Josef Obergantschnig ist Präsident des Wirtschaftsethikklubs Ethico und allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Bank- und Börsenwesen. In seinem "Logbuch eines Börsianers" schildert der erfahrene Kapitalmarktexperte für die Kleine Zeitung seine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse in diesem – auch auf dem Börsenparkett – ereignisreichen Zeiten und zieht jeweils eine Wochenbilanz. 

Samstag, 1. Oktober: 2022 ist anders!

Was haben die Finanzmärkte und ich dieser Tage gemeinsam? Diese Frage stelle ich mir, als ich mit meinem morgendlichen Espresso aus dem Fenster blicke. Das Wetter ist ungemütlich. Es regnet, es ist kalt und irgendwie fällt es mir in diesem Umfeld deutlich schwerer, morgens aus den Federn zu kommen. Ähnlich dürfte es auch den Finanzmärkten gehen. Der amerikanische S&P 500 ist sechs Handelstage in Folge gefallen. Das ist die längste Serie seit Februar 2020, als Corona so richtig an Fahrt aufgenommen hat.

Das Zünglein an der Waage sind die Notenbanken. Die Entscheidungsträger sind im Spannungsfeld zwischen Inflationssorgen, Vertrauen in die Währung und einer stark abnehmenden Wirtschaftsdynamik gefangen. EZB-Präsidentin Lagarde hat im Juli die Zinswende eingeleitet und stellt weitere Zinserhöhungen in Aussicht. Für die nächste EZB-Sitzung am 27. Oktober scheint bereits nur mehr die Frage im Raum zu stehen, wie stark der Zinsschritt diesmal ausfallen wird. Ziel der EZB-Strategie ist es, damit die Nachfrage zu dämpfen und die davongaloppierenden Inflationsraten einzufangen. In Deutschland hat sie mittlerweile sogar schon die 10-Prozent-Hürde erklommen. Das ist immerhin der höchste Stand seit den 1950ern.

Die Kehrseite der Medaille ist eine Drosselung des Wirtschaftsmotors und die Gefahr einer ausgewaschenen Rezession.  Auch die größte Volkswirtschaft der EU ist betroffen. Nach einem Wachstum von 1,4 Prozent im Jahr 2022, gehen deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute davon aus, dass wir 2023 in eine Rezession eintreten und das BIP um 0,4 Prozent zurückgehen werde. Der US-Ökonom Joseph Stiglitz geht mit der EZB-Strategie hart ins Gericht. Seiner Einschätzung nach ist die Inflation mit einer Angebotsverknappung zu begründen. In diesem Zusammenhang verweist er auf die anhaltenden Lieferkettenprobleme als Folge der Pandemie sowie die durch den Russland-Ukraine Konflikt stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise. Die Wurzel des Problems kann laut Einschätzung von Stieglitz daher nicht durch eine Drosselung der Nachfrage gelöst werden.

Und dann setzte am Mittwoch dieser Woche die britische Notenbank noch einen drauf, in dem sie erste Notfallmaßnahmen ergriffen hat, um dem Absturz des Pfundes und der stark abnehmenden Wirtschaftsdynamik entgegenzuwirken. Spannend finde ich auch, dass die britische Notenbank ab sofort Staatsanleihen mit langer Laufzeit auf ihre Bücher nehmen will, um dadurch den Markt zu stabilisieren. Diese ultralockere Geldpolitik diente in der Vergangenheit oft als Krisenbekämpfungsmittel und wurde z.B. in der Finanzkrise oder in der Corona-Pandemie eingesetzt.

2022 ist aber anders! Diesmal wird die Strategie dazu eingesetzt, um die Auswirkungen der Haushaltspläne der eigenen Regierung zu begrenzen. Und das würde ich per se einmal nicht als positives Signal werten. Am 15. September 2008 ging Lehman Brothers, eines der ältesten Investmenthäuser der Wall Street, die viertgrößte Investmentbank der USA, bankrott. Ein Tag, der die Finanzwelt zutiefst erschütterte. Es folgte eine Finanzkrise, die auch die Realwirtschaft mit in den Abgrund zog. Diese Woche wurde die Lehman-Insolvenz endgültig abgewickelt. Kunden und besicherte Gläubiger wurden mit 106 Milliarden Dollar voll entschädigt, unbesicherte Gläubiger erhielten immerhin noch 41 Prozent ihrer Forderungen erstattet. Damit endet die Pleite nach mehr als 14 Jahren für die Gläubiger noch einigermaßen glimpflich. Das Lehman-Kapital kann nun auch formal geschlossen werden.

Abschließend blicken wir noch einmal auf die Aktienmärkte. Alle Porsche-Liebhaber können jetzt eine der 911 Millionen Porsche-Aktien in ihr Depot aufnehmen. In Bezug auf den Ausgabepreis liegt die Marktkapitalisierung am unteren Ende der Bandbreite. 75 Milliarden sind aber selbst in diesem inflationären Umfeld kein Schnäppchen. Aber wie heißt es so schön: Luxus geht immer! Das kann mit Sicherheit auch Bernaud Arnault, Chef des Luxusgüter-Konzerns Louis Vuitton bestätigen. Gemeinsam mit seiner Familie besitzt er knapp die Hälfte der Unternehmensanteile. Mit einem geschätzten Vermögen in der Höhe von $129 Milliarden ist er reichster Europäer und der viertreichste Mensch auf der Welt. Zu dem Imperium gehören mittlerweile über 70 Marken. Die Produktpalette geht vom Champagnerhersteller Moët bis zu den Birkenstock-Sandalen. Bei dem Vermögen wird Arnault sich locker einen neuen 911er leisten können. Fragt sich nur, ob er mit polierten Lederschuhen oder Birkenstock ausfährt?

Samstag, 24. September: Gekommen um zu bleiben

Meine Espresso-Bohnen sind vom Italiener meines Vertrauens. Sie kosten etwas mehr als herkömmliche Bohnen. Auch wenn ich in diesem Zusammenhang wahrscheinlich eine Ausnahme bin, finde ich den Preis absolut gerechtfertigt und gehöre seit Jahren zur Stammkundschaft.

Neben der Produktqualität kauft der Kunde auch ein Flair und ein Lebensgefühl. Und das jeden Tag. Kaufentscheidungen sind häufig emotional. Das gilt auch für das Auto. Viele – ich nehme einmal an, das trifft vorwiegend auf Männer zu – träumen von schnellen Sportautos. Ganz vorne im Ranking steht seit vielen Jahren der Porsche. Für viele Autoliebhaber ist die Marke Inbegriff von Luxus, Schönheit und Produktqualität. Und als Bonus bekommt der Kunde noch anerkennende oder auch neidvolle Blicke, wenn er stilvoll seinen 911er in einer Promenade parkt. Der hat es geschafft! Porsche ist dieser Tage auch ein großes Thema an den Finanzmärkten. Schließlich will das Unternehmen Ende September an die Börse. Mit einem anvisierten Preis von rund 80 Euro pro Anteil wird es der Sportwagenhersteller vermutlich in viele Wertpapierdepots schaffen. Eine Exklusivität gepaart mit einer hohen Reputation kann sich der Aktionär demnach vermutlich nicht erwarten. Der Run auf den größten Börsengang Deutschlands seit 1996, als die Deutsche Telekom den Sprung an die Börse wagte, hat bereits eingesetzt. Obwohl die Zeichnungsfrist noch bis 28. September läuft, ist das Emissionsvolumen bereits vielfach überzeichnet. Der Mutterkonzern Volkswagen kann sich schon einmal die Hände reiben.

Spannend finde ich auch, dass Porsche zum Börsengang voraussichtlich mit 75 Milliarden Euro bewertet wird. Im Vergleich dazu beträgt der gesamte Börsenwert von VW „nur“ rund 90 Milliarden. Zum Markenportfolio des Unternehmens gehören neben Porsche auch noch Volkswagen, Audi, SEAT, SKODA, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Ducati, Scania und MAN. Das Gesamtkapital von Porsche besteht in Anlehnung an den legendären Porsche 911 aus 911 Millionen Aktien. VW wird auch nach dem Börsengang der Mutterkonzern der Luxusmarke bleiben. Ich bin schon gespannt, welche Performance Porsche auf dem glitschigen Börsenparkett hinlegen wird.

Das bestimmende Thema der vergangenen Wochen und Monate war die Inflation. In Deutschland wurden am Dienstag die Erzeugerpreise für August veröffentlicht. Mit einem Preisanstieg um 45,8 Prozent wurde ein neues Allzeithoch seit Beginn der Statistik im Jahr 1949 erreicht. Hauptgrund dafür sind die stark gestiegenen Energiepreise. Die Erzeugerpreise sind ein Vorbote für die Inflation. Volkswirte rechnen damit, dass die Unternehmen die höheren Preise auch an die Konsumenten weiterreichen. Wie es scheint, ist das Inflationsgespenst gekommen um zu bleiben. Der gleichen Ansicht ist auch Jerome Powell, Präsident der US-Notenbank. Die Fed hat den US-Leitzins diese Woche zum dritten Mal in Folge um 0,75 Prozentpunkte erhöht, um damit die ausufernde Inflation zu bekämpfen. Das scheint aber noch nicht alles gewesen zu sein. Viele Marktteilnehmer rechnen bis Jahresende mit weiteren Zinsschritten.

Geld schläft nicht. Das hat der große Investor Warren Buffett bereits frühzeitig erkannt: „Wenn du keinen Weg findest, im Schlaf Geld zu verdienen, wirst du bis an dein Lebensende arbeiten müssen!“ Das trifft vor allem auf den deutschen Aktienmarkt zu. In einer aktuellen Analyse hat "HQ Trust" zwei unterschiedliche Investoren ins Rennen geschickt. Auf der einen Seite des Rings steht der „Tages-Investor“, der morgens pünktlich um 9:00 Uhr zum Xetra-Eröffnungskurs in den DAX einsteigt und zum Börsenschluss um 17:30 Uhr seine Anteile wieder abstoßt. Auf der anderen Seite des Rings steht der „Nacht-Investor“, der jeden Tag um 17:30 Uhr einsteigt und morgens um 9:00 Uhr die Bücher schließt. Seit 1993 hat der deutsche „Nacht-Investor“ 10,2 Prozent pro Jahr verdient. Im Vergleich dazu musste der „Tages-Investor“ in der gleichen Zeitspanne einen Verlust von 3,6 Prozent p.a. hinnehmen. Spannend finde ich, dass für den amerikanischen S&P 500 Index die Bedeutung von Nachtrenditen zunehmen, in dem Gesamtzeitraum aber im Gegensatz zu Deutschland keine große Rolle gespielt haben.

Das ist für mich ein Indiz dafür, dass der US-Markt auch für den deutschen DAX die Richtung vorgibt. Auch wenn ich meinen Espresso-Konsum weiter in die Höhe schraube, werde ich ohne Schlaf definitiv nicht auskommen. Insofern bleibt mir nur, Warren Buffets Rat zu befolgen und meine Aktien auch im Schlaf im Portfolio zu belassen!

Samstag, 17. September: Eigenheim rückt in weite Ferne

Mein Espresso haucht mir frühmorgendlich neue Lebensgeister ein. Auch wenn der Kaffeegenuss mittlerweile zum Luxusgut geworden ist, als Börsianer muss das wohl noch drinnen sein. Nachdem sich die Preise im Vorjahr nahezu verdoppelt haben, sind Kaffeebohnen auch heuer noch einmal spürbar teurer geworden. Mit einer Steigerungsrate von ca. 20 Prozent liegt man deutlich über der Gesamtinflation.

Neben den stark steigenden Preise im Nahrungsmittelbereich belasten auch steigende Wohnkosten immer stärker die Haushaltsbudgets. Als übermäßige Belastung definiert die EU, wenn mehr als 40 Prozent des Haushaltseinkommens für Wohnen ausgeben wird. Laut Eurostat betrifft das acht Prozent der EU-27-Bürger. In Österreich sind es 5,9 Prozent, in Deutschland 10,7 Prozent und in der Schweiz sogar 13,9 Prozent der Bevölkerung. Es ist davon auszugehen, dass der Trend weiter ansteigen wird.

Nachdem Wohnen immer teurer wird und Kreditraten aufgrund der Zinsentwicklung steigen, können sich viele junge Menschen das Eigenheim nicht mehr leisten. Erschwerend kommt noch hinzu, dass etliche Banken hinsichtlich der Kreditvergabe deutlich restriktiver werden. In Österreich ist seit August eine Kreditvergaberichtlinie in Kraft, die neben der Rückzahlungsdauer auch die Eigenmittelquote und die Belastung des Haushaltseinkommens berücksichtigt. Aufgrund dessen dünnt sich die Schicht der potenziellen Käufer immer stärker aus. Mehr Verkaufswillige in Kombination mit weniger Kaufwilligen sorgt in den seltensten Fällen zu stark steigenden Preisen.

In Deutschland sind die Immobilienpreise im Juli und August bereits gefallen. Seit Jahresbeginn sind die Preise nur um 0,5 Prozent gestiegen. Bei Inflationsraten von über acht Prozent bieten 2022 Immobilien auch keinen Inflationsschutz. Setzt sich der Trend in den nächsten Monaten weiter fort, droht sogar das erste negative Jahr seit 2009.

Die hohe Inflation dürfte auch Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, sauer aufstoßen. Er erwartet für Deutschland zweistellige Inflationsraten und geht davon aus, dass weitere Zinsschritte der Europäischen Nationalbank folgen werden. Nachdem Christine Lagarde im September den Leitzins um 0,75 Prozent angehoben hat, steht die nächste Zinserhöhung bei der Sitzung Ende Oktober bereits ante portas. Die Frage scheint nur, wie hoch sie ausfallen wird.

Kommen wir noch zu den liquiden Vermögenswerten. Auf den Aktienmärkten geht es weiterhin munter einmal rauf und einmal runter. Oder, wie man im Fachjargon sagt, die Bären kämpfen gegen die Bullen. Besonders unter die Räder gekommen sind Technologie-Aktien. Seit Jahresbeginn hat der technologielastige Nasdaq-Composite Index mehr als zehn Prozent mehr verloren als der Dow Jones Industrial Index. Eine der Größen ist Alphabet. Die Gründer Larry Page und Sergey Brin sind am 15. September 1997 mit der Google-Suchmaschine ins Netz gegangen. Alphabet ist mittlerweile mit 1,4 Billionen US-Dollar an der Börse bewertet und gehört damit zu den teuersten Unternehmen der Welt. Die Zinsen sind rund um den Globus gestiegen und haben bei entsprechender Laufzeit zu zweistelligen Verlustraten geführt.

Auch die Dating-App Tinder feiert dieser Tage sein zehnjähriges Jubiläum. Die Wisch- und Weg-Funktion hat das Liebesleben vieler Menschen verändert. Nachdem das in anderen Lebensbereichen nicht funktioniert, stellt sich für mich die Frage, ob ich statt meinem morgendlichen Espresso aufgrund der steigenden Preise doch lieber einen Grappa trinken sollte?

Samstag, 10. September: Buffett und die Dankenskarte

Warren Buffet ist ein amerikanischer Großinvestor und Chef der Investmentfirma Berkshire Hathaway. Dieser Tage feierte er seinen 92. Geburtstag. Seiner Biografie habe ich entnommen, dass er sehr gerne Fastfood isst und dazu ein Cola trinkt. In diesen Belangen ist er für mich definitiv kein Vorbild, schließlich bevorzuge ich meinen Espresso. Seit ich mich für Börse und Finanzen interessiere, ist Warren Buffet aber nichtsdestotrotz ein ständiger Wegbegleiter. Für mich zeichnet ihn ein klarer Fokus, Weitblick mit einem guten Gespür für ein ertragreiches Geschäftsmodel und der Mut aus, Krisen und Übertreibungsphasen antizyklisch zu überstehen. Das sind Weisheiten, die für jeden Investor von Relevanz sein sollten.

Ohne überheblich zu sein, scheine aber auch ich als Person ihm gut zu tun. Aktuell wird das Vermögen Buffets auf knappe 100 Milliarden Dollar geschätzt. Wussten Sie, dass Buffet 95 Prozent seines Vermögens erst nach seinem 65. Geburtstag verdient hat. Damit hat er in „unserer“ gemeinsamen Zeit immerhin satte 95 Milliarden Dollar verdient. Eine Dankeskarte ist meiner Meinung nach angebracht, auf die ich aber vergeblich warte. Warren Buffet ist Zeit seines Lebens bescheiden geblieben. Einen Porsche werden wir vermutlich nicht in seiner Garage finden.

Apropos Porsche. Der Aufsichtsrat gab der Volkswagen-Tochter grünes Licht für einen Börsengang. Der Sportwagenhersteller wird vermutlich auf zwischen 60 und 80 Milliarden bewertet. Der Porsche 911 Turbo S braucht für die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h lediglich 2,7 Sekunden. Das auch der Aktienkurs ebenso rasant beschleunigt, wage ich aber zu bezweifeln.

Kommen wir zur Makroökonomie. In den USA ist die Arbeitslosenrate im Juli zwar etwas gestiegen, mit einem Wert von 3,7 Prozent liegt man im historischen Vergleich immer noch auf einem außergewöhnlich niedrigen Niveau. Im Vergleich dazu betrug sie im April 2020 - in den Anfängen der Corona-Pandemie - noch unglaubliche 14,7 Prozent. Die Arbeitslosenrate ist allerdings nur bedingt aussagekräftig. Rund 40 Prozent der Amerikaner gehen einer Nebentätigkeit nach – ein vermutlich nicht unwesentlicher Teil davon, weil sie mit dem Hauptjob allein nicht über die Runden kommen.

An den Finanzmärkten blickt man gegenwärtig besorgt auf die Inflation. Diese Woche gab die Türkei an, dass die Inflation auf über 80 Prozent geklettert ist. Präsident Erdogan hat der türkischen Zentralbank untersagt, den Leitzinssatz anzuheben, um dem entgegenzuwirken. Wer nicht spurt, verliert den Job! In den letzten beiden Jahren mussten bereits vier türkische Notenbank-Chefs ihre Sessel räumen.

Im Vergleich dazu sind die Inflationsraten in Europa noch „gering“. Am Donnerstag hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Leitzinsen für den Euroraum um 0,75 Prozent erhöht. Nach der Zinsanhebung um 0,50 Prozent im Juli setzt sie damit ein weiteres Zeichen im Kampf gegen die hohe Inflation. Die EZB wandert damit auch auf den Spuren der FED.

Apropos FED, deren Präsident Powell hat heuer die Zinsen bereits um 2,25 Prozent erhöht. Eine weitere Zinserhöhung steht laut Einschätzung der Märkte im September bereits ante portas. Die Strategie der US-Notenbank scheint Früchte zu tragen. Die zweijährige Inflationserwartung des Marktes ist von 5,5 Prozent im März auf aktuell 2,2 Prozent gesunken und liegt damit nur mehr knapp über dem Fed-Ziel von 2 Prozent.

Powells Strategie hat aber auch eine Kehrseite. Die Wetten auf eine längere Rezession nehmen zu. Sollte das eintreten, wird sich der Druck auf Risiko-Assetklassen wie Aktien oder Unternehmensanleihen mit schlechterer Bonität weiter erhöhen. Mit einem Wertverlust von mehr als 20 Prozent (Bloomberg Global Aggregate TR Index) ist 2022 definitiv das Jahr der Anleihen. Vorrausschauend betrachtet, bringt das zwar höhere Renditen. Für all jene, die bereits in Anleihen investiert waren, heißt es aber Wunden lecken, da die Verluste vom Ausmaß her bereits historisch außergewöhnliche Dimensionen angenommen haben.

Der Zinsanstieg wirkt sich auch auf die Staatsfinanzen aus. Österreich hat diese Woche eine 10-jährige Anleihe mit einer Rendite von 2,15 Prozent herausgegeben und muss damit für die Finanzierung um 0,73 Prozent mehr berappen als noch vor einem Monat. Diese Entwicklung betrifft aber nicht nur Österreich, sondern fast alle Staaten. Der Internationale Währungsfonds hat bereits davor gewarnt, dass sich die Situation in Frankreich, Italien, Portugal oder auch Spanien aufgrund der hohen Verschuldung wieder etwas verschärfen könnte.

Abschließend stellt sich für mich noch die Frage, ob ich persönlich das Potenzial habe, auf Warren Buffets Spuren zu wandern. Werde auch ich an meinem 92. Geburtstag 100 Milliarden Dollar schwer sein? Realistischerweise wohl eher nicht. Selbst nicht in einem Umfeld, in dem aufgrund anhaltend hoher Inflationszahlen es nur so von Millionären und Milliardären wimmelt!

Samstag, 3. September: "Nur" Garantien?

Die Energiepreise spielen verrückt. Davon kann auch der größte Energiekonzern Österreichs ein Lied singen. Bei meinem morgendlichen Espresso kam ich diese Woche nicht an den Schlagzeilen über Wien Energie vorbei. Durch einen rasanten Anstieg der Energiepreise war der Konzern nicht mehr in der Lage, die an den Terminbörsen geforderten Sicherheiten zu hinterlegen.

Nachdem auch der Handlungsspielraum der Stadt Wien eingeschränkt war, musste der Bund in einer Nacht- und Nebelaktion ein Darlehen in Milliardenhöhe gewähren. Was war passiert?

Wien Energie hat an der Terminbörse Strom auf Termin verkauft, um sich den Strompreis abzusichern. Durch den Russland-Ukraine-Konflikt sind die Energiepreise stark gestiegen. An der Börse muss der Verkäufer Sicherheiten hinterlegen und damit seine Zahlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Die Zahlungssicherheit wird täglich auf Basis des Marktpreises und des Einstandspreises angepasst. Durch den signifikanten Kursanstieg ist der „Verlust“, also die Differenz zwischen dem Verkaufs- und Marktpreis, deutlich gestiegen. Aufgrund dessen muss der Konzern weitere Sicherheiten hinterlegen, die aus dem eigenen Liquiditätsbestand nicht mehr abgedeckt werden können.

Die sogenannte Margin dient als Absicherung, damit der Verkäufer der Lieferverpflichtung auch wirklich nachkommen kann. Wenn der Strompreis auf diesem Niveau bleibt, würden diese Sicherheiten aber tatsächlich fällig werden. Das Argument es handle sich "nur" um Garantien, zählt meiner Einschätzung nach also nicht! Was mich vor allem stutzig macht, ist die Höhe der Absicherungskosten, die im Worst-Case schlagend werden könnten.

Werfen wir nun einen Blick auf die Finanzmärkte. Gerade Anleiheninvestoren mussten durch den starken Zinsanstieg der letzten Monate deutliche Verluste hinnehmen.

Nachdem beim Notenbanker Treffen in Jackson Hole weitere Zinsanhebungszeichen an die Märkte gesendet wurden, hat sich der Trend nochmals verstärkt. Die zweijährige US-Staatsanleihe weist gegenwärtig die höchste Rendite seit 15 Jahren aus. Marktteilnehmer schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank im September den Leitzinssatz weiter kräftig um 75 Basispunkte anheben wird auf über 70 Prozent ein.

Ähnliche Signale gibt es vonseiten der Europäischen Zentralbank. Obwohl sich das Geschäftsklima im Euroraum deutlich eintrübt, wird an den Finanzmärkten mit einer kräftigen Zinserhöhung bei der nächsten Sitzung am kommenden Donnerstag gerechnet. Auch wenn die Inflationsraten sich einbremsen bzw. leicht sinken, verharren sie auf anhaltend hohem Niveau und bleiben demnach das Hauptproblem der Notenbanker. Der Wert einer Währung basiert auf Vertrauen. Und dieses Vertrauen ist an den realen Geldwert geknüpft. Insofern heißt es in den sauren Apfel zu beißen und die Leitzinsen zu erhöhen. Auch wenn das der angeschlagenen Konjunktur weiter an Dynamik kosten sollte.

In Zeiten hoher Inflation waren historisch betrachtet Unternehmensbeteiligungen ein gutes Instrumentarium für den realen Geldwerterhalt. Aktuell reagieren die Aktienmärkte aber etwas verhalten. Die Tendenz zeigt aufgrund des Konjunkturausblickes Richtung Süden. Und das obwohl global betrachtet etwas mehr als die Hälfte der Unternehmen die Analystenerwartungen für das 2. Quartal übertreffen und demnach ein gutes Ergebnis mit einstelligen Wachstumsraten in diesem turbulenten Umfeld ausweisen konnten. Woran erkennt man eigentlich, ob man sich in einem inflationären Umfeld befindet? Laut einer alten Volksweisheit gibt es hier einen relativ einfachen Selbsttest: Die Inflation ist hoch, wenn die Brieftasche dicker und der Einkaufswagen leerer wird! Für all jene, die das nicht so genau wissen wollen, empfehle ich eine bargeldlose Bezahlung!

Samstag, 27. August: Klub der Einhörner mit Dating-App

Diese Woche ist mir ein altes Foto aus den 1980ern untergekommen. Meine Kinder konnten es gar nicht glauben, dass der Teenager mit der Jeansjacke und den längeren Haaren ich sein sollte. Aufgefallen sind mir auch die weißen Sportschuhe mit den drei Streifen und den roten Punkten. Jogging Highs waren in meinen Teenagerjahren so ziemlich der letzte Schrei. Während meine Kaffeemaschine mit dem gewohnten Mahlgeräuschen meinen Espresso zubereitet, mache ich eine kurze Internet-Recherche.

Ungläubig sehe ich, dass gebrauchte Jogging Highs von Adidas um 400 Euro angeboten werden! Mir war gar nicht bewusst, dass sich meine ausgelatschten Turnschuhe aus Teenager-Tagen auch einmal zu echten „Realwerten“ entwickeln würden. Apropos Adidas. Der deutsche Sportartikelhersteller wurde 1949 von Adolf Dassler gegründet und hat sich seit damals zu einem Weltkonzern entwickelt. Die rund 60.000 Mitarbeiter werden sich auf einen neuen Chef einstellen müssen. Der Vorstandsvorsitzende Kasper Rorsted, der seit 2016 die Geschäfte führt, muss 2023 vorzeitig den Chef-Sessel räumen. Ausschlaggebend dafür sind Probleme mit dem Chinageschäft und ein geplanter „Neustart“.

Das Unternehmen hat allein im letzten Jahr nahezu die Hälfte des Börsenwertes verloren. Seit Amtsantritt von Kaspar Rorsted konnte die Aktie lediglich 1,5 Prozent per anno (p.a.) zulegen. Im Vergleich zu Nike (17 Prozent p.a.) und Puma (19 Prozent p.a.) hat man deutlich an Boden verloren. Kaspar Rorsted ist damit nach VW-Chef Herbert Diess und Fresenius-CEO Stephan Sturm der dritte DAX-Kapitän, der über Bord gegangen ist. Weitere Wackelkandidaten sind die Chefs von Henkel und SAP, die ebenfalls mit Performance-Problemen zu kämpfen haben.

Deutsche Unternehmen repräsentieren aktuell 1,86 Prozent der weltweiten Börsenkapitalisierung und haben in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung verloren. Im Jahr 2008 betrug die Gewichtung im Vergleich dazu noch etwas mehr als vier Prozent. Als Einhorn werden nicht börsennotierte Unternehmen mit einem Marktwert von mehr als einer Milliarde Euro bezeichnet. In Deutschland gibt es aktuell 30 Einhörner. Damit liegt man hinter dem Vereinten Königreich (47) und vor Frankreich (28) in Europa auf dem zweiten Rang.

Weltweit konnte der Einhorn-Klub im Februar 2022 erstmals die 1000er Marke überschreiten. Knapp 70 Prozent der Unternehmen stammen aus den USA und China. Die dominierenden Sektoren sind Fintech, Internet-Software und -services sowie E-Commerce. Das wertvollste Start-up Deutschlands heißt Celonis und wird mit rund 13 Milliarden Dollar bewertet. Spannend finde ich, dass das Unternehmen den letzten Jahresabschluss 2017 publiziert hat. Celonis droht wegen Intransparenz eine Bußgeldzahlung. Transparenz schaut in meinen Augen anders aus.

Kommen wir zu den Aktien. Die Berichtssaison neigt sich dem Ende zu. 95 Prozent der S&P 500 Unternehmen haben bereits ihre Quartalsergebnisse veröffentlicht und konnten ein Gewinnwachstum von etwas über zehn Prozent ausweisen. Die Aktienmärkte konnten bisher ein sehr erfreuliches Quartalsergebnis ausweisen. Besonders positiv haben sich Technologie-Unternehmen entwickelt. Die Bedeutung des Sektors hat sich in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. Das ist wenig verwunderlich, da schließlich nahezu jeder unserer Lebensbereiche „technologisiert“ wurde. Das beginnt bei Sport- und Ernährungs-Apps, geht über das Smart-Home bis hin zur Partnersuche. Die beliebteste Dating-App Tinder gibt es bereits seit einer Dekade und ist in 190 Ländern und 45 Sprachen erhältlich. Tinder wurde 2017 von der March Group um drei Milliarden Dollar gekauft und hat den Marktwert seit damals mehr als verdreifacht.

Spannend finde ich, dass sieben der zehn reichsten Menschen der Welt ihr Geld als Tech-Unternehmer verdient haben. Nachdem meine Programmierkenntnisse dafür mit Sicherheit nicht ausreichen werden, bleibt für mich nur der Weg in den Keller, um meine alten Jogging Highs zu suchen!

Samstag, 20. August: Auf der Flucht . . .

Diese Woche haben meine Frau und ich „sturmfrei“, da unsere Kinder in einem Feriencamp sind. Das schafft Freiräume. Gewisse Routinen, wie das frühe Aufstehen und den morgendlichen Espresso lasse ich mir trotzdem nicht nehmen. Apropos Kinderbetreuung. Wussten Sie, dass wir Österreicher für Kinderbetreuung und Haushaltshilfen jährlich mehrere Milliarden Euro ausgeben? Der Trend ist mit Ausnahme des „Home-Office-Jahres“ 2020 stark steigend und die Gesamtausgaben sind um 27 Prozent höher als noch vor sieben Jahren. Laut Experten wird ein nicht unerheblicher Teil „steuerschonend investiert“.

Diese Woche sorgten wieder Inflationszahlen für Aufsehen. In Österreich kletterte die Teuerungsrate auf unglaubliche 9,3 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit 1975. Der Miniwarenkorb, der den wöchentlichen Einkauf simuliert, hat sich im Vergleich zum Vorjahr um unglaubliche 19,1 Prozent verteuert. Dabei werden neben Nahrungsmittel, häufig gekauften Gütern und Dienstleistungen auch Treibstoffpreise berücksichtigt. Die Inflation in Österreich ist damit etwas höher als in der Eurozone mit 8,9 Prozent . Vielleicht lohnt sich ein Blick für uns nach Argentinien. Die Menschen leben seit Jahren in einer Dauerkrise und müssen gegenwärtig mit einer Inflationsrate von 71 Prozent zurechtkommen. Allein im vergangenen Monat stiegen die Priese um 7,4 Prozent! Das ist kein leichtes Unterfangen.  Als „Geheimrezept“ haben sich Ratenkäufe, Devisengeschäfte und eine Flucht in Sachwerte, wie z.B. Immobilien herauskristallisiert. Der Trend dürfte weiterhin anhalten.

Die Tourismusbranche zittert schon vor den energieintensiven Wintermonaten. Energiesparmaßnahmen erfordern Kreativität. Das Spektrum reicht von geringerer Pooltemperatur, reduzierter Sauna-Öffnungszeiten bis zu geringerer Kunstschneeproduktion. Darüber hinaus müssen sich Schifahrer auf höhere Ticketpreise einstellen. Die Europäische Zentralbank und die US-Fed sind nach wie vor im Zinserhöhungsmodus. Im September wird der EZB-Leitzins laut Einschätzung des Marktes um 0,50 Prozentpunkte und der US-Leitzins um zumindest weitere 0,50 Prozentpunkte angehoben. Immer mehr Volkswirte warnen vor einer signifikanten wirtschaftlichen Abkühlung.

Diese Woche wurde der aktuelle ZEW-Index für Deutschland veröffentlicht. Im Rahmen einer Umfrage werden Finanzmarktexperten von Banken, Versicherungen, Unternehmen usw. zur aktuellen Lage befragt. Das Ergebnis ist wenig erbaulich. Für die Eurozone gehen mehr als 60 Prozent von einer abnehmenden Konjunkturdynamik aus. Spannend finde ich auch die Einschätzung zu gewissen Assetklassen. Zinsseitig rechnen über 90 Prozent der Experten im kurzfristigen Bereich mit steigenden Zinsen. Im Aktienbereich sehen die Finanzexperten aktuell deutlich mehr Chancen in China als in Europa oder den USA.

Ich bin ein ausgesprochener Asterix-Fan. Das „kleine“ Dorf in Gallien heißt 2022 China. Die chinesische Zentralbank hat sich aufgrund einer stockenden Wirtschaft entgegen dem Trend zu einer Zinssenkung entschlossen. Die Inflation liegt gegenwärtig bei überschaubaren 2,7 Prozent und ist demnach kein so großes Thema wie in Europa oder den USA. Die Aktienmarktentwicklung spiegelt das nicht wirklich wider. Während sich europäische und amerikanische Aktien in den letzten Wochen trotz der unsicheren Rahmenbedingungen deutlich erholen konnten, notieren chinesische Aktien noch nahe dem Tiefpunkt. Ist das eine Investment-Chance? Ich weiß es nicht! Eines ist aber klar: Der Markt hat immer recht!

Samstag, 13. August: Zinserhöhungen zeigen Wirkung

Als Ferragosto bezeichnen Italiener die Tage rund um den 15. August eines Jahres. Eine schier endlos scheinende Autokarawane zieht auf der Autostrada Richtung „Süden“. Die Zeit für Ruhe, Entspannung und Erholung, die von Kaiser Augustus im Jahr 8 vor Christus eingeführt wurde. Der römische Kaiser führte eine mehrtätige Auszeit ein. Feriae Augusti oder die Ferien des Augustus sind auch über 2000 Jahre nach dessen Einführung die Haupturlaubszeit vieler Italiener. Ein Schluck meines frühmorgendlichen Espresso bringt auch mich unweigerlich in eine Ferragosto-Stimmung. Und das definitiv nicht nur an Tagen rund um den 15. August.

Diese Wochen wurden die jüngsten US-Inflationszahlen veröffentlicht. Mit einer Rate von 8,5 Prozent befindet sich die Inflation zwar definitiv nicht im Ferienmodus, liegt aber doch etwas hinter den Markterwartungen zurück. Die Zinserhöhungen der amerikanischen Notenbank FED zeigen anscheinend Wirkung. Auch wenn weitere Zinserhöhungen im Laufe der nächsten Monate niemanden wirklich überraschen werden, gehen viele Marktteilnehmer von einer deutlich geringeren Dynamik aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass Jerome Powell die US-Leitzinsen im September erneut um 75 Basispunkte anhebt, ist von 65 Prozent auf 40 Prozent  gesunken. An den Finanzmärkten sorgte das für positive Impulse.

An den italienischen Stränden tummeln sich viele Kinder. Viele von ihnen haben den Sandkübel und die Schaufel gegen das Tablet der Eltern getauscht und schauen stundenlang Zeichentrick-Filme. Diese Woche hat Disney Quartalszahlen vorgelegt und die Erwartungen deutlich übertroffen. Besonders profitabel ist der Streaming-Dienst Disney+. Wie viele der über 150 Millionen Nutzer wohl auf einer Liege unter dem Sonnenschirm den neuesten Film streamen, kann ich aber definitiv nicht beantworten.

Italiener sind stolz auf ihre Pizza, welche ab dem 18. Jahrhundert von Süditalien aus die Welt eroberte. Es gibt wahrscheinlich kein einziges Land auf der Welt, in dem es nicht von Pizzerien wimmelt. Eine amerikanische Pizza-Kette setzte sich das Ziel, Italien mit einer amerikanischen Pizza zu erobern. Nach lediglich sieben Jahren hat nun die letzte Filiale der Kette Domino’s die Pforten für immer geschlossen. Dolce Vita mit einer amerikanischen Pizza lässt sich anscheinend nicht vereinen.

In Zeiten der Euroschwäche und der hohen Inflationsraten haben Luxusartikelhersteller Hochkonjunktur. Unternehmen wie Louis Vuitton, Gucci oder Prada verzeichnen Rekordumsätze. Ob das in einem direkten Zusammenhang mit den zuletzt stark gestiegenen Konsumkrediten in den USA steht? Italien ist hinter Deutschland und Frankreich die drittgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union. Das Land ist hoch verschuldet und „leidet“ unter den jüngsten Zinsanstiegen. Höhere Zinsen bedeuten am Ende des Tages auch höhere Ausgaben. Eine Abwertung der Währung ist seit Einführung des Euros nicht mehr möglich. Das wusste die Europäische Zentralbank in Frankfurt stets zu verhindern. In Frankfurt steht ein 14 Meter hohes und 50 Tonnen schweres Euro-Skulptur, welche seit Einführung des Euros im Jahr 2001 vor der damaligen EZB-Zentrale errichtet wurde. Der historischen Skulptur droht die Versteigerung, da der Besitzer nicht in der Lage ist, die jährlichen 200.000 Euro Instandhaltungskosten zu stemmen. Sollte sich kein Retter in letzter Not finden, hoffe ich, dass es sich dabei um kein schlechtes Omen handelt!

Samstag, 6. August: Prognosen, Zinsen und Getreide

In unserer Wohnung ist es trotz der frühen Uhrzeit sehr warm. Mein frühmorgendlicher Espresso fühlt sich auch in diesem Umfeld gut an. Beim Blick aus dem Fenster erblicke ich einen Fahrer eines roten Luxussportwagens, dessen Gesicht trotz Morgendämmerung durch eine große, dunkle Sonnenbrille verdeckt ist. Wann haben Sie eigentlich den letzten Ferrari in der "freien" Wildbahn gesehen? Ein Blick auf die Wetter-App zeigt mir, dass die nächsten Tage schön und heiß werden. Ein sehr positiver Ausblick für den Ferrari-Fahrer und wahrscheinlich auch viele von uns.

Das kann man von der Weltwirtschaft wahrlich nicht behaupten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Prognose für das Weltwirtschaftswachstum im Vergleich zur April-Prognose erneut deutlich zurückgenommen. Für 2022 wird ein Wachstum von 3,2% bzw. für 2023 von 2,9% prognostiziert. Das ist immerhin um 0,4% bzw. 0,7% weniger als in der April-Schätzung. Ausschlaggebend dafür ist die angespannte finanzielle Situation vieler Haushalte. Allein in den USA "kostet" die geringere Kaufkraft der Konsumenten in Kombination mit der veränderten Notenbankpolitik 2,3% BIP-Wachstum. Steigende Zinsen sorgen bei Kreditnehmern für Sorgenfalten. Eine im Juli durchgeführte Umfrage in acht Ländern zeigt, dass die Hälfte der privaten Kreditnehmer unsicher darüber ist, ob sie ihre Kreditraten planmäßig bezahlen können. In den USA sieht sich gegenwärtig jeder zehnte Schuldner dazu definitiv nicht in der Lage. In Deutschland und Frankreich machen sich 47% dahingehend Sorgen bzw. sind 6% der Schuldner aktuell zahlungsunfähig. Tendenz wahrscheinlich stark steigend.

Die Welt wartet sehnsüchtig auf mehr als 20 Milliarden Tonnen Getreide aus der Ukraine. Diese Woche hat erstmals seit der russischen Invasion in die Ukraine ein Frachtschiff mit dem vielsagenden Namen „Razoni“ den Hafen Odessa Richtung London verlassen. Die ist neben Russland der wichtigste Getreidelieferant für den Weltmarkt. Russland und die Ukraine zeichnen sich in den ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts für rund 11,5% der Weltproduktion verantwortlich. Mit einem Anteil von rund 17% führt China das Ranking an. Ein Großteil der Produktion verbleibt allerdings im Gegensatz zu der Ukraine im Inland. Der Russland-Ukraine-Konflikt, die Inflation und auch der heiße Sommer stellt viele Unternehmen vor große Herausforderungen.

In jeder Krise gibt es aber auch Gewinner. Dazu gehören zweifelsohne Energieunternehmen, die im 2. Quartal Rekordgewinne einfahren konnten. So konnte der US-Riese Exxon einen Gewinn von $17,9 Milliarden ausweisen. Im Vergleich dazu erwirtschaftete der Konzern im Vorjahr „nur“ $4,7 Milliarden. Ähnlich verhält den Europäern Shell, TotalEnergies oder Repsol. Der politische Gegenwind wird aber immer rauer. US-Präsident Joe Biden oder der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz äußerten sich bereits kritisch. Das ist wenig verwunderlich, schließlich schlagen die exorbitant steigenden Energiepreise eine kräftige Delle in unser Haushaltsbudget. Zu den Gewinnern gehört übrigens auch Ferrari. Der Luxussportwagenhersteller konnte im 2. Quartal Rekordaufträge verbuchen und hat damit die Ziele für 2022 deutlich angehoben. Dem F8 und dem Portofino M sei Dank. Bin schon gespannt, ob der Trend zum E-Antrieb auch vor Maranchello nicht Halt macht und in Zukunft ein E-Ferrari um die Ecke biegt? Wenn ja, dürfte das wahrscheinlich nichts mit steigenden Spritpreisen zu tun haben. Bei dem Kaufpreis spielen diese eine untergeordnete Rolle.

Samstag, 30. Juli: US-Rezession und ein grünes "Muss"

Diese Woche ist es passiert! Es ist eingetreten, was viele schon lange vorausgeahnt haben. Aber mehr dazu später. In der erfrischenden Kühle des Morgens schmeckt mein Espresso so gut wie jeden Tag. Die Hitze macht mir mittlerweile trotzdem ein wenig zu schaffen. Liegt es am Alter oder an der steigenden Temperatur? Nun zum brennenden Thema der Woche. Die US-Wirtschaft ist in eine Rezession geschlittert. Von einer Rezession spricht man, sobald zwei Quartale hintereinander die Wirtschaft im Vergleich zum Vorjahresquartal geschrumpft ist. Das ist nun eingetreten. Grund dafür scheint die Zinspolitik der FED zu sein, die erst diese Woche wieder einen Zinsschritt um 0,75% nach oben auf 2,25%-2,50% durchgeführt hat. So eine rasche Zinserhöhung gab es bis dato noch nie!

