr angewiesen. Man braucht auch mehr Infrastruktur zur Versorgung mit Wasser, Energie, aber auch zur Abwasserentsorgung. Das Thema Verhüttelung ist uns ja allen bekannt. Generell ist die dichtere Verbauung in Städten besser, weil das eine Konzentration ist, auch der Materialien. Beim „Urban Mining“, im „urbanen Bergbau“, wird eine Stadt oder eine Siedlung auch als Agglomerat von Sekundär-Rohstoffen gesehen, die man versucht, immer wieder im Kreislauf zu führen. Dazu braucht man eine Konzentrierung, und diese ist natürlich bei einer städtischen Siedlung mehr gegeben.

Ausstellung im HDA

Studien zeigen, dass die Bauindustrie für 40 Prozent der Abfallproduktion, für 40 Prozent des Verbrauchs von Primärenergieressourcen und für 40 Prozent der CO2-Emissionen weltweit verantwortlich ist. Ein Umdenken hin zur Kreislaufwirtschaft ist notwendig.
Die Ausstellung „Material Loops“ im Haus der Architektur (HDA) in Graz zeigt gelungene Beispiele.
Wo: Haus der Architektur in Graz (Mariahilferstraße 2)
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.
Dauer: bis 4. Juli
hda-graz.at


Welche Baumaterialien sind leicht wiederverwertbar?
Alles, was leicht trennbar ist, ist natürlich günstig für die Wiederverwertung. Hier sind noch einige Punkte wichtig: Das Material muss in großen Mengen im Bauwerk vorhanden sein, beispielsweise Beton. Außerdem sollte es geringe Kontaminationen aufweisen. Man braucht aber auch ein Einsatzgebiet, denn das beste Recyclingbaumaterial hilft nichts, wenn man nicht weiß, was man damit tun soll. Ein Beispiel wäre der Ziegelabbruch, wo man Ziegelsplit produziert. Man nimmt an, dass es in Zukunft mehr davon geben wird, als man benötigt. Wenn ich aber Kupfer, Aluminium, Eisen und Stahl aus einem Gebäude heraushole, kann ich es wieder in die Metallindustrie zurückbringen und rezyklieren.
Wo verstecken sich die größten Ressourcen?
In Bauwerken, Siedlungen und Infrastrukturen wie Straßen. Die Hälfte steckt im Hochbau, also in den Gebäuden, und die andere Hälfte im Tiefbau, in den Infrastrukturen.

Wer müsste die „Recycling-Fähigkeit“ von Gebäuden von Beginn an im Blick haben?
Die Planer, Architekten und Bauingenieure. Sie müssten schon bei der Planung an die Recyclingfähigkeit denken. Im Bauwesen ist es aber sehr schwierig, weil derjenige, der das Bauwerk heute plant, nichts mehr damit zu tun hat, wenn es abgerissen wird. Die Produktverantwortung ist nicht mehr gegeben, weil wir hier so lange Produktnutzungsdauern haben. Das macht das Recycling im Bauwesen wirklich schwierig. Ganz wichtig ist in diesem Bereich aber auch die Dokumentation der materiellen Zusammensetzung des Bauwerks. Information ist eine der wichtigsten Ressourcen.
Foto © CreativeRain - Fotolia

Inwiefern?
Weil man keine Recyclingtechnologie oder -strategie entwickeln kann, wenn man nicht weiß, wie die Abfälle, die man bekommen wird, zusammengesetzt sind. Wir sehen in unseren Modellen, dass wir in Zukunft beispielsweise mehr Aluminium in den Bauwerken finden werden, die wir abreißen. Irgendwann wird es in der Abfallwirtschaft landen. Wenn wir in 20 Jahren die doppelte Menge an Aluminium aus dem Bauwesen bekommen, als es heute der Fall ist, dann muss sich die Recyclingindustrie darauf einstellen. Dieses Wissen geht bei den Gebäuden aber verloren. Es bräuchte einen „Ressourcen-Kataster“.

Können Sie ein Beispiel für ein gelungenes, nachhaltiges Bauprojekt nennen?
Mir gefällt die Idee hinter dem Bürogebäude von Baumschlager und Eberle in Lustenau. Es heißt „2226“, weil das ganze Jahr über die Temperatur zwischen 22 und 26 Grad liegt. Ein Bauwerk soll uns ein gewisses Service bieten und ich mag es, wenn dieses mit einfachen Mitteln bereitgestellt wird und nicht mit hoch komplizierten Technologien. Bauen, aber das mit „Haus-Verstand“.
Architekten Eberle
Foto © Eduard Hueber, archphoto © Baumschlager Eberle Architekten

Projekt "2226"

Im Bürogebäude von „Baumschlager Eberle Architekten“ in Lustenau wurde weitgehend auf Technik verzichtet. In dem 2013 fertig gestellten Gebäude herrschen konstant zwischen 22 und 26 Grad. Für Temperaturstabilität sorgt die thermische Masse: die Außenwände teilen sich in 38 Zentimeter statisches und 38 Zentimeter isolierendes Ziegelmauerwerk. Das Gebäude ist auf eine Lebensdauer von 200 Jahren ausgelegt. www.baumschlager-eberle.com

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