Weltweite SorgenZitterpartie beim Krisenkonzern Evergrande geht weiter

Aktien legen um ein Fünftel zu - Nach wie vor Unklarheit über Zinszahlung für Anleihe - Fed-Chef Powell gibt sich gelassen: Keine Ansteckungsgefahr - Investoren hoffen auf Staatshilfe

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Die Unruhe im und um das Headquarter von Evergrande in Shenzen wächst
Die Unruhe im und um das Headquarter von Evergrande in Shenzhen wächst © AP
 

Das Schuldendrama um den chinesischen Immobilienkonzern Evergrande hält die Finanzmärkte in Atem. Bei Anlegern machte sich am Donnerstag zwar zeitweise die Hoffnung breit, das Unternehmen könne zerschlagen und gerettet werden. Notenbanken rund um den Globus blicken aber zunehmend sorgenvoll nach China. Laut dem "Wall Street Journal" bereiten die chinesischen Behörden lokale Regierungen auf einen möglichen Zusammenbruch des zweitgrößten Immobilienentwicklers Chinas vor.

Insolvenz könnte Dominoeffekt auslösen

Unklarheit herrschte darüber, ob der mit gut 300 Milliarden Dollar (rund 256 Milliarden Euro) verschuldete Konzern Zinsen für eine Anleihe wie versprochen bedient. "Ob die Staatsführung die schützende Hand über Evergrande halten wird, bleibt abzuwarten", sagte Analyst Christian Henke vom Onlinebroker IG. Eine Insolvenz könnte einen Dominoeffekt auslösen. Manch ein Analyst sprach von einem möglichen "Lehman-Moment" und weckte damit Erinnerungen an die Pleite der US-Bank Lehman Brothers 2009. Diese schickte Schockwellen durch die globalen Finanzmärkte, zahlreiche Banken brauchten Staatshilfe.

Immobilienwerte zogen an den Börsen an

Die in den vergangenen Wochen schwer gebeutelten Aktien von China Evergrande sprangen am Donnerstag um 18 Prozent nach oben. Auch andere Immobilienwerte zogen an. Für Beruhigung bei den Anlegern sorgte unter anderem ein Medienbericht, wonach die Führung in Peking einen Restrukturierungsplan für Evergrande abgenickt habe. Zudem appellierte Verwaltungsratschef Hui Ka Yan an das Management, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen und Immobilienprojekte weiterzubauen. Die Aufsichtsbehörde in China forderte Evergrande auf, Zahlungsausfälle bei den Dollar-Anleihen zu vermeiden und Gespräche mit Investoren zu suchen.

Zentralbanken im Ausland blicken inzwischen gespannt in die Volksrepublik. Das Engagement ausländischer Finanzinstitute bei Evergrande ist nach Meinung von führenden Währungshütern zwar gering. "Die Frage ist aber, wie die Behörden in China damit umgehen und ob sich dadurch etwas Größeres entwickeln kann", sagte Sam Woods, Vize-Gouverneur der Bank of England. "Womöglich könnte dies irgendwann zu etwas werden, worüber wir uns Sorgen machen müssen." Auch der Schweizer Notenbankchef Thomas Jordan warnte davor, die Probleme bei Evergrande herunterzuspielen. "Es ist falsch alarmiert zu sein, aber es ist auch falsch, das als ein kleines, lokales Problem zu betrachten." Fed-Chef Jerome Powell sagte, Folgen für US-Unternehmen seien begrenzt.

Wachstum mit Schulden finanziert

Evergrande hat sein Wachstum in den vergangenen Jahren mit Schulden finanziert und ist nun in Zahlungsverzug gegenüber Banken, Anleihegläubigern sowie Kunden und Mitarbeitern geraten. Mehrere Ratingagenturen stuften die Kreditwürdigkeit herunter, Aktien und Anleihen gerieten in freien Fall. Experten warnen nicht nur vor Schockwellen an den Finanzmärkten. Auch gesellschaftliche Probleme könnten entstehen. Bei Evergrande arbeiten 200.000 Menschen, mehrere Millionen Arbeiter werden jährlich für Bauprojekte angeheuert. Zudem haben viele Kleinanleger Geld in Evergrande-Finanzprodukte investiert.

"Chinas politische Führung dürfte sich des Ernstes der Lage bewusst sein", sagte Chef-Anlagestratege Bernd Hartmann von der VP Bank. Evergrande werde sich voraussichtlich zuerst darum kümmern, dass Arbeiter und Privatinvestoren ihr Geld bekämen und die Häuser fertig gebaut werden, sagte Oscar Choi, Gründer der Investmentfirma Oscar and Partners Capital. Erst wenn diese Prioritäten erfüllt seien, werde Evergrande mit seinen anderen Gläubigern sprechen. "Sonst werden sich einige Hunderttausend Menschen bei der Regierung beschweren."

Seit August kein Lohn mehr für Mitarbeiter

Evergrande-Mitarbeiter Li Hongjun hat seit August keinen Lohn mehr bekommen. "Ich habe bald nichts mehr zu essen. Wenn es soweit kommt, muss ich zur Regierung gehen und dort essen", klagte er. Seine Partnerin Christina Xie hat 380.000 Yuan (50.139 Euro) in Evergrande-Wertpapiere investiert und muss um die fest eingeplanten Zinsen von 7,5 Prozent pro Jahr fürchten. Ihr Anlageberater habe gesagt, die Produkte bei einer der größten Immobilienfirmen Chinas seien sicher, erzählt sie. "Das war mein ganzes Erspartes. Ich wollte es für mich und meinen Partner im Alter verwenden. Ich arbeite Tag und Nacht, jetzt ist alles vorbei."

Kommentare (1)
VH7F
0
3
Lesenswert?

Niemals alle Eier in einen Korb legen!

Kein Gehalt von der Firma plus das gesamte Ersparte dort angelegt? Oje