Darüber hinaus ist für September eine weitere Anhebung auf 3,00%-3,50% geplant. Ein weiterer Grund für die schwachen Wirtschaftsdaten ist der Arbeitsmarkt, der sich schlechter als erwartet entwickelt hat und natürlich das Schreckgespenst der Inflation mit rund 9%. Ein Mix an Herausforderungen, der nun final auch die Wirtschaft trifft. Spannenderweise gab es gleichzeitig – insbesondere am US-Aktienmarkt – eine leichte Erholung.

Sind die Märkte komplett von der Realwirtschaft entkoppelt oder wurde die Zukunft noch düsterer erwartet, als sie nun gekommen ist? Wie heißt es so schön: Experten sind Menschen, die dir nachher genau erklären können, warum sie davor falsch gelegen sind. Für Anleiheninvestoren stellt sich die aktuelle Phase natürlich herausfordernd dar. Einerseits sind die Kursverluste in fast allen Bereichen enorm. Auf der anderen Seite tun sich nun langsam wieder Möglichkeiten auf, die vor kurzer Zeit noch undenkbar waren. Das setzt auch den Rohstoffmarkt unter Druck, weil einige Investoren jetzt den richtigen Zeitpunkt sehen, in Anleihen zu investieren.

Auch in der Nachhaltigkeitsszene geht es drunter und drüber. Mit der Nachhaltigkeitspräferenzabfrage geht es am 2. August los und die Verunsicherung ist groß. Der Umgang mit dem Thema wird in der Praxis von jedem etwas anders gelöst. Die EU hat es uns hier nicht so leicht gemacht. Man muss aber das Positive sehen. Ab Dienstag MUSS jedem Kunden die Frage gestellt werden, ob er oder sie das Thema Nachhaltigkeit in der Veranlagung berücksichtigen möchte. Eine Ausrede gibt es also nun nicht mehr, dass man davon noch nie gehört hat.

Zum Schluss noch die sportlichen Highlights der Woche. Das Fußballjahr der Damen neigt sich mit dem EM-Finale Deutschland-England dem Ende zu. Ein Klassiker, der sich auch bei den Damen zu etablieren scheint. Dominik Thiem hat es aus seinem Tief heraus geschafft und klopft wieder an den Top 100 an. Bei den Herren geht es im Fußball jetzt wieder los. Manchmal erinnert mich der Sport an die Börse. Egal was letztes Jahr war und egal welche Höchststände man erreicht hat, es zählt immer nur das nächste Spiel bzw. das nächste Quartal. In diesem Sinne, sehen wir auch die Märkte sportlich und erhoffen trotz aller emotionaler Achterbahnfahrt auf einen versöhnlichen Ausklang mit Jahresende. Kommen Sie gut in den August!

Samstag, 23. Juli: Zinsschritt und gefühlte 100 Jahre

Es ist heiß. Noch nicht früh morgens, aber die Vorboten sind schon zu spüren. Während das gewohnte, sanfte Brummen meiner Kaffeemaschine ertönt und sich meine Espressotasse füllt, denke ich an einen kühlen See. Wenn alles überhitzt, tut eine Abkühlung gut. Die Schlagzeilen überschlagen sich. Bis zu 42 Grad in Frankreich, eine Notlage in Großbritannien und ein Hitzerekord in Deutschland werden erwartet. Auch am Kapitalmarkt haben wir in den letzten Jahren eine Überhitzung wahrgenommen. Nur dort tut eine Abkühlung deutlich weniger gut, wie uns aktuell recht deutlich vor Augen geführt wird.

Diese Woche hat Präsident Mattarella den Rücktritt Draghis doch noch angenommen. Unser südlicher Nachbar steht in fast schon traditionellerweise vor einer erneuten Regierungskrise. Insbesondere die italienische Abhängigkeit von niedrigen Zinsen bringt dabei gleichzeitig auch die EZB in Bedrängnis, die geldpolitisch nicht so handlungsfähig ist, wie es im Angesicht der hohen Inflation angebracht wäre. Mit einer Inflation von 8,7% erleben wir den höchsten Wert seit 1975. Was hierbei aber nicht berücksichtigt wird, sind die Sparbuchzinsen, die man damals bekommen hat. In Deutschland wären das ca. 4,4% gewesen. Heute sind wir nahe 0%, was die Gesamtsituation noch zusätzlich verschärft.

Das soll sich nun aber auch langsam ändern, wenn es nach der EZB geht. Diese Woche wurde der erste Zinsschritt nach oben seit gefühlten hundert Jahren (de facto sind es elf) gesetzt. Der Leitzins und auch die Einlagenfazilität wurden um je 0,5% auf 0,5% bzw. 0% gehoben. Davon betroffen wird unmittelbar auch der Euribor sein und dementsprechend Menschen, die sich Geld mit einem variablen Zinssatz ausgeliehen haben.

Wie vorher schon besprochen, wage ich aber zu bezweifeln, dass dieser Schritt genug sein wird, um die Inflation einzudämmen. Ich bin schon gespannt, wie es in den nächsten Monaten weiter gehen wird. An der ukrainischen Front scheint sich auch keine Entspannung zu entfalten. Berichte über Raketeneinschläge und sonstige Horrormeldungen sind fast täglich in den Nachrichten zu lesen. Die Sanktionen der Europäischen Union, die Russland in die Knie zwingen sollten, scheinen uns nun langsam selbst auf den Kopf zu fallen. Insbesondere Deutschland und Österreich sind massiv abhängig von russischem Gas. Viele Menschen sind schon nervös vor dem nahenden Herbst und Winter.

Im Jahr 2019 konnten rund 8% der Europäer bzw. 9% der Deutschen und 1,5% der Österreicher ihre Wohnungen nicht heizen. Dieser Wert wird sich wohl in den nächsten Monaten noch deutlich verschlechtern. Aus nachhaltiger Sicht ist diese Situation fatal. Um Menschen mit Strom und Energie versorgen zu können, werden nun wieder Kohle- und Atomkraftwerke in Betrieb genommen. Eine klassische lose-lose Situation. Die letzte prägende Nachricht der Woche betrifft unsere Fußball-Nationalmannschaft. In einer historischen Schlacht haben unsere Mädls mit erhobenem Haupt eine grandiose Europameisterschaft mit einer Niederlage gegen Deutschland beendet. Übrig bleibt der Stolz über die tolle Leistung und die Hoffnung, dass wir in Zukunft noch viele schöne Momente mit unseren Damen erleben dürfen!

Samstag, 16. Juli: Hat die EZB Überraschungen im Talon?

Diese Woche ist es passiert. Ein Euro ist am Donnerstag erstmals seit dem Spätherbst 2002 weniger wert als ein US-Dollar. In der Spitze musste man wenige Wochen vor der Lehman-Pleite im Sommer 2008 1,60 US-Dollar investieren, um im Gegenwert dafür einen Euro ausbezahlt zu bekommen. Vor ziemlich genau einem Jahr betrug das Umtauschverhältnis noch 1,20 Dollar pro Euro. Die Hälfte des Wertverlustes musste der Euro in den letzten drei Monaten hinnehmen.

Finanzinvestoren suchen in Zeiten der Krise und Unsicherheit einen sicheren Hafen. Und das scheint nach wie vor der US-Dollar zu sein. Die einstige Vision, dass der Euro den Dollar als Leitwährung der Welt ablösen wird, hat sich bis dato nicht erfüllt. Bei einem Schluck Espresso muss ich unweigerlich an längst vergangene Tage aus dem Spätherbst 2002 denken. Die Aktienkurse sind nach dem Platzen der Internetblase im Keller und der Euro war weniger wert als der US-Dollar. Wie sehr sich doch die Zeiten ähneln! Ist Bargeld noch zeitgemäß? Laut einer aktuellen Umfrage haben Deutsche durchschnittlich rund 100 Euro in der Brieftasche. Männer mit 113 Euro etwas mehr als Frauen mit 88 Euro.

Wenig verwunderlich finde ich auch, dass mit zunehmendem Lebensalter der Bargeldbestand ansteigt. Cash erfreut sich trotz steigender Beliebtheit bargeldloser Zahlungsvarianten in Deutschland und Österreich immer noch großer Beliebtheit. Auf der Zinsfront hat die Bank of Canada der EZB einmal was vorgelegt. Die Notenbank hat am Mittwoch überraschend stark die Leitzinsen um 1 Prozent auf 2,5 Prozent angehoben. Ich bin schon sehr gespannt, ob EZB Präsidentin Christine Lagarde kommende Woche auch eine Überraschung für uns im Talon hat? Marktteilnehmer gehen davon aus, dass Negativzinsen bald der Vergangenheit angehören.

Einer ihrer Vorgänger heißt Mario Draghi. Dieser hat derzeit auch innenpolitisch einiges um die Ohren und musste diese Woche eine Vertrauensabstimmung überstehen. Die Krise ist für den in Finanzkrisen als „Super Mario“ bezeichneten Ministerpräsidenten aber noch nicht vorbei. Draghi hat seinen Rücktritt angekündigt, aber Staatschef Sergio Mattarella weigert sich, ihn anzunehmen. Wer weiß, ob nicht der ewige Dauerbrenner Silvio Berlusconi nicht schon in den Startlöchern scharrt?

Apropos Italien! Wussten Sie, dass Italien die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt ist? Angeführt wird das Ranking von den USA, China und Japan. Das globale BIP wird laut Einschätzung des IWF 2022 erstmals die 100 Billionen-Dollar-Schallmauer überschreiten. Die USA sind seit 1871 in der Poleposition und trägt aktuell rund 25 Prozent zur Weltwirtschaftsleistung bei. Dahinter lauert aber schon China. Sollte der Trend weiterhin anhalten, wird sich die Vormachtstellung der USA bereits in diesem Jahrzehnt dem Ende zuneigen und das chinesische Jahrhundert einläuten.

Die Energiekrise verschärft sich. In diesem angespannten Umfeld erlebt selbst Kohle - trotz ambitionierter Klimaziele - eine Renaissance. Aber auch Alternativen stehen hoch im Kurs. In Anbetracht stetig steigender Energiepreise wird selbst in Ländern mit großen Waldbeständen das Brennholz knapp. Und das zu einem Zeitpunkt an dem ich mir ernsthaft die Frage stellte, ob meine Espresso-Maschine nicht auch mit Pellets betrieben werden kann!

Samstag, 9. Juli: Wenn Millionäre auswandern

Geopolitische Themen bestimmen den Newsflow. Und damit meine ich nicht nur jenen der Politik- sondern auch jene der Wirtschaftsressorts. Es ist noch dunkel, als ich frühmorgens bei meiner Espresso-Maschine stehe und darüber nachdenke, wie lange uns Putin schon in seinen Bann zieht. Vor 135 Tagen, 3240 Stunden oder 194.400 Minuten habe ich an gleicher Stelle erstmals davon gelesen.

Während ich an meinem morgendlichen Espresso nippe, stelle ich mir dir Frage, wie viele Unternehmen in dieser Phase das Russland-Geschäft zurückgefahren oder eingestampft haben. Laut einer aktuellen Analyse von McKinsey haben mittlerweile 85 Prozent der Unternehmen aus den USA und Europa das Russlandgeschäft zurückgefahren oder eingestellt.

Das sind beeindruckende Zahlen und man kann getrost davon ausgehen, dass Russlands Wirtschaft noch lange daran zu knappern haben wird. Der große Vorteil Russlands sind die großen Öl- und Gasbestände. Die EU kauft 61 Prozent der russischen fossilen Brennstoffe und ist damit ein Großabnehmer. Aus europäischer Sicht zählen Deutschland, Italien und die Niederlande zu wesentlichen Abnehmern. Im Zuge meiner Recherche habe ich auch gelernt, dass Russland und die Ukraine in sehr vielen Rohstoffbereichen eine dominante Rolle einnehmen. Darunter fallen z.B. Nickel oder auch Kupfer. Diese Materialien sind wesentliche Bestandteile vieler „Net-Zero“-Technologien wie Solar-Panels oder Elektroautos. Hat der Russland-Ukraine-Konflikt jetzt damit sogar Auswirkungen auf unseren Kampf gegen den Klimawandel? Mal schauen! 

Wussten Sie, dass heuer bereits 88.000 Millionäre – davon 15.000 Russen - ihr Heimatland verlassen haben. Das sind immerhin 15 Prozent aller russischen Millionäre! Auch 2800 reiche Ukrainer sind ausgewandert – damit haben dem Land 42 Prozent aller Millionäre den Rücken zugekehrt. Spannenderweise zog es die meisten Auswanderer in die Vereinigten Arabischen Emirate. Wohin auch sonst?!

Schwenken wir nun zu den Finanzmärkten. Berkshire Hathaway, das Unternehmen von Investoren-Legende Warren Buffet, kaufte weitere Aktienpakete von Occidental Petroleum. Warren Buffet besitzt damit 17,4 Prozent des Öl- und Gasunternehmens. In diesem Zusammenhang scheiden sich die Geister. Seit dem russischen Einmarsch ist der Aktienkurs um mehr als 60 Prozent gestiegen. Ganz im Gegensatz zum allgemeinen Trend. Der Energieknappheit sei Dank.

Bei längerer Betrachtungsweise verkehrt sich allerdings das Bild. Während der amerikanische S&P 500 Index in den letzten zehn Jahren eine Wertentwicklung von rund 240 Prozent aufweist, konnten Occidental Petroleum Aktionäre lediglich eine Performance von knapp über Null „erwirtschaften“. Im Gegensatz formiert sich die Nachhaltigkeitsfront. Das Energieunternehmen fördert Schieferöl mit der umstrittenen Fracking-Methode, die Experten zufolge große Umweltschäden verursacht. Das Österreichische Umweltzeichen (UZ49) hat deshalb Fracking auf die Ausschlussliste genommen. Eines scheint aber klar: Der Energiesektor hat massiv an Bedeutung verloren. In den letzten zehn Jahren ist die Gewichtung des Energiesektors in einem international ausgerichteten Aktienportfolio von 11,4 Prozent auf 3,2 Prozent gesunken. Ganz im Gegensatz zum Technologie-Sektor! Wenn man die aktuelle Situation aber mitberücksichtigt, könnte das zu einem Comeback des Energiesektors führen. Es bleibt spannend, ob das Orakel von Omaha wieder einmal recht behält.

Samstag, 2. Juli: Steht der große Crash bevor?

Jetzt ist es so weit. Mehr als die Hälfte des Jahres 2022 haben wir bereits hinter uns. Es ist wahrlich viel passiert in den letzten Monaten.  Es ist ein guter Zeitpunkt, um bei einem Espresso einmal ein kurzes Halbjahres-Resümee zu ziehen. Geopolitisch hat Waldimir Putin mit seinem Einmarsch in die Ukraine die Welt in Atem gehalten. Neben der humanitären Katastrophe, die die größte europäische Flüchtlingswelle seit dem 2. Weltkrieg ausgelöst hat, hat der Konflikt erheblichen wirtschaftlichen Einfluss. Putin lässt seine Muskeln spielen und setzt Europa unter Druck.

Wird unser wichtigster Energielieferant den Gashahn abdrehen und uns kein Öl mehr liefern? Gestern Abend habe ich wieder einmal unser Auto aufgetankt. Beim Blick auf die Zapfsäule wurde mir schmerzhaft bewusst, wie stark die Energiepreise gestiegen sind. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals für eine Tankfüllung weit mehr als 100 Euro bezahlt zu haben. Ein Liter Diesel kostet gegenwärtig um 50 Prozent mehr als zu Weihnachten und mehr als das doppelte als noch vor zwei Jahren. Viele Länder weisen aktuell die höchsten Inflationsraten seit den 1970ern aus.

Das Statistische Bundesamt hat diese Woche die Schätzung für die Juni Inflation vorgelegt. Spannend finde ich, dass die Inflation in Deutschland im Juni „nur“ 7,6 Prozent betragen soll. Im Vergleich zum Mai scheint sich die Lage etwas „entspannt“ zu haben. Mit einem Plus von 38 Prozent ist Energie der größte Preistreiber. Aber auch für Nahrungsmittel müssen heuer um 12,7 Prozent mehr bezahlt werden verglichen mit dem Vorjahr.

Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung sind vor allem Menschen mit einem niedrigen Einkommen betroffen. Mehr als die Hälfte der Geringverdiener wollen weniger Lebensmittel einkaufen und darüber hinaus die Ausgaben für Bekleidung und Schuhe einschränken. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Inflationsrate in Spanien im Juni überraschend auf zehn Prozent geklettert. Estland hat mit 20,1 Prozent die höchste Inflationsrate aller EU-Länder. In der Euro-Zone wurde im Juni mit 8,6 Prozent ein historischer Höchstwert erreicht und in Österreich liegt die Teuerung laut Schnellschätzung der Statistik Austria bei mittlerweile 8,7 Prozent - das höchste Niveau seit September 1975.  

Der Druck auf die Europäische Zentralbank wird immer größer. Das die EZB Präsidentin Christine Lagarde im Juli die Zinsen anheben wird, scheint klar. Die Frage ist nur, in welcher Höhe. Die Fed hat bereits vorgelegt und den Leitzins in drei Schritten um 1,5 Prozent steigen lassen. Weitere Zinsschritte bis Jahresende werden von den Finanzmärkten bereits eingepreist.

In diesem Umfeld hat sich auch der gesamtwirtschaftliche Ausblick deutlich eingetrübt. Für heuer wird global mit einem Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent gerechnet. Im Vergleich dazu lag die Wachstumsrate im Vorjahr noch bei 5,7 Prozent. In Europa soll vor allem der Konsument einen wesentlichen Wachstumsbeitrag liefern.

In Anbetracht dessen, dass das Konsumentenvertrauen stark zurückgegangen ist, frage ich mich aber, ob das eine realistische Annahme ist. In Deutschland hat das Konsumentenvertrauen im Mai beispielsweise ein neues Allzeittief erreicht. Auch in den USA haben die jüngsten Entwicklungen Spuren hinterlassen. Das Konsumentenvertrauen der Uni Michigan ist auf den tiefsten Wert seit März 2009 gefallen und befindet sich damit auf „Rezessionsniveau“. Die Ausgabenfreudigkeit der US-Bürger ist aber nach wie vor intakt. Das geht allerdings zulasten der Sparquote, die auf den tiefsten Stand seit 14 Jahren gesunken ist.

In diesem Umfeld kommen auch die Rentenmärkte unter Druck. Die Renditen sind sowohl in Europa als auch in den USA deutlich angestiegen. Selbst vermeintlich sichere Anleihen von Deutschland oder Österreich müssen seit Jahresbeginn herbe Verluste hinnehmen. Durch die deutlich höheren Renditen ist das zukünftige Ertragspotenzial höher als noch vor wenigen Wochen. Ohne Risiken einzugehen, ist es aber aktuell nicht möglich, den realen Geldwerterhalt zu bewerkstelligen.

Auch Aktieninvestoren mussten deutlich Federn lassen und sind in einen Bärenmarkt eingetreten. Nachdem der Schock der russischen Invasion rasch überwunden worden ist, ging es im 2. Quartal nochmals deutlich nach unten. Der breite amerikanische Aktienmarkt hat den schlechtesten Jahresauftakt seit den 1930ern erlebt. Besonders stark unter die Räder kamen zinssensitive Tech-Titel und damit die Stars der letzten Jahre. Durch die Kursrückgänge hat sich die fundamentale Bewertung von Aktien im Vergleich zu Jahresbeginn deutlich verbessert. In den vergangenen Tagen haben mich viele Menschen darauf angesprochen, ob der große Crash bevorsteht. Die Angst ist auch unter Investoren spürbar. Eines vorneweg! Ich kann die Zukunft nicht vorhersehen und hier demnach nur meine subjektive Einschätzung darlegen. Mal liege ich richtig, mal liege ich falsch.

Nachdem sich Mut bekanntlich nicht kaufen lässt, springe ich über meinen Schatten und wage einen Blick in die Glaskugel. An die geopolitischen Unsicherheiten werden wir uns gewöhnen müssen. Der Ukraine-Russland Konflikt wird zur Wachstumsbremse. Die Inflationszahlen gehen wieder etwas zurück, bleiben aber auf einem hohen Niveau. Die Zinsen werden weiter ansteigen und sowohl die EZB als auch die Fed werden im zweiten Halbjahr noch mehrmals die Zinsen erhöhen. An den Aktienmärkten kommt es zu einer Entspannung und die Zuversicht kehrt langsam wieder zurück. Und um auch die Eingangsfrage zu beantworten: Nein, ein großer Crash steht uns in der zweiten Jahreshälfte nicht bevor!

Samstag, 25. Juni: Musk und die Baustelle von nebenan

Als ich heute Morgen meine Kaffeemaschine einschalte, schweift mein Blick aus dem Küchenfenster auf eine Baustelle. Der Rohbau ist schon fast fertig. Wahnsinn, wie schnell das alles geht. Für Getränke ist auch gesorgt. Wider Erwarten entdecke ich aber keine Kiste Bier, sondern eine Kaffeemaschine. Das ist ein Zeichen. Schmunzelnd widme ich mich nun meinen Espresso. Für Bauherren waren die Zeiten mit Sicherheit auch schon einmal leichter. Lieferengpässe, stark steigende Preise und rasant ansteigende Finanzierungskosten sind wahrlich kein Zuckerschlecken. Darüber hinaus sollen die Kreditregeln deutlich verschärft werden.

Diese Woche hat die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) angekündigt, dass die neuen Regeln erst mit einem Monat Verspätung im August 2022 in Kraft treten. Um künftig einen Wohnkredit zu erhalten, sind drei Mindeststandards erforderlich. Zum einen muss der Kreditnehmer mindestens 20 Prozent Eigenkapital aufbringen. Schon allein daran werden viele Kreditnehmer verzweifeln. Wenn eine Immobilie beispielsweise 500.000 Euro kostet, müssen 100.000 Euro auf den Tisch gelegt werden. Als zweites Kriterium darf die Kreditrate nicht mehr als 40 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens übersteigen. Laut Statistik Austria haben Privathaushalte jährlich knapp 39.988 Euro zur Verfügung. Damit darf die Kreditrate gerundete 16.000 Euro im Jahr oder etwas über 1333 Euro im Monat nicht übersteigen. Und als drittes Kriterium darf der Kredit nicht länger als 35 Jahre laufen.

Laut einer aktuellen Umfrage vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und dem Spitzenverband der deutschen Immobilienwirtschaft (ZIA) hat sich die Stimmung am Immobilienmarkt in Deutschland deutlich verschlechtert. Die Baufinanzierungen gingen vor knapp drei Monaten noch mit einem Fix-Zinssatz von rund 1,4 Prozent über den Tisch. Mittlerweile müssen Bauherren bereits 2,8 Prozent berappen. Und das, obwohl die EZB erst eine Leitzinserhöhung in Aussicht gestellt hat. Wenn wir für unser Immobilienprojekt also 500.000 Euro veranschlagen und 100.000 Euro Eigenmittel auf den Tisch legen, müssen wir 400.000 Euro finanzieren. Bei einem Fix-Zinssatz von angenommen 2,8 Prozent würde es unglaubliche 543 Monate dauern, bis die Schuld abbezahlt werden kann. Und das wiederum sind mehr als 45 Jahre und liegt damit deutlich über dem Richtwert. Alternativ könnte der Kreditnehmer die monatliche Rate anpassen. Diese würde dann auf knapp 1500 Euro steigen.

Nachdem der potenzielle Kreditnehmer auch bei diesem Kriterium nicht die neuen Mindeststandards einhält, ist auch diese Variante obsolet. Für unseren potenziellen Bauherren bleibt als nur noch die Option, mehr Eigenkapital einzubringen. Anstelle der 100.000 Euro wären dann rund 150.000 Euro fällig. Zufälligerweise wären das dann genau jene 30 Prozent Eigenmittel, die in meinen Berufsanfängen um die Jahrtausendwende noch als adäquat erachtet wurden. Lange, wirklich lange, ist das schon her! Viele Kredite der jüngsten Vergangenheit sind mit einer deutlich geringeren Eigenmittelquote über den Tisch gegangen.

Egal wie man es dreht und wendet, es wird deutlich schwieriger, eine Immobilienfinanzierung aufzustellen. Laut Einschätzung von Experten dürfte nach der Verschärfung jeder dritte Kreditnehmer keine Finanzierung mehr bekommen. Ob die Einschränkung der Kreditvergabe und die damit verbundene Verknappung der Nachfrage unmittelbar Auswirkungen auf die Immobilienpreise haben wird, wird sich zeigen.

Dabei spielen auch andere Faktoren wie der Angebotsüberhang, Leerstandsquoten, politische Maßnahmen, Inflation usw. eine wichtige Rolle. An den Finanzmärkten weht nach wie vor ein ruppiger Wind. Auch Highflyer der letzten Jahre können sich diesem Trend nicht entziehen. Elon Musks Vorzeigeunternehmen Tesla hat angekündigt, in den nächsten drei Monaten 3,5 Prozent seiner Stellen zu streichen. Besonders einschneidend wird es bei Büroangestellten, wo jeder Zehnte seinen Job verlieren dürfte. Im Gegensatz dazu plant Tesla, die Zahl der Fabriksarbeiter langfristig weiter auszubauen.

Auch US-Finanzminister Janet Yellen meldete sich wieder zu Wort und sprach von „inakzeptabel hohen“ Preisen, die wiederum einen negativen Einfluss auf die US-Wirtschaft haben. Von Seiten der Europäischen Zentralbank verdichten sich die Zeichen, an der im Juli angekündigten Zinserhöhung festzuhalten. Das scheint damit eine ausgemachte Sache zu sein. Das mag den einen oder anderen potenziellen Immobilienkäufer doch etwas verunsichern und von einem Hausbauprojekt abhalten. Für mich hingegen ist eine Baustelle seit heute Morgen durchaus positiv behaftet. Sollte mir wider Erwarten einmal der Kaffee ausgehen, werde ich mich vertrauensvoll an die benachbarte Baustelle wenden!

Samstag, 18. Juni: Börsen unter Wasser

Mein Espresso ist schwarz. Tiefschwarz sogar! Als ich in gewohnter Manier die Börsenkurse checke, passt sich meine Laune der Farbe meines Espressos an. Nun ist es so weit. Der Bär groovt über das glitschige Börsenparkett und reißt die Finanzmarktakteure in seinen Bann. Mich inklusive! Wenn ein Index mehr als 20 Prozent vom Höchstwert einbüßt, spricht man von einem Bärenmarkt. Der amerikanische Leitindex S&P 500 hat seit Jahresbeginn mehr als 20 Prozent an Wert eingebüßt. Die technologielastige Nasdaq ist sogar mehr als 30 Prozent unter Wasser.

Außergewöhnlich an der aktuellen Korrektur ist, dass nahezu alle Asset-Klassen betroffen sind. Ganz egal, ob ein Investor sein Geld in Aktien, Anleihen oder Kryptowährungen investiert hat. Selbst Cash hat heuer ordentlich Federn lassen müssen. Zumindest wenn man bei den aktuellen Inflationsraten den realen Geldwert als Maßstab nimmt. Die Fed hat am Mittwoch ein deutliches Zeichen gesetzt. Gemäß der Erwartungshaltung der nervösen Investoren hat die US-Notenbank den Leitzins um 0,75 Prozent auf die Spanne 1,50 Prozent bis 1,75 Prozent angehoben. Das ist zweifelsohne energisch und die größte Zinserhöhung seit 1994!

Das Ausmaß und die Entschlossenheit mit der Fed-Chef Jerome Powell die davongaloppierende Inflation bekämpfen möchte, hat den einen oder anderen aber doch etwas überrascht. Die Inflationsrate hat im Mai ein Niveau von 8,60 Prozent erreicht – den höchsten Wert seit mehr als 40 Jahren! Powell erhöht den Einsatz. Im März waren es 0,25 Prozent, im Mai 0,50 Prozent und jetzt 0,75 Prozent. In Summe sprechen wir immerhin von 1,5 Prozent in drei Monaten! Es scheint, als würde das Inflationsgespenst dem lieben Jerome auch die eine oder andere schlaflose Nacht bereiten.

Damit gerät auch die EZB immer stärker unter Druck. Nach langem Zögern scheint es so, als würde die EZB-Präsidentin in der Sitzung am 21. Juli den Leitzins erstmals seit 11 Jahren wieder einmal um 0,25 Prozent anheben. Zur Erinnerung: Damals waren wir noch mitten in der Euro-Krise. Gut Ding braucht anscheinend Weile! Ich bin schon gespannt, wie lange sich die EZB noch dem Sogwasser der Fed entziehen kann. Des Sparers Freud, des Schuldners Leid! Jeromes Zauberformel könnte wie folgt aussehen: Steigende Zinsen verteuern Kredite und sorgen damit dafür, dass weniger investiert wird. Die Konsumlaune von Privatpersonen und Unternehmen sinkt. Das wiederum schwächt die Nachfrage und führt zu einer abschwächenden Wirtschaftsdynamik. Den Preis eines Produktes bestimmen Angebot und Nachfrage. Wenn jetzt die Nachfrage sinkt, hemmt das auch die Preisentwicklung und in weiterer Folge auch die Inflation. So steht es zumindest im Lehrbuch!

In all den Jahren bin ich zur festen Überzeugung gekommen, dass man die Inflation nicht wie einen Lichtschalter ein- und ausschalten kann. Nicht einmal dann, wenn man Jerome Powell oder Christine Lagarde heißt. Der Gift-Cocktail 2022 passt nicht so recht ins Lehrbuch. Wir erleben seit Ausbruch der Corona-Pandemie eine Abkehr der Globalisierungsdynamik und Lieferengpässe. Das umfasst nahezu alle Lebensbereiche und reduziert das Angebot signifikant. Darüber hinaus erleben wir seit dem Russland-Ukraine-Konflikt einen Energieengpass. Und als dritten Punkt möchte ich noch ins Feld führen, dass wir in einer Zeit des Fachkräfte-Mangels leben. All diese Faktoren wirken preissteigernd. Ob höhere Zinsen das ausgleichen können, wage ich aber zu bezweifeln. Jerome Powell hat diese Woche den Hauptschalter umgelegt. Ob er mit seiner Strategie auch wirklich richtig liegt, wissen wir, wenn das Licht angeht!

Samstag, 11. Juni: Schmunzeln trotz Horror-Prognose

Während ich heute morgen meinen Espresso trinke, muss ich schmunzeln. Irgendwie geht mir die Aussage von Jamie Dimon nicht mehr aus dem Kopf. Einer der mächtigsten und renommiertesten Finanzexperten der Welt erwartet, dass ein Hurrikan auf die Wirtschaft zukommt. Die Frage sei nur, wie groß er wird! Sie werden sich mit Sicherheit denken, warum ich bei so einer „Horror-Prognose“ schmunzeln muss. Die Argumentation und Hauptgefahrenpunkte, die Dimon anführt, kann ich schließlich gut nachvollziehen. Die Notenbanken stehen vor der Herkulesaufgabe, auf der einen Seite die hohe Inflation im Zaum zu halten, auf der anderen Seite aber auch darauf zu achten, dass die Wirtschaft bei zu starken Einschnitten nicht in eine Rezession abgleitet.

Apropos Inflation: Auch die ehemalige Fed-Präsidentin und jetzige US-Finanzministerin Yellen bläst ins gleiche Horn und erwartet, dass die Inflationsraten weiterhin hoch bleiben. Auch die Wirtschaft hat sich bereits deutlich abgekühlt. Der IWF prognostiziert für 2022 ein Weltwirtschaftswachstum von 3,6 Prozent. Zur Erinnerung: Im Vorjahr waren es, natürlich auch aufgrund einiger Nachholeffekte nach dem Corona-Jahr 2020, immerhin noch stolze 5,7 Prozent. Auch mit dieser Aussage steht Dimon damit nicht alleine da. Wobei ich bei einem 2,9-prozentigen Wachstum noch von keinem „Hurrikan“ sprechen würde.

Schmunzeln muss ich aber, wenn währenddessen Analysten von JPMorgan, also jenem Finanzinstitut, dem Jamie Dimon vorsteht, für die Sommermonate einen Bullenmarkt und damit steigende Aktienmärkte prognostizieren. Und das wiederum steht im klaren Widerspruch zum pessimistischen Zukunftsbild Dimons. Bin schon gespannt, wie das Match ausgeht. Eines scheint aber klar. JPMorgan gewinnt immer!

Entspannung gibt es hingegen am US-Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit 1969. Der Wirtschaftsmotor scheint also nach wie vor zu brummen. Und positiv ist auch, dass bereits 95 Prozent der Jobs, die in den ersten Monaten nach Ausbruch der Corona-Pandemie verloren gegangen sind, wieder zurückgewonnen werden konnten. Aber nicht überall läuft es so gut. In Russland wird es immer ungemütlicher. Eine große Anzahl von Arbeitskräften zieht gegen Westen. So hat beispielsweise die Deutsche Bank angekündigt, ihre IT-Experten zu einem Umzug nach Deutschland zu bewegen. Die bisherigen russischen Technologiezentren in St. Petersburg und Moskau sind verwaist. Im neuen Tech-Zentrum in Berlin tummeln sich im Gegensatz dazu hunderte IT-Experten. Tendenz weiter steigend! Im Finanzbereich sind IT-Experten nicht mehr wegzudenken. Um im Finanzsektor Karriere zu machen, sind gewisse Tech-Kenntnisse Grundvoraussetzung.

Selbst der alte Investment-Guru Warren Buffet hat sich auf Anraten seines Freundes Bill Gates – trotz jahrelangen verbissenen Widerstands – am Ende des Tages doch noch zum Kauf eines PC breitschlagen lassen. Und das will wahrlich etwas heißen. Der Umzug vieler IT-Fachkräfte steigert auch die Begehrlichkeiten von US-Firmen. Deutsche Software-Entwickler sind hoch im Kurs. Für Software-Ingenieure und Entwickler sind sechsstellige Jahresgehälter mittlerweile keine Seltenheit mehr. Laut McKinsey werden allein in Deutschland durch die steigende Digitalisierung händeringend 780.000 zusätzliche IT-Spezialisten benötigt. Die steigende Nachfrage wird sich mit Sicherheit nicht negativ auf das Gehaltsniveau auswirken. Amazon hat bereits im Februar verkündet, das maximale Basisgehalt von 160.000 auf 350.000 US-Dollar zu erhöhen, um im wettbewerbsintensiven Arbeitsmarkt bestehen zu können. Da müssen auch Banken und Versicherungen aufpassen, dass ihre High Potentials nicht einfach rausgekauft werden. Vielleicht sollte ich es mir das nächste Mal besser überlegen, wenn ich die Computer-Aktivitäten meiner Kinder wieder einmal einschränken möchte!

Samstag, 4. Juni: Keine Entspannung in Sicht

Mein erster Weg führt mich unabhängig der Uhrzeit zu meiner Kaffeemaschine. Bevor ich meinen geliebten Espresso genießen kann, muss ich aber noch Kaffeebohnen nachfüllen. Auf dem Etikett der Verpackung sehe ich ein bekanntes Nachhaltigkeitssiegel. Das Nachhaltigkeitsthema ist wahrlich allgegenwärtig.

Der Krieg in der Ukraine zieht seit Monaten viele Menschen in den Bann. Die Unsicherheit ist spürbar gestiegen. Und das weit über die Grenzen der Kapitalmärkte hinaus. Allein durch den Konflikt sind 14 Millionen Menschen auf der Flucht. Acht Millionen davon sind Binnenflüchtlinge, 6 Millionen Ukrainer haben sich ins Ausland abgesetzt. Laut einer aktuellen UNHCR- Analyse sind aktuell 104 Millionen Menschen weltweit vor Konflikten, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen oder Verfolgung geflohen. Die Welt ist unsicherer geworden. Zum Jahreswechsel waren „nur“ 90 Millionen Menschen auf der Flucht. In der letzten Dekade hat sich die Anzahl der Betroffenen mehr als verdoppelt. Und das ist definitiv keine nachhaltige Entwicklung.

Nachhaltigkeit ist auch ein großer Trend der Finanzbranche. Eine Strategie ist die Anwendung von Ausschlusskriterien und in diesem Zusammenhang werden häufig Emittenten ausgeschlossen, die gegen internationale Standards verstoßen. Ziel ist es, dem Emittenten den Zugang zum Kapitalmarkt abzudrehen und damit zu einem Umdenken zu „zwingen“. Ob das bei Russland auch so funktionieren wird, wage ich aber (leider) zumindest kurzfristig zu bezweifeln. Zum einen sitzt Russland auf riesigen Rohstoffreserven, die gerade in diesen Zeiten einen immensen Wert aufweisen - selbst dann, wenn Russland mit einem Embargo in die Enge getrieben wird. Zum anderen ist Russland noch sehr liquide.

Wussten Sie, dass Russland im Gegenwert von 105 Milliarden Dollar nahezu ein Drittel aller Reserven des chinesischen Renminbis besitzt? Die Nähe und Sympathie der beiden Länder werden dadurch offensichtlich. Uncle Sam ist das gemeinsame Feindbild. Und das schweißt zusammen.

Diese Achse kann es aber auch nicht verhindern, dass der Währungsmarkt noch immer sehr stark vom US-Dollar dominiert wird. Knapp 60 Prozent aller Währungsreserven werden in der Leitwährung schlechthin gehalten. Der Anteil des Euros ist seit dessen Einführung vor mehr als 20 Jahren weitestgehend stabil bei 21 Prozent. Auch wenn wir Europäer es gerne anders sehen, greift man im Zweifelsfall doch lieber zum altbewährten US-Dollar.

Apropos Nachhaltigkeit! Diese Woche wurde in der Firmenzentrale der Deutschen Bank und ihrer Kapitalanlagegesellschaft DWS eine Razzia durchgeführt. Der Vorwurf steht im Raum, dass das Institut ihre Produkte bewusst „nachhaltiger“ dargestellt haben als sie sind. Eines der Kernziele der EU im Rahmen des EU-Aktionsplan ist es, Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken und Greenwashing den Kampf anzusagen. Der Schaden für das Finanzunternehmen ist bereits angerichtet. Ob es lediglich bei einem Reputationsschaden bleibt, wage ich aber zu bezweifeln.

Auf der Inflationsfront gibt es auch keine Entspannung. In Deutschland hat sich die Inflation im Mai auf 7,9 Prozent erhöht. Das ist der höchste Wert seit der Ölkrise im Winter 1973/74. Österreich schwimmt im selben Fahrwasser. Laut einer Schnellschätzung der Statistik Austria ist die Inflation bereits auf acht Prozent und damit den höchsten Wert seit 1975 geklettert. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als neidvoll auf die Schweiz hinüberzublicken. Der Franken ist in der Krise sehr stabil und wertbeständig. Von einer 2,5-prozentigen Inflation können Deutsche und Österreicher dieser Tage nur träumen!

Samstag, 28. Mai: Starke Korrektur, kein Crash

Es ist früh am Morgen und irgendwie bin ich im „Crash-Modus“. Nein, keine Sorge, mein Kaffeebestand ist trotz angespannter globaler Lieferengpässe ausreichend gefüllt. Insofern kann ich auch ohne Bedenken trotz dieser frühen Stunde einen zweiten Espresso riskieren, meinen Sie nicht auch? An den Finanzmärkten erleben wir eine starke Korrektur. Aber von einem Crash würde ich noch nicht sprechen.

Herausfordernd ist es, dass Investoren sowohl auf der Anleihenseite als auch auf der Aktienseite deutlich Federn lassen mussten. Wenn wir im Finanzjargon von Spreads sprechen, meinen wir Differenzen zwischen zwei Referenzenwerten. So beträgt aktuell beispielsweise der Spread bei einer zehnjährigen Staatsanleihen zwischen Österreich und Deutschland 57 Basispunkte oder 0,57 Prozent. Das bedeutet, dass die Rendite der österreichischen Staatsanleihe um 0,57 Prozent höher als die des deutschen Pendants liegt.

Spannend finde ich, dass laut einer Bloomberg-Analyse der Performance-Spread zwischen dem besten und schlechtesten Sektor-ETF im letzten Jahr 85 Prozent beträgt. Das ist der höchste Wert in den letzten 20 Jahren. Im Vergleich dazu betrug der Spread 2021 „nur“ 37 Prozent. Es scheint so, als würde sich bei Investoren die Spreu vom Weizen trennen.

Kommen wir nun zu ein paar guten Nachrichten. Die Korrektur an den Finanzmärkten ist für jeden von uns, der sein Geld bereits investiert hat, ärgerlich. Keine Frage! Im Vergleich zu heute war das Umfeld aber deutlich unattraktiver. Auf der Aktienseite haben wir durch den Kursverfall deutlich günstigere fundamentale Bewertungen. Eine bekannte Kennzahl ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Der technologielastige Nasdaq Index hat aktuell ein KGV von knapp über 20. Ein Investor muss also gegenwärtig 20 Dollar bezahlen, um einen Dollar Gewinn zu erhalten. Um den Jahreswechsel musste man für einen Dollar Gewinn noch 30 Dollar hinblättern. Auch wenn es fundamental betrachtet deutlich billiger geworden ist, befinden wir uns bewertungstechnisch nach der Korrektur noch im langfristigen Durchschnitt.

Neben der Aktienseite weisen auch Anleihen ein deutlich höheres Ertragspotential auf. Noch rund um den Jahreswechsel musste ein Investor in einigen Ländern, wie z.B. Deutschland, Österreich oder der Schweiz Geld dafür „bezahlen“, um ihnen Geld leihen zu „dürfen“. Diese Zeiten scheinen nun der Vergangenheit anzugehören. Ein Anleiheninvestor bekommt diese Tage deutlich mehr für sein Geld. Für eine zehnjährige Staatsanleihe sprechen wir für die Schweiz immerhin von 0,85 Prozent, für Deutschland von 1,10 Prozent und für Österreich sogar von 1,40 Prozent. Das Ertragspotenzial liegt zwar deutlich unter der aktuellen Inflation aber auch deutlich über einer „Cash-Verzinsung“. Wenn man in schlechtere Bonitäten, wie High-Yield Anleihen investiert, belaufen sich die Renditeaufschläge auf 5 Prozent.

Auf der Inflationsseite scheint sich die Lage nicht so richtig zu entspannen. Diese Woche wurden die Produzentenpreise – also die Inflationsrate der Produzenten – veröffentlicht. Im Vergleich zum Vorjahr sind die deutschen Produzentenpreise um unglaubliche 33,5 Prozent gestiegen. Das ist auch im historischen Kontext einzigartig. In den letzten Jahrzehnten näherte sie sich lediglich Ende der 1970er und Anfang der 1980er der Zehnprozent-Marke. Wenn wir das Rad jetzt weiterdrehen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die hohen Produzentenpreise auch an die Verbraucher weitergegeben werden. Einzig die abnehmende Wirtschaftsdynamik spricht gegen eine zu großzügige Weitergabe, da die Nachfrage nicht zu stark reduziert werden darf. Ein Zusammenbruch der Wirtschaft würde beiden Seiten schaden.

Im neuesten „Taxing Wages Report“ der OECD weist Österreich nach Belgien (52,6 Prozent) und Deutschland (48,1 Prozent) mit 47,8 Prozent die dritthöchste Steuerbelastung von Einkommen aus. Das liegt deutlich über dem Durchschnitt der OECD-Länder (34,6 Prozent). Dieser Aspekt ist sowohl für die Arbeitnehmer- als auch für die Arbeitgeberseite absolut unbefriedigend. Die einen bekommen wenig Netto vom großen Brutto, die anderen müssen für eine Arbeitsstunde vergleichsweise viel berappen. Summa summarum zahlt das nicht auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts ein.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Ausklang des Wonnemonats Mai. Im Mai wird hierzulande viel geheiratet. Ob das das altösterreichische Erfolgsrezept „Du glückliches Österreich, heirate!“ uns dabei hilft, den Wirtschaftsstandort nachhaltig zu verbessern, wage ich aber zu bezweifeln.

Samstag, 21. Mai: Twitter-Gewitter und grüne Milliarden

Als mein Espresso heute in der Morgendämmerung mit einem vertrauten Geräusch in meine Tasse rinnt, scrolle ich mit einer gezielten Bewegung meinen News-Feed hinunter. Wie sehr sich doch die Zeiten ändern. Als mein Fondsmanager-Leben begann, war noch der Wirtschaftsteil einer renommierten Zeitung meine Informationsquelle Nummer eins. Apropos Newsfeed: Ist Ihnen bewusst, dass laut Angaben von Facebook im Schnitt jeder User im Jahr 2019 wöchentlich eine „Newsfeed-Strecke“ von unfassbaren 700 Metern durchgescrollt hat? Umgerechnet macht das 100 Meter am Tag oder bei acht Stunden Schlaf, etwas mehr als sechs Meter die Stunde bzw. alle zehn Minuten einen Meter. Um einmal den Erdumfang durchzuscrollen, benötigen wir damit rund 60 Wochen! Willkommen im Informationszeitalter!

Auf dieser langen Wegstrecke erfahren wir viel über unser soziales Netzwerk, können uns über Trends und aktuelle Themen auf dem Laufenden halten oder zu Facebook-Gruppen beitragen. Die Plattform ist für uns kostenlos. Der Anwender bezahlt mit der Preisgabe von zum Teil intimsten Informationen. Facebook ist darauf konditioniert, uns als User bis ins letzte Detail kennenzulernen. Für diese Informationen bezahlen Unternehmen, politische Parteien oder andere Gruppen von Werbetreibenden ein Vermögen. Der Umsatz von Meta (ehemals Facebook) ist 2021 auf den Rekordwert von 118 Milliarden US-Dollar gestiegen. Nach Abzug aller Kosten konnte Mark Zuckerbergs Unternehmen einen Gewinn von nahezu 40 Milliarden US-Dollar ausweisen. Seit Jahresbeginn kam die Aktie aber deutlich unter die Räder und büßte über 40 Prozent an Wert ein. Ein Leidtragender ist Mark Zuckerberg, dessen Vermögen heuer von 125 Milliarden auf 75 Milliarden US-Dollar eingebrochen ist. Das ist immer noch ein sehr stolzer Wert, Zuckerberg ist schließlich immer noch auf Rang 12 des Bloomberg Billionairs Index gelistet.

Diese Woche stehen wieder volkswirtschaftliche Indikatoren im Fokus der Anleger. EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni zeigt sich besorgt über den stetig steigenden Schuldenberg der EU-Länder und „empfiehlt“ für 2023 ein weitestgehend ausgeglichenes Budget. In Anbetracht der rückläufigen EU-Wachstumsprognosen, die von der EU-Kommission auf 2,7 Prozent zurückgenommen wurde, scheint die Besorgnis durchaus angebracht. Vor dem Russland-Ukraine-Konflikt lag die Prognose immerhin noch bei 4,0 Prozent. Hinsichtlich der stetig steigenden Inflationsraten, die in Österreich den höchsten Wert seit Anfang der 1980er Jahre erreicht haben, ist das ein gefährlicher Gift-Cocktail. Ein sich abkühlender Wirtschaftsmotor sorgt für geringere Steuereinnahmen und höhere Sozialausgaben. Darüber hinaus scheint es so, dass die EZB im Sog der amerikanischen Notenbank die Leitzinsen anheben wird, um die hohe Inflation zu bekämpfen. Des Sparers Freud ist des Schuldners Leid. Neue Schulden werden sich in diesem Umfeld auch negativ auf die Staatsfinanzen auswirken.

Österreich wird grün. Nein, keine Angst, wir bleiben rot-weiß-rot! Die Republik plant aber, erstmals eine „grüne“ Bundesanleihe in der Höhe von fünf Milliarden Euro zu emittieren. Der Green Bond soll im Mai oder Juni aufgelegt und die Gelder in umweltfreundliche Projekte investiert werden. Geplant sind unter anderem auch Investitionen in die Ausbau von Bahn- und Schieneninfrastruktur. Die Österreichische Bundesbahnen wird es freuen!

Auch wenn andere Länder wie Deutschland, Frankreich oder Dänemark bereits Greenbonds emittiert haben, feiert Österreich trotzdem eine Premiere. Rund ein Fünftel der Emission soll in sehr kurzfristige Anleihen mit einer Restlaufzeit von bis zu einem Jahr ausgegeben werden. So einen kurzlaufenden Greenbond hat noch kein Land aufgelegt. Nachhaltigkeit ist voll im Trend. Insofern ist zu erwarten, dass sich der österreichische Greenbond einer hohen Nachfrage erfreut. Das bedeutet eine geringere Zinsbelastung für Österreich und einen geringeren Zinsertrag für die Investoren. „Greenium“ lässt grüßen. Des einen Freud, des anderen Leid.

Das Ranking des Bloomberg Billionaire Index  führt übrigens nach wie vor Elon Musk mit 222 Milliarden US-Dollar an. Auch sein Vermögen ist heuer um nahezu 50 Milliarden US-Dollar geschrumpft. Musk hat aber noch Luft. Der aktuellen Nummer Zwei, Jeff Bezos (Amazon), fehlen immerhin mehr als 80 Milliarden und damit mehr als Mark Zuckerbergs Gesamtvermögen, um Elon Musk vom Thron zu stoßen. Musk hat aber noch ganz andere Sorgen. Jüngst wollte er noch Twitter um 44 Milliarden US-Dollar übernehmen. Nach einer „eingehenden Prüfung“ hat er sich dazu entschlossen, die Akquisition auf Eis zu legen. Die Anzahl der „Spam-Nutzer“ würde seiner Einschätzung nach weit über den kolportierten fünf Prozent liegen. Und damit sei das Unternehmen viel weniger wert. Zu einem „geringeren Preis“ könnte er sich aber eine Übernahme durchaus vorstellen.

Es ist echt bewundernswert, wie schnell der reichste Mann seine Meinung ändern kann. Seine Bitcoin-Euphorie gefolgt von einer Bitcoin-Antipathie lassen grüßen. Wenn Musk nun wirklich von seinem Kaufangebot zurücktreten sollte, steht eine Strafe von einer Milliarde US-Dollar im Raum. Das ist zweifelsohne viel, aber ich denke, Elon Musk wird es verschmerzen.

Samstag, 14. Mai: Respekt, lieber Warren, Respekt!

Mein erster Blick auf mein Smartphone und schon bin ich mit einem Schwall an negativen und pessimistischen Nachrichten konfrontiert. Selbst mein liebgewonnener Espresso mag mir heute Morgen meine Stimmung nicht so recht heben. Unweigerlich stelle ich mir die Frage, ob sich die Stimmung wirklich gewandelt hat oder ob es sich dabei lediglich um eine subjektive Wahrnehmung handelt. Vielleicht sollte ich der Frage einmal auf den Grund gehen. Laut einer Umfrage des Beratungsunternehmens McKinsey hat sich das Stimmungsbild  deutlich verschlechtert. Das Verhältnis zwischen Optimisten (43 Prozent) und Pessimisten (40 Prozent) ist mittlerweile nahezu ausgeglichen. Im Vergleich dazu zeichneten die Befragten in den letzten Umfragen (September 2021: 71 Prozent positiv vs. 9 Prozent negativ bzw. Dezember 2021: 57 Prozent positiv vs. 19 Prozent negativ) ein deutlich positiveres Zukunftsbild.

Die ökonomischen Hauptrisiken unter den befragten Entscheidungsträgern sind wenig überraschend unsichere Geopolitik, Inflation, volatile Energiepreise und gestörte Lieferketten. Durch die expansive Notenbankpolitik sind die Immobilienpreise in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Per Jahreswechsel hatten die US-Konsumenten Immobilienkredite in der Höhe von 11,3 Billionen US-Dollar offen. Das ist wenig überraschend ein neues All-Time-High. Im Vergleich zur US-Immobilienkrise 2008 ist der Anteil der schlechten Schuldner mit aktuell 2 Prozent sehr gering. Ende 2007 war der „Subprime-Anteil“ mit 12 Prozent deutlich höher. Darüber hinaus haben US-Konsumenten noch weitere 4,3 Billionen US-Dollar an Schulden angehäuft. Darunter fallen Kreditkartenschulden, Autokredite oder auch Studentenkredite. Seit 2003 haben sich die Schulden abseits der Immo-Kredite mehr als verdoppelt.

Haben Sie in den letzten 12 Monaten einmal mit Cash bezahlt? Ich kann diese Frage wenig überraschend mit JA beantworten. Spannend finde ich, dass mehr als jeder vierte Befragte in Deutschland mit NEIN geantwortet hat. Dieser Personenkreis zahlt ausschließlich mit Debit- bzw. Kreditkarte, mittels Smartphone oder einer anderen bargeldlosen Variante. Dieser Trend hat sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie nochmals drastisch beschleunigt. Gehöre ich jetzt zum alten Eisen, weil ich den Espresso beim Italiener meines Vertrauens nach wie vor bar bezahlen möchte?

Steigende Inflationsraten beherrschen seit Monaten die Wirtschaftsschlagzeilen. Dieses Thema ist hoch emotional behaftet. Am Mittwoch dieser Woche wurden die US-Inflationszahlen für April veröffentlicht. Die gute Nachricht vorweg. Die Inflationsrate ist im April im Vergleich zu den Märzdaten zurückgegangen. Aber auch wenn der Trend in die andere Richtung zeigt, kann man bei einer Teuerungsrate von 8,3 Prozent wahrlich nicht von einer Entspannung sprechen. Von einem temporären und zeitlich begrenzten Phänomen, von welchem die amerikanische Notenbank lange Zeit ausgegangen ist, sprechen nur mehr wenige.

Die Inflation ist aber nur einer von mehreren Gründen, warum am Kapitalmarkt nach wie vor ein rauer Wind weht. Seit Jahresbeginn haben viele Assetklassen, wie z.B. Aktien oder Anleihen deutlich an Wert verloren. Besonders stark unter die Räder sind einige Tech-Aktien und Highflyer der vergangenen Jahre gekommen. Erleben wir gerade eine Trendumkehr von Growth- zu Value-Aktien? Schließlich hat die Technologiebörse Nasdaq heuer deutlich mehr verloren als der breite S&P 500 Index.

Value Aktien zeichnen sich durch stabile Cash-Flows, Einkommensströme und eine fundamental eher günstige Bewertung aus. Darunter fallen z.B. Energie-Unternehmen, Finanzinstitute, Industrieunternehmen oder auch der Gesundheits- und Pharmasektor. Im Gegensatz dazu leben Growth Aktien vor allem von einen ausgeprägten Wachstumsphantasie und zeichnen sich darüber hinaus zusätzlich mit geringen Cash-Flows bzw. Gewinn aus. In der letzten Dekade haben Investoren mit Growth-Titeln um 7,8 Prozent pro Jahr mehr verdient als mit Value-Aktien. Beginnt nun die Korrektur?

Apropos Korrektur. Da können dieser Tage auch Krypto-Investoren ein Lied davon singen. Der Primus Bitcoin verlor innerhalb einer Woche 30 Prozent an Wert. Der Gesamtmarkt innerhalb eines Tages schneidige 248 Milliarden US-Dollar. Auslöser für den Crash war der Kollaps der Kryptowährungen Luna/Terra und UST. All jene, die heuer mit Tech-Titeln Geld verloren haben, befinden sich in prominenter Gesellschaft. Tesla-Chef Elon Musk (minus 39 Milliarden Dollar), Amazons Jeff Bezos (minus 60 Milliarden Dollar) oder auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (minus 53 Milliarden Dollar) haben heuer gemeinsam mehr als 150 Milliarden Dollar verloren. Das tut weh! Ob geteiltes Leid hier auch halbes Leid ist, wage ich aber zu bezweifeln.

Spannend finde ich, dass mit dem Investor Warren Buffet, der mit seiner Value Investing Strategie ein gigantisches Vermögen aufgebaut hat, lediglich einer der Top-5 aus Bloombergs Billionaires Index auch 2022 sein Nettovermögen steigern konnte. Respekt, lieber Warren, Respekt! Manchmal scheinen ja auch alte Eisen etwas richtig zu machen. Es gibt also noch Hoffnung für mich.

Samstag, 7. Mai: So nah und doch so fern! 

Die Welt hat sich massiv verändert. Unser Leben wird zunehmend digitaler. Das betrifft nahezu jeden Bereich. Ganz egal, ob wir die Börsenkurse checken, Dr. Google über unsere Symptome befragen, unsere Produkte anpreisen, uns über ein vietnamesisches Kochrezept informieren oder einfach nur auf der Suche nach einem neuen Traumpartner sind. Auch ich persönlich liege prinzipiell voll im Trend. Heute aber bin ich wild entschlossen, mich auch der realen Welt zu stellen. Am Vormittag zieht es mich in die Grazer Innenstadt zur Buchhandlung Moser. Das Geschäft öffnete bereits 1868 erstmals seine Pforten. In einer Zeit, in der noch Pferdekutschen und nicht die Straßenbahnen das Stadtbild prägten. Nächste Woche am Samstag werde ich in diesen ehrwürdigen Räumlichkeiten mein neues Buch vorstellen.

Auch wenn es für den einen oder anderen sonderbar klingen mag. Eine Präsentation vor realen Menschen und nicht in den unendlichen Weiten des Internets! Aktuell verbringen erwachsene Menschen fast sieben Stunden täglich im Internet. Die Deutschen (5:22 Stunden), Österreicher (5:42) und Schweizer (5:45) verbringen im Vergleich zu anderen Ländern noch (?) deutlich mehr Lebenszeit in der realen Welt. Mehr als ein Drittel unserer Internet-Zeit verbringen wir in sozialen Netzwerken. Spannend finde ich das Ergebnis einer aktuellen Umfrage in Deutschland, in der 52 Prozent der Befragten nach wie vor Bücher in gedruckter Form dem e-Book (14 Prozent ) bevorzugen. Sollten auch Sie zu den 80 Prozent der Menschen gehören, die Bücher lesen, kann ich Ihnen einen Besuch beim Buchhändler Ihres Vertrauens nur wärmstens empfehlen.

Das glitschige Börsenparkett, an dem Händler im feinen Zwirn wildgestikulierend und lautstark ihre Kauf- und Verkaufsaufträge platzieren, gehört auch der Vergangenheit an. Ein Großteil der Transaktionen im Finanzbereich wird mittlerweile digital abgewickelt. Diese Veränderung hat wie jede Medaille zwei Seiten. Auf der einen Seite stehen Transparenz, Schnelligkeit und niedrige Handelskosten. Dem gegenüber stehen vollautomatisierte Computersysteme, die auf Basis von Algorithmen „selbstständig“ ins Handelsgeschehen eingreifen. Noch nie in der Vergangenheit haben die großen Finanzkonglomerate so intensiv darüber gestritten, wer seinen Server ein paar Meter näher an der Börse aufstellen darf. Bei einer Behaltedauer, die oftmals nur im Millisekundenbereich liegt, scheint das auch irgendwie nachvollziehbar. Frei nach der Devise: So nah und doch so fern! Der Trend an den Finanzmärkten geht in Richtung Nachhaltigkeit.

Der EU-Aktionsplan verfolgt das Ziel, Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken. Insofern ist es sehr verwunderlich, dass die deutsche Finanzaufsicht Bafin diese Woche ihre Richtlinie zur Einstufung nachhaltiger Fonds auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Für mich wird dadurch der Zielekonflikt offensichtlich. Auf der einen Seite gilt es das Energieproblem, welches durch die russische Invasion in die Ukraine ihren Ursprung nahm, zu lösen. Andererseits wollen wir Europäer in wenigen Jahrzehnten klimaneutral sein.

Wie aber soll der Transformationsprozess ausschauen? Auf der COP26 Konferenz haben sich 40 Staaten dazu entschlossen, aus der Kohle auszusteigen. Im Jahr 2021 wurde aber um neun Prozent mehr Energie aus Kohle gewonnen als im Vorjahr. Das ist der größte Anstieg seit 1985. Um die Klimaziele zu erreichen, ist ein sukzessiver Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zwingend erforderlich. Bis 2030 ist ein kontinuierlicher Rückgang von 13 Prozent pro Jahr geplant. Mehr als die Hälfte der aus Kohle gewonnen Energie entfällt auf China. Gemeinsam mit Indien (11,6 Prozent) und den USA (6,1 Prozent) zeichnen sich allein diese drei Nationen für 70 Prozent der Gesamtproduktion verantwortlich.

Abschließend noch einen Blick auf die Finanzmärkte: Diese Woche gibt es „Historisches“ von der amerikanischen Notenbank zu berichten. Erstmals seit 22 Jahren hat die Fed den Leitzins um 50 Basispunkte erhöht. Ob damit die davongaloppierende Inflation eingefangen werden kann, bleibt abzuwarten. Eines ist aber sonnenklar. Der Druck auf EZB-Präsidentin Christine Lagarde ist dadurch mit Sicherheit nicht kleiner geworden. Mal schauen, wie lange der erste Zinsschritt der EZB noch auf sich warten lässt. Die Finanzmärkte regierten zunächst „entspannt“ auf den Zinsschritt. Am Donnerstag kam es dann aber zu einer deutlichen Korrektur, in der vor allem Technologie-Titel deutlich Federn lassen mussten. Auch der Euro kam in diesem Umfeld unter Druck. Allein im letzten Jahr hat die europäische Leitwährung rund zwölf Prozent gegenüber dem US-Dollar an Wert eingebüßt. Auch wenn wir Europäer es nicht so recht wahrhaben möchten, liegt der „Sichere Hafen“ nicht dies-, sondern jenseits des Atlantiks!

Samstag, 30. April: Wo fallen die höchsten Zinsen an?

Mein Blick schweift in die Ferne. Im Morgengrauen erkenne ich die Umrisse eines Neubauprojektes. Die Preise sind aufgrund der Lieferengpässe und der stark gestiegenen Rohstoffpreise signifikant gestiegen. Für den Häuslbauer und den Projektabwickler macht es das gegenwärtige Umfeld unglaublich schwierig, die Gesamtkostenbelastung zu prognostizieren. Der Grundsatz, dass Projekte im Regelfall immer deutlich mehr als veranschlagt kosten, trifft dieser Tage wohl besonders zu. Das tiefe Zinsniveau bevorzugt Schuldner. Das gute Umfeld hat zu einem wahren Immobilienboom geführt.

Seit 2010 sind die Immobilienpreise in der EU um 42% gestiegen. Immobilienbesitzer in Österreich und Deutschland können sich noch mehr freuen. Im Schnitt sind hier die Hauspreise um 109% bzw. 93% deutlich stärker gestiegen als im EU-Schnitt. Es scheint so als würden wir 2022 eine Zinswende erleben. Nach dem stetigen Rückgang in den letzten Jahrzehnten sind heuer die Zinsen rund um den Global stark gestiegen. In vielen europäischen Ländern ist der kurzfristige Zinssatz das erste Mal seit 2014 wieder über die 0%-Grenze gestiegen. Gewissermaßen sind wir damit wieder in der Normalität angekommen.

Haben Sie sich eigentlich auch schon einmal gefragt, wo gegenwärtig die höchsten Zinsen bezahlt werden? In Front liegt Zimbabwe mit einem Zinssatz von 80%. Das klingt viel, allerdings muss auch festgehalten werden, dass die Inflation in dem 15-Millionen-Einwohnerland aktuell bei 90% liegt. Damit erleidet der Sparer trotz des „Wucher-Zinses“ einen realen Wertverlust von 10%. Auch im stark angeschlagenen Venezuela, deren Wirtschaft im letzten Jahr um mehr als ein Viertel geschrumpft ist, liegt der kurzfristige Zinssatz aktuell bei 56%. Nebenbei bemerkt müssen nirgendwo auf der Welt die Menschen mit so hohen Inflationsraten kämpfen. In Venezuela liegt sie aktuell bei 284%. Venezuela führt auch das Ranking der am meisten verschuldeten Staaten mit einer Verschuldungsquote von 350% in Relation zum BIP an. Dahinter folgt mit Japan mit 266% spannenderweise eine Industrienation.

Auch Argentinien schafft es mit einem Zinssatz von 47% in die Top-3 jener Länder, die gegenwärtig für ihre Außenstände die höchsten Zinsen zu berappen haben.

Die Berichtssaison ist voll im Gange. Die Zahlen für das erste Quartal haben im Großen und Ganzen bisher die Erwartungen übertroffen. Spannend finde ich auch, dass sich die Erwartungen der Analysten seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine für die nächsten Quartale deutlich verbessert haben. Elon Musk hat bekanntlich eine Vorliebe für Twitter. Mit aktuell 82 Millionen Followern gehört er zu den populärsten Personen auf Twitter. Angeführt werden die Top-10 von Barack Obama mit 132 Millionen Followern vor Justin Bieber mit 114 Millionen bzw. Katy Perry mit 109 Millionen. In dieser erlauchten Liste der Meinungsbildner findet man mit Christiano Ronaldo und Donald Trump auch noch einen Sportler und einen weiteren ehemaligen US-Präsidenten.

Elon Musk kauft nun also Twitter für 44 Milliarden US-Dollar. Das sollte für den reichsten Mann der Erde mit einem geschätzten Vermögen von 252 Milliarden US-Dollar eine „Kleinigkeit“ sein, meinen Sie nicht auch? Ist es aber nicht, da ein Großteil des Musk-Vermögens in seinen Unternehmen „geparkt“ ist und Elon demnach nicht frei darüber verfügen kann. Er hat „lediglich“ geschätzte drei Milliarden US-Dollar in Cash und liquiden Mitteln. Insofern muss er mehr als 40 Milliarden US-Dollar anderwärtig aufstellen. Einen Teil der Finanzierung will er mittels eines klassischen Bankkredites aufstellen. Dazu ist er bereit, seine TESLA-Aktien als Pfand zu hinterlegen. Der heute verspätete erste Schluck meines Espressos wirkt beruhigend. Beruhigend ist auch, dass selbst der reichste Mann der Welt manchmal seine letzten Kröten zusammenkratzen muss, um ein Projekt zu stemmen, meinen Sie nicht auch?

Samstag, 23. April: Tomaten und die Rentner-Plattform

Heute ist Markttag. Nach meinem morgendlichen Espresso geht es auf den Bauernmarkt. Ich liebe diesen Ort, an dem Händler Woche für Woche ihre Waren anbieten, mit Kunden scherzen und eine gute Laune verbreiten. Für einen Bürohengst wie mich ist das eine willkommene Abwechslung. Als ich durch den engen Gang schlurfe, höre ich eine Frau, die sich über die teuren Preise beklagt.

Die Inflation hat auch meinen Bauernmarkt erreicht. In diesem Zusammenhang muss ich an eine aktuelle Auswertung des Statistischen Bundesamtes denken, die die Preisentwicklung recht anschaulich darstellt. Mein Sohn liebt Nudeln. Heute stehen Spaghetti Bolognese auf unserem Speiseplan. Für unseren Mittagsteller müssen wir tiefer ins Börserl greifen als noch vor einem Jahr. Die Pasta hat sich um 17,5 Prozent verteuert, das Faschierte um 12,7 Prozent und Tomaten sogar um 43,9 Prozent. Beim Gemüsehändler meines Vertrauens kaufe ich frische Tomaten. Hat sich auch hier der Preis im letzten Jahr um über 40 Prozent erhöht? Ich kann es ehrlich gesagt nicht einmal beantworten. Was ich aber weiß, ist, dass die Rechnungen in Summe beim Einkauf deutlich gestiegen sind.

Als ich den Bauernmarkt verlasse, fällt mir ein junges Pärchen auf, die ein Selfie vor dem Stand meines Gemüsehändlers machen. Wahrscheinlich werden sie dieses Bild gleich auf ihren Social Media Kanälen posten. Wer weiß, vielleicht geht mein Bauernmarkt gleich viral! In den sozialen Medien tummeln sich Milliarden von Menschen. Die größte Plattform ist nach wie vor Facebook mit 2,9 Milliarden an aktiven Usern. Dahinter folgen YouTube (2,5 Milliarden), WhatsApp (2 Milliarden) und Instagram (1,5 Milliarden). Facebook ist mittlerweile aber etwas für ältere Personen. Manch Zyniker spricht schon von der Rentner-Plattform. Junge Menschen zieht es eher zu TikTok. Das ist ähnlich wie YouTube ein Video-Kanal. Allerdings - passend für junge Menschen mit kürzeren Aufmerksamkeitsspannen - handelt es sich dabei meist um Kurzvideos in Sekundenlänge. TikTok hat vor kurzem bereits die 1 Milliarde Schallmauer an aktiven Usern durchbrochen.

Auch die Geschäftswelt wird zunehmend digitaler. Kein Wunder, schließlich verbringen wir Konsumenten mittlerweile einen Großteil unserer Zeit in der virtuellen Welt. Auf dem Marktplatz im Internet herrscht mittlerweile reges Treiben. Den schreienden Händler gibt es nun nicht mehr in physischer sondern in einer optimierten digitalen Form. Auf vielen Kanälen wird man mit Werbeeinschaltungen überschüttet. Da kann es einem schon zur Herausforderung werden, im Stream zwischen all den Werbeposts die interessanten Dinge herauszufiltern, für die man sich eigentlich interessiert.

Die Gewinne von Social Media Konzernen sprudeln. Analysten gehen davon aus, dass die Quartalsergebnisse der größten Akteure im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozent steigen werden. Das ist viel, allerdings hat sich das Gewinnwachstum deutlich verlangsamt. Allein der Platzhirsch Google dürfte im 1. Quartal Werbeeinnahmen in der Höhe von 55 Milliarden US-Dollar lukriert haben. Für Facebook, eine Social Media Plattform des Meta-Konzerns, wird der Wind rauer. Die prognostizierten Einnahmen von 27 Milliarden sind zweifellos ganz ordentlich. Allerdings hat die Plattform im Vergleich zu anderen deutlich an Bedeutung verloren. Mark Zuckerberg wird damit nicht zufrieden sein. Der Facebook-Gründer ist zwar immer noch einer der reichsten Menschen dieses Planeten, musste 2022 aber doch deutlich Federn lassen. Sein aktuelles Vermögen beläuft sich auf geschätzte 74 Milliarden Dollar. Das ist zweifellos viel! Unfassbar viel sogar. Allerdings auch um mehr als 50 Milliarden Dollar weniger als zu Beginn des Jahres. Das wiederum ist ungefähr so viel wie das Gesamtvermögen der Computer-Ikone Michael Dell, seines Zeichens immerhin die Nummer 23 auf der Liste der reichsten Menschen dieser Welt.

Die nächsten Wochen stehen im Zeichen der Quartalsergebnisse. In Nordamerika läuft es bisher ganz gut. Mehr als drei Viertel der Unternehmen konnten ihre Erwartungen übertreffen. Das betrifft allerdings die Vergangenheit. Der Ausblick ist aber deutlich trüber. Der IWF hat in seinem traditionellen Frühjahrsausblick die Wachstumsprognose deutlich gesenkt. Für 2022 erwarten die Experten ein Weltwirtschaftswachstum von 3,6 Prozent. Im Jänner waren es noch 4,4 Prozent. Als Begründung wird vor allem Russlands Einmarsch in die Ukraine angeführt. Besonders stark betroffen sind auch die Auswirkungen auf die Eurozone, deren Wachstumserwartung sich von 2,8 Prozent auf 1,1 Prozent gesenkt hat.

Auch auf der Inflationsseite sieht der IWF wenig Entspannung. Die Volkswirte prognostizieren für Industriestaaten eine Inflationsrate von 5,7 Prozent bzw. für Schwellenländern sogar von 8,7 Prozent. Der IWF-Ökonom Gourinchas spricht sogar davon, dass die Inflation zu einer klaren und präsenten Gefahr für viele Staaten geworden ist und er Notenbanken empfiehlt, die seit langem lockere Geldpolitik zu straffen. Ich bin schon gespannt, ob die ehemalige IWF-Chefin und jetzige EZB-Präsidentin Christine Largarde der Empfehlung Gourinchas folgen wird.

Samstag, 16. April: Faule Eier und der Konjunkturhimmel

Das Osterwochenende steht vor der Tür. Für die Osternestsuche ist es aber noch zu früh. Keine Geschenke gibt es auch rund um die Inflationsentwicklung, wo alle Dämme gebrochen zu sein scheinen. Die US-Erzeugerpreise steigen im Rekordtempo auf +11,2 Prozent. Ausschlaggebend dafür sind nach wie vor die durch den Ukraine-Konflikt angeheizte Energiekrise und die anhaltenden Lieferengpässe. Das ist ein Vorbote für die Verbraucherpreise, die mit aktuell 8,5 Prozent bereits jetzt den höchsten Wert seit den frühen 1980ern erklommen haben. Der Druck auf die US-Notenbank steigt damit weiter. Weitere Zinserhöhungen erscheinen unausweichlich.

Einige Volkswirte großer Finanzinstitute, wie z.B.  der Deutschen Bank, befürchten bereits, dass die größte Volkswirtschaft der Welt aufgrund der veränderten Notenbankpolitik in eine Rezession abgleiten könnte. Darüber hinaus verkündete die Welthandelsorganisation, dass die Weltwirtschaft heuer um nur 2,8 Prozent anstatt wie bisher angenommen um 4,1 Prozent wachsen wird. Kritisch sieht die WTO-Chefin vor allem eine Aufteilung der Weltwirtschaft in zwei Blöcke, was wiederum weder für den Wohlstand noch für den Frieden förderlich ist.

Diese Woche tagte auch die Europäische Zentralbank. Im Gegensatz zur Fed belässt die EZB den Leitzins bei 0 Prozent. Es wurde aber angekündigt, sich von der ultralockeren Geldpolitik zu verabschieden. Im ersten Schritt werde man die Anleihenkäufe zurückfahren. Volkswirte gehen bereits davon aus, dass eine Leitzinserhöhung im 4. Quartal 2022 bereits ante portas steht. Das wäre im Angesicht einer dahin galoppierenden Inflation angebracht. Selbst unter der Gefahr, dass sich der Horizont am Konjunkturhimmel deutlich eintrübt.

Auch die Finanzmärkte kühlen spürbar ab. Die große amerikanische Bank JP Morgen hat ihren Kunden bereits empfohlen, Aktien zu verkaufen und damit Gewinne zu realisieren. Das klingt alles sehr schauderhaft. Als Fondsmanager habe ich gelernt, dass man die Zukunft nicht vorhersagen kann. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit und sehr komplexen bzw. vernetzen Welt. Bereits ein Ereignis wie die russische Invasion in der Ukraine oder der Ausbruch einer weltweiten Pandemie kann das ganze System ins Wanken bringen oder aber auch einen Trendwechsel einleiten. JP Morgan hat diese Woche auch ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Der US-Brachenprimus muss einen Gewinneinbruch von über 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verdauen. Das ist definitiv viel und auch unangenehm. Allerdings steht man mit einem satten Quartalsgewinn von über acht Milliarden Dollar auch nicht unmittelbar vor dem Ruin.

Und auch der Tech-Multimilliardär Elon Musk sorgt diese Woche für Schlagzeilen - er bietet mehr als 40 Milliarden Dollar für den Kurznachrichtendienst Twitter. Musk besitzt bereits neunProzent des Unternehmens und bietet 54,2 Dollar pro Aktie und damit einen Aufschlag von 38% zum aktuellen Kurs. Musk will damit die Redefreiheit gewährleisten und hat bereits angekündigt, dass er im Falle eines Scheiterns sich einen kompletten Rückzug vorstellen könnte. Da werden seine mehr als 80 Millionen Follower wohl wenig begeistert sein. Nächste Woche nimmt die Berichtssaison in den USA so richtig Fahrt auf. Ob uns da wohl das eine oder andere faule Ei ins Nest gelegt wird?

Samstag, 9. April: Goldig, Sonnenkönig & Twitter-Kaiser

Meine Kaffeemaschine ist ganz schön laut, während die Kaffeebohnen gemahlen werden. Für mich als Espresso-Liebhaber ist der Muntermacher zu dieser frühen Tageszeit wie pures Gold. Gerade in Zeiten hoher Inflationszahlen und niedriger Zinsen gewinnt das Edelmetall zunehmend an Bedeutung. Daran ändern auch steigende Zinsen wenig. Eine 10jährige österreichische Bundesanleihe notiert jetzt wieder über der 1-Prozent-Marke. Der Form halber möchte ich noch das Vorzeichen hinzufügen: + 1 Prozent!

Um die Weihnachtszeit war das Zinsniveau noch negativ und Investoren mussten Österreich dafür Geld zahlen, um dem Staat Geld leihen zu „dürfen“. Verkehrte Welt! In Zeiten der Unsicherheit erfreut sich Gold großer Beliebtheit. Eine Währung lebt vom Vertrauen, dass ihr Wert Bestand hat. Gerade in der heutigen Zeit kommt noch hinzu, dass lediglich ein Bruchteil des Geldes auch wirklich in physischer Form verfügbar ist. In der Vergangenheit waren deshalb viele Währungen an Gold gekoppelt. Ein Geldschein repräsentierte einen gewissen Gegenwert an Gold und konnte bei Bedarf auch dagegen eingetauscht werden. Dazu musste das Gold aber tatsächlich vorhanden sein, und somit war der Geldmenge eine natürliche Grenze gesetzt. Der sogenannte Goldstandard war ab 1880 das anerkannte System in den Industriestaaten. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Einlösepflicht in vielen Staaten aufgehoben, so dass der Goldstandard außer Kraft gesetzt war. Nach einer Phase der flexiblen Wechselkurse dauerte es bis 1922, bis man wieder zum ursprünglichen System zurückkehrte. Im Juli 1944 wurde von 44 Staaten das Bretton-Woods-System beschlossen, welches die Vorteile des Goldstandards mit den Vorteilen eines flexiblen Wechselkurssystems zu kombinieren versuchte. Dieses System wurde bis 1973 aufrechterhalten. Seit damals ist die Geldmenge nicht mehr an einen Referenzwert gekoppelt. Zum Glück! Durch die expansive Notenbankpolitik der letzten Jahre würden wir heute alle Grenzen sprengen.

Das Vertrauen der Menschen in die Werthaltigkeit des Geldes scheint aber zu schwinden. Diese Erfahrung musste auch der Schotte John Law of Lauriston machen. Law gelang es, aus dem dahinsiechenden und bankrotten Frankreich, welches mit den Nachwehen der Misswirtschaft des Sonnenkönigs Ludwig XIV zu kämpfen hatte, wieder eine Grande Nation voller Selbstvertrauen und einer prosperierenden Wirtschaft zu machen. John Law war aber auch ein Spieler, der es auf den europäischen Spieltischen zu einem Vermögen gebracht hatte. Grund dafür war nicht nur Glück, sondern ein gutes mathematisches Grundverständnis und seine Fähigkeit, blitzschnell seine Gewinnchancen berechnen zu können. In seiner Blüte war John Law ein Star und der reichste Mann der Welt. Ausschlaggebend war auch der Hype um seine Mississippi-Compagnie, die die Rechte an Bodenschätzen in der Neuen Welt im sumpfigen Louisiana besaß. Bald wollte nahezu jeder Pariser Mississippi-Aktien besitzen. Der Aktienkurs stieg innerhalb kürzester Zeit von 500 Livre auf mehr als 9000 Livre. Als sich die Hoffnung zerschlug, fiel der Aktienkurs ins Bodenlose. In diesen Tagen verlor das Papiergeld immer mehr an Wert. Frankreich kämpfte mit einer horrenden Inflation, die auch von der fleißig gelddruckenden Monarchie befeuert wurde. Frankreich war im Ausnahmezustand und der Sündenbock war rasch gefunden: Das Finanzgenie John Law!

Kommen wir zurück zum Gold. Wussten Sie, dass der weltweite Goldbestand ein Würfel mit einer Kantenlänge von „nur“ etwas mehr als 20 Metern ist? Russland hat in den letzten Jahren massiv Gold gekauft und seinen Bestand seit 2005 mehr als verdreifacht. Damit verfügt man hinter den USA, Deutschland, Italien und Frankreich über die fünftgrößten Goldreserven. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges hat die Dynamik der Goldkäufe nochmals deutlich zugenommen. Grund dafür war eine Ausweitung der Sanktionen gegenüber russischen Banken.

Plant Russland jetzt den Wert des Rubels mit Gold zu hinterlegen, um das internationale Vertrauen wieder zu erlangen? Ein Indiz dafür wäre, dass die Bank von Russland bereits begonnen hat, Gold von Banken zu einem Fixpreis von 5000 Rubel pro Gramm zu kaufen. Das entsprach zum Beginn der Maßnahmen einem Gegenwert von rund 1600 US-Dollar pro Unze. Das war ein deutlicher Abschlag zum Marktpreis von etwas mehr als 1900 US-Dollar. Das Ziel dieser Maßnahme ist es, den Wert des Rubels auf den internationalen Währungsmärkten aufzuwerten. Mit dem aktuellen Rubelkurs berechnet, kauft die Bank von Russland schon zu rund 1740 US-Dollar. Die Maßnahme scheint zu funktionieren. Ich bin schon sehr gespannt, wie das weitergeht.

Apropos gespannt. Elon Musk liebt Twitter und hat bereits 77 Millionen Follower und schon mehr als 15.000 Tweets abgesendet. Bestimmendes Thema waren SpaceX und Tesla. Jetzt ist Elon Musk auch bei Twitter eingestiegen und hat Aktien um 2,89 Milliarden US-Dollar gekauft. Mit 9,2 Prozent ist Musk damit einer der größten Anteilseigner. Musk hat im Vorfeld eine Umfrage durchgeführt, in der 70 Prozent angaben, dass Twitter das Prinzip der freien Rede nicht rigoros einhält. Musk kauft Twitter-Aktien, kämpft für die freie Rede und hat nebenbei durch den Kursanstieg nach seinem Einstieg mehr als 500 Millionen Dollar verdient. Keine schlechte Bilanz, meinen Sie nicht auch?

Samstag, 2. April: Nein, das ist kein April-Scherz

Vorbei sind die warmen Frühsommertage. Passend dazu verkündet Russlands Präsident Wladimir Putin, dass ab 1. April ausländische Investoren russisches Gas nur mehr mit Rubel bezahlen können. Bezahlt werden soll das am besten von einem Konto bei der Gazprombank. Und nur um das Vornewegzunehmen: Nein, das ist kein April-Scherz. Westliche Staaten haben sich jedoch bis dato geweigert, da eine Bezahlung in US-Dollar bzw. Euro vertraglich geregelt sei. Ob das Russlands Putin wirklich interessieren wird, was im Kleingedruckten der Lieferverträge stehen mag, darf durchaus bezweifelt werden. Der wirtschaftspolitische Ringeltanz geht damit in die nächste Runde. Steigende Energiepreise wirken inflationstreibend und Monat für Monat werden neue Höchststände erreicht. In der Eurozone lag die Teuerungsrate im März bereits bei 7,6 Prozent, in Deutschland kletterte sie auf 7,3 Prozent. Die Österreichische Nationalbank warnt bereits davor, dass die Inflation bei einer Verschärfung der Ukraine Krise sogar auf 9 Prozent klettern könnte.

Eines schein fix: Der reale Geldwertverlust knabbert an unserem Geldbörsel. Mittlerweile sind auch die Zinsmärkte stark davon betroffen. Der Deutsche Bund-Future repräsentiert eine sechsprozentige Bundesanleihe mit einer Restlaufzeit von zehn Jahren. Eigentlich ein sicheres Investment, sollte man meinen. Nicht so im März 2022. Investoren mussten aufgrund des Zinsanstieges deutliche Verluste hinnehmen und verloren mit dem „risikolosen“ Investment acht Prozent an Wert. Das schlägt sich auch in den Büchern von institutionellen Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen nieder. Die Risikobudgets sind bereits angespannt. Aufgrund der jeweiligen Steilheit der Zinskurve lässt sich die Einschätzung der Marktteilnehmer gut zusammenfassen.

Eine steile Zinskurve bedeutet, dass der Investor dafür belohnt wird, sein Geld längerfristig dem Schuldner zu leihen. Eine 30-jährige Anleihe würde demnach mehr Rendite bringen als beispielsweise eine Anleihe mit fünf Jahren Laufzeit. Bei einer flachen Zinskurve bekäme der Gläubiger für beide Laufzeiten die gleiche Rendite und bei einer inversen Zinskurve nimmt die Rendite der Anleihen mit zunehmender Restlaufzeit ab. Letzteres Szenario kommt eher selten vor ist ein Indiz dafür, dass die Wirtschaftsdynamik deutlich abgenommen hat. In den USA war es diese Woche so weit. Die Rendite für eine fünfjährige US-Staatsanleihe brachte erstmals mehr Rendite als ihr 30-jähriges Pendant. Das hängt auch damit zusammen, dass die US-Notenbank in den letzten Wochen deutlich weniger Staatsanleihen gekauft hat. Der Markt gewinnt damit langsam wieder die Oberhand. Die Anzeichen verdichten sich immer mehr, dass der Fed-Präsident Powell heuer noch einige Male kräftig an der Zinsschraube drehen wird. Für Zinsinvestoren stehen ruppige Zeiten bevor.

Für Investoren stellt eine hohe Inflation in Kombination mit tiefen Zinsen einen gefährlichen Mix dar. Der Realzins – also jener Wert, der nach Abzug der Inflation übrigbleibt – ist im tiefroten Bereich und auf dem niedrigsten Wert seit der Ölkrise in den 1970ern. In Österreich wuchsen die Bankeinlagen trotz des Umfelds um zehn Milliarden Euro auf knappe 300 Milliarden Euro an. Bei einer „Realverzinsung“ von minus sechs Prozent, verlieren Österreicher mit ihren Spareinlagen jährlich satte 18 Milliarden Euro an Kaufkraft. Das ist das Ausmaß von drei größeren Steuerreformen und pro Kopf und Nase immerhin satte 2250 Euro. Kein Wunder, dass in diesem Umfeld auch das veranlagte Volumen in Investmentfonds kontinuierlich ansteigt. Mittlerweile halten Private knapp 90 Milliarden Euro in Investmentzertifikaten. Im Vorjahr erfreute sich die Finanzbranche über Nettomittelzuflüssen von 15 Milliarden Euro.

Besonders stark im Trend liegen nachhaltige Fonds und dabei insbesondere jene, die sich den Kriterien des Österreichischen Umweltzeichens (UZ49) unterwerfen. Diese zertifizierten Fonds verzeichneten mehr als die Hälfte aller Zuflüsse in heimischen Fonds. Der Trend geht unbeirrt in Richtung Nachhaltigkeit. Wie die Reise für die Kapitalmärkte weitergeht, wage ich aber beim besten Willen nicht zu prognostizieren. Alles ist möglich ….  aber nix ist fix!

Samstag, 26. März: Luft am Schuldenberg wird dünner

Joe Biden ist ein alter Mann, der im November seinen 80er feiert. Die Freude war bei vielen groß, als er Donald Trump aus dem Präsidentensessel gehoben hat. Wahrscheinlich hätte er sich seine Präsidentschaft auch leichter und etwas ruhiger vorgestellt. Eine anhaltende Corona-Pandemie, ausufernde Staatsschulden und ein außer Rand und Band geratener Wladimir Putin halten ihn zweifelsohne auf Trab.

Ein Schluck von meinem Espresso lässt mich die Morgenmüdigkeit abschütteln. Ob der liebe Joe in den letzten Wochen und Monaten seinen Espresso-Konsum in die Höhe geschraubt hat? Die jüngsten Umfragewerte verheißen nichts Gutes. Im Jahr der Kongresswahl gehen Bidens Zustimmungswerte in den Keller. 54 Prozent der US-Bürger sind mit seiner Politik unzufrieden. Zu seinem Leidwesen entspricht die Quote damit genau jener Donald Trumps zu Zeiten seiner Präsidentschaft.

Sorgen bereitet den Amerikanern vor allem die Wirtschaft, gefolgt von Krieg und ausländischen Konflikten. Biden will Akzente setzen und strebt eine Reduzierung des Staatsdefizits an. Kein Wunder! Vor kurzem wurde erstmals die 30 Billionen US-Dollar Schuldengrenze geknackt. Seit der Jahrtausendwende haben sich die Schulden damit mehr als versechsfacht und seit der Lehman-Pleite 2008 immerhin verdreifacht! Die USA hat damit so viel Schulden wie Japan, Deutschland, Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien zusammen. Wer aber sitzt auf den US-Schulden?  Japan hält Staatsanleihen im Gegenwert von 1,3 Billionen Dollar und ist damit Uncle Sam‘s größter ausländischer Geldgeber. Dahinter folgt China (1,05 Billionen Dollar) und Großbritannien (566 Milliarden Dollar). Diese drei Länder halten damit knapp zehn Prozent der US-Staatsanleihen.

Der größte Anteil entfällt aber auf die amerikanische Notenbank. Die Fed hält mittlerweile US-Staatsanleihen im Gegenwert von 5,8 Billionen Dollar  auf den eigenen Bilanzen. Seit Sommer 2019 hat sich das Volumen nahezu verdreifacht. Im Vergleich dazu schlummerten zum Zeitpunkt der Lehman-Pleite im September 2008 Staatsanleihen im Gegenwert von „bescheidenen“ 480 Milliarden Dollar auf den Fed-Büchern. Damit wird offensichtlich, wie aggressiv die Notenbanken seit damals in das Marktgeschehen eingegriffen haben. Die USA braucht weiterhin viel Geld, um die aufklaffenden Budget-Löcher zu stopfen. Das Defizit ist 2021 auf unfassbare 16,7 Prozent angestiegen. Vom Ausmaß her ist es damit größer als das BIP des Vereinigten Königreiches, immerhin der fünftgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Es muss wohl nicht gesondert erwähnt werden, dass wir damit einen neuen Höchststand erklommen haben. Für Biden wird die Luft immer dünner. Und zu seinem Überdruss wetzt auch noch ein ungeduldiger Donald Trump genüsslich die Messer.

Auch andere Notenbanken wie die EZB oder die Bank of Japan befinden sich seit 2008 im Dauerkrisenmodus. Durch niedrige Leitzinsen verfolgen Notenbanker die Strategie, ein prosperierendes wirtschaftliches Umfeld zu schaffen. Das birgt aber auch die Gefahr einer Überhitzung und inflationären Tendenzen. Das wird uns seit Monaten eindringlich vor Augen geführt und wurde durch den russischen Ukraine-Einmarsch nochmals verschärft. Um dem entgegenzuwirken, erhöhen Notenbanker bei etwaigen Anzeichen normalerweise die Leitzinsen. Durch die Verteuerung der Kredite wird dem Wirtschaftskreislauf Kapital entzogen. Und schon wird die wirtschaftliche Dynamik wieder abgeschwächt.

In einem “normalen” Umfeld kommt dem Zinssatz eine regulierende Wirkung zu. Wenn sich ein Staat überproportional verschuldet, wird die Bonität - also die Kreditwürdigkeit - schlechter. Dadurch werden Investoren höhere Zinsen fordern, wenn sie dem Schuldner erneut Geld leihen. Dieser Druck fällt aber aktuell vollkommen weg. Durch die expansive Notenbankpolitik - also der Mix aus niedrigen Zinsen und den Wertpapier-Kaufprogrammen - bleibt der Zins trotz der abnehmenden Bonität wie von Zauberhand auf anhaltend tiefem Niveau. Der Reformdruck des Marktes wird dadurch de-facto ausgehebelt. Und von politischer Seite her besteht keine Notwendigkeit, die Staatsfinanzen durch schmerzhafte Reformen in Ordnung zu bringen. Wer will es sich schon mit dem Wähler verscherzen! Für mich ganz klar eine Form von Moral-Hasard!

Der Schuldenberg wird größer und wir sitzen auf einem explosiven Pulverfass. Solange die Zinsen niedrig bleiben, ist das kein Problem. Mit steigenden Zinsen steigt auch die Zinsbelastung. In weiterer Folge kann das zu einer Verkaufswelle führen, die sich gewaschen hat. Und das wiederum kann zu einer Abwärtsspirale führen, deren Ausmaß auch im historischen Kontext seinesgleichen sucht!

Samstag, 19. März: Die Frage ist nur, wie lange noch?

Die neuesten Inflationszahlen verheißen nichts Gutes. Alles wird teurer? Unweigerlich stellt sich mir heute beim morgendlichen Espresso die Frage nach dem Kaffeepreis. Überraschenderweise ist der Kurs im letzten Monat um mehr als zehn Prozent gefallen. Klingt für mich als Kaffeeliebhaber auf den ersten Blick gut. Bei näherer Betrachtung des Kursverlaufes relativiert sich aber das Bild. Seit November 2020 – also in nicht einmal eineinhalb Jahren – hat sich der Börsenkurs mehr als verdoppelt. Und das liegt doch deutlich über den offiziellen Inflationszahlen.

Diese Woche wurden die Verbraucherpreise in den USA für den Monat Februar veröffentlich. Mit 7,9 Prozent lag die Teuerungsrate auf dem höchsten Wert seit Jänner 1982 – und das ist mittlerweile mehr als 40 Jahre her. Vor allem Lieferengpässe und der durch den Ukraine-Krieg beschleunigte Energiepreisanstieg treiben die Inflationszahlen stetig in die Höhe. In lediglich einem Jahr ist die Energie um mehr als 25 Prozent teurer geworden. Präsident Joe Biden erklärte Putin bereits zum Kriegsverbrecher und spricht immer häufiger von einer „Putin-Preissteigerung“. Die jüngsten Entwicklungen hinterließen auch tiefe Sorgenfalten in den Gesichtern der Notenbanker.

Durch die steigende Inflation dreht sich die Lohn-Preis-Spirale immer schneller. Vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass in den USA – mit einer Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent – kein Überangebot an Arbeitskräften vorherrscht. Fed-Präsident Jerome Powell wetzt die Messer und stellt sich mutig dem Kampf gegen den Inflations-Dämon. Am Mittwoch hat die US-Notenbank erstmals seit 2018 den Leitzinssatz um 0,25 Prozent angehoben. Das ist nicht viel. Der Trend scheint aber klar vorgezeichnet. Allein 2022 sollen noch sechs weitere Zinserhebungen um 25 Basispunkte folgen. Und auch für 2023 sind noch weitere vier Erhöhungen anvisiert. Powell machte in seinem Statement aber auch klar, dass sich seiner Einschätzung nach die geldpolitischen Maßnahmen zunächst langsam entfalten und überwiegend erst 2023 und 2024 wirken. Der US-Konjunktur-Motor brummt aber nach wie vor munter weiter. Die jüngsten Konsumdaten zeigen, dass die Amerikaner sich von den hohen Preisen nicht abhalten lassen und nach wie vor munter konsumieren. Die Frage ist nur, wie lange noch?

Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Europa ab. Die Inflationszahlen steigen Monat für Monat kontinuierlich an. Die Teuerungsrate in Österreich kletterte im Februar bereits auf 5,9 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit August 1984. Besonders stark wirkt sich auch hierzulande der Energiepreisanstieg aus. Im Gegensatz zur amerikanischen Fed bleibt die EZB nach wie vor ihrem Kurs treu.  Es werden zwar die Anleihenrückkäufe zurückgefahren, eine Zinserhöhung ist bis dato aber ausgeblieben. EZB-Präsidentin Christine Largarde hat aber die Inflationsprognose für 2022 von 3,2 auf 5,2 Prozent angehoben. Damit liegt man deutlich über dem EZB-Zielwert von 2 Prozent. In diesem Umfeld deutete Largarde eine Zinserhöhung im dritten Quartal des heurigen Jahres an.

An den Kapitalmärkten ist die Spannung spürbar. Das Jahr 2022 hat für Investoren bisher wenig erfreuliches parat. Die Aktienmärkte sind größtenteils nach wie vor im negativen Bereich und die langfristigen Zinsen dies- und jenseits des Atlantiks schon deutlich angestiegen. Das hat wiederum zu Kursverlusten für Anleiheninvestoren geführt. Darüber hinaus trübt sich der Horizont für Kreditnehmer – zumindest jene mit einem variablen Zinssatz – deutlich ein. Zudem werden die Vergaberichtlinien für Immobilienkredite deutlich verschärft. Ab Juli müssen drei Mindestkriterien erfüllt werden. Die Beleihungsquote darf maximal 90 Prozent betragen, der Schuldendienst 40 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens nicht übersteigen und darüber hinaus wird die maximale Laufzeit mit 35 Jahren beschränkt. Bezeichnend ist, dass laut der Österreichischen Nationalbank mehr als die Hälfte der Kredite die empfohlenen Mindestkriterien nicht erfüllt. Ist das ein Indiz dafür, dass der Markt schon sehr ausgereizt ist? Wahrscheinlich JA! Ob deswegen aber der Immobilienmarkt zusammenbricht, wage ich mangels alternativer „sicherer“ Veranlagungsmöglichkeiten massiv zu bezweifeln!

Samstag, 12. März: Der Börsianer als Fuhrmann

Es ist früh am Morgen. Trotz meiner täglichen Routine mit meinem Espresso, fühlt sich etwas fundamental anders an. In dieser ruhigen Stunde des Tages beschäftige ich mich mit den neuesten Nachrichten, um mir einen Überblick zu verschaffen. Normalerweise zieht der Wirtschafts- und Finanzbereich meine Aufmerksamkeit auf sich. Seitdem Putin die Messer wetzt und in die Ukraine einmarschiert ist, dominieren Kriegsereignisse meine Morgenlektüre. Damit bin ich sicherlich nicht allein. Aber irgendwie schlägt es doch aufs Gemüt. Als mein Sohn heute aufgewacht ist, hat er sich bei mir gleich über die neuesten Ereignisse erkundigt. Irgendwie unglaublich, dass der erste Gedanke des Tages eines 13-jährigen dem Krieg gilt.

Als Börsianer hat man dieser Tage viel mit einem Fuhrmann gemein. Bei einem „Hü“ laufen die Tiere nach links, bei einem „Hott“ nach rechts. Wenn der Fuhrmann einmal „Hü und Hott“ ruft, wissen die Pferde gar nicht, in welche Richtung sie den Wagen ziehen sollen. Auch an den Aktienmärkten geht es dieser Tage einmal steil nach oben, einmal steil nach unten. Gerade in unsicheren Zeiten erleben wir deftige Ausschläge nach oben und nach unten. Wobei nach den Jahren der Unterdrückung der Bär 2022 den jahrelang dahingaloppierenden Bullen in die Schranken zu weisen scheint.

Rund um den Globus tendieren die Aktienmärte deutlich im negativen Terrain. In unsicheren Zeiten stehen Risikoinvestments hoch im Kurs. Der Goldpreis hat 2020 in der Blütephase der Corona-Pandemie erstmals das Niveau von 2000 Dollar pro Unze überschritten. Auf 3-Jahressicht ist der Goldpreis damit um mehr als 50 Prozent gestiegen. Die Nachfrage nach Gold ist laut Banken seit Jahresbeginn signifikant angestiegen. In diesem Zusammenhang spielen, neben den durch den Ukraine-Konflikt gestiegenen Unsicherheiten, auch der stetige Anstieg der Inflation eine zentrale Rolle. Der reale Geldwerterhalt scheint 2022 zur Mammut-Aufgabe zu werden.

Die russische Wirtschaft wird immer mehr isoliert. Diese Woche haben sich beispielsweise Nestle, Philip Morris und der Videospielehersteller Sony dem Druck der Verbraucher gebeugt und sich aus Russland zurückgezogen. Die Russen erleben dieser Tage auch den heftigsten Inflationsschock in diesem Jahrhundert. In der ersten Woche nach der Ukraine-Invasion ist beispielsweise der Preis von Autos um mehr als 15 Prozent gestiegen. Aber nicht nur Autos, auch Lebensmittel sind betroffen. Tomaten und Bananen etwas mehr als 7 Prozent, Multivitamine 6 Prozent. Damit betrug der Preisanstieg in Russland in lediglich einer Woche mehr als die durchaus mit Besorgnis beäugte jährliche Preissteigerung in der Eurozone.

Wenig überraschend hat auch der russische Rubel massiv an Wert eingebüßt. Während man am Tag der Ukraine-Invasion noch 90 Rubel für einen Euro berappen musste, ist der Wechselkurs auf über 140 Rubel angestiegen. Ein Allzeittief! Die Börse in Russland bleibt geschlossen und die Kreditwürdigkeit wird auf Ramsch-Niveau herabgestuft. Russland hat 49 Milliarden Staatsanleihen in Euro und Dollar offen. Die nächste Zinszahlung steht vor der Tür. Am 16. März knapp über 100 Millionen. Spannend wird es am 4. April. An diesem Tag läuft eine Anleihe von 2 Milliarden Dollar aus. Viele Marktteilnehmer gehen mittlerweile von einem Zahlungsausfall Russlands aus.

Irgendwie werden für mich Erinnerungen an die Russland-Krise 1998 wach. Damals war ich ein blutjunger Fondsmanager. Die Krise traf mich wenige Monate nach meinem Berufseinstieg. Die Auswirkungen damals waren durch den Hype und die Euphorie um Internet-Aktien nur von kurzer Dauer. Das ist 2022 definitiv anders. Die Euphorie ist vom Börsenparkett verschwunden. Als Investor braucht man gerade in unsicheren Zeiten Nerven aus Drahtseilen. Es ist aber immer wichtig, den langfristigen Fokus im Auge zu behalten. Der Newsflow wird aber von kurzfristigen, taktischen Nachrichten dominiert. Und genau in diesem Umfeld ist es schwierig rational zu handeln. Ich habe noch keinen Investor kennengelernt, der mit ständigem Hü und Hott große Erfolge einfahren konnte. Wie heißt es so schön: Die höhere Ertragserwartung eines Aktieninvestments ist nicht umsonst. Der Preis: Unsicherheit und die eine oder andere schlaflose Nacht!

Samstag, 5. März: Unter die Räder gekommen

Mit dem Ukraine-Krieg hat sich vieles geändert. Wir erleben jetzt gerade eine humanitäre Katastrophe im Osten und müssen uns die Frage stellen, wie das in Europa passieren konnte bzw. auch warum wir es so weit haben kommen lassen. Seit dem Jahr 2020, in dem die Welt erstmals in den Corona-Lockdown gegangen ist, hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Das wird nun unrühmlich fortgeführt. An den Finanzmärkten hat der Krieg deutliche Spuren der Verunsicherung hinterlassen. Besonders europäische Unternehmen, die in den letzten Jahren viel Geld in Russland verdient haben, sind unter die Räder gekommen. Russland wurde vom teilweisen Ausschluss aus dem globalen Zahlungssystem Swift schwer getroffen.

Der Norwegische Pensionsfonds – ein Vorreiter des nachhaltigen Investments – verwaltet mittlerweile 1,3 Billionen US-Dollar und ist damit der größte Staatsfonds der Welt. Der norwegische Premierminister kündigte an, dass man alle russischen Investments abstoßen werde. In Summe hält der Fonds 2,83 Milliarden US-Dollar in Form von Staatsanleihen und Aktienbeteiligungen an 47 russischen Unternehmen.

Das Nachhaltigkeitsthema ist in aller Munde. Der Klimawandel wird seit Jahren vom World Economic Forum als größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts beschrieben. Insofern wenig verwunderlich, dass dieses Thema auch der Eckpfeiler der europäischen Bemühungen ist, die Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken. Um die Jahrtausendwende hat die UNO unter der Federführung des mittlerweile leider verstorbenen UN-Generalsekretär Kofi Annan mit den Millennium Development Goals (MDGs) einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass sich die Situation in den Entwicklungsländern seither deutlich verbessert hat. Nachfolgeprojekt sind die Sustainable Development Goals (SDGs). Die sind breiter gefächert und adressieren ökologische, soziale und ökonomische Komponenten. Das ist für mich der zweite historisch wesentliche Eckpfeiler der Nachhaltigkeit. In diesem Sog ist auch das Pariser Klimaabkommen zu nennen. Dabei handelt es sich um den Vorsatz von Staaten, durch gezielte Maßnahmen die Erderwärmung im 21. Jahrhundert im Zaum zu halten.

Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von Frieden und Wohlstand. Diese haben jedoch zu einigen Fehlentwicklungen geführt, die vor allem in der Coronakrise sichtbar geworden sind – Stichwort: Lieferengpässe, ein grober Mangel an globaler Solidarität gepaart mit nationalem Egoismus. Mit dem Ukraine-Krieg, den Russland als Aggressor losgetreten hat, wird wieder einmal deutlich, wie sehr sich Europa auf den Schultern der Großmächte der Vereinigten Staaten von Amerika und China ausgeruht hat.

Durch die Corona-Pandemie und den Ukraine-Krieg wird für mich ein neues Zeitalter eingeleitet. Spätestens seit dem ersten Lockdown und den Lieferengpässen wurde uns in Europa bewusst, dass die vorangestellte Globalisierung durchaus auch Schattenseiten hat. Regionalität ist wieder salonfähig und es ist das Bestreben zu beobachten, die Abhängigkeit gegenüber anderen Wirtschaftsblöcken deutlich zu reduzieren. In den letzten Jahren wurde uns eindeutig vor Augen geführt, dass der Zeitpunkt gekommen ist, den nächsten Schritt der Nachhaltigkeitsevolutionsstufe einzuleiten. Europa hat große Abhängigkeiten zugelassen. Das betrifft vor allem den Energiebereich. Darauf wird die europäische Wirtschaft und Politik Antworten zu finden haben.

Dabei sind auch durchaus kritische Themen, wie z.B. das Thema Rüstung anzusprechen. In diesem Bereich ist eine deutliche Divergenz zwischen Finanzmarkt und politischen Entscheidungsträgern zu beobachten. Während viele europäische Staaten die Ukraine mit Waffenlieferungen unterstützen, sind Waffen nach wie vor eines der beliebtesten Ausschlusskriterien vieler Investoren. Spannend finde ich auch, dass Rüstungskonzerne wie die deutsche Rheinmetall AG oder Lockheed Martin entgegen dem abwärts gerichteten Trend der Finanzmärkte deutliche Zugewinne erzielen konnten. Die Sustainable Development Goals haben als SDG16 auch "Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen" als eines der Kernziele definiert. Ob wir europäische Werte langfristig aufrechterhalten können, indem wir uns auf die großen Blöcke USA und China verlassen, wage ich aber in Anbetracht der jüngsten Ereignisse durchaus zu bezweifeln. Vielmehr besteht die Gefahr, dass Europa zwischen den Blöcken zermahlen wird.

Samstag, 26. Februar: Schockwelle auf den Märkten

Russland hat am Donnerstag die Ukraine angegriffen. Die Truppen sind bereits bis nach Kiew vorgedrungen. Die USA und Europa verurteilen den Angriff und kündigen weitere, harte Sanktionen gegen Russland an.

Der wichtigste Exportmarkt für Russland ist China (13,4 Prozent), vor den Niederlanden (10,5 Prozent) und Deutschland (6,6 Prozent). Unbeschadet dürfte das an Russland nicht vorrübergehen. Die Ereignisse in der Ukraine sind das bestimmende Thema der Woche. Die Lage ist extrem angespannt. Nicht nur die Politiker sondern auch die Börsianer sind gefordert. Die russischen Angriffe sorgen an den Finanzmärkten für eine Schockwelle. Viele Investoren verschieben ihre Gelder in die sicheren Häfen – Anleihen, Gold oder auch den Schweizer Franken. Die Kurse an den Aktienmärkten haben am Donnerstag schwere Verluste erlitten. Besonders stark betroffen ist die Börse in Moskau, die zwischenzeitlich 50 Prozent an Wert eingebüßt hat. In London notierte russische Aktien sind zeitweise sogar um 70 Prozent gefallen. Aber auch andere Leitbörsen mussten schwere Verluste hinnehmen.

Die Frage aller Fragen lautet: Wie geht es jetzt weiter? Laut der Europäischen Zentralbank hat sich der wirtschaftliche Ausblick durch den über Europa gekommen Kriegsschock doch deutlich eingetrübt. Die europäischen Notenbänker kämpfen zudem mit hohen Inflationsraten. Man sprach erstmals davon, dass kurzfristig sogar ein weiterer Anstieg zu erwarten sei. Ein wesentlicher Treiber sind die stark gestiegenen Energiepreise. Russland ist ein wesentlicher europäischer Energielieferant. Und genau das könnte die Energiepreise weiter deutlich steigen lassen. Grund dafür ist die Angst vor einer weiteren Verknappung der Liefermengen. Besonders stark betroffen ist der Gaspreis, der innerhalb von wenigen Stunden um 64 Prozent zulegte. Es würde mich nicht wundern, wenn die europäische Inflationsrate, aktuell auf einem Rekordwert von 5,1 Prozent, weiter ansteigt.

Für Aktionäre war 2022 bisher wenig zu holen. Nach den großen Kursanstiegen der letzten Jahre notieren alle großen Leitbörsen im deutlich negativen Bereich. Vor allem Technologiewerte, die Highflyer der letzten Jahre, mussten Federn lassen. Das betrifft auch die reichsten Menschen der Welt. Die Top drei des Bloomberg Billionaires Index haben heuer bereits mehr als 100 Milliarden verloren. Elon Musk (Tesla), Jeff Bezos (Amazon) und Bernard Arnault (LVMH) haben heuer annähernd das Gesamtvermögen Warren Buffets verloren. Der Börsenfuchs ist seines Zeichens immerhin der siebendreichste Mensch des Planeten. Spannend finde ich, dass es Buffet auch heuer als einziger der Top Ten geschafft hat, sein Vermögen in diesem schwierigen Umfeld zu steigern. Das wird den Mythos um ihn und sein Unternehmen Berkshire Hathaway weiter anfachen. Die Märkte befinden sich im Krisenmodus. Auch wenn die Abwärtsdynamik nach dem ersten Schock am Donnerstag doch deutlich abgenommen hat und es sogar zu einer kleinen Gegenbewegung gekommen ist.

Diese Woche sorgte auch der Hollywood-Star Leonardo DiCaprio, der unter anderem als Jordan Belfort im Film "The Wolf of Wall Street" einen internationalen Kassenschlager verbuchen konnte, für Aufsehen. Der Champagnerhersteller Telmont hat verkündet, dass sich DiCaprio am Unternehmen beteiligt hat und sich bemühen werde, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Auch aus dem VW-Konzern gibt es interessantes zu berichten. Der größte Autokonzern Europas will die Porsche AG an die Börse bringen. Als ich das lese, muss ich unweigerlich wieder an Leo DiCaprio denken. The Wolf is back! Wer weiß, ob er nicht schon champagnertrinkend mit seinem Elektro-Porsche durch Europa fährt?

Samstag, 19. Februar: Der Sparer als "Kollateralschaden"

Als Österreicher liebe ich den Winter. Gestern habe ich bereits unsere Schiausrüstung zusammengepackt. Ich freue mich schon darauf, mit meinen Kindern wieder die Pisten hinunter zu flitzen. Für meine Tochter habe ich im Dezember wieder neue Ski gekauft. Unsere Schi kommen natürlich aus Österreich. In der EU werden jährlich 3,7 Millionen Paar Schi und Snowboards produziert. Österreich ist in der EU sowohl der größte Importeur als auch Exporteur. 1,9 Millionen Paar Ski exportiert die EU in andere Teile der Welt. Mit 37 Prozent ist die USA der wichtigste Absatzmarkt. An den Finanzmärkten trennt sich die Spreu vom Weizen.

Während einzelne Unternehmen von einem Rekordergebnis zum anderen eilen, sind viele nicht einmal in der Lage, ihre Zinszahlungen mit dem operativen Geschäft abzudecken. In den USA trifft das mittlerweile auf nahezu jedes fünfte Unternehmen zu. Und das in einem Umfeld, in dem die Zinsen nach wie vor auf historisch niedrigem Niveau liegen. Kaum auszudenken, wenn die Zinsen von den Notenbanken angehoben werden, um den stetigen Anstieg der Inflationsraten Herr zu werden. Steigende Verschuldungsquoten treffen aber nicht nur Unternehmen sondern auch Staaten und Private. Der Schuldenkaiser ist Japan mit einer Verschuldung von 257 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Knapp 50 Prozent der Staatsschulden werden von der eigenen Notenbank Bank of Japan gehalten. Mit Griechenland (207 Prozent) und Italien (155 Prozent) befinden sich auch zwei Europäer auf der Top-10 Liste der meistverschuldeten Länder.

Staaten sind durchschnittlich mit 99 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt verschuldet. Das liegt deutlich über der einst als „stabile“ Quote in den Maastricht-Kriterien definierten 60-Prozent-Grenze. Die Staatsschulden sind seit dem Ende des 2. Weltkrieges nicht mehr so stark angestiegen. Aber auch Private schlittern immer mehr in die Schuldenfalle. Seit Ausbruch der Pandemie sind 97 Millionen Menschen in eine extreme Armut geschlittert. Darunter fallen Menschen, die mit weniger als 1,9 US-Dollar pro Tag ihr Auslangen finden müssen. Europäische Schuldner können erneut aufatmen.

EZB-Präsidentin Christine Largarde hat sich diese Woche klar geäußert, dass sie an der Notenbankpolitik festhalten möchte. Ziel ist es, europäische Staaten auch weiterhin mit Liquidität zu versorgen. Des Schuldners Freud, des Sparers Leid. All jene, die sparen und Wohlstandsverluste erleiden, scheinen der berühmtberüchtigte Kollateralschaden zu sein. Aber wir können beruhigt sein. Die EZB prognostizierte, dass die Inflationsrate ab 2023 wieder unter zwei Prozent fallen wird. Davon können wir im Moment nur träumen. Aktuell liegt die Teuerungsrate in der EU bei stolzen 5,1 Prozent und damit deutlich über dem EZB Ziel.

Die Historie hat uns gelehrt, dass sich EZB-Prognosen nicht zwingend durch eine hohe Trefferquote ausgezeichnet haben. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wer in Kryptowährungen investiert, erlebt wahrlich große Stimmungsschwankungen. Die Range reicht von Himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. In der DACH-Region sind die Schweizer wesentlich kryptoaffiner als Deutsche oder Österreicher. Während in der Schweiz bereits 17 Prozent der Befragten Kryptowährungen besitzen, ist die Marktdurchdringung in Österreich mit 12 Prozent und Deutschland mit 10% wesentlich geringer. Eines haben aber alle Länder gemein. Die Relevanz und Akzeptanz sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

So, jetzt geht es auf die Piste. Was die EZB kann, kann ich auch. Meine Prognose: So wie ich momentan drauf bin, werde ich 2026 Abfahrtsolympiasieger werden. Ob ich mit meinen Prognosen richtiger als die EZB liege, wird die Zukunft weisen.

Samstag, 12. Februar: Jausengeld und Gebrauchtwagen

Ab und an obliegt es mir, für unsere Kinder das Jausenbrot für die Schule vorzubereiten. Heute entfällt die Aufgabe, da wir gestern Abend den gesamten Brotbestand aufgefuttert haben. Uneigennützig betrachtet ist das auch kein großes Problem, da ich so mehr Zeit für meinen morgendlichen Espresso habe. Als ich das Jausengeld in die Schultaschen stecke, muss ich unweigerlich an die aktuellen Ereignisse im Libanon denken.

Der 7-Millionen-Einwohnerstaat in Vorderasien kämpft gegenwärtig mit einer Hyperinflation. Laut Lehrbuch handelt es sich dabei um Preissteigerungen von zumindest 50 Prozent pro Jahr. Im Libanon lag die Inflationsrate im Dezember bei unglaublichen 224 Prozent. Die Kaufkraft des Geldes verliert innerhalb eines Jahres um nahezu 70 Prozent an Wert. Besonders stark betroffen ist der Preisanstieg bei den Nahrungsmitteln, deren Preis sich 2021 mehr als vervierfacht hat. Damit hätte sich der Preis einer Jausensemmel innerhalb eines Jahres von zwei Euro auf mehr als acht Euro erhöht. In diesem Fall wäre mich mein Versehen heute morgen deutlich teurer zu stehen gekommen. Spannend finde ich aber, dass der Euro auf Ein-Jahres-Sicht gegen den libanesischen Pfund sechs Prozent verloren hat. Diese Entwicklung kann ich schwer nachvollziehen, da der Käufer des libanesischen Pfundes jeden Tag durch die Inflation an Kaufkraft verliert.

Auch in den USA oder Europa steigen die Inflationsraten in ordentliche Höhen. Von einer Hyperinflation sind wir aber meilenweit entfernt. Die Inflationsrate wurde in den letzten Monaten vor allem stark von den Energiepreisen getrieben. Bei einer genauen Analyse der Inflationszahlen der USA war zu erkennen, dass der Bereich „Used cars and trucks“ den größten Preisanstieg verzeichnete. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, lieber Leser. Vor einem Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ein Gebrauchtwagen ein so gutes „Investment“ ist. Aber bekanntlich lernt man nie aus.

Abschließend noch ein Blick auf die Finanzmärkte. Der Jahresstart war holprig und die meisten Aktienmärkte liegen im roten Bereich. Aber auch zinsseitig ist viel passiert. Den wenigsten ist bewusst, dass man auch als Investor in einer vermeintlich sicheren Staatsanleihe heuer ordentlich Federn lassen musste. Ein Investment in eine 100-jährige Österreichische Staatsanleihe, welche Ende 2020 gekauft wurde, brachte einen herben Verlust. Um im Jahr 2120 von der Republik Österreich 100 Euro zu erhalten, musste man im Dezember 56 Euro bezahlen. Durch den Zinsanstieg ist der Preis auf 23 Euro gefallen. Das bedeutet einen herben Verlust von 59 Prozent. Als Investor sollte man sich daher immer vor Augen führen, dass auch Anleihen guter Schuldner von einem Zinsanstieg betroffen sind. Grundsätzlich gilt: Je länger die Laufzeit (Duration), desto stärker reagiert der Preis auf Zinsänderungen.

Die Niederlassung der KPMG in Kanada erlaubt ab sofort auch ein Investment eigener Vermögen in Kryptowährungen. Argumentiert wird das u.a. damit, dass mit einem Investment in Bitcoin, Ethereum sowie Kohlenstoffkompensationen die ökologischen und sozialen Verpflichtungen des Unternehmens erfüllt werden sollten. Allein bei dem Energieverbrauch bei Bitcoins empfinde ich das aber als eine sehr mutige Aussage. Der Cambridge Bitcoin Electricity Consumption Index analysiert den Energieaufwand für das Mining. Laut Schätzungen werden gegenwärtig 125 Terrawattstunden pro Jahr – das sind immerhin 0,59 Prozent des globalen Stromverbrauchs – benötigt. Zum Vergleich: Das ist ungefähr 25 Prozent des deutschen Jahresstromverbrauchs oder der Stromverbrauch von Österreich und der Schweiz zusammen. Weltweit haben überhaupt nur 26 Länder einen höheren Stromverbrauch. Bleibt zu hoffen, das vor lauter Mining nicht irgendwann das Licht ausgeht.

Samstag, 5. Februar: Eine veränderte Risikolandkarte

Nächste Woche startet die erste Semesterferienwoche. Ein Schluck von meinem Espresso wärmt mich innerlich und haucht mir neue Lebensgeister ein. Unweigerlich muss ich schmunzeln, als meine Gedanken abschweifen. Als Schüler waren für mich Semesterferien immer ein Highlight. Nach den anstrengenden Jännerwochen waren die geliebten Skitage in den Ferien für mich Lebensenergie pur. Wenn ich heute morgen aus dem Fenster blicke, erwartet mich aber keine schneebedeckte Winterlandschaft. Nicht nur 2020, auch 2022 ist anders. Heute regnet es.

Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Das sagen nicht nur Umweltschützer oder Klimaaktivisten. Das ist auch das Ergebnis der aktuellen Risikolandkarte des World Economic Forums. Einmal pro Jahr treffen sich Wissenschaftler und Persönlichkeiten mit unterschiedlichsten Expertisen, um über die großen Themen und Herausforderungen zu sprechen. Das World Economic Forum hat einen wirtschaftlichen Ursprung. In den Top-5 der größten Risiken befinden sich drei aus dem Umweltbereich. Das größte Risiko – und damit meine ich nicht nur für die Menschheit sondern durchaus auch für den ganzen Planeten - ist der Klimawandel. Infektionskrankheiten würde der eine oder andere wahrscheinlich weiter vorne sehen. Tatsächlich rangieren sie auf dem 6. Platz. Auf dem 9. Rang findet sich mit der Schuldenkrise lediglich ein Risiko aus dem rein ökonomischen Bereich. Die Risiken werden anhand der Eintrittswahrscheinlichkeit und dem zu befürchteten Ausmaß beurteilt. In meiner Kindheit war das größte Risiko der Einsatz einer Atombombe.

Sollte der Klimawandel durch unsere Bemühungen nicht im Zaum gehalten werden, ist der Impact größer als der Einsatz einer Nuklearwaffe. Dieses Bewusstsein ist auch in der Allgemeinheit angekommen. 2021 haben weltweit bereits 13.000 börsennotierte Unternehmen klimabezogene Informationen publiziert. Investoren achten auch immer mehr darauf, neben klassischen ökonomischen Komponenten, wie Rendite oder Risiko auch andere Bewertungskriterien in den Entscheidungsprozess einfließen zu lassen. Die zentrale Frage lautet: Welche positiven Effekte löse ich mit meiner Investition aus? Auch der Gesetzgeber drängt die Finanzwirtschaft immer mehr in den Bereich der Nachhaltigkeit.

Mit dem EU-Aktionsplan hat vor allem Europa ein klares Regelwerk mit dem Ziel verabschiedet, Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken. Im Fokus steht in der ersten Phase der Umweltbereich. Die EU Taxonomie Verordnung (VO) ist ein Teil des EU Aktionsplans. Hier wurde der Versuch gewagt, auf europäischer Ebene zu definieren, was unter einem nachhaltigen Investment zu verstehen ist. Auffallend ist, dass es in dieser Frage große Divergenzen zwischen einzelnen EU-Ländern gibt. In Frankreich, wo rund 70 Prozent des Energiebedarfs mit Kernenergie abgedeckt wird, gilt Atomstrom als „grüne“ Energie. Das ist eine diametral andere Einschätzung als jene von Österreich. Hier wird Atomenergie als absolutes „No-Go“ angesehen und findet sich daher auch auf vielen Ausschlusslisten nachhaltig orientierter Investoren. Zu den größten Nuklearenergie-Produzenten der Welt gehören die USA (30,9 Prozent ), China (13,5 Prozent) und Frankreich (13,3 Prozent). Befürworter sprechen von einer CO2-armen Produktion, Gegner führen vor allem katastrophale Unfälle wie jene in Fukushima oder Tschernobyl sowie die problematische Lagerung von Atomabfällen ins Rennen. In diesem Zusammenhang muss uns allen aber bewusst sein, dass gegenwärtig weltweit rund 10 Prozent des Energiebedarfs mit Nuklearenergie und 38 Prozent mit Kohle abgedeckt wird.

Der Anteil von alternativen Energieformen wie Solar oder Wind liegt aktuell bei „nur“ 10 Prozent . Wenn wir uns also von Kohle und Nuklearenergie verabschieden wollen, müssen wir rund 50 Prozent unseres Energiebedarfs zusätzlich mit alternativen Formen abdecken oder unseren Energieverbrauch drastisch reduzieren.

Für mich ist aber auch klar: Die EU hat sich mit der „grünen Atomenergie“ einen Bärendienst erwiesen und dadurch massiv an Glaubwürdigkeit verloren!

Abschließend noch ein Blick auf die Finanzmärkte. Nach den guten Jahren haben wir den schwächsten Jahresauftakt seit 30 Jahren erlebt. Vor allem stetig aufflackernde Inflationssorgen sorgen für Ungemach. Laut einer Schnellschätzung der Statistik Austria dürfte die Inflation im Jänner mit 5,1 Prozent den höchsten Wert seit 1984 erreicht haben. Das ist wirklich schon lange her. Im Februar 1984 war der eine oder andere Leser wahrscheinlich noch nicht einmal geboren und ich war bereits voller Vorfreude, mit meinen Freunden die Skipisten hinunterzuflitzen!

Samstag, 29. Jänner: Wohin mit dem Geld?

Irgendwie bin ich unsicher, als ich heute Morgen bei meiner Kaffeemaschine stehe. Selbst der sich ausbreitende Kaffeegeruch sorgt für keine Stimmungsaufbesserung. Auf einem Foto lächeln mir meine Kinder entgegen. Voller Lebensfreude und voller Tatendrang. Unweigerlich muss ich an den jüngsten Edelman Trust Barometer denken. In einer Umfrage in 28 Ländern der Welt werden Menschen darüber befragt, ob sie glauben, dass es ihnen und ihren Familien in fünf Jahren ökonomisch besser geht als heute. Das Ergebnis ist niederschmetternd. In neun der 28 Ländern liegt die Stimmung auf einem Allzeittief. Darunter finden sich große Volkswirtschaften wie die USA, China, Japan, Frankreich oder auch Deutschland. In Deutschland glauben lediglich 22 Prozent aller Umfrageteilnehmer, dass es ihnen in 2027 besser gehen wird als heute. Für Österreich oder die Schweiz sind leider keine Detailergebnisse vorhanden, aber ich denke, dass wir uns auf einem ähnlichen Niveau befinden.
 
In ärmeren Ländern wie Kenia, Nigeria oder Kolumbien blicken die Menschen viel optimistischer in die Zukunft. Wir sind jetzt wahrscheinlich die erste Elterngeneration seit sehr langer Zeit, die nicht davon ausgeht, dass es den eigenen Kindern einmal besser geht. Diese Einschätzung spiegelt die Unsicherheit der Konsumenten wider. Ich gehe davon aus, dass viele in Anbetracht der negativen Erwartung ein eher zurückhaltendes Konsumverhalten an den Tag legen werden. Und der Konsum ist bekanntlich eine wesentliche und tragende Wirtschaftssäule.
 
 
Der IWF hat diese Woche bereits reagiert und die Wachstumsrate der Weltwirtschaft von 4,9 Prozent auf 4,4 Prozent gesenkt. Bei einer höheren Sparquote stellt sich aber auch unweigerlich die Frage: Wohin mit dem Geld? Eine Investition in eine deutsche Bundesanleihe wird für einen Privatinvestor mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Verlust führen. Daran können auch die Sektkorken nichts ändern, die der eine oder andere Finanzmarktteilnehmer verschossen hat, als die Rendite für eine 10-jährige Deutsche Bundesanleihe erstmals seit 2019 wieder über die 0%-Grenze gestiegen ist. Wenn man allerdings Transaktionskosten, Steuern oder sogar die Inflation berücksichtigt, ist die Ertragserwartung eines Investors zappendüster.
 
Die Inflationsangst ist in der breiten Bevölkerung angekommen. Das verdeutlicht für mich eine aktuelle Umfage von ipsos im Rahmen der Global Advisor Predictions 2022. 75 Prozent der weltweit befragten Teilnehmer gehen davon aus, dass Preise stärker steigen als die Einkommen. In Deutschland oder Frankreich ist die Sorge mit 81 Prozent besonders ausgeprägt. In Japan, welches seit Jahrzehnten mit deflationären Tendenzen zu kämpfen hat, liegt mit 33 Prozent deutlich darunter. Durch Inflation sinkt die reale Kaufkraft, was sich wiederum nicht positiv auf die Stimmung auswirken wird.
 
Jerome Powell, Präsident der amerikanischen Notenbank, deutete bereits die erste Zinsanhebung im März seit Ausbruch der Corona-Pandemie an. Zudem beabsichtigt die Fed, die milliardenschweren Wertpapierkäufe im März einzustellen. Powell begründete seine Äußerungen mit der zuletzt stark gestiegenen Inflation, der Ukraine-Krise sowie einer deutlichen Verbesserung am Arbeitsmarkt. Aktuell gibt es viele Millionen offene Stellen und er sehe viel Spielraum, die Zinsen zu erhöhen, ohne dem Arbeitsmarkt zu schaden.
 
 
An den Finanzmärkten hat sich 2022 die Stimmung deutlich verschlechtert. Aktienmärkte mussten in den ersten Wochen zum Teil herbe Verluste hinnehmen. Besonders stark betroffen sind Technologie-Aktien, die in den vergangenen Jahren die Rangliste anführten. Elon Musk, der reichste Mann der Welt, verlor 2022 durch den Kurseinbruch der Tesla-Aktien 33 Milliarden US-Dollar. Das ist mit Sicherheit unangenehm, aber bei einem geschätzten Nettovermögen von 237 Milliarden US-Dollar scheint das durchaus verschmerzbar. In diesem Zusammenhang kann ich meine Kinder beruhigen: Unser Familienvermögen wird bis 2027 mit Sicherheit nicht um 33 Milliarden US-Dollar schrumpfen. Das ist doch ein Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken, meinen Sie nicht auch?


Samstag, 22. Jänner: Anleihen und das Pulverfass

Nach meinem ersten Espresso verlangt meine Maschine neue Kaffeebohnen. Schockiert stelle ich fest, dass sich mein Vorrat dem Ende zuneigt. Da ist dringender Handlungsbedarf gegeben. Die Zeit des morgendlichen Kräutertees rund um den Jahreswechsel war kurz und intensiv. Sie ist aber auch definitiv vorbei! Als ich so darüber nachdenke, stelle ich mir die Frage, wie sich der Kaffeepreis eigentlich entwickelt hat. Die wichtigste Kaffeesorte ist Coffea Arabica, auf die mehr als 60% des Kaffeeangebots entfällt. Wussten Sie, dass Kaffee nach Rohöl als wichtigster Exportstoff gilt? An den Börsen in London und New York kann man auch mit Kaffee handeln. Finanzakteure kaufen und verkaufen natürlich wesentlich größere Mengen als jene, die selbst ein Espresso-Liebhaber wie ich in meinem ganzen Leben benötigen werden. Aber kommen wir zurück zur Preisentwicklung an den Börsen.

Der an der Börse gehandelte Kaffeepreis hat sich im letzten Jahr nahezu verdoppelt! Na bravo, da hätte ich wahrscheinlich schon früher meine Vorräte aufstocken sollen. An den Finanzmärkten ist das Jahr nach wie vor sehr ruppig angelaufen. Irgendwie scheint es, als kommen wir nicht so recht vom Fleck. Die konstant anhaltenden Inflationssorgen, eine Verschärfung auf der Corona-Front und Gewinnmitnahmen einiger Marktteilnehmer sorgen für spürbare Zurückhaltung.

Die Zinsen für 10-jährige US-Staatsanleihen sind 2022 bereits um 0,5% gestiegen. Heuer laufen mehr als ein Viertel aller Staatsanleihen aus. Dadurch muss die USA rund 6,5 Billionen US-Dollar refinanzieren. Eine Refinanzierung in Form einer 10-jährigen Staatsanleihe kostet den US-Bürger heuer bereits 32,5 Milliarden US-Dollar mehr als Ende Dezember. Das sind jährlich stolze 100 Dollar pro Kopf und Nase. Für Investoren in sichere US-Staatsanleihen bedeutet der Zinsanstieg einen Verlust von etwas mehr als 4,5%. Gerade die Anleiheninvestoren sitzen auf einem Pulverfass, sofern die Renditen weiter ansteigen. Die steigenden Preise sind mittlerweile für jeden spürbar. Laut einer Analyse der Eurostat sind die Erzeugerpreise und Großhandelspreise im Vergleich zum Vorjahr um 12% gestiegen. Das ist deutlich mehr als die ohnehin schon besorgniserregende Inflationsrate für die Euro-Zone, die aktuell bei 5% liegt.

2021 ist der Neuwagen-Absatz stark eingebrochen. Es wurden so wenige Neuwagen zugelassen wie zuletzt vor 37 Jahren. Im Vergleich zur Vor-Corona-Ära beträgt der Einbruch stolze 27%. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Zum einen hängt das mit der coronabedingt deutlich geringeren Kilometerleistung und der zurückhaltenden Investitionsbereitschaft zusammen. Zum anderen sind die Auftragsbücher der Autohersteller voll. Aufgrund eines akuten Chips-Mangels kommt es aber zu Lieferproblemen und zum Teil sehr langen Wartezeiten. Spannend finde ich auch, dass der Anteil von E-Autos auf mittlerweile 37% gestiegen ist. Aufgrund von Förderungen sind das vor allem Firmenautos. Bei Privatpersonen liegen E-Autos trotz unterschiedlicher Förderungen noch nicht wirklich im Trend. Branchenvertreter begründen das mit einem Fehlen an Lademöglichkeiten und einem „Tarifdschungel“ bei den Ladestationen.

Eines scheint aber klar. Durch die Lieferengpässe entsteht ein Nadelöhr. Und das kann durchaus auch preistreibend wirken. Für Deutschland wurden diese Woche neue Verbraucherpreisdaten veröffentlicht. Die Inflationsrate ist auf 5,4% geklettert. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass sich mittlerweile die Kritiker am aktuellen Kurs der EZB mehren. Der deutsche Wirtschaftsweise Volker Wieland hat beispielsweise jüngst EZB-Präsidentin Christine Largarde dazu aufgefordert, bereits 2022 die Zinsen analog der US-Fed zu erhöhen, um die Inflation im Zaum zu halten.

Wieland sei erstaunt darüber, dass die EZB in ihrer Argumentation immer wieder ausführt, man werde 2023 und 2024 wieder Inflationsraten unter dem Zielwert von 2% sehen. Angesichts der bisherigen Fehleinschätzungen zur Inflationsentwicklung empfindet es der Wirtschaftsweise sehr gewagt, die EZB-Politik auf Prognosen aufzubauen, die weit in die Zukunft reichen. In diesem Zusammenhang muss ich unweigerlich an das berühmte Zitat von Mark Twain denken: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“  Das nehme ich mir zu Herzen. Ich werde mich heute auf den Weg machen, meinen Kaffeebestand aufzustocken und nicht darauf spekulieren, dass der Kaffeepreis wieder einbricht.

Samstag, 15. Jänner: Ekstase, Staub und ein Paradoxon

Es ist wieder so weit. Meine Welt ist wieder in Ordnung. Alles läuft in geregelten Bahnen. Nach einer selbstauferlegten „Kaffee-Abstinenz“ bin ich wieder der Alte. Während ich über die Ereignisse der Woche nachdenke, genieße ich jeden einzelnen Schluck meines geliebten Espressos.

Der Jahresstart fiel etwas verhalten aus. Neben Zinsängsten hat auch Corona dazu beigetragen, dass wir noch etwas planlos hin- und herplätschern. Na ja, nach den Jahren der Ekstase ist eine kurze Verschnaufpause wohl auch nicht unangebracht, meinen Sie nicht auch?

Diese Woche hat die Weltbank neue Wachstumsprognosen veröffentlicht. Die Weltwirtschaft ist 2021 um 5,5 Prozent gewachsen. Für 2022 und 2023 erwarten die Ökonomen eine deutliche Verlangsamung mit einem BIP-Wachstum von 4,1 Prozent bzw. 3,2 Prozent. Ausschlaggebend dafür sind zusammengebrochene Lieferketten, ein starker Anstieg der Rohstoffpreise und natürlich auch eine Verschärfung an der Corona-Front. Im Gegensatz zu den Industriestaaten sieht die Weltbank vor allem für Schwellenländer düstere Wolken aufziehen.

Wir befinden uns in einem gigantischen Transformationsprozess. Viele Schwellenländer sind stark von den Rohstoffpreisen abhängig und fungieren für reiche Industrieländer als verlängerte Werkbank. In den letzten Jahren ist die Verschuldung deutlich angestiegen. 2021 hat jedes dritte Schwellenland die Leitzinsen erhöht. Das ist zwar wenig verwunderlich, aber wie soll man diese Löcher bei steigenden Zinsen und chronisch leeren Staatskassen stopfen? Laut Weltbank wird jedes zweite Land auch Ende 2023 weniger erwirtschaften als in der Vor-Corona-Ära. Eine banale Empfehlung der Weltbank lautet, die Verschuldung durch hohe Inflation und niedrige Zinsen „wegzuinflationieren“. Darauf möchte ich noch ein bisschen näher eingehen.

Bei hohen Inflationsraten steigen die Preise und in weiterer Folge auch das nominelle Wirtschaftswachstum. Das nominelle Wirtschaftswachstum ist eine wesentliche Kerngröße, da es für die Berechnung der Schuldenquote (Schulden / BIP) herangezogen wird. Einst haben die europäischen Staaten sich mit den Maastricht-Kriterien das Ziel gesetzt, die Schuldenquote auf maximal 60 Prozent steigen zu lassen. In der Euro-Zone werden wir demnächst die hundertprozentige Quote knacken und damit deutlich über dem einstigen, heute „verstaubten“ Zielwert liegen. Wenn jetzt das BIP inflationsbedingt stark ansteigt, wird automatisch die Schulden-Quote nach unten gedrückt. Wenn die Zinsen künstlich niedrig gehalten werden, führen hohe Inflationszahlen dazu, dass die Zinsbelastung im Vergleich dazu sehr gering ist. Insofern erleben wir das Paradoxon, dass auch Schulden ein richtig, richtig gutes Investment sein können.

Bei einer entsprechenden Bonität und entsprechendem Eigenkapital kann man sich gegenwärtig sehr günstig verschulden. Nehmen wir an, Sie kaufen eine Immobilie um 300.000 Euro und können ein Drittel der Summe mit eigenen Mitteln abdecken. Für die ausstehende Summe von 200.000 Euro müssen Sie bei einem Zinssatz von 1 Prozent jährlich 2000 Euro berappen. In der Eurozone beträgt die Inflation gegenwärtig 5 Prozent. Der Preis Ihrer Immobilie steigt im ersten Jahr um 15.000 Euro, wohingegen die Kosten für die Schulden lediglich 2.000 Euro betragen. Der „Gewinn“ beträgt in diesem Umfeld also 13.000 Euro pro Jahr. Bei einem Kapitaleinsatz von 100.000 Euro sind das immerhin satte 13 Prozent. Und diese sind unter gewissen Umständen sogar steuerfrei. Kein Wunder also, wenn das Geld in Realwerte wie Immobilien fließt. In den USA ist die Inflation bereits auf 7 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit 40 Jahren geklettert.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die US-Notenbank bereits im ersten Quartal 2022 die Leitzinsen anheben wird, um die Geldwertstabilität aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz zum Kreditnehmer ist dieses Umfeld allerdings Gift für jeden Sparer der alten Schule. Cash verliert nämlich jährlich 7 Prozent an realem Wert. Das bedeutet, dass sich der reale Wert in lediglich 10 Jahren nahezu halbiert. Na bumm! Ich bin schon sehr gespannt, wie sich dieser Knoten auflösen wird. Mir fehlt die Vorstellungskraft, dass das Konzept „Des Schuldners Freud, des Sparers Leid“ sich nachhaltig positiv auswirkt!

Samstag, 8. Jänner: Kräutertee und Apple-Rekord

Der König ist tot, es lebe der König. Mit dem Jahreswechsel werden die Uhren auf null gestellt. Alles, was bisher war, scheint an Bedeutung verloren zu haben. Es gilt, sich neu auszurichten, neue Ziele und Vorhaben zu definieren und mit vollem Elan ins neue Jahr zu starten.

Traditionellerweise nehme ich das zum Anlass, ein paar Tage vollkommen auf meinen Espresso zu verzichten. Auch dabei geht es mir in erster Linie um eine Rekalibrierung, da mein Kaffeekonsum in den letzten Wochen des Jahres dramatisch zugenommen hat. Eines ist klar: Spaß macht das keinen, mit einem Kräutertee meinen Tag zu beginnen. Aber was soll’s, es sind ja nur ein paar Tage.

Bevor wir uns an den Finanzmärkten auch der Zukunft zuwenden, möchte ich nochmals ins Jahr 2021 zurückblicken. Wir haben ein sehr erfolgreiches Börsenjahr erlebt. Auf Asset-Klassen-Ebene konnten vor allem Bitcoin-Investoren satte Gewinne von nahezu 60 Prozent einstreifen. Aber auch ein Investment in Öl machte sich bei einem Kursanstieg von mehr als 50 Prozent durchaus bezahlt. Mit einem internationalen Aktieninvestment verdienten Investoren immerhin noch mehr als 30 Prozent. Wenig rentabel waren wenig überraschend im Gegensatz dazu Anleiheninvestitionen. Gold, Schwellenländer-Aktien und Silber hatten auch keine erfreuliche Wertentwicklung.

Tauchen wir noch ein bisschen tiefer in die Materie ein. Der S&P 500 Index hat die erfolgreichste 3-Jahres-Periode seit 1999 erlebt. Damals befanden wir uns bekanntlich in der Blütephase der Internet-Blase. Von den Sektoren her zählten heuer Energie-Titel und Immobilien-Aktien zu den großen Gewinnern, wohingegen defensive Sektoren wie langlebige Konsumgüter oder Versorger deutlich hinterherhinken.

Im Jahr 2022 betrifft die erste hitzige Diskussion den Nachhaltigkeitsbereich. Die EU hat mit der EU-Taxonomie Verordnung versucht, aus europäischer Sicht, nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten zu definieren. In einem Entwurf hat sich die EU-Kommission dazu bekannt, Atomenergie als grüne und damit nachhaltige Energie einzustufen. Begründet wird das mit dem CO₂-Ausstoß. Damit scheint man sich dem Druck Frankreichs, in dem Atomenergie als grüne Energie eingestuft wird, zu beugen. In Ländern wie Deutschland oder Österreich wird das Thema diametral anders gesehen. Hier gilt Atomenergie als absolutes No-Go. Wenig verwunderlich, dass Atomenergie eines der beliebtesten Ausschlusskriterien nachhaltiger Investoren ist. Auch Erdgas wurde „grün“ deklariert, was zusätzlich zu einigem Stirnrunzeln geführt hat.

Kommen wir nochmals zum Aktienmarkt. Apple konnte in den ersten Tagen des Jahres 2022 eine neue Schallmauer knacken. Der Tech-Konzern ist das erste Unternehmen weltweit, das an der Börse mit einem Unternehmenswert von mehr als drei Billionen US-Dollar bewertet wird. Apple Aktionäre können sich freuen. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Börsenkurs versechsfacht. Wer vor 20 Jahren 1000 Dollar in Apple-Aktien investiert hat, kann sich über einen Portfoliowert von rund 430.000 US-Dollar freuen. Der Glückspilz, der bereits beim Börsenstart 1980 mit einem Investment von 1000 US-Dollar dabei war und bis heute seine Aktien nie verkauft hat, kann sie nun um rund 1,8 Millionen Dollar verkaufen.

Spannend finde ich, dass Apple für den Sprung von zwei auf drei Billionen lediglich eineinhalb Jahre benötigt hat. Die Billionen-Grenze wurde erstmals im August 2018 geknackt. Ein weiteres Indiz für das Gesetz der großen Zahlen. Wie heißt es so schön: Die schwierigste Million (Billion) ist die erste! Ich bin schon sehr gespannt, ob Apple auch in Zukunft seine Position als König der Weltbörsen behalten kann.

Freitag, 31. Dezember: Alles ist möglich, nix ist fix

2021 neigt sich dem Ende zu. Ein Blick in die Morgendämmerung, ein Schluck von meinem Espresso. Ich habe noch ein bisschen Zeit. Im Informationszeitalter heißt die neue Währung Aufmerksamkeit. Google ist wahrscheinlich die wichtigste Informationsquelle. In einer Google-Trend-Analyse bestimmen 2021 lediglich sechs Unternehmen die Schlagzeilen. Ist das irgendwie ein Abbild unserer Gesellschaft und unseres wirtschaftlichen Treibens? Ich weiß es nicht.

Beginnen wir mit Robinhood, einer beliebten Trading-Plattform für junge Investoren. Das Unternehmen – oder besser gesagt die jungen Investoren – trieben Gamestop-Aktien vorübergehend in lichte Höhen und sorgten damit weltweit für Aufsehen. Mittlerweile verdichten sich aber Gerüchte einer Untersuchung durch die US-Aufsicht. Mal schauen, was da noch rauskommt.

Das Pharmaunternehmen Pfizer mischte im Kampf um den Covid-19-Impfstoff kräftig mit und sorgte auch mit der Kooperation mit BioNTech für Aufsehen. Coinbase ermöglicht Investoren den Zugang zum Kryptowährungsmarkt und Teslas CEO Elon Musk hat zweifelsohne ein unglaubliches Talent darin, sich und seine Unternehmen in den Schlagzeilen zu halten. Und dann hätten wir noch den Hype um TikTok. Das Unternehmen konnte bereits fünf Jahre nach dem Launch die magische Zahl von 1 Milliarde aktiver User überschreiten. Und nicht zu vergessen Facebook/Meta. Mark Zuckerbergs Unternehmen erlebte auch ein ereignisreiches Jahr, welches mit einer Namensänderung und den Ausblick in eine virtuelle Zukunft endete. Der Homo-Sapiens des 21. Jahrhunderts sitzt also in seinem Tesla, informiert sich im Stau in der Covid-19-Impfstraße via Facebook und TikTok über Aktienmärkte und Kryptowährungen, bevor er seine Orders via Robinhood und Coinbase platziert und sich den nächsten Stich der BioNTech/Pfizer-Impfung abholt, um danach wieder munter nach Hause ins Home-Office zu fahren. Das ist Evolution pur, meinen Sie nicht auch? Kommen wir zu den Finanzmärkten.

Mit Fortdauer des Jahres haben die Inflationssorgen kräftig zugenommen. Kein Wunder, schließlich erleben wir die höchsten Raten seit mehreren Jahrzehnten. Die Notenbanken sind nervös. Die Ereignisse scheinen sich zu überschlagen. Uncle Sam zuckt bereits nervös, während die alte Dame in Europa noch gelassen der Dinge harrt. Mal schauen, wann sich die diametral unterschiedliche geldpolitische Ausrichtung der beiden größten Notenbanken der Welt wieder annähert. Das Gute ist, dass einer der beiden mit seiner Strategie vermutlich richtig liegen wird. In Anbetracht der hohen Inflationsraten und der tiefen Zinsen erfreuen sich Realwerte großer Beliebtheit. Getrieben von einigen wenigen Tech-Werten, die von einem Höchststand zum nächsten eilen, konnten sich Aktien-Investoren 2021 zufrieden die Hände reiben. Zum Teil können die Kurssteigerungen durch die hohe Profitabilität begründet werden. Von einem fundamental billigen Markt kann man angesichts der im historischen Kotext hohen Bewertung aber wahrscheinlich nicht mehr sprechen. Investoren suchen händeringend nach Möglichkeiten, den Kampf gegen den Realwertverlust aufzunehmen. Eines scheint sonnenklar: Ganz ohne Risiko wird das auch 2022 nicht funktionieren. Und nun wagen wir einen Blick in die Glaskugel. Die Schätzungen der internationalen Investmentbanken sind breit gefächert. Während Morgan Stanley für 2022 ein Minus von acht Prozent prognostiziert, können sich Investoren laut Einschätzung der BMO auch 2022 über ein Plus von zwölf Prozent freuen.

Das Spiel wiederholt sich immer wieder aufs Neue. Alles ist möglich, nix ist fix. Fakt ist, dass die Zukunft niemand vorhersehen kann. Insofern sind diese Prognosen durchaus mit Vorsicht zu genießen. Mittlerweile beträgt der Börsenwert aller börsennotierter Unternehmen 115 Billionen US-Dollar. Das ist viel. So richtig viel und mittlerweile mehr als die globale jährliche Wirtschaftsleistung. Das Welt-BIP kletterte 2021 auf 94 Billionen Dollar. Mit den USA, China, Japan und Deutschland erwirtschaften lediglich vier Länder mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung. Österreich liegt mit einem Anteil von 0,5 Prozent auf Rang 28 der 170 analysierten Länder, die Schweiz mit 0,9 Prozent auf Rang 20. Tuvalu – keine Sorge, auch ich musste googeln - liegt zwischen Hawaii und Australien und liefert mit 70 Millionen Dollar den geringsten Beitrag zum Welt-BIP.

Mein Blick fällt auf unseren Christbaum und die schönen Christbaumkugeln. Wussten Sie, dass 87,6 Prozent der exportierten Christbaum-Deko aus China stammt? Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die eine oder andere chinesische Kugel auch Ihren oder unseren Baum schmückt. Irgendwie krass, dass die europäische Abhängigkeit vom Riesen aus Fernost selbst beim Christbaum offensichtlich wird. Da hilft es auch wenig, dass sich mit den Niederlanden mit einem Exportanteil von 3,9 Prozent ein Europäer auf Rang zwei positioniert hat. So, jetzt wird es Zeit aufzubrechen, bevor meine Kinder ungeduldig werden. Auf einem steirischen Berg erwartet uns auf Schiern eines österreichischen Produzenten ein genialer Schitag mit Köstlichkeiten aus der Region. So kann das alte Jahr ausklingen. Abschließen bleibt mir nur noch eines: Ich wünsche Ihnen, lieber Leser, Prosit Neujahr!

Freitag, 24. Dezember: Noch schnell die Welt erobern

Von wegen ruhige Zeit! Ohne meinem Espresso wäre ich dieser Tage nicht überlebensfähig! Wobei, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, kann ich mir ein Leben ohne meinem Lieblingsgetränk zu keiner Jahreszeit vorstellen. Aber das ist ein anderes Thema. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber irgendwie scheint es, als müssten wir in den letzten Tagen des Jahres 2021 noch die Welt erobern. Ich bin gespannt, ob uns das dieses Jahr endlich einmal gelingt. Ein Blick auf die Finanzmärkte verheißt nichts Gutes. Welteroberung schaut wahrscheinlich anders aus. Mittlerweile notieren wir in vielen Märkten schon deutlich unter den Höchstständen. Das klingt zwar dramatisch, ist es aber nicht. Gerade Aktieninvestoren – allen voran natürlich all jene, die ihr Geld in Technologie-Unternehmen investiert haben – können sich bei den eingefahrenen Gewinnen über das Jahr 2021 wirklich nicht beschweren.

Zum Teil ist der Anstieg auch durchaus begründet, aber von einer fundamental billigen Bewertung kann man wohl wirklich nicht mehr sprechen. Gerade die Hoffnungsfelder Digitalisierung und Pharmazie (Stichwort: Covid-19 Impfstoffe) sorgen für Euphorie unter den Investoren. Darüber hinaus sorgt die expansive Notenbankpolitik und die Subventionierung auf Staatskosten für die nötige Euphorie. Und darüber hinaus mehren sich die Inflationssorgen. Das treibt institutionelle und private Investoren zudem in Realwerte. Ob das ein nachhaltiger Trend ist, wird sich erst zeigen.

Wissen Sie eigentlich, wer der längstdienende CEO eines S&P 500 Unternehmens ist? Einige von Ihnen werden vermutlich richtigerweise auf Warren Buffet getippt haben. Der Chef von Berkshire Hathaway bekleidet diese Funktion schon seit 51 Jahren. Unfassbar, das muss wahre Leidenschaft sein! Es gibt noch fünf weitere Top-Manager, die mehr als 30 Jahre im Amt sind. Das ist aber die absolute Ausnahme und sehr beeindruckend, da die durchschnittliche Amtszeit lediglich 5 Jahre beträgt. Um die Jahrtausendwende war sie noch doppelt so lange. Ziemlich blöd für die Aktionäre, da CEOs die beste Performance in den Jahren 11 bis 15 erzielen. In den "Golden Jahren" sind aber viele nicht mehr im Amt. Das scheint definitiv ein Nachteil unserer schnelllebigen Zeit zu sein. Apropos schnelllebige Zeiten.

Jetzt heißt es für mich, die letzten Weihnachtsbesorgungen zu machen und vermeintlich wichtige Arbeiten noch vor der Weihnachtspause zu erledigen. Um nicht völlig geschlaucht am 24. Dezember vor dem Christbaum zu sitzen, gönne ich mir vorher aber noch einen Espresso. Ich wünsche Ihnen, lieber Leser, frohe und entspannte Weihnachtsfeiertage.

Samstag, 18. Dezember: Bärenmarkt und Highflyer

2021 ist ein außergewöhnliches Jahr. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass wir in trüben Dezembertagen den Blick über eine wunderschöne Schneelandschaft schweifen lassen können. In Zeiten des Klimawandels und der stetigen Erderwärmung eine wahre Seltenheit. Meine Kaffeemaschine zermahlt die Bohnen. Ein starker Kaffee rinnt in meine Espresso-Tasse. Beim Anblick des schwarzen Kultgetränks muss ich unweigerlich an die großen Ölkonzerne denken.

Dieser Sektor trägt wesentlich zum Klimawandel bei. Mehr als ein Drittel aller CO₂-Emissionen weltweit sind auf lediglich 20 Unternehmen zurückzuführen. Allein Saudi  Aramco, Chevron und Gazprom, die das Ranking anführen, zeichnen sich für 10 Prozent der weltweiten Gesamtemissionen verantwortlich. Auf der Liste der 20 größten Klimasünder finden sich mit BP, Royal Dutch Shell und Total SA auch drei Europäer. Viele Finanzinstitute haben sich den Kampf gegen den Klimawandel auf ihre Fahnen geheftet. Nachhaltigkeit ist schließlich das Trendthema schlechthin. Die fossile Energiewirtschaft braucht Geld. Heuer sind nahezu 250 Milliarden Dollar in Form von Anleihen oder Krediten in den Sektor geflossen. Zu den größten Emittenten gehören die Wall-Street-Banken JP Morgan, Wells Fargo oder Citi.

Spannend finde ich auch, dass das Emissionsvolumen seit 2016 stabil ist. Investoren – allen voran Banken, Versicherungen sowie Vermögensverwalter – haben laut Einschätzung der Rating-Agentur Moodys rund 22 Billionen US-Dollar in kohlenstoffintensive Branchen investiert. Die BIZ (Bank für internationalen Zahlungsverkehr) hat den weltweiten Marktwert der Anleihenbestände mit 125 Billionen und jenen der Aktien mit 115 Billionen beziffert.

All jene, die ihr Geld in Aktien investiert haben, zählen zu den Gewinnern. Zumindest dann, wenn man sein Geld vor allem in die großen Tech-Werte investiert hatte. Für die Technologiebörse Nasdaq neigt sich ein weiteres erfolgreiches Jahr zu Ende. Eine Performance von 20% kann sich durchaus sehen lassen, nicht wahr? Rechnet man aber die Performance ohne Microsoft, Apple, Nvidia, Alphabet (Google) und Tesla schaut das Ergebnis mit -20% aber zappendüster aus. Der breite Markt befindet sich schon im Bärenmarkt, während die Highflyer von einem Hoch zum nächsten eilen. Mal schauen, wie es 2022 weiter geht.

<< EZB: Leitzinsen bleiben niedrig, Anleihenkäufe verringert >>

An den Märkten rückt die stetig steigende Inflation immer stärker in den Fokus. Diese Woche kündigte die Fed an, die Anleihenkäufe beschleunigt zurückzufahren. Zudem preisen Marktteilnehmer bereits zumindest drei Zinserhöhungen ein. Fed-Präsident Jerome Powell sprach auch davon, dass die Inflation nicht mehr „nur vorübergehend“ so hoch bleiben wird. Das steht diametral zur Meinung von EZB-Präsidentin Christine Largarde, die von einem vorrübergehenden Phänomen spricht. In der Sitzung am Donnerstag gab Christine Largarde zu, dass der EZB die hohe Inflation zu denken gebe. Das Pandemie-Notfallprogramm PEEP läuft aus, aber die Zinswende bleibt aber zumindest vorerst noch aus. Bin schon gespannt, ob die EZB im Sog der Fed einen Richtungswechsel durchführen wird oder an ihrer bestehenden Einschätzung festhält. Vielleicht orientiert sie sich ja auch an der Bank of England, die diese Woche überraschenderweise einmal die Zinsen angehoben hat, um der hohen Inflation entgegenzuwirken. So, liebe Christine, wie wirst du dich entscheiden?

Samstag, 11. Dezember: Dünne Luft und dünner Kaffee

Das kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Bei der Frage, welchen Kaffee Sie besonders gerne trinken, kann es nur eine Antwort geben: einen Espresso! Kurioserweise sehen das aber nicht alle so. In Schweden, den USA oder auch in Deutschland ist der Filterkaffee das beliebteste Kaffeegetränk. Im Vereinten Königreich wird bevorzugt auf Instantkaffee zurückgegriffen. Unglaublich! Na ja, wenigstens in Italien ist die Welt noch in Ordnung. 61 Prozent der Italiener trinken besonders gerne einen Espresso. Gute Wahl! Ich muss meine Eltern echt einmal fragen, ob ich italienische Wurzeln habe. Obwohl ein Blick in den Spiegel Antwort genug sein sollte.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds Kristalina Georgiewa spricht sich gegen eine Reform der EU-Fiskalregeln aus. Ihr Plädoyer: Man sollte nicht übereilt zu den "alten" (und strengeren) Schuldenregeln zurückkehren. Im Stabilitäts- und Wachstumspakt wurde einst eine Verschuldung von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung als Obergrenze definiert. In der Eurozone können viele Länder nur davon träumen. Im EU-Schnitt nähern wir uns in riesigen Schritten der 100-Prozent-Grenze an. Da können die „sparsamen“ Länder, wie Dänemark oder Niederlande noch so poltern, die Zeit der stabilen Budgets scheint endgültig Geschichte zu sein.

In Italien ist die Verschuldung 2020 auf über 150 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. Die US-Ratingagentur Fitch scheint das wenig zu kümmern und hat das Rating auf „BBB“ angehoben. Spannend ist die Argumentation: Die Wirtschaft werde unter anderem von hohen Impfquoten und dem Zugriff auf EU-Gelder unterstützt. Da kann man die Verschuldung doch einmal ausblenden, meinen Sie nicht auch?

Positiv auf das Budget könnte sich auch eine Milliardenstrafe auswirken, die italienische Wettbewerbshüter gegen Amazon wegen Marktmissbrauchs verhängt haben. Im Raum stehen unglaubliche 1,13 Milliarden Euro, was selbst für den US-Riesen kein Pappenstiel sein sollte. Ob die Berufung des Konzerns erfolgreich sein wird, wird uns erst die Zukunft weisen.

Für den chinesischen Immobilienkonzern Evergrande wird die Luft auch immer dünner. Aufgrund von chronischen Liquiditätsproblemen ist man nicht mehr in der Lage, fällige Zahlungen zu leisten. Chinas Regierung kündigt einen harten Kurs an und will Evergrande in dieser schwierigen Phase nicht unter die Arme greifen. Aus österreichischer Sicht konnte die Voestalpine die erstmalige Aufnahme im Dow Jones Sustainablility Index feiern. Das Linzer Vorzeigeunternehmen hat es damit als erster europäischer Stahlhersteller geschafft, im Nachhaltigkeitsindex gelistet zu werden. Ausschlaggebend dafür war unter anderem das ambitionierte Ziel, bis 2050 völlig klimaneutral produzieren zu können. Damit tritt man in die Fußstapfen der OMV, welche bereits zum vierten Mal in Folge im Dow Jones Sustainability Index gelistet ist. Für Energieunternehmen ist die Luft in einem Nachhaltigkeitsindex sehr, sehr dünn. Lediglich zehn Unternehmen weltweit, davon kommt die Hälfte aus Europa, schaffen die Aufnahmekriterien. Respekt! Nachhaltigkeit liegt voll im Trend. Dabei geht es aber nicht ausschließlich um grüne Themen. Vishal Garg, der 43-jährige Chef der US-Kreditplattform Better.com hat 900 Mitarbeiter zeitgleich im Rahmen einer Video-Konferenz gekündigt. „Wenn Sie Teil dieses Calls sind, sind Sie der Teil der unglücklichen Gruppe, die entlassen wird.“ Das mag effizient sein, da man sich viele Einzelgespräche erspart. Nachhaltig ist dieser Umgang mit Mitarbeitern aber mit Sicherheit nicht.

Als CEO muss man in kritischen Phasen auch unangenehme Entscheidungen treffen. Das ist klar. Aber neun Prozent der eigenen Belegschaft mittels Zoom-Call zu kündigen, empfinde ich respektlos und absolut unangebracht. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Vorgehensweise auch ökonomische Nachwehen haben wird. Und diese mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zugunsten des Unternehmens!

Samstag, 4. Dezember: Börsen-Euphorie ist verflogen

Es ist düster. Zappenduster. Bis vor wenigen Tagen konnten die wenigsten von uns etwas mit dem Begriff „Omikron“ anfangen. Ausgenommen jene, die schon irgendwann einmal die Omikron Inseln in der Antarktis besucht haben. Aber davon werden vermutlich nur sehr wenige berichten können. Ein Schluck von meinem Espresso. Ich stelle mir gerade die Frage, ob ich ihn in der arktischen Kälte gegen eine Thermoskanne Tee eintauschen würde? Aber das ist ein anderes Thema. Astronomen unter uns werden wissen, dass Omikron den 15. Stern einer Sternenbildgruppe bezeichnet. Und alle Griechen werden in Omikron den 15. Buchstaben des Alphabets, welcher als kleines „o“ übersetzt werden kann, wiedererkennen. Für mich bedeutet Omikron dieser Tage nichts Gutes. Schließlich wird damit eine neue, aggressive Mutation des Corona-Virus bezeichnet. Omikron sorgt auch an den Börsen für Ungemach. Die Euphorie scheint weitestgehend verflogen zu sein. Bulle und Bär kriegen sich wieder kräftig in die Haare und blicken in eine nebulöse Zukunft.

Diese Woche wurden wieder die aktuellen Inflationszahlen veröffentlicht. In Deutschland ist die Inflation mit 5,2 Prozent auf den höchsten Wert seit 1992 geklettert. Ausschlaggebend dafür war unter anderem auch der starke Anstieg der Energiepreise. Der Global Commodities Index ist durch die Omikron-Unsicherheiten um mehr als zehn Prozent zurückgegangen. Ob das zu einer Entspannung der Lage führt, wage ich im Gegensatz zu EZB-Präsidentin Christine Largade aber zu bezweifeln. Na ja, zumindest Fed-Präsident Jerome Powell sieht die Entwicklungen ebenfalls mit entsprechender Skepsis. In Österreich liegt die Inflationsrate mit „nur“ 4,3 Prozent noch etwas unter der 5-Prozent-Marke, aber immerhin deutlich über dem EZB-Zielwert von zwei Prozent. Da ist guter Rat teuer. Das gilt sowohl für Notenbanker, aber auch für uns Private.

Uneinigkeit gibt es darüber, wie die zukünftige Notenbankpolitik ausgerichtet werden soll und ob die aktuellen Zahlen nur eine Momentaufnahme sind oder wir uns auf eine längere Phase mit höheren Inflationszahlen einstellen müssen. Jeder von uns steht vor dem Problem, den realen Erhalt seines Vermögens sicherzustellen. Um das zu bewerkstelligen, muss man schon deutlich ins Risiko gehen. Unterstellt man, dass man im Zinsbereich nach Kosten nicht wirklich viel verdienen wird, benötigt man bei einer optimistischen Ertragserwartung von acht Prozent schon eine Aktienquote von 60 Prozent. Das ist nichts für schwache Nerven und auch definitiv nicht für jeden von uns geeignet. Da ist es irgendwie beruhigend, dass die Gewinne bei den Unternehmen sprudeln. Die Profit-Margen sind auf das höchste Niveau seit 1950 gestiegen.

Die Investoren fokussieren sich auch immer stärker auf das Thema Nachhaltigkeit. In jeder einzelnen der letzten 52 Wochen konnten nachhaltige ETFs Zuflüsse erzielen. Allein 2021 konnten die Fonds Zuflüsse von stolzen 120 Milliarden Dollar erzielen. Der Trend nimmt immer mehr an Dynamik an.

Neben Aktien stehen auch Immobilien hoch im Kurs. Aber auch hier sind die Preise schon deutlich gestiegen. Der „Case-Shiller-20-City Index“ misst die Preisentwicklung in 20 amerikanischen Städten. Aufgrund der großen Nachfrage sind die Immobilienpreise im Vergleich zum Vorjahr um knapp 20 Prozent und damit noch deutlich mehr als in Europa gestiegen.

Die Corona-Krise ist mittlerweile auch in der Bevölkerung angekommen. Mehr als jeder dritte Angestellte und nahezu jeder zweite Pensionist und Selbstständige sind in Europa nicht in der Lage, bei einem abrupten Einkommensverlust den Lebensstandard drei Monate lang aufrechtzuerhalten. Besonders hart getroffen hat es all jene, die durch die Pandemie ihren Job verloren haben. Im Frühjahr 2020 war die Situation noch deutlich entspannter. Auf dem Küchentisch sehe ich eine Mozartkugel. Die Pandemie hat auch viele Traditionsunternehmen vor große Herausforderungen gestellt. Einige sind gestrauchelt und mussten die Türen für immer schließen.

Jetzt hat es auch den Mirabell-Mozartkugel-Hersteller getroffen. Der Süßwarenhersteller Salzburg Schokolade ist pleite. Ein Konkursverfahren wurde eröffnet. Für die 140 Dienstnehmer und 614 Gläubiger ist die weitere Vorgehensweise offen. Im Gegensatz zu mir. Die Entscheidung ist gefallen und ich kann nicht widerstehen. Was gibt es Schöneres, als mit einem Espresso und einer Mozartkugel in den Tag zu starten.

Samstag, 27. November: Mitnaschen am Krypto-Kuchen

In dieser Woche ist wahrlich viel passiert. Ein Schluck von meinem Espresso haucht mir an diesem verregneten, kalten Morgen neues Leben ein. Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu ordnen. In Österreich sind die Schotten wieder dicht. Als Unternehmer ist man gefordert. Man gleitet von einer Corona-Welle zur nächsten. Jede neue Welle bringt neue Herausforderungen und verursacht enormen wirtschaftlichen Schaden. Ein Großteil der Umsätze wird mit dem Weihnachtsgeschäft im November und Dezember lukriert. In den Branchen Unterhaltungselektronik, Uhren und Schmuck, Bücher oder Spielwaren lag der Umsatzanteil im Vorjahr bei mehr als 20 Prozent des Jahresumsatzes. Viel hat sich dabei in den Online-Bereich verlagert. Die Post geht davon aus, dass durch den Lockdown um zehn Prozent mehr Pakete versendet werden. Allein in Österreich bedeutet das zusätzliche 80.000 Pakete pro Tag. Laut Berechnungen der Linzer Johannes-Kepler Universität kostet der Lockdown Händlern 3,1 Milliarden Euro. Das ist ungefähr die Hälfte der Umsätze im November und Dezember. Na bumm! Der Unternehmer, der Wellenreiter!

In Deutschland haben wir seit dieser Woche eine neue Regierung. Die Ära-Merkel ist damit zu Ende. Auf die neue Mannschaft warten große Herausforderungen. Das Wirtschaftswunder gehört der Vergangenheit an und wirkt schon etwas verstaubt. 2021 wird Deutschlands Wirtschaft um 2,7 Prozent wachsen. Österreich weist mit 4,4 Prozent ein höheres Wachstum auf, liegt aber deutlich unter dem EU-Schnitt von fünf Prozent. Und das, obwohl die Alpenrepublik in der Krise 2020 deutlich stärker eingebrochen ist. Da können wir nur neidvoll auf die USA schauen, deren Wirtschaft heuer um 5,8 Prozent und damit mehr als doppelt so stark wachsen wird als jene Deutschlands.

In den USA wurde diese Woche Jerome Powell für eine zweite Amtszeit als US-Notenbank Chef bestätigt. Den 68-Jährigen wird es freuen. Das US-Repräsentantenhaus hat einen Gesetzesentwurf für das 1,75 Billionen Dollar Paket zum Ausbau des Sozialwesens und zur Bekämpfung des Klimawandels verabschiedet. Am US-Arbeitsmarkt gab es eine positive Überraschung. Die Erstanträge zur Arbeitslosenhilfe sind diese Woche auf den niedrigsten Stand seit 1969 gefallen. Das erhöht den Druck auf die Fed, vom expansiven Kurs abzuweichen.

Mit einer falschen Notenbankpolitik kann man großen Schaden anrichten. Um sich das vor Augen zu führen, reicht ein Blick in die Türkei. Die Notenbank hat auf Druck von Präsident Erdogan die Leitzinsen trotz einer Inflationsrate von 20 Prozent gesenkt. Die türkische Lira ist im freien Fall. Seit Jahresbeginn hat die Währung mehr als 60 Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar eingebüßt. 27 Prozent davon allein im November! Das stellt die Bevölkerung vor enorme Probleme. In diesen Tagen wird händeringend versucht, das eigene Geld in werthaltige Dinge anzulegen. Dabei handelt es sich aber nicht nur um klassische Realwerte wie Aktien oder Immobilien. Voll im Trend liegen auch Technik-Produkte und Kosmetika. Vor allem iPhones sind hoch im Kurs. Durch den Lira-Absturz kosten Waren in der Türkei derzeit deutlich weniger als in den USA. Unternehmen kommen mit den Preisanpassungen gar nicht mehr nach. Apple zieht jetzt die Reißleine und stoppt den Verkauf in der Türkei. Wen wundert’s!

Trotz der jüngsten Kursrückgänge erleben Kryptowährungen einen wahren Hype. Die Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen hat im November erstmals die Schwelle von drei Billionen US-Dollar überschritten. Ungefähr 40 Prozent davon entfallen allein auf Bitcoins. Am Kuchen wollen alle mitnaschen. Die EZB arbeitet fieberhaft an der Umsetzung eines digitalen Euros. El Salvador hat im September als erster Staat Bitcoin neben dem US-Dollar als offizielles Zahlungsmittel anerkannt. Jetzt plant man eine eigene Bitcoin-Stadt, die zudem als Steueroase Investoren anlocken soll. Neben der Mehrwertsteuer von 13 Prozent sollen keine weiteren Steuern anfallen. Das ganze Projekt Bitcoin City soll standesgemäß mit Bitcoin-Staatsanleihen finanziert werden. In Europa wurde diese Woche der größte Kryptofonds vom deutschen Finanzinvestor Greenfield One aufgelegt. In der Emission wurden 135 Millionen Euro eingesammelt.

Der Banken-Sektor hat heuer wieder gute Erträge erzielt, kommt aber auch immer mehr unter Druck. Laut einer aktuellen KPMG-Studie wird bis 2025 jede zehnte Filiale geschlossen. Der Transformationsprozess geht also weiter und die Geschäftsmodelle müssen angepasst werden.

Positives gibt es aus dem Red-Bull-Universum zu berichten. Der österreichische Getränkehersteller hat im Vorjahr 7,9 Milliarden Dosen verkauft und einen Gewinn von unglaublichen 1,2 Milliarden erwirtschaftet. Gründer Didi Mateschitz wird es freuen. Mit einem geschätzten Vermögen von 24,4 Milliarden US-Dollar sind lediglich 55 Menschen reicher. Red Bull verleiht also tatsächlich Flügel – vielleicht gönne ich mir heute einen Booster!

Samstag, 20. November: Kurswechsel? Ja, nein, vielleicht

Zu einem perfekten Start in einen neuen Tag gehört ein Espresso. Es ist noch sehr früh am Morgen. An trüben Novembertagen sind die Tage bereits sehr kurz. Auch an der Corona-Front hat sich die Lage in den letzten Wochen deutlich eingetrübt. Viele Unternehmen rüsten sich schon wieder für den nächsten Lockdown, es wird auch weitere Unterstützungsmaßnahmen geben.

Im Oktober sind auch die Inflationszahlen weiter angestiegen: In Österreich mit 3,7 Prozent auf den höchsten Wert seit 13 Jahren, in Deutschland sogar auf 4,5 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit August 1993. Deutsche Banken fordern mittlerweile vehement einen Kurswechsel der EZB-Politik. Die Kritik perlt an EZB-Präsidentin Christine Largarde gegenwärtig ab. Und das, obwohl die Inflation in der Eurozone aktuell mit 4,1 Prozent deutlich über dem Zielwert von zwei Prozent liegt.

Ausschlaggebend seien vor allem stark steigende Energiepreise und Angebotsengpässe. Durch die abnehmende Wirtschaftsdynamik werde laut Einschätzung der Notenbanker der Preisdruck im nächsten Jahr deutlich abnehmen. Die Inflation dürfte laut Largarde zwar länger als erwartet hoch bleiben, allerdings würde ein Strategiewechsel mehr Schaden anrichten als Gutes bewirken. Dem widerspricht Deutsche Bank Chef Christian Sewing vehement. Der Effekt der ultralockeren Geldpolitik verpufft. Insofern sollte die EZB diesen Kurs verlassen, um die Inflation im Zaum zu halten. Ich bin schon sehr gespannt, wie die Geschichte weitergeht.

Die amerikanische Notenbank hat den Trendwechsel schon eingeleitet. Gerüchten zufolge dürfte US-Präsident Joe Biden die kommenden Tage entscheiden, wie es in der Fed weitergeht. Bleibt es beim alten oder kommt doch ein neuer Präsident? Neben Amtsinhaber Jerome Powell gilt Fed Direktorin Lael Brainard als aussichtsreichste Kandidatin.

Der Brexit hat bereits deutliche Spuren hinterlassen. Jetzt hat Europas größter privater Ölkonzern Royal Dutch Shell angekündigt, seinen Hauptsitz von Den Haag nach London zu verlegen. Nach dem Umzug will der niederländisch-britische Konzern ganz britisch werden. Diese Nachricht sorgte in den Niederlanden, aber auch in Europa, für eine Schockwelle. Einer der Hauptgründe für den Wechsel liegt wahrscheinlich daran, dass die niederländische Regierung ihr Wahlversprechen, die Dividendensteuer abzuschaffen, nicht eingelöst hat. Das ist auch der Grund, warum Unilever, ein anderer großer niederländischer-britischer Konzern, bereits nach London übersiedelt ist. Dieser Punkt geht damit wohl leider an London!

Kimbal Musk sorgt für Aussehen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Kimbal ist der jüngere Bruder von Elon. Kimbal Musks Vermögen wird auf mehr als 700 Millionen Dollar geschätzt. Sein Vermögen hat er vor allem seiner 0,04-prozentigen Tesla-Beteiligung zu verdanken. Der kleine Bruder erlangte nun auch Berühmtheit, da er nur einen Tag vor Elons Twitter-Umfrage über die Veräußerung seines Aktienpaketes selbst im großen Stil Tesla-Aktien verkaufte und damit in kürzester Zeit einen unglaublichen Gewinn von mehr als 100 Millionen Dollar machte. Die Frage drängt sich nun auf, ob Kimbal von Elons Plänen bereits im Vorfeld wusste. Das wäre ein klassischer Insiderhandel und demnach nicht erlaubt. Klar ist nur, dass der Verkaufszeitpunkt aus heutiger Perspektive außergewöhnlich gut gewählt war. Aber das Glück des Tüchtigen kann natürlich jeder haben, meinen Sie nicht auch? Kimbal Musk sitzt seit vielen Jahren im Aufsichtsrat von Tesla und erhielt als Kompensation dafür wertvolle Aktienoptionen. Die Vetternwirtschaft hat bei einigen Tesla-Investoren bereits zu Beschwerden geführt, da Kimbal aufgrund seiner familiären Verbindung daran gehindert sei, unabhängig als Kontrollorgan zu fungieren. Darüber hinaus fehle ihm die Erfahrung, diese verantwortungsvolle Position ausüben zu können. Das Beratungsunternehmen ISS kritisiert zudem, dass Kimbals Vergütung in Form von Aktionoptionen im Vergleich zu anderen Aufsichtsratsmitgliedern in vergleichbaren Unternehmen „übermäßig“ hoch sei.

Elon Musk ist für viele ein Visionär. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der schon oft bewiesen hat, Grenzen auszuloten. Knapp an die rote Linie oder vielleicht sogar darüber hinaus? Der reichste Mann der Welt lebt augenscheinlich ganz nach Pippi Langstrumpfs Motto: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!“

Samstag, 13. November: Sorgenfalten und Krypto-Zocker

Die Börse hat mich gestählt. Seit Ende der 1990er Jahre ging es munter hin und her. Durch meine Erfahrungen würde ich mich also durchaus als robust bezeichnen. Aber ehrlich gesagt: So ein Männerschnupfen hat es wirklich in sich. Aber keine Sorge, es scheint weitestgehend ausgestanden. Und das, obwohl der morgendliche Espresso auch schon einmal besser geschmeckt hat.

Diese Woche reagierten auch die internationalen Finanzmärkte etwas verschnupft. Allen voran die Wall Street. Die US-Inflation ist auf 6,2 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit 1990 gestiegen. Ausschlaggebend dafür waren Nachholeffekte des Jahres 2020, steigende Energiepreise und Materialengpässe, die immer mehr zum Problem werden. Im Vergleich dazu betrug die Inflation zu Jahresbeginn noch überschaubare 1,4 Prozent. Wen wundert es, wenn das Inflationsgespenst hämisch grinsend über das glitschige Börsenparkett gleitet? Blenden wir nochmals zurück in das Jahr 1990, als die Inflation auf vergleichbarem Niveau war. Damals lagen die Zinsen für eine kurzfristige Veranlagung bei ungefähr acht Prozent. Damit konnte sich jeder Investor risikoschonend vor einem realen Geldwertverlust schützen. Davon können wir heute nur träumen.

Bei Leitzinsen von 0,25 Prozent verlieren die Amerikaner mit einer kurzfristigen Veranlagung nahezu sechs Prozent. Das heißt, dass sich der reale Wert der Veranlagung bei unveränderten Rahmenbedingungen in lediglich zwölf Jahren halbiert. Unfassbar, meinen Sie nicht auch?  Wen wundert es da, wenn viele davon ausgehen, dass die amerikanische Notenbank nächstes oder spätestens übernächstes Jahr die Leitzinsen anheben wird. In der Vorwoche hatte ja Fed-Chef Jerome Powell bereits verkündet, schon mit November den expansiven Notenbank-Kurs zu drosseln und die Anleihenkäufe zurückzufahren. Eine Zinserhöhung wäre demnach nur der logische nächste Schritt auf der Klaviatur des Notenbank-Präsidenten. Darüber hinaus sorgt die zunehmend außer Kontrolle geratene Corona-Pandemie für Sorgenfalten auf den wettergegerbten Gesichtern der Börsianer.

Steht ein neuer Lockdown vor der Tür? Was würde das für die Wirtschaft bedeuten? Und was für den Arbeitsmarkt? Apropos Arbeitsmarkt. In der Finanzkrise haben 255 Millionen Menschen ihren Job verloren. Das sind in etwa viermal so viele wie während der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite im Jahr 2009. Zum Höhepunkt der Krise im Jahr 2020 ist das Arbeitsvolumen laut einer Analyse der Internationalen Arbeitsorganisation um nahezu zehn Prozent eingebrochen.

Abschließend kommen wir noch zu den Kryptowährungen. Der scheidende Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sieht einen digitalen Euro nicht als Ersatz für das Bargeld. Apple-CEO Tim Cook outet sich als Krypto-Fan und hat sich dazu bekannt, auch selbst in Kryptowährungen zu investieren. Zeitgleich deutete er aber auch an, dass Apple vorerst nicht in Kryptos investieren oder es als Zahlungsmittel einführen wird. Im Zuge der Steuerreform werden auch Kryptowährungen grundlegend anders behandelt. Konkret geht es darum, dass künftig Kursgewinne analog einem Wertpapierinvestment mit 27,5 Prozent versteuert werden.

Bisher waren Gewinne nach einer einjährigen Behaltedauer steuerfrei. Spannenderweise gilt diese Regelung rückwirkend auch für alle Bestände, die nach dem 28. Februar 2021 gekauft wurden. All jene, die im Sommer die tiefen Bitcoin-Kurse genutzt haben und auf einem satten Kursgewinn von über 100 Prozent sitzen, werden mit Sicherheit laut klatschen. Bei einem Gewinn von 10.000 Euro sind dann 2750 Euro an den Fiskus zu überweisen. Ohne Wenn und Aber! Selbst dann, wenn man die einjährige Spekulationszeit, die zum Zeitpunkt des Kaufes gesetzlich verankert war, einhält und damit laut Regelung zum Kaufzeitpunkt Gewinne steuerfrei realisieren könnte. Darüber hinaus sorgt auch eine Regelung für Unmut, die gerade Zocker bevorzugt. Solange sich der Investor im Bereich der Kryptowährungen bewegt – also beispielsweise zwischen Bitcoins und Ethereum hin und her tauscht, wird keine Steuer fällig. Diese wird erst dann fällig, wenn der Investor eine Kryptowährung wieder in ein „anerkanntes Zahlungsmittel“ – also eine herkömmliche Währung wie Euro oder US-Dollar – umtauscht. Da soll sich noch einer auskennen!

Samstag, 6. November: Verschnupfte Bargeld-Kaiser

Es hat mich erwischt. Heute Morgen hat mir nicht einmal mein Espresso geschmeckt. Ein Grund, sich Sorgen zu machen, meinen Sie nicht auch? Die Nase rinnt und mein Kopf dröhnt. Wie viele andere habe ich mir in diesen trüben Novembertagen eine saftige Erkältung zugezogen. Mühsam schleppe ich mich zur Apotheke. Die Verkäuferin sieht mich mitfühlend an und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Ein Männer-Schnupfen muss schließlich mit entsprechender Ernsthaftigkeit bekämpft werden. Als ich meine Rechnung bargeldlos bezahle, wird mir bewusst, wie sehr die Pandemie mein Zahlungsverhalten verändert hat.

Vor eineinhalb Jahren habe ich ausschließlich bar bezahlt. Mittlerweile zahle ich die eine oder andere Rechnung auch schon kontaktlos. So wie mir geht es vielen anderen auch. Das untermauert auch die Zahlungsmittelstudie der Österreichischen Nationalbank. Im Dezember 2019 wurden noch 79 Prozent aller Transaktionen bar bezahlt. Ein Jahr später waren es „nur“ mehr 66 Prozent. Österreich ist damit immer noch Bargeld-Kaiser. Laut der Deutschen Kreditwirtschaft werden in Deutschland im Dezember 2020 mehr als 60 Prozent aller Transaktionen bargeldlos bezahlt. Auch hier ist der Anteil im Vergleich zum Vorjahr (36 Prozent) deutlich gestiegen.

Spannend finde ich auch die Anzahl der Kartenzahlungen. Die Dänen zahlen im Schnitt 379-mal im Jahr mit der Karte und führen damit vor Luxemburg, Finnland und Schweden das Ranking an. Die Österreicher und Deutschen liegen mit 124 und 90 Kartenzahlungen bereits deutlich dahinter. Es scheint klar, dass der Trend zur bargeldlosen Bezahlung weiterhin anhalten wird.

Bleiben wir beim lieben Geld. Die amerikanische Notenbank hat am Mittwoch angekündigt, den expansiven Kurs zurückzufahren. Ab sofort werden die Anleihenkäufe von derzeit 120 Milliarden US-Dollar Monat für Monat um je 15 Milliarden US-Dollar reduziert. Wenn die Fed auf Kurs bleibt, würde das Unterstützungsprogramm bereits im Juni 2022 auslaufen. Die Fed kündigte zudem an, auch die Leitzinsen wieder anzuheben, sofern sich der Arbeitsmarkt entsprechend erholt.

Während Fed-Präsident Powell bereits die Trendwende einleitet, ist EZB-Präsidentin Christine Lagarde noch immer im Krisenmodus. Der Leitzins ist seit 2016 auf null. Zudem hat die EZB die Märkte mit Geld überflutet und Anleihen im Wert von mehr als vier Billionen Euro aufgekauft. Alleine auf das Paket mit dem vielsagenden Namen Pandemic-Emergency-Purchase Programm (PEPP) entfallen 1,5 Billionen Euro.

Mit dem Rücktritt des deutschen Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann zum Jahresende, der als einer der größten Kritiker des aktuellen Kurses gilt, scheint der Weg vorgezeichnet. Der expansive Kurs der Notenbank kann plakativ mit „des Sparers Leid, des Schuldners Freud“ zusammengefasst werden. Passend dazu will beispielsweise der Deutsche Bund bis Ende 2022 mehr als 400 Milliarden Euro Schulden aufnehmen. Die Rendite für eine zehnjährige Deutsche Bundesanleihe ist zwar seit Ende September von minus 0,5 Prozent auf minus 0,2 Prozent gestiegen, sollte Deutschland sich aber zu diesem Zinsniveau refinanzieren können, werden immer noch jährlich 800 Millionen Euro an „Zinsen“ in das Staatsbudget fließen. In zehn Jahren belaufen sich die Zinserträge der aufgenommenen Schulden auf acht Milliarden Euro. Da könnte man als Politiker schon einmal schwach werden.

Spannend finde ich auch, dass wir gerade dabei sind, in Europa eine doppelte Buchführung einzuführen. Für die Einhaltung der europäischen Stabilitätskriterien werden die neuen Schulden des europäischen „Next Generation EU-Programms“ in der stolzen Höhe von 750 Milliarden Euro nicht in die Berechnung der Staatsschuldenquote einfließen. Irgendwie kommt mir der berühmte Satz des ehemaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi in den Sinn: „Whatever it takes!“. Was damals wohl unmittelbar nur den Zweck der Marktberuhigung in der Spitze der Euro-Krise hatte, wird nun hemmungslos praktiziert. Eines ist für mich klar: Die nächste Generation wird es uns danken!

Samstag, 30. Oktober: Bequemlichkeit hat ihren Preis

Es ist früh am Morgen. Schlaftrunken schalte ich meine Kaffeemaschine ein. Die Zubereitung eines Espressos ist mittlerweile eine lieb gewonnene Gewohnheit geworden. Ein rotes Lämpchen leuchtet am Display. Zu meinem Glück ist es nichts Ernstes. Lediglich die Kaffeebohnen sind aus. Gestern habe ich meinen Vorrat aufgestockt. Beim Blick auf die Verpackung wird mir bewusst, dass die Kaffeebohnen bereits den weiten Weg aus Brasilien bis zu mir nach Hause hinter sich haben.
Wussten Sie eigentlich, dass Brasilien mit einem Marktanteil von 37 Prozent der größte Kaffeeproduzent der Welt ist? Vietnam und Kolumbien liegen mit 17 Prozent bzw. acht Prozent bereits deutlich dahinter. Wohltuend und gut duftend rinnt der frisch gebrühte Kaffee in meine Espresso-Tasse. Der Tag kann beginnen.

An den Finanzmärkten spielen Kryptowährungen eine immer größere Rolle. Der erste Bitcoin ETF der USA konnte auf Anhieb eine Milliarde US-Dollar generieren. Der Hype um die Digitalwährung sorgt damit für einen der erfolgreichsten ETF-Starts in der Geschichte. Für Investoren nicht unwesentlich ist, dass die Strategie nicht über physische Bitcoins, sondern mittels Bitcoin-Future (BTC) abgebildet wird. Bei einem Future handelt es sich um ein unbedingtes Termingeschäft. Käufer und Verkäufer verpflichten sich zur Durchführung der Transaktion in der Zukunft. Der Future, der im Dezember 2022 ausläuft, notiert um rund zehn Prozent über dem Preisniveau des aktuellen Futures. Im Finanzbereich sprechen wir von einem Contango. Anders ausgedrückt, wird der Investor mit abnehmender Laufzeit mit sogenannten „Rollverlusten“ konfrontiert. Alternativ hat er aber auch die Möglichkeit, ein Wallet zu eröffnen und Bitcoins physisch zu einem wesentlich günstigeren Kurs zu kaufen. Ein ETF-Investment ist definitiv wesentlich bequemer. Bequemlichkeit hat aber ihren Preis.

Mastercard hat 2,8 Milliarden Kreditkarten an Kunden rund um den Globus ausgegeben und ist damit einer der wichtigsten Zahlungsanbieter. Das Unternehmen bereitet sich darauf vor, Kryptowährungen in die eigene Angebotspalette zu integrieren. Im Falle einer Umsetzung würde das mit einem Schlag die Akzeptanz von Bitcoin & Co erhöhen. Vielleicht ist das auch der Anstoß für andere Unternehmen, sich intensiver mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Am Börsenparkett herrscht nach wie vor große Euphorie. Viele Aktienindizes notieren am oder zumindest nahe den Höchstständen. Spannend finde ich, dass die Anzahl der börsennotierten US-Unternehmen seit dem Jahr 2000 von 5500 auf 4000 und damit um 28 Prozent zurückgegangen ist. Wir befinden uns in einem Transformationsprozess. Schneller, größer und weiter scheint das Gebot der Stunde. Diese Woche gesellte sich der Tesla in den erlauchten Klub der Unternehmen, die an der Börse mit mehr als einer Billion US-Dollar bewertet werden. Weltweit gibt es damit lediglich sieben Aktien, deren Marktkapitalisierung diese magische Grenze überschritten hat.

Stichwort wertvollste Unternehmen: Spannend enwickelte sich am Freitag das "Match" um den Titel des teuersten Konzerns der Welt: Apple hatte zuletzt durchgehend die Nase vorn. Bis jetzt. Denn der Apple-Aktienkus sank am letzten Handelstag der Woche um 1,8 Prozent, während jener von Microsoft um 2,2 Prozent erneut auf ein Rekordhoch zulegen konnte. Damit kam es im Rennen um den Status als weltweit wertvollste Börsenfirma tatsächlich zu einem Führungswechsel: Vorerst konnte der Softwarekonzern den iPhone-Hersteller knapp verdrängen. Der Börsenwert von Microsoft liegt bei rund 2,49 Billionen Dollar, jener von Apple bei 2,476 Billionen.

Das dürfte Elon Musk aber relativ egal sein. Sein Vermögen wird diese Woche auf 287 Milliarden US-Dollar geschätzt. Allein im heurigen Jahr wurde er um 117 Milliarden Dollar reicher. Das ist ungefähr so viel wie das geschätzte Gesamtvermögen von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, seines Zeichens immerhin der siebendreichste Mann auf diesem Planeten. Tesla konnte sich auch über einen Großauftrag von Hertz freuen. Der Autovermieter hat auf einen Schlag 100.000 Autos bestellt und damit die Euphorie weiter entfacht. Diese Woche laufen 40 Prozent aller Tesla-Calls aus. Dabei handelt es sich um Kaufoptionen, deren Besitzer ein veritables Interesse an hohen Aktienkursen haben. Einige stellen sich bereits die Frage, ob jetzt bei Tesla etwas die Luft draußen ist? Wir werden es sehen.

Diese Woche schaffte es auch ein Ex-Mitarbeiter der Deutschen Bank in die Schlagzeilen. Die US-Aufsichtsbehörde zahlte dem Insider für das Aufdecken eines Skandals um manipulierte Zinssätze nahezu 200 Millionen US-Dollar. Der Whistleblower erhält damit eine Rekordbelohnung. Irgendwie hat es den Anschein, dass sich damit ein neues Geschäftsfeld für geschasste Banker auftut. Der Weg vom Saulus zum Paulus ist mit vielen Banknoten gepflastert. Sollte sich der Aussteiger in den Vietnam zurückziehen, sollte er aber eines mit ins Kalkül ziehen. Im Land des zweitgrößten Kaffeeproduzenten der Welt wird der Cappuccino bevorzugt mit einem Ei statt mit Milch gemacht. Na ja, das scheint mir nicht erstrebenswert. Da bleibe ich lieber bei meinem Espresso!

Samstag, 23. Oktober: Das "Metaverse" und sein Charme

Heute Morgen bin ich schlaftrunken über die Spielekonsole meiner Kinder gestolpert. Unfassbar, nicht wahr! Warum haben Kinder die schreckliche Angewohnheit, die Dinge einfach liegen zu lassen. Selbst an Plätzen, die für einen Mann in meinem Alter ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotenzial bedeuten. Als ich die Konsole aufhebe und im Schrank verstaue, muss ich schmunzeln. Der Ärger ist verraucht und ich fühle mich in längst vergangene Tage zurückversetzt.

Damals, nur mit vertauschten Rollen. Auch ich habe meine Eltern damit genervt. Allerdings nicht mit Konsolen, diese gab es in dem prähistorischen Zeitalter meiner Kindheit noch gar nicht. Insgeheim freue ich mich, dass wahrscheinlich auch meine Kinder eines fernen Tages über das Spielzeug meiner ungeborenen Enkel stolpern werden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es sich bei diesem Gegenstand nicht um eine Konsole, sondern um eine Virtual-Reality-Brille handelt. Facebook arbeitet bereits fieberhaft an einer Version mit dem klingenden Namen „Metaverse“. Dabei geht es um eine Verschmelzung von physischer und virtueller Realität. Facebook-Gründer Zuckerberg spricht bereits von einem „verkörperten“ Internet. Der User sieht sich nicht nur die Inhalte an, sondern kann sie auch virtuell erleben.

Damit kann ich mit meiner virtuellen Brille die USA bereisen, in der Steppe mit einem Wolf tanzen oder auch im Schwimmbad vom 10-Meter-Turm springen. Und alles bequem von zu Hause aus. Das Erlebnis wird real, selbst wenn man als User nicht ins erfrischende Wasser eintaucht. Spannend finde ich auch, dass Zuckerberg davon spricht, tausende Arbeitsplätze in Europa schaffen zu wollen, um das Projekt „Metaverse“ weiterzubringen. Man spricht von einem „Vertrauensbeweis“ für die Stärke der europäischen Tech-Industrie. Häh? Echt jetzt? Habe ich da etwas verpasst?

Europas Unternehmen stehen meiner Wahrnehmung nach für Tradition und Industrie, wohingegen sich in den USA die großen Tech-Unternehmen angesiedelt haben. Silicon Valley und seit neuestem auch Texas, beste Grüße in diesem Zusammenhang an Elon Musk, lassen grüßen. Könnte es sich bei der Ankündigung vielleicht auch um den Versuch einer Charme-Offensive des Facebook-Konzerns handeln, um europäische Politiker und Entscheidungsträger milde zu stimmen? Gerade das Thema Datenschutz hat in der Vergangenheit schon zu Konflikten geführt. Und die virtuelle Welt Zuckerbergs wird eine unglaubliche Datenquelle. Jeder User ist offen wie ein Scheunentor und kann vom Konzern mit gezielten Werbemaßnahmen „bespielt“ werden. Ganz nebenbei wird damit Geld in die realen Kassen von Facebook gespült.

Auf den Finanzmärkten sorgte diese Woche die Credit Suisse für Aufsehen. Die Schweizer Finanzinstitution muss amerikanischen und britischen Behörden 475 Millionen Dollar zahlen, um Bestechungs- und Betrugsvorwürfe aufzuklären. Dabei geht es um einen 2-Milliarden-Dollar Korruptionsskandal in Mosambik. Das Unternehmen ist mit rund 25 Milliarden bewertet und ist mittlerweile ein Schatten seiner selbst. Im Vergleich zu seiner Blütezeit im Jahr 2007 hat der Aktienkurs nahezu 90 Prozent an Wert eingebüßt. Bereits in wenigen Jahren kann ich als Investor zu meiner Virtual-Reality-Brille greifen und von einer famosen Zukunft träumen. Meine Investments machen mich reich. Stinkreich sogar. Im Gegensatz zu Mark Zuckerberg allerdings leider nur in der virtuellen und nicht realen Welt.

Samstag, 16. Oktober: Die Macht der Marke

Es ist kalt. Saukalt sogar. Mein Blick schweift in die nebulöse Ferne. Laubbäume verfärben sich bunt und die Baumkronen haben sich schon etwas gelichtet. Mein Blick schweift zu den Chili-Pflanzen meines Schwagers Markus. Fein säuberlich nummeriert und nach Schärfegrad geordnet. Seine Chili-Passion erfordert Akribie, Durchhaltevermögen und ein breites Basiswissen über die Pflanzen und deren Verarbeitung.
Schlagartig wird mir bewusst, dass auch erfolgreiche Investoren ähnliche Attribute wie der Chili-Mann meines Vertrauens aufweisen.

In diesem Zusammenhang muss ich an Warren Buffet denken, der sein Imperium über Jahrzehnte aufgebaut hat. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden er damit verbracht hat, Unternehmen zu analysieren und Aktien mit Potenzial ausfindig zu machen. Mit technologischem Fortschritt ist das viel einfacher geworden. Neben seiner Fachkompetenz und seiner Akribie brauchte Buffet vor allem auch Durchhaltevermögen, um einer der reichsten Männer der Welt zu werden. Der alte Börsen-Guru ist ein Außenseiter. Im Ranking der Milliardäre tummeln sich viele amerikanische Tech-Unternehmer. Mit Aktien von Apple, Microsoft, Google, Facebook, Amazon oder auch Tesla konnte man in den letzten Jahren wahrlich ein Vermögen machen. Das Ranking der Milliardäre wird von Elon Musk angeführt, der aktuell über ein geschätztes Vermögen von 228 Milliarden Dollar verfügt. Das ist immerhin um stolze 30 Milliarden mehr als jenes von Amazon-Gründer Jeff Bezos. Elon Musk kann sich die Finger reiben. E-Autos sind voll im Trend.

Vor allem der stark wachsende chinesische Markt spült riesige Geldsummen in die Kassen. Im Shanghaier Tesla-Werk gingen im September 56.000 Autos vom Band. 54.000 gingen direkt an chinesische Kunden. Etwa jedes fünfte verkaufte Auto in China ist ein E-Auto. Tendenz wahrscheinlich stark steigend. Dass Elon Musk gerne gegen den Strom schwimmt, hat er schon oft bewiesen. Der Firmensitz wird vom kalifornischen Silicon Valley in die texanische Hauptstadt Austin verlegt. Texas wirbt aktiv mit Steuererleichterungen um Unternehmen. Die Tech-Giganten Oracle und Hewlett-Packard sind dem texanischen Ruf auch schon gefolgt. Es würde mich nicht wundern, wenn Texas mit dem Zugpferd Elon Musk Silicon Valley gehörig einheizt.

Tesla erhitzt die Gemüter und lässt niemanden kalt. Entweder man liebt oder hasst das Unternehmen. Eines ist aber unbestritten für beide Seiten klar. Tesla ist zu einer starken Marke geworden und hat den Automobil-Sektor gehörig aufgemischt. Elon Musk bleibt seiner Strategie treu und investiert in die Entwicklung. Für jeden verkauften Wagen gibt Tesla etwa 3000 Dollar für Entwicklung und null Euro für Werbung aus. Das hat man nicht nötig. Im Vergleich dazu wandert bei jedem verkauften Ford oder Toyota „nur“ etwas mehr als 1000 Dollar in die Entwicklungsabteilung. Im Gegensatz zu Tesla wird ungefähr die Hälfte der Entwicklungsausgaben auch für Werbung aufgewendet. Für mich ein Beweis dafür, wie wertvoll eine gute Marke ist.

Das Inflationsgespenst will einfach nicht vom Börsenparkett verschwinden. Im September lag die Teuerungsrate im Euro-Raum mit 3,4 Prozent auf dem höchsten Wert seit 13 Jahren. In den USA liegt sie mit 5,4 Prozent sogar noch deutlich darüber. Das setzt die Notenbanken gehörig unter Druck.

Der Geldmarkt hat mittlerweile eine Zinserhöhung der EZB und Fed bis Ende 2022 eingepreist. Durch Lieferengpässe und steigende Rohstoffpreise verliert der Wirtschaftsaufschwung bereits deutlich an Dynamik. Einige Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognosen bereits nach unten geschraubt. Die Kapitalmärkte nehmen diese Entwicklungen noch relativ gelassen. Vom trüben Herbstwetter keine Spur. Die Zukunft war schließlich schon immer nebulös.

Kommen wir abschließend noch einmal zu den Milliardären. Spannend finde ich, dass es rund zwei Drittel der auf der „Forbes 400“ gelisteten Milliardäre es aus eigener Kraft geschafft haben, ein riesiges Vermögen aufzubauen. Nur jeder Zehnte auf der Liste stammt aus der Oberschicht. Soll ich mich jetzt in meine Garage zurückziehen und meinen Computer anwerfen? Mit meiner Tech-Kompetenz wird es wohl nicht dafür reichen, mit Pauken und Trompeten in die „Forbes 400-Liste“ einzuziehen.

Samstag, 9. Oktober: Wir backen kleinere Brötchen

Ich werde alt. Das wird mir vor allem an kalten, nassen Herbsttagen bewusst. Trotzdem schmeckt mir mein Espresso auf unserer Terrasse während mein Blick in den Nebel abschweift. Das ist wohl der Lauf der Zeit, oder täusche ich mich? Irgendwie kein Wunder, statistisch habe ich ja bereits mehr als die Hälfte meines Lebens verlebt. Die Lebenserwartung heute liegt bei rund 80 Jahren. Der Medizin sei Dank. Mit zunehmendem Alter steigt auch der Bedarf nach Pharmazeutika und Medikamenten. Die gesunde Lebenserwartung eines Österreichers liegt bei lediglich 58 Jahren. Das ist um 7 Jahre weniger als jene eines Deutschen und liegt deutlich unter dem EU-Schnitt von 62 Jahren. Die Baby-Boomer kommen in die Jahre und klettern die Alterspyramide in rasantem Tempo nach oben. Die Manager von Pharmaunternehmen reiben sich bereits die Hände.

Wussten Sie, dass die fünf größten Pharmaunternehmen alle aus den USA und der Schweiz stammen? Den größten Börsenwert weist Johnson & Johnson mit rund 420 Milliarden Dollar auf. Roche, Pfizer, Eli Lily und Novartis runden die Top-5 ab. Zum Vergleich dazu ist Apple mit einem Börsenwert von rund 2,3 Billionen Dollar das größte Unternehmen der Welt. Diese Woche jährte sich der Todestag von Apple-Gründer und Tech-Visionär Steve Jobs zum zehnten Mal. Auch wenn es sich 2011 niemand ohne ihn vorstellen konnte und das Unternehmen irgendwie das Visionäre zu verloren haben schien, ist der wirtschaftliche Erfolg größer denn je. In den letzten zehn Jahren hat sich der Mitarbeiterstand verdoppelt und der Börsenkurs verelffacht.

Zu den größten Investoren zählen große Investmenthäuser wie Vanguard, BlackRock oder auch der Norwegische Pensionsfonds, der die staatlichen Zukunftsgelder verwaltet. Spannend finde ich auch, dass Warren Buffets Berkshire Hathaway bereits mehr als 4 Prozent des Tech-Riesen sein Eigen nennt. Der Apple-Firmenanteil entspricht beim aktuellen Börsenwert damit knappe 100 Milliarden US-Dollar. Ganz beachtlich! Selbst für ein Unternehmen, welches an der Börse mit 630 Milliarden bewertet wird.

In der DACH-Region backen wir kleinere Brötchen. Die Länderrankings führen mit Roche (326 Milliarden Dollar), SAP (157 Milliarden Dollar) und Verbund (31 Milliarden Dollar) Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen an. Die Verbund AG hat kürzlich die Erste Group als größtes österreichisches Unternehmen abgelöst, nachdem der iShares Global Clean Energy ETF das Unternehmen prominent gewichtet hat. Weltweit ist aber häufig eine Technologiefirma oder ein Finanzinstitut das wertvollste Unternehmen seines Landes.

An den Finanzmärkten wird es deutlich ruppiger. Die Aktienmärkte notierten an manchen Tagen dieser Woche im tiefroten Bereich. Der Trend geht tendenziell von Technologiewerten zu Value-Unternehmen. Inflationssorgen und eine mögliche Abkehr von der ultra-expansiven Notenbankpolitik beherrschen das glitschige Börsenparkett. Unberührt davon sind Krypto-Investoren. Diese Woche konnte der Bitcoin-Kurs wieder die strategisch wichtige Marke von 50.000 US-Dollar überschreiten. Grund dafür war die Ankündigung der amerikanischen Notenbank, kein Verbot von Kryptowährungen in Betracht zu ziehen. Ufff, da können Bitcoin-Besitzer einmal kräftig durchschnaufen.

Eine Regulierung der Kryptowährungen ist aber nach wie vor sinnvoll und wird wohl früher oder später auch umgesetzt werden. Mal schauen, wie lange das noch dauert. Diese Woche schaffte es auch wieder einmal der ehemalige US-Präsident Donald Trump in die Schlagzeilen. Irgendwie ist es im Newsflow ziemlich ruhig geworden ohne ihn und seine Twitter-Kommentare. Grund zur Freude hat er aber keine. Seit 1996 war sein Name jedes Jahr auf der Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner zu finden. 2021 hat es dafür nicht mehr gereicht. Er verpasste mit einem geschätzten Vermögen von 2,5 Milliarden US-Dollar um 400 Millionen den Einzug in diese selektive Liste. Damit scheint eines klar: Eine US-Präsidentschaft kostet Geld!

Samstag, 2. Oktober: Nichts für schwache Nerven

Es ist früh am Morgen. Mir wird etwas kalt, als ich mit meinem Espresso auf unserer Terrasse stehe. In der Ferne sehe ich einen Rohbau. Seit gefühlten Wochen tut sich nicht mehr viel. Die Bauherren klagen über Lieferengpässe. Passend dazu hat das Statistische Bundesamt diese Woche verkündet, dass sich die Importe im Augst so stark verteuert haben wie seit 40 Jahren nicht mehr. Grund dafür ist, dass mit einer deutlichen Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch die Energiepreise stark angestiegen sind. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Importpreise für Energie nahezu verdoppelt.

Deutliche Anstiege gab es auch bei anderen Rohstoffen, wie z. B. Holz, Eisen, Stahl oder Aluminium. Das alles zum Leidwesen der Bauherren! Die jüngsten Zahlen aus Amerika verdeutlichen, dass die Immobilienpreise in diesem Umfeld weiter steigen. In den 20 großen Metropolen der USA sind die Häuserpreise im letzten Jahr um nahezu 20 Prozent gestiegen. Gepaart mit den durch die Niedrigzinspolitik angefeuerten niedrigen Finanzierungskosten können sich Hausbesitzer über einen großen Realwertgewinn freuen. In den USA sind die 10-Jahreszinsen für Staatsanleihen schon auf 1,5 Prozent gestiegen, Anfang August lagen sie noch bei 1,2 Prozent. Ähnliche Tendenzen gibt es in Deutschland, wo der 10-Jahreszins trotz des Anstieges um 0,3 Prozentpunkte mit -0,2 Prozent noch immer im negativen Terrain notiert. Mit steigenden Zinsen steigen auch die Finanzierungskosten. Das trifft all jene, die Schulden haben. Im Gegensatz zu Staaten können das Immobilienbesitzer mit ihren Realwertgewinnen gegenwärtig noch locker verkraften. Wenn die monatlichen Belastungen im Falle eines deutlichen Zinsanstieges zu groß werden, könnte das aber den Immobilienmarkt unter Druck setzen.

Der chinesische Immobilienkonzern Evergrande steht schon unter Druck. Die chinesische Zentralbank hat diese Woche Unterstützungsmaßnahmen signalisiert, um ein „chinesisches Lehman-Szenario“ zu vermeiden. Evergrande hat einen Schuldenberg von mehr als 300 Milliarden US-Dollar angehäuft und ist gegenüber Gläubigern bereits in Zahlungsverzug geraten. Das ist nichts für schwache Nerven.

Apropos China. Kennen Sie Tiktok? Es ist einem Mann in meinem Alter unbegreiflich, aber meine Tochter liebt die chinesische Video-App. Zu meinem Leidwesen! Aber damit ist sie definitiv nicht allein. Ich konnte es nicht glauben, dass TikTok erstmals von mehr als einer Milliarde Menschen in einem Monat aktiv genutzt wurde. Das ist eine unglaubliche Reichweite. Kein Wunder, dass der ehemalige US-Präsident Donald Trump versucht hat, einen Verkauf an eine amerikanische Investorengruppe zu erzwingen. Die chinesische Regierung griff ein und vereitelte den Deal.

In Zeiten von realen Geldwertverlusten wird das Sprichwort „Nur Cash macht fesch!“ ausgehebelt. Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob das auch für CEOs der großen Tech-Unternehmen gilt? Sundar Pichai von Google hat im ersten Halbjahr 2021 Google-Aktien im Gegenwert von 62,5 Millionen US-Dollar und damit annähernd so viel wie Satya Nadella (65,4 Millionen US-Dollar) verkauft. Besonders umtriebig waren Jeff Bezos von Amazon, der immerhin Aktien im Wert von 6,6 Milliarden Dollar verkaufte. Der Mann will es wissen! Für dieses riesige Aktienpaket benötigte er lediglich 15 Transaktionen. Eine andere Strategie verfolgte Mark Zuckerberg, der an 136 Tagen Aktien im Wert von 2,2 Milliarden Dollar verkaufte. Also im Schnitt alle 1,3 Tage eine nette Verkaufsorder in der Höhe von 15 Millionen Dollar. Zuckerberg’s Vermögen wird auf rund 130 Milliarden Dollar geschätzt. Wie es sich für einen Tech-Tycoon gehört sind 98 Prozent davon in Facebook-Aktien gebunkert. Seit 2012 hat er aber auch mit knapp 15 Milliarden Dollar schon einiges herausgezogen. So ein Milliardärsleben kostet doch einiges. Oder hängt es nicht auch damit zusammen, ob die CEOs bei den gegenwärtigen Kurslevels noch Potenzial sehen? In diesem Fall würde Tim Cook von Apple das Ranking anführen. Seine letzte Insider-Transaktion datiert vom November 2020, als er für 6,9 Millionen Dollar Nike-Aktien verkauft hat. Beim Sportartikelhersteller sitzt er im Aufsichtsrat.

Irgendwie beruhigend, dass selbst Tim Cook anscheinend für Weihnachtsgeschenke im November Cash machen muss, meinen Sie nicht auch?

Samstag, 25. September: Das Geld und der Klimawandel

Die Finanzmärkte werden immer grüner. Die Branche zeigt wieder einmal eine Vorreiterrolle. Wenn man sich die Nachhaltigkeitsberichte vieler Anbieter zu Gemüte führt, kommt es einem so vor, als wimmle es nur so von Pionieren. Der Klimawandel gehört zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Darüber ist man sich in der Wissenschaft nahezu flächendeckend einig. Geld regiert die Welt. Insofern ist es naheliegend, die Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken. Um Risiken zu beziffern, müssen im Wesentlichen zwei Punkte geklärt werden, die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Auswirkungen (Impact) im Falle des Eintritts. Natürlich ist es zumindest theoretisch möglich, dass ein Alien mir einen Asteroiden auf den Kopf wirft. Die Auswirkungen für mich wären mit Sicherheit fatal. Fürchten brauche ich mich aber auch ohne Aluhut nicht davor.

Ähnlich geht auch das World Economic Forum bei der Erstellung seiner Risikolandkarte vor. Experten aus unterschiedlichen Disziplinen zerbrechen sich über die großen Gefahrenherde die Köpfe und berücksichtigen dabei die Auswirkungen und die Eintrittswahrscheinlichkeit. In der Risikolandkarte 2021 wird der Impact beim Einsatz von Massenvernichtungswaffen weniger stark eingeschätzt als die Auswirkungen des Klimawandels. Die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges wird aktuell als höchst unwahrscheinlich gesehen. Beim Klimawandel gilt das Negativszenario aber als äußerst wahrscheinlich. Na bumm!

Kein Wunder, dass sich auch die Politik immer stärker mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt. Erklärtes Ziel ist es, Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken und dem Klimawandel den Kampf anzusagen. Der EU-Aktionsplan und der Green Deal lassen grüßen. Die Richtung ist klar vorgezeichnet. Produktanbieter müssen auch immer stärker in Bezug auf nachhaltigkeitsrelevante Themen berichten. Auf der anderen Seite wird auch das Angebot von nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten immer größer. Diese Woche wurde beispielsweise die größte Green-Bond-Emission aller Zeiten gestartet. Dabei handelt es sich um Anleihen, die ihren Emissionserlös in grüne Projekte investieren. Das angebotene Volumen betrug zehn Milliarden Britische Pfund. Dem gegenüber stehen im Orderbuch der Banken 90 Milliarden. Die Anleihe ist damit neunfach überzeichnet. Ein weiteres Indiz dafür, wie sehr das Thema bei den Investoren angekommen ist.

In der Finanzbranche kursiert der Begriff „Greenium“. Darunter versteht man die Vermutung, dass sich einzelne Schuldner günstiger mit einer grünen Anleihe als mit einer klassischen Variante finanzieren können. Die Grazer Security Kapitalanlage AG hat sich im Rahmen einer Studie dieser Frage angenommen und ist zum Schluss gekommen, dass eine grüne Anleihe die Refinanzierungskosten nicht senkt. Das stimmt mich sehr zuversichtlich. Aus Investorensicht spielt die ökonomische Komponente natürlich auch eine große Rolle.

Die Fed hat diese Woche einen überraschend schnellen Ausstieg aus dem Krisenmodus in Aussicht gestellt. Notenbankchef Jerome Powell ist erfreut über die Fortschritte am Arbeitsmarkt. Der Markt geht davon aus, dass noch heuer das milliardenschwere Kaufprogramm zurückgefahren und 2022 auch wieder die Zinsen angehoben werden könnten. Natürlich nur, sofern sich die Lage auf der Corona-Front nicht wieder verschärfen sollte. Die Finanzmärkte haben die jüngsten Aussagen positiv aufgenommen.

Laut Marty Flangan, Chef des Investmenthauses Invesco, steht die Fondsbranche vor einem Umbruch. Während große Vermögensverwalter immer weiterwachsen, wird es für kleinere Anbieter immer schwieriger. Spannend finde ich auch den Vergleich mit der „Old Economy“. Ich bin schon gespannt, in welche Richtung sich die Branche entwickelt. Für mich persönlich habe ich eine klare Entscheidung getroffen. Ich bleibe meinem geliebten Espresso treu und werde morgens weder zum Grüntee noch zum Grappa wechseln.

Samstag, 18. September: Mehr als nur ein Sackerl Reis?

Diese Woche feiere ich ein Jubiläum. Seit einem Jahr bin ich Vollzeit-Unternehmer. Die Business-Anzüge, Manschetten-Hemden und Lederschuhe wurden gegen legere Kleidung und Sneakers getauscht. Das war vor wenigen Jahren für mich noch unvorstellbar. In meinen Vierzigern gehöre ich vermutlich nicht zu den jüngsten Unternehmensgründern. Aber was soll’s, gut Ding braucht manchmal Weile.

Diese Woche hat der Laufschuh-Hersteller On, an dem auch Tennis-Maestro Roger Federer beteiligt ist, sein Börsendebüt in New York gefeiert. Hersteller von Laufschuhen und Sneakers erfreuen sich während der Corona-Krise einem wahren Nachfrageboom. Die Aktien der Schweizer Firma kletterten am ersten Börsentag auf 35 US-Dollar. Damit konnten sie im Vergleich zum Emissionspreis von 24 Dollar um 45 Prozent zulegen. Das wird die Aktionäre freuen. Im Vergleich zum ursprünglichen Ziel, die Aktien in einer Preisspanne von 18 bis 20 Dollar auszugeben, hat sich der Unternehmenswert an der Börse nahezu verdoppelt. Der Euphorie sei Dank.

Die wiedererlangte Euphorie lässt sich auch in andere Wirtschaftsbereiche übertragen. Im 2. Quartal 2021 gab es in der EU deutlich weniger Pleiten und deutlich mehr Unternehmensgründungen im Vergleich zu 2015. Die Rettungspakete der Staaten und Notenbanken scheinen also zu greifen. Die Zahlungsverpflichtungen wurden in die Zukunft verschoben. Aber aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben.

Die Börsianer scheint gegenwärtig wenig aus der Ruhe zu bringen. In den letzten Tagen und Wochen sorgen immer wieder Inflationssorgen für Aufsehen. Diese Woche sorgte auch eine Schlagzeile aus Fernost für Aufregung. Von wegen, es interessiert niemanden, wenn ein Sack Reis in China umfällt. China ist mittlerweile die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft. Die Immobilienpreise sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Viele Chinesen haben das niedrige Zinsniveau ausgenützt, sich verschuldet und den Traum vom Eigenheim Realität werden lassen. Gegen Wochenmitte wurde publik, dass der zweitgrößte chinesische Immobilienentwickler Evergrande in Zahlungsschwierigkeiten steckt und die chinesische Wohnbaubehörde vor Zahlungsausfällen warnt. Konkret geht es um eine Zinszahlung einer Anleihe, die am 20. September fällig ist und gerüchteweise nicht bedient werden kann. Das kennen wir doch schon, nicht wahr? Der Aktienkurs von Evergrande ist seit Jahresbeginn um drei Viertel gefallen, Unternehmensanleihen des Unternehmens notieren nur mehr bei 30 Prozent des Nennwertes. Die globalen Finanzmärkte nehmen es zur Kenntnis. Schließlich handelt es sich „nur“ um einen Sack Reis, der in China umfällt. Oder steckt vielleicht doch mehr dahinter? Ich weiß es nicht!

2021 feiert das World Wide Web auch sein dreißigjähriges Jubiläum. 1991 hat der britische Physiker Tim Berners-Lee die erste Website publiziert. Bereits drei Jahre später, wie sprechen immer noch von den frühen 1990ern, gab es weltweit bereits 3000 Websites. 1994 gründetet Jeff Bezos auch Amazon mit der Vision, den größten Online-Einzelhandel der Welt aufzubauen. Und das ohne Geschäfte und Verkaufsflächen, sondern im Internet. Bezos hatte eine Vision und einen sehr, sehr langen Atem und hat Tag für Tag an der Umsetzung seiner Vision gearbeitet. Mittlerweile gehört Amazon zu den teuersten Unternehmen der Welt. Heute gibt es 1,88 Milliarden Webseiten. Umgerechnet auf die Weltbevölkerung bedeutet das, dass nahezu jeder vierte Erdenbürger seine eigene Website betreibt.

Auch 2021 befinden wir uns in einen Transformationsprozess, der zunehmend an Fahrt gewinnt. Die Welt in zehn Jahren wird mit jener von heute nur mehr schwer vergleichbar sein. Unternehmen sind angehalten, ihre Geschäftsmodelle anzupassen oder sich gar neu zu erfinden. In dieser Zeit werden die Karten neu gemischt. Im Vergleich zu unseren Vorgängergenerationen haben wir viele Möglichkeiten, eine gute Idee mit geringem Kapitaleinsatz in ein lukratives Geschäftsmodell umzumünzen. Wir leben wahrlich in spannenden Zeiten!

Samstag, 11. September: Halbierte Kaufkraft bis 2038

Diese Woche ist es wieder so weit. Die Marktteilnehmer sind nervös. Wieder einmal sorgen anstehende Zentralbanksitzungen für Unbehagen. Wird EZB-Präsidentin Christine Largarde andeuten, dass die Notenbanker die Geldschleusen schließen? Ja! Die EZB wird die Anleihenkäufe moderat zurückfahren. Ein Ende der Nullzinspolitik ist aber nicht in Sicht. Die US-Notenbank hat in ihrem Konjunkturbericht darauf hingewiesen, dass Corona und Materialengpässe das Wachstumstempo der US-Wirtschaft in den Sommermonaten gebremst haben. Fed-Präsident Powell hat einen Ausstieg aus dem geldpolitischen Krisenmodus in Aussicht gestellt, sofern sich die Situation am Arbeitsmarkt verbessert und Corona nicht wieder alles auf den Kopf stellt. Sorgenfalten bereiten auch die stetig aufkochenden Inflationsängste. Für risikoaverse Investoren ist es gegenwärtig nicht möglich, einen realen Geldwerterhalt zu gewährleisten. In Deutschland beträgt die Inflationsrate bereits 3,9 Prozent. Wenn man Bundesbankpräsident Jens Weidmann glauben kann, bewegen wir uns in Richtung fünf Prozent. Nachdem das Zinsniveau für Staatsanleihen durch die Geldschwemme der Notenbanken künstlich tiefgehalten wird, wird man als Investor gegenwärtig für den Kauf einer zehnjährigen deutschen Staatsanleihe mit einer negativen Rendite von minus 0,3 Prozent „belohnt“. Und das alles vor Kosten und Steuern! Beim Kauf dieser Investition verliert man bei aktuellen Inflationsraten „real“ 4,2 Prozent. Bei gleichbleibendem Umfeld verliert man in zehn Jahren ein Drittel seines Vermögens. Im Jahr 2038 hat sich die Kaufkraft halbiert. Unfassbar, meinen Sie nicht auch?

Diese Woche sorgten auch Kryptowährungen für Aufsehen. El Salvador hat Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel eingeführt und damit als erster Staat diesen Schritt gesetzt. Damit können die Bürger mit Bitcoins zahlen. Ganz egal ob in Geschäften, Bars oder auch ihre Steuern. Kritiker führen freilich ins Treffen, dass der Bitcoin-Kurs sehr starken Schwankungen unterliegt. Allein im letzten Jahr schwankte der Kurs zwischen 10.000 und 63.000 US-Dollar. Mein Espresso beim Italiener meines Vertrauens kostet seit Jahren zwei Euro. Wenn ich mit Bitcoins bezahlt hätte, würde der Espresso-Preis zwischen zwei Euro und 12 Euro schwanken. Je nach Lust und Laune der Kryptomärkte. Ich stelle mir das Leben mit diesen Schwankungen durchaus herausfordernd vor. Aber was weiß ich schon. Nach diesen guten Nachrichten kam der Bitcoin-Kurs unter Druck und verlor mehr als 15 Prozent. Die alte Börsenweisheit „Sell on Good News“ funktioniert anscheinend auch für den Krypto-Markt.

Spannend finde ich auch, dass institutionelle Investoren einer großen deutschen Kapitalanlagegesellschaft in Spezialfonds bis zu 20 Prozent in Kryptowerte investieren könne. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Kryptowährungen immer mehr in den Fokus rücken. Das steht aber auch irgendwie im Widerspruch zum EU-Aktionsplan, mit dem man das Ziel verfolgt, Gelder in eine nachhaltige Richtung zu lenken. Bei dem erforderlichen Energiebedarf kann man bei Kryptowährungen wohl nicht von einem nachhaltigen Investment sprechen. Diese Woche sorgte auch die österreichische Finanzmarktaufsicht für Aufsehen. Sie hat davor gewarnt, dass geschätzte 80 Prozent aller angebotenen Krypto-Assets einen betrügerischen Hintergrund haben. Die EU hat bereits im Herbst 2020 strengere Regulierungen angekündigt. Ich bin schon sehr gespannt, wohin die Reise der Kryptowährungen geht. Wussten Sie, dass der Währungsmarkt mit einem täglichen Handelsvolumen von sieben Billionen US-Dollar der größte Markt der Welt ist. Mehr als 70 Prozent davon mit Beteiligung des US-Dollars. Etwas mehr als ein Viertel entfällt auf das beliebteste Paar EUR/USD. Ob wir in wenigen Jahren in dieser Statistik auch Bitcoins finden werden, wage ich aber durchaus zu bezweifeln.

Samstag, 4. September: Der Euphorie sei Dank

Als 16-jähriger Grünschnabel habe ich erstmals vom DAX gehört. Zugegebenermaßen ist das schon ein paar Jährchen her. Es hat sich seit damals vieles verändert. Wir leben in einer Zeit des Wandels und eines Transformationsprozesses. Wie gut, dass wenige Dinge konstant und stabil bleiben. Wie beispielsweise meine Espresso-Liebe. Der Deutsche DAX-Index ist seit den 1980ern jedem Börsianer ein Begriff. Am 31. Dezember 1987 wurde der Index mit einem Wert von 1000 Indexpunkten aufgelegt.

Grundsätzlich unterscheidet man bei Indizes zwischen Performance-Indizes und Preis-Indizes. Bei einem Performance-Index wie dem DAX werden die Dividenden der Unternehmen reinvestiert. Damit verkörpert er den Bruttoertrag der Investoren. Bei einem Preisindex werden im Gegensatz dazu die Dividendenausschüttungen nicht berücksichtigt. Das schlägt sich langfristig deutlich nieder. Aktuell weist der DAX zum Beispiel eine Dividendenrendite von 2,37 Prozent auf. Einer der bekanntesten Preisindizes ist der Dow Jones Industrial Index, der gegenwärtig eine Dividendenrendite von 1,9 Prozent aufweist. Ein Fondsmanager kann also 1,9 Prozent pro Jahr hinter dem Index liegen und trotzdem ein „neutrales“ Ergebnis aufweisen. Kein Wunder, dass viele Portfoliomanager einen Preisindex bevorzugen würden, um ihre Leistung zu messen.

Diese Woche hat sich beim DAX etwas fundamental geändert. Die Anzahl der Titel wurde mit Freitag erstmals von 30 auf 40 erhöht. Neben der Marktkapitalisierung wird auch die Profitabilität in den Aufnahmekatalog aufgenommen. Künftig müssen die Kandidaten zumindest die letzten beiden Jahre einen positiven operativen Gewinn aufweisen. Gut, dass man von Wirecard und der Kritik rund um den chronisch defizitären Lieferdienst „Delivery Hero“ gelernt hat. Mit dem DAX soll schließlich Stabilität und Kontinuität verbunden werden.

An den Finanzmärkten beherrschen die Themen Afghanistan-Rückzug, der Hurrikan Ida und die immer wieder aufkeimenden Inflationssorgen die Nachrichtenlage. Obwohl einige Sorgenfalten das Gesicht vieler Börsianer zieren, bleiben die Märkte stabil auf einem hohen Niveau. Gerade Ida zog eine Spur der Zerstörung durch die US-Küste. Es ist immerhin der schlimmste Wirbelsturm seit „Katrina“ vor 16 Jahren. Neben unermesslich hohem Sachschaden führte der Hurrikan auch zu einem Einbruch der Ölproduktion, da viele Bohrinseln im Golf von Mexiko evakuiert werden mussten.

Wissen Sie, dass gegenwärtig sechs Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als einer Billion US-Dollar bewertet sind? Neben den üblichen Verdächtigen Apple, Microsoft, Google, Amazon und Facebook findet sich mit Saudi Aramco nur ein nicht US-Tech-Unternehmen auf dieser elitären Liste. Der nächste Kandidat ist Tesla – mit einem Börsenwert von 728 Milliarden Dollar ist allerdings doch etwas Respektabstand geboten. Immerhin fehlen noch knappe 40 Prozent für diese elitäre Marke. Das ist grundsätzlich viel! Sehr viel sogar! Aber anscheinend nicht in der Tesla-Welt. Wenn die Kurse weiter so steigen sollten, dauert es nicht einmal ein Jahr. Der Euphorie sei Dank. Die letzten 40 Prozent konnten seit November 2020 erzielt werden. Ob das so weitergeht, steht in den Sternen. Vielleicht ist das der Grund, warum Elon Musk unbedingt ins All will?

Samstag, 28. August: Aufsicht, Jobs und Aktien

Als ich heute morgen aus dem Fenster blicke, muss ich schmunzeln. Während die Kaffeemaschine meinen morgendlichen Espresso zubereitet, muss ich an meine Anfänge in den späten 1990ern denken. Kollegen haben damals häufig von der guten, alten Zeit berichtet, in denen Banker mit ihrem Privatvermögen noch herumzocken konnten. Mittlerweile ist alles streng reguliert. Und das ist auch gut so und hat das Vertrauen in den Finanzmarkt deutlich erhöht. Der von Michael Douglas meisterhaft gespielt Gordon Gekko im Film Wallstreet ist ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. An den Aktienmärkten herrscht nach wie vor eher lustloses Geplänkel. Diese Woche gab es erste Signale, dass sich die Covid-19 Situation in den USA entspannt. Der Blick in die Glaskugel hat sich wieder deutlich aufgehellt und damit die Sorge eines wirtschaftlichen Abschwungs deutlich reduziert. Darüber hinaus steht ein Infrastrukturpaket in unfassbar hohem Ausmaß ante-portas. Es scheint angerichtet.

In Deutschland sorgte im Gegensatz dazu die Eintrübung des ifo-Geschäftsklima-Index für Sorgenfalten. Das Bild ist gemischt. Die alte Dame Europas hinkt hinter dem davon sprintenten Uncle Sam aus Amerika schleppend hinterher. Das spiegeln auch die Kapitalmärkte wieder. Mit US-Aktien konnte man tendenziell auch 2021 mehr Geld verdienen als mit Europäern. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat sich im Zuge des Wirecard-Skandals wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Anstatt der Warnungen auf den Grund zu gehen und Luftbuchungen hinterherzujagen, zogen die Aufsichtsbehörden gegen die Kritiker ins Feld. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass einige Mitarbeiter der Finanzaufsicht selbst intensiv mit Wirecard-Aktien zockten. Das hat das Vertrauen in den deutschen Finanzmarkt und dessen Reputation massiv erschüttert. Das war Anlass genug, die Regeln für private Finanztransaktionen zu verschärfen. Aufsichtsmitarbeiter dürfen kaum noch mit Aktien handeln. Das wiederum liegt der Personalvertretung der Bafin im Magen. Es wird sogar ein finanzieller Ausgleich für die Einschränkungen gefordert. Laut ihrer Einschätzung könnten die strengen Regeln die Behörde als Arbeitgeber unattraktiv machen. Wie bitte?!

Als ich diese Nachricht gelesen habe, dachte ich, es wäre ein Scherz. Aber anscheinend meinen es die Personalvertreter bitterernst. Das Bundesfinanzministerium sieht dafür aber keine Anzeichen. Wenig überraschend ist aufgrund der strengeren Regulierung bisher zu keiner einzigen Kündigung gekommen. Für mich hat das einen fahlen Beigeschmack. Ohne jemandem etwas unterstellen zu wollen erscheint dadurch die Optik, dass sich die Aufsichtsmitarbeiter durch die Zockerei ein ordentliches Zubrot verdient haben.

Als Finanzmarktaufsicht habe ich für Stabilität und Ordnung im Finanzsystem zu sorgen. Durch meinen Zugang zu den einzelnen Finanzmarktteilnehmern erhalten dessen Mitarbeiter viele Informationen, die auch in die Rubrik Insider-Wissen einzuordnen sind. Dieses Wissen ist dem breiten Markt nicht zugänglich und verschafft dem Insider eine Informationsvorsprung. An den Finanzmärkten ist das Ausnutzen von Insider-Wissen strengstens verboten. Wenn jetzt die Aufsichtsmitarbeiter wie wild herumzocken, besteht durchaus die Gefahr, dass jemand diesen Informationsvorsprung zu seinem Gunsten ausnutzen könnte. Irgendwie hat es den Anschein, als würde der Wolf im Schafspelz über uns wachen, meinen Sie nicht auch?

Samstag, 21. August: Die Lage verdunkelt sich

Heute bin ich bereits sehr früh im Büro. Da fällt mir unweigerlich das alte Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ ein. Gold ist aber auch ein Synonym für Reichtum und Wohlstand und spielt natürlich an den Finanzmärkten eine wesentliche Rolle. Im Juli 1944 wurde das Bretton- Woods-System und damit ein festes Wechselkurssystem von 44 Nationen beschlossen. Dieses System sorgte für einen Wirtschaftsboom, steigenden Wohlstand bei einer sehr geringen Arbeitslosigkeit. Dabei verpflichten sich internationale Notenbanken dazu, die US-Dollar-Reserven jedes Landes gegen physisches Gold zu einem fixen Kurs von 35 US-Dollar pro Unze einzutauschen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wurde dafür als oberste Kontroll- und Überwachungsinstanz gegründet.

In einer Ansprache an einem heißen August-Tag vor 50 Jahren verkündete der damalige US-Präsident Richard Nixon überraschend die Aufhebung des Goldstandards. Nixon argumentierte, dass es in den vergangenen sieben Jahren durchschnittlich eine internationale Währungskrise pro Jahr gab. Von diesen Krisen profitieren laut Nixon weder die Arbeiter noch die Investoren, sondern internationale Geldspekulanten. Ausgelöst durch den Vietnam-Krieg hat die US-Regierung die Gelddruckerpresse angeworfen und die Geldmenge massiv erhöht. Das befeuerte die Inflation, welche durch das Wechselkurssystem auch von anderen Ländern „importiert“ wurde.

Deutschland machte den Startschuss und gab bereits drei Monate vor Nixons Ansprache den Wechselkurs der Deutschen Mark frei. Andere Länder zogen nach und innerhalb von lediglich zwei Jahren haben alle Länder ihre Wechselkurse freigegeben. Seit damals bilden sich die Währungskurse nach der aktuellen Angebots- und Nachfragesituation.

Diese Woche hat es in sich. An den Finanzmärkten verdunkelt sich die Lage. Neben dem politischen Thema rund um den Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan fokussierten sich Börsianer vor allem auf das Protokoll der US-Notenbank. Innerhalb der Fed rund um Präsident Jerome Powell nehmen die Diskussionen über ein baldiges Herunterfahren der umfangreichen Konjunkturhilfen zu. Der Fokus der Notenbanker liegt auf dem Beschäftigungsziel, welches aus Sicht der meisten Währungshüter bereits heuer erreicht werden kann. Sollte dieses Ziel erreicht werden, könnte die Notenbank die Anleihenkaufprogramme zurückfahren. Druck kommt von der Inflationsseite. Die Währungshüter halten die Preisstabilität trotz der aktuell hohen Inflation für gegeben. Die Party dürfte sich langsam, aber sicher dem Ende zuneigen.

Das „künstlich“ niedrige Zinsniveau bedeutet auch niedrige/negative Finanzierungskosten. Gerade Unternehmen können dadurch mit einem hohen Fremdkapital niedrige Gewinnmargen optimieren. Das birgt auch Risiken. Solange die Zinsen tief sind, fallen die Finanzierungskosten nicht ins Gewicht. Zombie-Unternehmen sind Unternehmen, die mit dem operativen Ergebnis ihre Zinsen nicht bezahlen können. Salopp formuliert, Unternehmen, die künstlich am Leben gehalten werden. Durch das niedrige Zinsniveau wird der natürliche Bereinigungsprozess seit Jahren hinausgezögert. Durch die Corona-Maßnahmen hat sich die Lage nochmals verschärft. Aktuell sind 692, also nahezu jedes vierte Unternehmen, des amerikanischen Russel-3000-Index Zombies. Das ist aber kein US-Phänomen. Auch in Europa treiben sich viele Zombies herum. Irgendwie zum Fürchten, meinen Sie nicht auch?

Samstag, 14. August: Finanzmärkte und Nachhaltigkeit 

Wir befinden uns im Hochsommer. Die Nächte sind schwül und die Tage sehr heiß. Ausgestattet mit einem wunderbaren Espresso ist meine produktivste Zeit in den frühen Morgenstunden. Unweigerlich muss ich an meine frühen Kindheitstage und an den Italien-Urlaub mit meinen Eltern denken. Morgen feiert man mit dem Ferragosto den wichtigsten kirchlichen und familiären Feiertag. Der 15. August ist der älteste Feiertag Europas und wurde bereits von Kaiser Augustus vor mehr als 2000 Jahren eingeführt, um seinen Sieg gegen seinen stärksten Widersacher Marcus Antonius und seiner Geliebten Kleopatra gebührend zu feiern. An diesem Tag hat der Sommer seinen Höhepunkt erreicht. Es scheint, als würde Italien stillstehen. Die Büros sind wie leer gefegt, da viele rund um dieses Datum einen Großteil ihres Jahresurlaubs verbringen. Aber irgendwie auch kein Wunder, wer kann bei diesen Temperaturen schon wirklich produktiv arbeiten. Der Begriff „Ferragosto“ hat sich für Italiener als Synonym für den Jahresurlaub durchgesetzt. Für mich waren diese heißen Temperaturen gedanklich immer mit Familienurlaub in Italien verbunden. Einige Jahrzehnte später ist die Hitze auch für mich zum Alltag geworden. Und das ganz ohne Wohnsitzverlegung.

Die Klimaforschung ist ein komplexes Konstrukt. Aber eines scheint klar, das Klima hat sich verändert und die globale Erwärmung scheint kontinuierlich zuzunehmen. Und damit verbunden auch alle Folgen. Das wurde uns in den letzten Wochen deutlich vor Augen geführt. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass es der Kampf gegen den Klimawandel spät aber doch seinen Weg auf die politische Agenda geschafft hat. Der diese Woche veröffentlichte Weltklimabericht geht davon aus, dass bereits in den 2030ern die Durchschnittstemperatur um mehr als 1,5 Grad Celsius steigen wird. Es bleibt zu hoffen, dass wir trotz Experten-Warnungen nicht zu lange sorg- und tatenlos zugeschaut haben. Das stellt nahezu alle Lebensbereiche vor große Herausforderungen. In der Finanzwelt wird zum Beispiel von europäischer Seite aus das Ziel verfolgt, die Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken. Der EU-Aktionsplan definiert im Rahmen der EU-Taxonomie erstmals, was überhaupt unter dem Begriff Nachhaltigkeit zu verstehen ist. Die Maßnahmen sind bereits jetzt von Erfolg gekrönt. Das Volumen nachhaltiger Veranlagungen steigt rasant an. Tendenz weiter klar steigend.

An der Börse hält auch der Ferragosto Einzug. Bei geringen Handelsvolumen tümpeln wir scheinbar lust- und freudlos dahin. Am 12. August 1981 startete IBM mit dem Verkauf des ersten Personal Computers. Unglaublich, dass das schon 40 Jahre zurückliegt. In dieser Zeit haben auch Microsoft und Apple ihre ersten großen Erfolge gefeiert. Während der Pionier IBM sukzessive an Bedeutung verlor und 2005 seine PC-Sparte an den chinesischen Konzern Lenovo verkaufte, gehören die damaligen Mitstreiter Apple und Microsoft heute zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Einer der großen Gewinner der Corona-Pandemie sind Impfstoffhersteller, wie z. B. Biontech oder Pfizer, deren Aktienkurse einen wahren „Impfrausch“ erleben. Diese Woche veröffentlichte Biontech beeindruckende Quartalszahlen. Allein im 2. Quartal 2021 betrug der Nettogewinn 2,79 Milliarden Euro. Auch das US-Unternehmen Pfizer konnte die ohnehin schon optimistischen Prognosen nochmals deutlich übertreffen und sorgte damit für eine gute Stimmung am Börsenparkett. Pfizer erlebt damit den zweiten Hype nach Viagra in den 1990ern. Aber nicht jeder Impfstoffhersteller zählt zu den Gewinnern. Aktionäre von AstraZeneca können ein Lied davon singen.

In den USA hat der Senat das Infrastrukturpaket Joe Bidens in der Höhe von mehr als einer Billion US-Dollar abgesegnet. Neben klassischen Themen wie Verkehrswege oder Internet stehen auch Projekte zur Bewältigung des Klimawandels auf der Agenda. Für die Maßnahmen werden neue Schulden aufgenommen werden (müssen). Eine entscheidende Rolle kommt der US-Notenbank zu, die mittlerweile auf einem Haufen Staatsanleihen sitzt. Die Finanzmärkte beschäftigt die Frage, ob Fed-Präsident Jerome Powell auch unter Joe Biden fest im Sattel sitzt. Mit der aussichtsreichen Lael Brainard, die als Tochter eines US-Diplomaten in Deutschland geboren wurde, steht eine Befürworterin der Geldflutung an vorderster Front.

Joe Biden wird vermutlich im Herbst die Weichen stellen. Aber eines scheint klar, Zinserhöhungen oder eine Abkehr der ultralockeren Geldpolitik sind nicht zu erwarten. Schließlich muss jemand die riesigen Budget-Löcher stopfen und die ambitionierten Projekte finanzieren. Es lebe die Unabhängigkeit der Notenbank!

Samstag, 7. August: Bullen, Bären, Ruhe, Sturm?

Heute schmeckt der morgendliche Espresso besonders gut. Ein persönliches Großereignis liegt hinter mir und eine wohlverdiente, erholsame Urlaubswoche neigt sich dem Ende zu. Kein Druck, kein Stress, ein Blick in die Natur bestätigt, was ich in mir fühle: Es ist ruhig. Die Sommermonate haben bisher am Börsenparkett für keine Aufregung gesorgt. Die Kurse dümpeln vor sich dahin und machen sich bereit für den nächsten Kampf der Bären mit den Bullen. Es geht rauf oder runter. Bald wissen wir wohin.

Die Spannung beginnt langsam wieder zu steigen. Aber noch nicht heute. Heute beginne ich den Tag mit einer entspannten Sporteinheit und dann schauen wir einmal.

Auch am anderen Ende der Erde sind einige Menschen mit Sport beschäftigt. Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio stehen im Jahr 2021 ganz im Zeichen von Corona. Trotzdem lassen sich die Stars nicht davon abhalten ihre Bestleistungen zu zeigen. Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit im Jahr 1896 war der Professionalitätsgrad noch etwas niedriger als heute. Beim Marathon mussten die beiden favorisierten Läufer Edwin Flack und Albin Lermusiaux aufgeben, weil sie während des Laufes ausschließlich Alkohol tranken. Im Tennis gewann John Boland, der zufällig in Griechenland auf Urlaub war und von einem Freund für das Turnier angemeldet wurde. Francis Lane gewann einen 100m Vorlauf mit einer Zeit von entspannten 12,5 Sekunden. Die Schwimmwettkämpfe wurden im offenen Meer bei 13° Celsius abgehalten. Wenn man den Sport 1896 mit heute vergleicht, sieht man die rasante Entwicklung, die wir auf unserem Planeten in den letzten Jahrzehnten hingelegt haben. Gleiches gilt für die Wirtschaft. Alles ist strukturiert und ausgeklügelt.

Der Wille zu siegen treibt die Menschen zu Höchstleistungen. Das wird auch in Österreich sichtbar. Im ersten Halbjahr 2021 gab es knapp 20.000 Firmen-Neugründungen. Das sind laut WKO 23,6 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum letzten Jahres. Die Begründung für diese Zahlen ist unterschiedlich. Fakt ist jedoch, dass Covid-bedingt ein Umbruch in der Gesellschaft stattfindet.

Die Hilfsprogramme und Stundungen laufen langsam aus. In den USA sind Millionen Menschen von Delogierungen betroffen. Auch in Europa bleibt abzuwarten, ob die lang erwartete Insolvenzwelle zu rollen beginnt. Noch fließen die Hilfsgelder in Strömen. Doch es braut sich ein Sturm am Horizont zusammen. Die Inflationszahlen steigen und steigen. Die US-Inflation ist mit 5,4 Prozent auf dem höchsten Stand seit 2008. Auch in Deutschland ist Achtung geboten. Die Inflation ist im Juli auf 3,8 Prozent gestiegen. Das ist die höchste monatliche Inflationsrate seit 1996.

Lieferengpässe, Nachholeffekte beim Konsum und andere Punkte mögen eine Begründung dafür sein. Ein Anstieg der Inflation bringt die Zentralbanken aber unter Druck. Die Zinsen zu erhöhen, würde sich massiv auf den Kapitalmarkt auswirken. Die Fragen, die zuletzt bleiben, sind: Können wir uns einen Zinsanstieg im Lichte der Verschuldung überhaupt noch leisten? Was, wenn die Inflation sich nicht einpendelt?

Mein Blick wandert noch einmal in die Ferne. Die Überreste des Unwetters, das vor einigen Tagen stattgefunden hat, sind nach wie vor sichtbar. 160 Liter Wasser pro Quadratmeter und Hagel hat das Unwetter mit sich gebracht. Vielleicht ist es ein Vorbote, ein schlechtes Omen für den Markt? Erleben wir an der Börse gerade die Ruhe vor dem Sturm? Während mich eine kühle Morgenbrise wieder in die Wohnung treibt, wacht der Rest meiner Familie gerade auf. Ich muss lächeln. Vielleicht sind doch andere Dinge im Leben wichtiger.

Samstag, 31. Juli: Größte Fehler passieren in guten Zeiten

Sommer, Sonne, Sonnenschein! Das trifft nicht nur auf unser Privatleben, sondern auch auf die Finanzmärkte zu. Von wegen Krise. In vielen Asset-Klassen befinden wir uns am oder zumindest nahe den Höchstständen. Dieser Tage ist es einfach, ein Investor zu sein. Die Spreu vom Weizen trennt sich in der Krise. Die größten Fehler werden in guten und nicht in schlechten Zeiten gemacht. Einfach deshalb, weil wir in Boom-Phasen dazu neigen, unsere Risikobereitschaft zu erhöhen. Insofern sind für mich die Sommerwochen traditionell auch der Zeitpunkt, meine Risikoneigung und meine Vermögensaufteilung (Asset-Allocation) zu überprüfen.
 
Spannend finde ich auch eine Analyse des Internationalen Währungsfonds (IWF), in welcher die BIP-Prognosen 2024 aus vom Jänner 2020 und von heute verglichen werden. Laut IWF haben die Staaten bisher 16 Billionen US-Dollar an Unterstützungspaketen locker gemacht. Die Defizite erreichen in vielen Ländern den höchsten Wert seit dem 2. Weltkrieg. Auf Basis der „Prognose-Differenz“ zwischen 2020 und heute ergibt sich ein „theoretischer“ Output-Verlust von 15 Billionen US-Dollar oder 2,8 Prozent des BIPs für 2024.

Besonders stark betroffen sind junge Erwachsene, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen und vor dem Berufseinstieg stehen. Unter dem Begriff NEETs  (neither in employment nor education and training) werden jene Personen zusammengefasst, die zwischen 20 und 34 Jahre alt sind und aktuell weder in einer Anstellung noch einer Ausbildung sind. Mehr als jede fünfte Europäerin und nahezu jeder siebente Europäer sind gegenwärtig NEETs. Besonders stark betroffen sind die Jungen in Spanien, Griechenland und Spanien. Weniger stark ist die Ausprägung in den Niederlanden, Schweden und Luxemburg. Es sind dringende Maßnahmen nötig, um den jungen Menschen eine Perspektive zu bieten. Ansonsten werden gut ausgebildete junge Menschen ihrem Land den Rücken zukehren und ihr Glück im Ausland suchen. Dieses Phänomen wird unter dem Begriff „Brain-Drain“ zusammengefasst. Der langfristige volkswirtschaftliche Schaden ist immens. In diesem Zusammenhang denke man beispielsweise an „verlorene“ Steuereinnahmen, geringeres Innovationspotenzial oder einen Fachkräftemangel.
 
Rund jeder fünfte Europäer ist gegenwärtig für die Ausübung seines Jobs im Heimatland überqualifiziert. Spannend finde ich es auch, diese Beobachtungen auch im Hinblick auf den anstehenden technischen Transformationsprozess zu sehen. In den entwickelten Volkswirtschaften dürften bis 2030 rund jeder vierte Job dem technischen Fortschritt zum Opfer fallen. Besonders stark betroffen ist die Altersgruppe der 40 bis 44-jährigen. Das ist aber noch lange kein Grund zum Trübsal blasen. Jeder Veränderungsprozess bringt auch neue Chancen und neue Betätigungsfelder, die heute noch niemand auf dem Radar hat. Insofern brauchen wir vor der Zukunft auch keine Angst haben. Wir müssen nur mit offenen Augen durchs Leben gehen und sich bietende Chancen zu nutzen wissen.

Samstag, 24. Juli: Das Delta in der Finanzwirtschaft

Das Delta begleitet mich seit vielen Jahren. In der Finanzwirtschaft wird dieser kleine griechische Buchstabe nahezu inflationär verwendet. Mit dem mathematischen Delta bezeichnen wir eine Veränderung oder Differenz zwischen zwei Beobachtungspunkten. Das kann sowohl in die eine gute oder in die andere schlechte Richtung gehen. Wir sprechen von einem Bewertungs-Delta, von einem Performance-Delta oder auch einem Zins-Delta. Ein Schluck von meinem Espresso, während ich frühmorgens nachdenklich aus unserem Küchenfenster blicke. Die gewohnte Routine verleiht den erwünschten Energieschub. Wenn ich später meiner Frau von meinem morgendlichen Energie-Delta berichte, werde ich wohl nur ein Stirnrunzeln und einen skeptischen Blick ernten.

Dieser Tage treibt das Delta selbst dem hartgesottensten Börsianer Sorgenfalten ins Gesicht. Die Delta-Variante des Coronavirus breitet sich in schier atemberaubender Geschwindigkeit aus. Das Delta hat damit 2021 einen fahlen Beigeschmack. Das führte zu Wochenbeginn zu Gewinnmitnahmen und deutlichen Kursverlusten, die zudem durch ständig aufkeimende Inflationssorgen zusätzlich angeheizt wurden. Im Laufe der Woche konnten sich die Finanzmärkte wieder kräftig erholen. Wir leben in einer Zeit der Stimulationsprogramme. Das betrifft bekanntlich sowohl Staaten als auch Notenbanken. Spannend finde ich, dass 2020 mehr als 90% der Neuverschuldung der Euro-Länder durch die EZB in Form von Staatsanleihen gekauft wurden. In Irland, Italien, den Niederlanden und Portugal überstieg das Kaufvolumen sogar die Neuverschuldung.

Auch Deutschland (85%) und Österreich (80%) gehören zu den großen Profiteuren. Bin schon gespannt, ob die Notenbank auch einmal unsere Bankkredite aufkaufen wird? Wir Österreicher lieben Bargeld. Die EU-Kommission hat verkündet, künftig ein Limit für Bargeldzahlungen einführen zu wollen. Das ist bereits in zwei Drittel aller EU-Länder Realität. In Österreich und in Deutschland gibt es noch keine diesbezügliche Obergrenze. Ziel der Aktion ist es, Schlupflöcher für Kriminelle zu schließen. Zuerst wurde die Produktion der 500er Note von der EZB eingestellt, jetzt sollen die kleinsten Kupfermünzen folgen. Alles unter dem Zeichen der Transparenz. Der erste Vorschlag für eine EU-weite Bargeldobergrenze liegt mit 10.000 Euro Zahlungen bereits auf dem Tisch. Darüber hinaus gibt es immer stärkere Bestrebungen, auch Kryptowährungen stärker zu reglementieren. Mal schauen, wie es da noch weitergeht.

Abschließend möchte ich noch einen Blick auf die Top-100 Unternehmen der Welt mit dem höchsten Börsenwert werfen. In Summe repräsentieren diese Unternehmen eine Marktkapitalisierung von unglaublichen 31,7 Billionen US-Dollar.  59% der wertvollsten Unternehmen stammen aus den USA, 18% aus Europa und 14% aus China. Wenig überraschend nehmen Technologieunternehmen eine Vormachtstellung ein. Mit Volkswagen (66. Rang), SAP SE (79.) und Siemens AG (90.) schaffen es drei deutsche Vorzeigeunternehmen in diesen erlauchten Kreis. Die Schweizer Vertreter Nestle SA (26.) Roche Holdings (29.) und Novartis (46.) sind bereits deutlich wertvoller als ihre deutschen Pendants. Zwischen der Nummer 1 Apple mit 2,1 Billionen Dollar und der Nummer 100 Anheuser-Busch mit 128 Milliarden liegen Welten. Ein Delta von nahezu zwei Billionen kann sich sehen lassen, meinen Sie nicht auch? Nur zum Vergleich: Das entspricht rund dem 37fachen Marktwert aller ATX-Unternehmen. Es dürfte wohl noch etwas dauern, bis wir den ersten Österreicher in den Top-100 begrüßen dürfen.

Samstag, 17. Juli: Mit dem digitalen Euro zum Espresso

Diese Woche ist schon spürbar weniger los. Einige sind bereits im Urlaub, andere kurz davor und wiederum andere sind gerade wieder frisch erholt zurück. Auch die Finanzmarktakteure sind nicht davor gefeit, einmal kürzer zu treten. Die positive Stimmung schlägt sich auf dem Börsenparkett nieder. Es sieht danach aus, als wäre einmal die Luft draußen. Zeit zum Durchschnaufen und Wunden lecken. Naja, einen wirklichen Grund zum Wunden lecken gibt's eigentlich nicht, sofern man im letzten Jahr auch entsprechendes Durchhaltevermögen an den Tag gelegt und nicht die Flinte ins Korn geworfen hat. Schließlich konnten sich die Aktienkurse seit den Tiefstständen im März 2020 nahezu verdoppeln. Mit steigenden Impfraten, einer Entspannung am Arbeitsmarkt und einer durch den Nachholbedarf sowie Stimulationen angefeuerten Wirtschaft scheint alles wunderbar zu sein.

In den letzten Wochen und Monaten hat sich auch das Sentiment deutlich gedreht. Wurden wir vor nicht allzu langer Zeit noch mit Horrormeldungen überschüttet, hat der negative Newsflow deutlich abgenommen. Eitel Wonne, Sonnenschein. Der Markt scheint nur eine Richtung zu kennen. Aber ist das auch begründet? War es das jetzt mit Krise? Ich weiß es nicht und es wäre natürlich wünschenswert, aber ganz glauben, kann ich es nicht. Durch die Stimulusprogramme der Staaten und Notenbanken haben sich die Probleme nur etwas in die Zukunft verschoben. Aufgehoben sind sie aber deswegen noch lange nicht.

Dazu zählen zum Beispiel hohe Verschuldungsraten, ausufernde Budgetdefizite, expansive Notenbankpolitik oder auch der digitale Transformationsprozess, der immer mehr an Fahrt aufnimmt. Die Karten werden neu gemischt und ich bin der festen Überzeugung, dass viel erfolgreiche Geschäftsmodelle der letzten Jahre in Zukunft nicht mehr tragfähig sein werden. Das Feuerwerk geht aber munter weiter. Die US-Regierung hat sich darauf geeinigt, weitere 3,5 Billionen Dollar in die Wirtschaft zu pumpen. Die US-Notenbank Fed pumpt 120 Milliarden Dollar pro Monat in das Geldsystem. Das führt zu steigenden Inflationsraten, die im Juni im Vergleich zum Vorjahr bereits 5,4 Prozent beträgt. Vor einem Jahr lag die Inflation noch bei 0,6 Prozent. Das bedeutet eine massive reale Geldentwertung. Ausgenommen natürlich, man ist in Realwerten investiert. Auch wenn es blöd klingen mag: 2021 stellt jeden vor große Herausforderungen, der ein bisschen etwas auf der hohen Kante hat. Der Druck auf die Notenbanken wird immer größer, dem steigenden Inflationsdruck entgegenzuwirken.

Diese Woche hat die neuseeländische Notenbank klein beigegeben und einen Stopp ihres Anleihenkaufprogrammes verkündet. Ist das ein Vorbote, dem die großen Notenbanken folgen werden? US-Notenbankpräsident Jerome Powell räumte am Donnerstag ein, dass die Währungshüter die Inflationsentwicklung mit Sorge beobachten. Er sprach sogar von einem „Schock, der nach den Shutdowns“ durch das System gegangen ist. Wenn die US-Inflation entgegen den Erwartungen anhaltend über der angestrebten Marke von zwei Prozent liegt, müsse die Notenbank ihre Strategie überdenken. Diese Woche tagte auch die Europäische Zentralbank. EZB-Präsidenten Christine Largarde will beim Projekt eines digitalen Euros einen Zahn zulegen und damit den Kryptowährungen wie Bitcoin & Co. nicht das Feld überlassen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir in wenigen Jahren mit unseren digitalen Euros in unseren Wallets unseren Espresso beim Italiener um die Ecke bezahlen.

Auch wenn es altmodisch klingt, bin ich immer noch ein großer Freund des Bargeldes. Damit gehöre ich anscheinend zu einer aussterbenden Spezies, da immer mehr Menschen bargeldlos bezahlen. Können wir jetzt den alten Grundsatz, „nur Cash macht fesch“, zu Grabe tragen? Schaut irgendwie so aus, meinen Sie nicht? Aber vielleicht leben auch hier Totgesagte länger?

Samstag, 10. Juli: . . . dann wär mein Konto niemals leer

Der italienische Espresso ist dieser Tage in Mode. Am Wochenende spielt Italien im Endspiel der Europameisterschaft gegen England. Ein wahres Fest, nicht nur für Fußballfreunde. Die Top-Fußballer dieser Welt verdienen in ihren Karrieren viel Geld. Viele von Ihnen werden zu Millionären. Als ich darüber nachdenke, muss ich schmunzeln. Kennen Sie den Song „Ich wär so gerne Millionär, dann wär mein Konto niemals leer“? Unglaublich, dass dieses Lied der Prinzen bereits vor 30 Jahren veröffentlicht wurde. Der Traum von damals ist auch heute noch brandaktuell. Und vermutlich wird sich auch in Zukunft wenig daran ändern.

Weltweit gibt es knapp 21 Millionen Menschen, die ein investierbares Vermögen von mehr als einer Million US-Dollar besitzen. In Summe besitzen Millionäre über 80 Billionen US-Dollar. Am meisten Millionäre wohnen in den USA, Japan, Deutschland und China. In Deutschland gibt es rund 1.535.000 Dollar-Millionäre. In der Schweiz sind es 459.000 bzw. in Österreich 163.000. Es gibt sie also doch, diese seltene Spezies der Millionäre.

An den Finanzmärkten weht dieser Tage ein laues Sommerlüfterl. Die Wirtschaft boomt und treibt den Ölpreis (Brent) auf 78 US-Dollar und damit auf den höchsten Stand seit 2018. Im April 2020 konnte man ein Barrel noch um 20 US-Dollar erwerben. Der Erdölverbund OPEC+ hat sich trotz mehrerer Versuche noch immer nicht auf eine Förderstrategie für das zweite Halbjahr einigen können. Grund dafür war der anhaltende Streit zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Ein höherer Ölpreis verteuert zwar die Herstellungskosten vieler Waren, ist aber auch als deutliches Signal eines brummenden Konjunkturmotors zu werten. Die „Entspannung“ auf der Corona-Front und die anhaltenden Stimulationsprogramme zeigen ihre Wirkung.

Vielen Notenbanken liebäugeln bereits mit einer digitalen Währung. Der Bitcoin-Kurs hat sich nach dem massiven Einbruch der letzten Monate stabilisiert. Viele Marktteilnehmer fordern eine stärkere Regulierung. Gerade im Bereich der Kriminalität wird häufig auf Digitalwährungen zurückgegriffen. Eine durchgeführte Transaktion kann zwar sehr leicht und für immer nachvollzogen werden. Aufgrund der Anonymität der Wallet-Besitzer hilft das aber nicht wirklich viel. Hacker hatten hunderte Unternehmen mit einer Erpressungssoftware lahmgelegt und fordern 70 Millionen US-Dollar in Bitcoins für einen Generalschlüssel für die mehr als eine Million infizierten Computer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass solche Aktionen die Bestrebungen der Notenbanken eine eigene digitale Währung einzuführen, weiter anheizen werden.

Abschließend kommen wir nochmals zum Finale der Europameisterschaft zurück. Die steirische AT&S hat gemeinsam mit ams OSRAM die Entwicklung der kleinsten Digitalkamera der Welt ermöglicht. Laut Unternehmensangaben ist der Bildsensor kleiner als ein Reiskorn und leichter als eine Briefmarke. Das wäre eigentlich einmal was, würde man jedem Spieler des Finales mit einer kleinen Digicam ausstatten und so realitätsnahe Live-Bilder direkt vom Platz erhalten. Eines führt dieses Beispiel deutlich vor Augen: Für Kreativität und Innovation muss man nicht zwingend ins Silicon Valley auswandern. Das ist auch in Leoben oder jedem anderen Ort der Welt möglich.

Samstag, 3. Juli: Der Kater am nächsten Morgen . . .

Puh, diese Woche hat es in sich. Es ist heiß. So richtig heiß! Mein morgendlicher Espresso schmeckt trotz dieser Temperaturen. Gerade geht die Sonne auf. Ein schöner Anblick, der ein gutes Gefühl vermittelt. Ein Gefühl der Freiheit. Die hohen Temperaturen machen mich aber auch träge. Der Klimawandel existiert. Das wurde uns diese Woche wieder einmal deutlich vor Augen geführt. In Kanada sind die Temperaturen diese Woche auf fast 50 Grad gestiegen. Kein Wunder, dass gerade jüngere Generationen den Klimawandel als zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts betrachten. Die Politik hat das erkannt und im Rahmen des EU-Aktionsplans und des Green-Deals das klare Ziel formuliert, auch Finanzströme in eine nachhaltige Richtung zu lenken.

Im Rahmen der EU-Taxonomie, einer der wesentlichen Punkte des EU-Aktionsplans, wird erstmals auf europäischer Ebene definiert, was denn überhaupt ein nachhaltiges Investment ist. Im Nachhaltigkeitsbereich untergliedert man die Bereiche in ESG-Kriterien. „E“ steht für Environment oder umweltspezifische Themen. „S“ für Social oder soziale Themen und „G“ für Governance oder Unternehmensführung. Der Fokus der EU-Taxonomie liegt aktuell auf dem umweltspezifischen Bereich. Der Klimawandel ist damit auch auf dem glitschigen politischen Parkett angekommen.

Junge Menschen ticken anders. Auch in Bezug auf die Arbeit. Einst hatten US-Industrielle rund um Henry Ford in den 1920ern die 40 Stunden Woche ins Leben gerufen. Dieses Modell ist damit nahezu ein Jahrhundert alt. Und immer mehr junge Menschen stellen sich die Frage, ob das überhaupt noch zeitgemäß ist. Wer will schließlich ins Hamsterrad, in dem sich die Eltern und Großeltern ein Leben lang abgestrampelt haben? Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und auch eine sinnstiftende Tätigkeit werden immer wichtiger. Einfach nur zu arbeiten, um Geld zu verdienen und Karriere zu machen, ist nicht mehr zeitgemäß. Dieses Konzept ist wahrscheinlich mit dem Berufseinstieg der Generation X zu Grabe getragen worden.

Unternehmen sind gefordert, verkrustete und alte Strukturen und Denkweisen aufzubrechen, um auch in Zukunft ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Auch das scheint sich geändert zu haben. Nicht mehr das Unternehmen sucht die Mitarbeiter aus, sondern die Mitarbeiter das Unternehmen. Wer das verschläft, wird es in den nächsten Jahren schwer haben, gute Leute zu gewinnen.

Das erste Halbjahr 2021 ist bereits Geschichte. Die internationalen Aktienmärkte legten eine beeindruckende Performance hin. Nach 2019 das zweitbeste Ergebnis seit 1998! Seit den Tiefstständen im März 2020 hat der MSCI World All Country Index 90 Prozent zugelegt. Die großen internationalen Aktienmärkte liegen abgesehen vom japanischen Nikkei-225 nahe den Höchstständen. In den letzten Monaten geisterte immer wieder das Inflationsthema über das Börsenparkett. Das hat Druck auf die Zinsmärkte ausgelöst und die Renditen ansteigen lassen. Diese Woche sorgte der Chefvolkswirt der altehrwürdigen Bank of England (BoE) Andy Haldane für Aufsehen. Seiner Einschätzung nach könnte die Inflationsrate heuer auf vier Prozent klettern. Bei einem Zinsniveau von defacto Null – die laufend eingeführten „Verwahrgebühren“ der Banken lassen wir einmal außen vor – kommt das einer ordentlichen „realen Enteignung“ der Sparer gleich. Insofern kann sich jeder glücklich schätzen, der sein Geld in Realwerten wie z. B. Aktien oder Immobilien angelegt hat. Die Asset-Price-Inflation wird durch expansive Notenbanken angefeuert und entfaltet sich immer mehr.

Sommer, Sonne, Sonnenschein! Wie lange geht diese Party noch? DJ Jerome Powell scheint noch lange nicht genug zu haben und legt unermüdlich seine Platten auf. Die Stimmung ist gut und die Gäste tanzen ausgelassen im Rhythmus der Musik. Der Kater am nächsten Morgen wird dem einen oder anderen nicht erspart bleiben.
Nicht vergessen, der Letzte schaltet das Licht aus!

Samstag, 26. Juni: Möge das Match beginnen . . .

Heute Morgen ist alles anders. Ungläubig reibe ich mir die müden Augen. Der Espresso, seit Jahren mein treuer und lieb gewonnener Begleiter, schmeckt mir nicht. Das ist ungewöhnlich! An den Bohnen kann es nicht liegen. Die sind vom italienischen Kaffeehändler meines Vertrauens. Wahrscheinlich liegt es dann doch am Achtelfinalgegner unserer Fußballnationalmannschaft. Ein Kampf der Österreicher in der Rolle des Davids gegen die übermächtigen Italiener in der Rolle des Goliaths. Es ist angerichtet.

Der Kampf von neun Millionen Österreichern gegen 60 Millionen Italiener. Die Italiener haben eine unfassbare Serie hingelegt. Aber auch wir brauchen uns nicht verstecken. Schließlich sind wir seit den 1950ern in der Hauptrunde einer WM oder Euro unbesiegt. Das soll uns einmal einer nachmachen. Das wir es seit damals nicht geschafft haben, uns dafür zu qualifizieren, steht auf einem anderen Blatt Papier. Heute möchte ich einmal einen Länderkampf der anderen Art machen. Italien gegen Österreich, das Match möge beginnen.

Beginnen wir mit der Wirtschaft. Italien wird bis zum 2. Quartal 2022 benötigen, um wieder ein Vorkrisenniveau zu erreichen. Österreich braucht laut Prognosen ein Quartal länger. Österreichs Wirtschaft soll heuer um 3,4 Prozent und 2022 um 4,2 Prozent kräftig zulegen. Für Italien liegen die Prognosen mit 4,5 Prozent bzw. 4,4 Prozent noch etwas darüber. Italien ist hinter Deutschland und Frankreich die drittgrößte Volkswirtschaft der EU und die neuntgrößte der Welt. Italien hat 6,7-mal so viele Einwohner wie Österreich, die Wirtschaftsleistung ist aber „nur“ 4,5-mal so groß. Das unterstreicht Österreichs Effizienz. Nichtsdestotrotz geht Italien in Front.

Neuer Spielstand: Österreich – Italien 0 : 1

Jetzt brennt schon der Hut. Zeit, um einen sicheren Punkt zu landen. Österreichs Verschuldung ist in den letzten Quartalen signifikant angestiegen. Aktuell sind wir mit 84 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt verschuldet. Zur Erinnerung: Das einstige Ziel der EU-Länder wurde in den Maastricht Kriterien mit einem Maximalwert von 60 Prozent angegeben. Für Italien kommt es aber noch schlimmer. Mit einer Verschuldungsquote von 156 Prozent liegt man noch deutlich darüber und ist hinter Griechenland mit 206 Prozent das am stärksten verschuldete Euro-Land. Im weltweiten Vergleich liegt man auf dem unrühmlichen 6. Platz. Es ist zwar keine wirkliche Stärke, aber dennoch schafft Österreich damit den Ausgleich.

Neuer Spielstand: Österreich – Italien 1 : 1

Zeit für einen neuen Spielzug. Die Staatsfinanzen. Das Budgetdefizit liegt 2020 bei minus 9,5 Prozent. Jenes von Österreich bei -8,9 minus. Beide Länder liegen damit über dem EU-Schnitt von minus 7,2 minus. Das ist eine klare Punkteteilung.

Neuer Spielstand: Österreich – Italien 2 : 2

Jetzt geht es ans Eingemachte. Kommen wir zur Arbeitslosenrate. Diese liegt in Italien gegenwärtig bei 10,7 Prozent, in Österreich bei 8,9 Prozent. Italien kämpft seit der Euro-Krise auch mit einem Brain-Drain. Gutausgebildete Menschen, die zuhause keinen Job finden, versuchen ihr Glück in einem anderen Land. Bei offenen Grenzen ist das keine große Sache. Langfristig hat das für eine Volkswirtschaft aber fatale Auswirkungen. Insofern geht auch hier der Punkt klar an Österreich.

Neuer Spielstand: Österreich – Italien 3 : 2

Und abschließend kommen wir noch zur Börse. Die italienische Leitbörse konnte heuer um 14 Prozent zulegen, jene von Österreich sogar um 25 Prozent. Damit konnten beide Märkte den globalen Aktienmarkt deutlich übertreffen. Nach den „mageren“ Jahren wird es auch mal Zeit. Hier geht der Punkt trotzdem klar an Österreich.

Endstand: Österreich – Italien 4 : 2

Dieses Match hat Österreich für sich entschieden. Ob das ein gutes Omen für das Fußballspiel ist, wage ich aber zu bezweifeln. Ich werde jetzt noch genüsslich meinen italienischen Espresso trinken und den Sieg genießen.

Wenn unsere Kicker später nachlegen, lasse ich mir zur Feier des Tages wahrscheinlich noch etwas anderes einfallen.

Samstag, 19. Juni: Guter Rat ist teuer

Es ist Sommer. Es ist brütend heiß und wie im Vorjahr kommt es zu einer deutlichen Entspannung an der Corona-Front. Das betrifft nicht nur Österreich, sondern nahezu die ganze Welt. Unsere Regierung hat verkündet, dass die Sperrstunde fällt, die Nachtgastronomie wieder öffnen darf und ab Juli keine Maskenpflicht in Kultureinrichtungen, Sportstätten und in der Gastronomie mehr gilt.

Am Mittwoch dieser Woche beherrschte die US-Notenbank die Finanzschlagzeilen. Der expansive Kurs wird trotz der hohen Inflationszahlen und der merkbaren Erholung der Wirtschaft fortgesetzt. Der Leitzins bleibt auf dem Rekordtief und auch die Wertpapierkäufe in der Höhe von 120 Milliarden Dollar pro Monat werden bis auf weiteres fortgesetzt.

Die Fed bleibt also noch im Krisenmodus. Die Notenbanker beginnen aber auch langsam, auf ein Ende der massiven Geldflut hinzuweisen. Das wird behutsam gemacht, da die Währungshüter diesen Schritt erst für 2023 planen. Auch wenn Fed-Präsident Jerome Powell vehement darauf hinwies, dass die Marktteilnehmer aus den Prognosen keinen festen Zeitplan ableiten können, scheint die Nervosität doch spürbar gestiegen zu sein. Die Inflation in den USA stieg im Mai auf fünf Prozent. Powell versuchte, in diesem Zusammenhang zu beruhigen und sprach von einem „vorübergehenden Phänomen“. Vom Arbeitsmarkt wird kein inflationärer Druck ausgelöst. Durch die starke Wirtschaft werden zwar viele Jobs geschaffen, von einer Vollbeschäftigung und einem damit verbundenen Preisauftrieb sei man aber noch weit entfernt.

Ich kann mich also entspannt zurücklehnen und meinen Espresso trinken. Vielen Dank, Jerome! Die Fed veröffentlichte auch ihre Prognosen. Für 2021 rechnet man mit einem Wirtschaftswachstum von 7,0 Prozent (bisher 6,5 Prozent). Für das Gesamtjahr wird mit einer Inflation von „nur“ 3,4 Prozent gerechnet.

Von steigenden Zinsen scheinen wir also doch noch etwas entfernt zu sein. Das wird die Sparer wenig freuen. Allein in Österreich werden unfassbare 556 Milliarden Euro an Geldvermögen gehalten. In den letzten 40 Jahren hat sich das Geldvermögen nahezu verneunfacht. Zum Teil ist das natürlich auch auf die Inflation zurückzuführen. Die jährliche Steigerungsrate liegt allerdings mit 5,7 Prozent pro Jahr deutlich über der durchschnittlichen Inflationsrate.

Guter Rat ist teuer. Gerade in Niedrigzinsphasen sind Alternativen gefragt. Eines ist klar. Ohne Risiken wird der reale Geldwerterhalt vermutlich nicht aufrecht erhalten werden können. Bei einer Inflation von fünf Prozent – also der aktuellen Monatsrate in den USA – dauert es nicht einmal 15 Jahre, bis sich der reale Wert eines Euros halbiert. Oder anders ausgedrückt: 2036 haben meine 100 Euro nur mehr eine Kaufkraft von 50 Euro. Das mag durchaus ein Extremszenario sein.

In Zeiten wie diesen macht es aber mit Sicherheit für jeden von uns Sinn, sich über die eigenen Finanzen Gedanken zu machen.

Samstag, 12. Juni: Zinseszins, Josef-Cent und Badehose

Mein Espresso schmeckt vorzüglich und haucht mir wie jeden anderen Morgen Lebensenergie ein. Eine längst lieb gewonnene Gewohnheit, die mein Leben bereichert. Zeit für mich und Zeit dafür, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Meine privaten Gewohnheiten der Vergangenheit sind ausschlaggebend dafür, wer ich heute bin. Alle guten und schlechten Angewohnheiten summieren sich im Laufe der Zeit auf. Auch die Finanzwirtschaft baut auf dieses Phänomen. Der Zinseszins. Ich verzichte heute darauf, mein Geld auszugeben. Und für diesen Verzicht werde ich in Form von Zinsen belohnt, wenn ich mein Geld jemand anderem zur Verfügung stelle. Und nach vielen Jahren können wir uns über ein beachtliches Vermögen erfreuen. Naja, zumindest war es bis vor Kurzem noch so. Mittlerweile wurde dieses Konzept durch die Negativzinsen ja bekanntlich auch aus den Angeln gehoben.



Heute zehn Millionen Euro in Cash oder doch lieber einen Cent über einen langen Zeitraum veranlagt? Viele von uns würden wahrscheinlich die zehn Millionen wählen, ohne die Rahmenbedingen zu kennen. Die bestimmende Größe ist der Zeitfaktor. Josef, Jesus Ziehvater, war ein armer Mann. Was wäre wohl gewesen, wenn er vor 2000 Jahren nur einen Cent bei einem Zinssatz von fünf Prozent für seine Nachkommen auf die damalige fiktive Volksbank von Judäa gelegt hätte? Aus dem Josef-Cent wäre ein Euro-Vermögen von unfassbarer Größe entstanden. Eine 2 mit 40 Nullen. Nur zum Vergleich. Der reichste Mann dieser Tage ist Jeff Bezos, der Gründer von Amazon. Sein Vermögen wird auf knapp 200 Milliarden geschätzt. Also eine 2 mit lediglich 11 Nullen. Das ist unfassbar viel. 2021 gibt es knapp über 2000 Milliardäre. Alle Milliardäre der Welt passen in lediglich zehn Flugzeuge. Diese Flotte besitzt also mehr Geld als knapp fünf Milliarden Menschen. Unglaublich, nicht wahr?

Im Vergleich zu Josefs Erben sind aber selbst Milliardäre arme Schlucker. Das Vermögen des einst bettelarmen Josefs beträgt den theoretischen Wert der mehr als 200-fachen Masse der Sonne in Gold. Unglaublich! Für mich wird dadurch die Kraft des Zinseszinses augenscheinlich. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Es ist aber auch ein Indiz dafür, warum unser System des Zinseszinses kein System für die Ewigkeit ist. Es sei denn, wir finden noch unfassbar große Goldschätze in den Weiten des unendlichen Weltraums.

Am letzten Wochenende konnten sich die G7-Staaten auf eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent einigen. Auch wenn es Jeff Bezos nicht schmecken dürfte, die Finanzmärkte nehmen das Vorhaben gelassen zur Kenntnis. Die leeren Staatskassen brauchen Zuflüsse, das scheint klar. Insofern ist es an der Zeit, den Steuerparadiesen den Kampf anzusagen. Für den Trip auf die Cayman Islands reicht künftig die Badehose. Der Geldkoffer kann zuhause bleiben. Die 15 Prozent-Quote würde aber auch andere Länder treffen. Der Steuersatz in Ungarn liegt beispielsweise bei neun Prozent, jener in Island bei 12,5 Prozent. Jene von anderen Ländern wie z. B. Deutschland, Frankreich, Österreich oder auch den USA liegen deutlich darüber. Besonders betroffen sind digitale Geschäftsmodelle.

Die jeweiligen Länder profitieren durch eine geplante Mindeststeuer für Großkonzerne, das bringt eine deutliche Entlastung für die angeschlagenen Budgets. Es ist ein ambitionierter und längst überfälliger Plan. Aber jede Mammutaufgabe beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt. Das nehme ich mir gleich zu Herzen. Ich werde heute Abend am Familientisch stolz meinen Kindern erzählen, dass ich für jeden von ihnen 1 Cent auf die Seite geräumt habe. In 2000 Jahren werden sie unermesslich reich sein. Nomen est omen. Der Josef-Cent 2.0 geht in die nächste Runde.

Samstag, 5. Juni: Cash macht dieser Tage nicht fesch ...

Frühmorgens ist für mich die Zeit, meinen Gedanken beim morgendlichen Espresso ungezügelt freien Lauf zu lassen. Diese Routine begleitet mich schon seit vielen Jahren. Vermutlich wird das in zehn Jahren auch noch so sein. Wenn ich aber die Zeit ein paar Jahre zurückdrehe, ist mein Espresso neben meiner Familie wahrscheinlich die einzige Konstante. Unsere Welt hat sich fundamental verändert. Als Börsianer lebe ich dieser Tage in einem Schlaraffenland. Die Aktienkurse konnten seit den Tiefständen im März 2020 rasant zulegen. Nach dem scharfen Kurseinbruch erleben wir eine Kursrallye, die auch im historischen Kontext ihresgleichen sucht. Und das mitten in der größten Wirtschaftskrise seit den 1930ern!

Die Notenbanken pumpen unermüdlich Geld in die Märkte. Die Renditen werden künstlich tiefgehalten. Schließlich drohen ja viele Staaten unter der enormen Schuldenlast zusammenzubrechen. Die Fed und die EZB tun, was sie können. Durch das billige Geld steigen auch die Immobilienpreise in Sphären, die für viele von uns in die Rubrik „unerschwinglich“ fallen. Aber zum Glück gibt es ja Banken und den billigen Kredit!

Für ein Aktieninvestment muss man dieser Tage tief in die Tasche greifen. Der Ökonom Robert Shiller berechnet für den breiten amerikanischen Aktienmarkt (S&P 500) sein Kurs-Gewinn-Verhältnis, auch Shiller-KGV genannt. In diesem vergleicht er den aktuellen Kurs mit den inflationsbereinigten durchschnittlichen Gewinnen der letzten zehn Jahre. Das ist eine Kennzahl, mit der man abschätzen kann, wie viel ein Investor für ein Unternehmen bezahlen muss, um einen Dollar Gewinn zu erhalten. Aktuell, also 14 Monate nach der Korrektur, liegt das Shiller-KGV bei 37! Zum Preis von 37 Dollar erhält man ein Aktienportfolio, welches einen Dollar Gewinn abwirft. Im Mai 2010, also 14 Monate nach der letzten großen Kurskorrektur aufgrund der Lehman-Pleite, kostete das Portfolio nur 20 Dollar.

Investoren suchen mittlerweile händeringend nach Investitionsmöglichkeiten. Es gilt schließlich die Ertragserwartungen zu erfüllen. Am Anleihenmarkt wird man hier nicht mehr glücklich werden. Bei negativen Renditen grenzt das fast schon an systematische Geldvernichtung. Darüber hinaus geistert auch immer wieder das Inflationsgespenst über das Börsenparkett. In diesem schwierigen Umfeld haben sich in der Vergangenheit vor allem Realwerte wie Aktien, Immobilien oder Gold behaupten können. Wenig verwunderlich, dass Investoren unter diesen Rahmenbedingungen sukzessive ihre Aktienpositionen aufbauen. Das erhöht die Ertragserwartung. Das ist unbestritten. Damit einhergehend erhöht sich aber auch das Risiko. Ich hoffe, dass sich darüber auch wirklich alle bewusst sind. Die größten Fehler werden bekanntlich in guten und nicht in schlechten Zeiten gemacht.

Cash macht also dieser Tage alles andere als fesch! Das betrifft aber nicht nur Investoren, sondern auch Unternehmen. Wohin mit der Kohle? Wenn man diese nur bunkert, kostet das Geld! Viel Geld. Insofern wundert es mich nicht, dass Aktienrückkäufe hoch im Kurs stehen. Diese waren in den USA bis 1982 verboten, da sie von den Börsenaufsehern als gefährliche Marktmanipulation eingestuft wurden. Spannend, wie sich Einschätzungen ändern, nicht wahr? Vor einem Jahr, in der Blütezeit der Pandemie, war Cash noch King. Für heuer haben Unternehmen Aktienrückkäufe von mehr als 500 Milliarden Dollar autorisiert. Das ist der höchste Wert seit der Internet-Blase Ende der 1990er.

An vorderster Front ist Apple. In den letzten zwölf Monaten wurden Aktien im Gegenwert von 77 Milliarden Dollar zurückgekauft. In den letzten fünf Jahren waren es 20 Prozent der ausstehenden Aktien. Ein Teil des Kursanstieges liegt wohl auch darin begründet. Der „gestiegenen“ Nachfrage sei Dank. Aktionäre können sich freuen. Neben steigenden Kursen müssen die Gewinne mit weniger Aktionären geteilt werden. Das klingt irgendwie nach einer Eier legenden Wollmilchsau, meinen Sie nicht auch? Es kann nichts schief gehen!

Samstag, 29. Mai: Richtig reich und lusloses Geplänkel

Der Wonnemonat Mai neigt sich dem Ende zu. Die letzten Wochen ist viel passiert. Den Kapitalmärkten scheint irgendwie ein bisschen die Luft auszugehen. Wir erleben ein ständiges Auf und Ab und ein eher lustloses Geplänkel. Nach der im März 2020 beginnenden Kursrallye, die mit Sicherheit auch Platz in den Börsengeschichtsbüchern einnehmen wird, scheint den Investoren die Euphorie abhanden gekommen zu sein. Die Berichtssaison neigt sich dem Ende zu und die Unternehmen haben geliefert. 61 Prozent der Unternehmen konnten die ohnehin hohen Erwartungen der Finanzmarktakteure übertreffen. Das ist doch mal eine Ansage, meinen Sie nicht auch?

Seit Ausbruch der Pandemie konnten wir unsere Digitalisierungskompetenz flächendeckend erhöhen. Das schlägt sich in besseren Produktivitätskennzahlen und höheren Margen nieder. Die S&P 500 Unternehmen weisen aktuell eine durchschnittliche Gewinn-Marge von 12,7 Prozent aus und erreichen damit ein neues Rekord-Hoch.
Politisch sorgte diese Woche wieder einmal die Unternehmensbesteuerung für Aufsehen. Aus dem US-Finanzministerium ist zu vernehmen, dass der globale Mindeststeuersatz für Unternehmen von 15 Prozent einen starken Rückhalt von den G7-Staaten erhalten wird. Es wird Zeit, den Steueroasen den Kampf anzusagen. Da bin ich schon mal gespannt, was die Lobbying-Maschinerie der „kreativen“ Unternehmen noch alles auf die Beine stellen wird.

Nach dem drastischen Kursverfall kehrte auch bei den Kryptowährungen diese Woche zwischenzeitlich wieder etwas Ruhe ein. Der Bitcoin-Kurs konnte von seinem Tief am Ende der Vorwoche bis zum Hoch am Mittwoch um 25 Prozent zulegen. Am Freitag ging es allerdings wieder bergab. Das ständige Auf und Ab ist wahrlich nichts für schwache Nerven.

Diese Woche wurde in Den Haag ein historisches Klimaurteil ausgesprochen. Der britisch-niederländische Öl- und Erdgaskonzern Shell muss die CO2-Emissionen bis 2030 um netto 45 Prozent gegenüber 2019 senken. Das Unternehmen will Berufung einlegen und verkündete, dass der Konzern bereits viele Milliarden investiere und sich selbst zum Ziel gesetzt hat, bis 2050 den CO2-Ausstoß auf Null zu reduzieren. Royal Dutch Shell wird aktuell mit 122 Milliarden Euro an der Börse bewertet. Seit dem Tiefstand im November konnte die Aktie um 70 Prozent zulegen. Auf 3-Jahressicht schaut es aber zappenduster aus. Der Börsenwert des Unternehmens hat sich trotz der jüngsten Kursanstiege mehr als halbiert.

Wie lange dauert es, so richtig reich zu werden? Microsoft benötigte 44 Jahre, um erstmals eine Marktkapitalisierung von einer Billion Euro zu erreichen. Apple liegt mit 42 Jahren nur unwesentlich darunter. Amazon und Google waren mit 24 bzw. 21 Jahren schon deutlich schneller. Und die Bitcoin-Investoren mussten nur 12 Jahre warten, bis der Marktwert erstmals die Billionen-Grenze durchstoßen hat. Der reichste Mensch der Welt heißt nicht Elon Musk! Er heißt auch nicht Jeff Bezos oder Bill Gates! Seit dieser Woche führt der Franzose Bernard Arnault das Billionärs-Ranking an. Sein Luxusgüterkonglomerat LVMH (Louis Vuitton Moet Hennessy) konnte in der Pandemie deutlich zulegen. Luxusgüter liegen anscheinend voll im Trend.

Ich bin schon gespannt, was sich der ehrgeizige Elon Musk einfallen lassen wird, um wieder die Pole Position zu übernehmen. Ich habe mir vorgenommen, die nächsten Tage immer wieder einmal bei seinem Twitter Account vorbeizuschauen!

Samstag, 22. Mai: Bitcoin, Bermuda und die Badehose

Heute fühle ich mich an längst vergangene Tage zurückerinnert. Seit Ende März 2020 ging die Post ab. Die Aktienmärkte handelten sich von einem Höchststand zum nächsten. Ein Gedanken und der gewohnte Schluck vom morgendlichen Espresso zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Irgendwie haben wir uns anscheinend daran gewöhnt, dass es nur nach oben geht. Diese Woche kommt es aber anders. Wird ja auch irgendwie einmal Zeit, oder?

Viele Börsianer nutzen die guten Nachrichten von der Gewinnsaison zu Gewinnmitnahmen. Der Aktienmarkt notierte an einigen Tagen im tiefroten Bereich. Knapp 80 Prozent der börsennotierten Unternehmen haben bereits ihre Zahlen für das 1. Quartal 2021 veröffentlicht. In Amerika und Europa konnten zwei Drittel die ohnehin schon hohen Markterwartungen übertreffen. Die Frage steht aber im Raum, ob die Unternehmen die stetig steigenden Erwartungen auch in den kommenden Quartalen einhalten können. Zudem konnten die Investoren die letzten Wochen und Monate große Gewinne verzeichnen. Seit den Tiefstständen im März 2020 haben die Aktienmärkte eine Aufwärtsbewegung hingelegt, die in der Börsengeschichte ihresgleichen sucht. Da kommt dem einen oder anderen vermutlich die alte Börsenweisheit „Sell in May and go away“ in den Sinn.

Auch der Kryptomarkt ist gewaltig unter die Räder gekommen. Auslöser war unter anderem, dass Tesla-Chef Elon Musk, einst großer Befürworter, seine Bitcoin-Liebe zu Grabe getragen hat. Aufgrund großer Umweltbedenken hat Tesla verkündet, die Bitcoin-Zahlungsoption vorerst wieder zurückzunehmen. Mich wundert, warum der smarte und intelligente Elon erst jetzt draufkommt, dass es bei Bitcoin aufgrund des enormen Stromverbrauchs auch ernsthafte Umweltbedenken gibt. Nur zur Klarstellung: Der Stromverbrauch von Bitcoin ist aktuell höher als der der Niederlande. Ich kann mir gut vorstellen, dass Tesla die zu Jahresbeginn gekauften Bitcoin bereits mit satten Gewinnen wieder abgestoßen hat. Mal schauen, wie lange Elons Abneigung anhält oder ob aufgrund des enormen Kursverfalls seine Liebe neu entfacht? Der Kryptowährungsmarkt ist nicht reguliert und Musk zeigt das dieser Tage eindrucksvoll auf.

Darüber hinaus haben auch noch Sorgen über eine stärkere Regulierung signifikanten Kursdruck ausgelöst. Der Preis der größten Digitalwährung Bitcoin hat sich seit dem Höchststand Mitte April nahezu halbiert. Die Verluste der Investoren summieren sich auf rund 500 Milliarden Dollar. Das ist ein veritabler Crash und ich bin schon sehr gespannt, wohin die Krypto-Reise gehen wird. Irgendwie kommt mir Bill Gates Warnung vor einem Bitcoin-Investment in den Sinn: „Wer weniger Geld als Elon hat, sollte vorsichtig sein.“

Was sonst tun mit dem Geld, wenn selbst Bitcoin nicht mehr das alleinige Heil verspricht? Da kommen mir natürlich sofort die Cayman Inseln in den Sinn. Diese kleine Inselgruppe in der Karibik ist ein Badeparadies. Vor allem für jene, die gerne schnorcheln, tauchen oder sich auch einmal im Hochseeangeln versuchen wollen. Nur zur Klarstellung, das ist keine Urlaubsempfehlung! Aber nicht nur der Badespaß ist auf den Inseln zu genießen. Laut Schätzungen landen zwischen 21 und 32 Billionen Dollar unversteuertes Finanzvermögen auf den Konten diverser Steueroasen. Die Cayman Inseln sind laut dem Ranking des Financial Secrecy Index auch 2020 auf Platz 1.

Wie schön, dass der Sommer nahe ist. Badehose bitte nicht vergessen!

Samstag, 15. Mai: Das Börsenparkett wird glitschiger

Im Wonnemonat Mai verbringen wir viel Zeit im Freien. Das beginnt für mich bereits früh am Morgen. Für mich ist es der Inbegriff des „Dolce Vita“, die noch schwachen Sonnenstrahlen auf meiner Haut zu spüren, während ich Espresso trinkend über das Treiben an den Finanzmärkten sinniere. An den Börsen ist diese Woche die Unsicherheit spürbar angestiegen. Neben den immer wiederkehrenden Inflationssorgen sorgt auch politische Gewalt in Nahost für Sprengstoff. Der Konflikt spitzt sich zu. Und es wird geschossen. Der Ausgang ist ungewiss.

Das Börsenparkett wird glitschiger. Es scheint, als würden wir das ruhige Fahrwasser der stetig steigenden Kurse wieder verlassen. Jetzt heißt es, rein in das Rafting-Boot und durch das wilde Gewässer flussabwärts zu fahren. Der Mai ist auch die Zeit, in dem ich wieder vermehrt auf das Fahrrad zurückgreife.

Bis vor zehn Jahren war es noch anders. Ich war ein leidenschaftlicher Vespa-Fahrer. Das ist für mich auch „Dolce Vita“. Vor Kurzem feierte die Vespa ihren 75. Geburtstag. 1946 meldete die italienische Firma Piaggio das Patent für den Kult-Roller an. Was heute wie eine Innovation aussieht, kann man wohl besser als gezwungene Innovation bezeichnen. Die Alliierten hatten dem Flugzeughersteller Piaggio verboten, weiterhin Flugzeuge zu bauen. Der Chef Enrico Piaggio war damit gezwungen, sein Unternehmen neu auszurichten. Er träumte von einem günstigen Fahrzeug für alle. Den Namen Vespa verdankt der Kult-Roller auch Enrico Piaggio, der beim ersten Blick auf den Entwurf seines Designers gerufen haben soll: „Sembra una vespa!“ (Das sieht ja aus, wie eine Wespe!). Am Zweirad-Sektor ist die E-Mobilität die Zukunft. Das hat selbst Harley-Davidson erkannt. Der Konzern will künftig unter der Marke LiveWire eine eigene Elektromotorrad-Schiene an den Start bringen. Bin schon gespannt, ob es auch eine „leise“ Harley geben wird?

Diese Woche veröffentlichte auch BioNtech das Ergebnis. In den ersten drei Monaten konnte ein Gewinn von 1,1 Milliarden Euro erwirtschaftet werden. Und das nach einem Verlust von 53 Millionen Euro im 1. Quartal 2020. Das nenne ich mal ein Comeback! Dem Corona-Impfstoff sei Dank! Für das Gesamtjahr wird mit einem Gewinn von mehr als 12 Milliarden gerechnet. Das macht eine Milliarde pro Monat, 250 Millionen pro Woche oder 33 Millionen pro Tag. Da können sich die Aktionäre freuen.

Apropos Aktionäre. Haben- Sie sich schon einmal gefragt, was die brennenden Themen in den Management-Boards sind? An vorderster Front steht Innovation und Wachstum. Dahinter rangiert schon die Resilienz des Unternehmens an zweiter Stelle. Gerade im Coroana-Jahr 2020 ist das für viele Unternehmen vom Rand- zum Fokusthema geworden.

Im Gegensatz dazu findet das Thema Cybersecurity 2020 weniger Platz auf der zum Bersten gefüllten Agenda. Das Thema ist aber nach wie vor wichtig. Die Computersysteme der Colonial Pipeline wurde durch einen Hackerangriff lahmgelegt. Die US-Regierung musste den regionalen Notstand ausrufen. Kein Wunder! Nahezu die Hälfte des an der US-Ostküste benötigten Treibstoffs fließt durch diese Pipeline. Für Amerikaner wird es diese Woche ein Geduldspiel, wenn sie ihre Vespa oder Harley Davidson auftanken möchten.

Samstag, 8. Mai: Notgroschen und Milliarden-Vermögen

Kennen Sie das Sprichwort: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not? Bereits seit frühester Kindheit wurde mir beigebracht, immer einen Teil meines Geldes auf die Seite zu legen. Man weiß schließlich nie, was kommt! Das wurde uns spätestens 2020 eindrücklich vor Augen geführt. Spannend finde ich, dass sich die Sparquoten in vielen Ländern gerade in der Krise zum Teil mehr als verdoppelt haben.

Die potenziellen Konsumenten haben seit Beginn der Corona-Pandemie unglaubliche 5,4 Billionen US-Dollar zusätzlichen Cash angehäuft. Das entspricht in etwa sechs Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Kein Wunder, wo soll man im Lockdown auch Geld verbrauchen? Mit steigenden Impfraten ist auch die Euphorie wieder zurückgekehrt. Das globale Konsumentenvertrauen erreicht den höchsten Wert seit 2005.
Auch für den US-Pharmariesen Pfizer ist der Corona-Impfstoff ein Riesengeschäft. Allein heuer spülte das hauseigene Vakzin 3,5 Milliarden Dollar in die Firmenkasse.

Nachdem die Weltwirtschaft im Vorjahr den größten Knick in der jüngsten Geschichte hinnehmen musste, gehen bereits viele von einem fulminanten Comeback 2021 und in den Folgejahren aus. Allein die US-Bürger haben rund zwei Billionen Dollar angespart. Im Mix mit dem 1,9 Billionen Dollar Konjunktur-Paket von Präsident Biden scheint also alles angerichtet. Besonders die Menschen in Nordamerika und Fernost scheinen einer goldenen Zukunft entgegenzublicken. Vielleicht erleben wir auch in diesem Jahrhundert die Goldenen Zwanziger? Der Mythos der goldenen 1920er beruht vor allem auf einem wilden Nachtleben, modernem Jazz und angesagten Partys. In den USA wurde der brummende Konjunkturmotor erst durch den Börsencrash 1929 jäh beendet. Es war aber nicht alles „golden“, wie Zeitzeugen zu berichten wissen. Hungersnot, eine hohe Arbeitslosigkeit, eine sehr hohe Säuglingssterblichkeit, verkrüppelte und obdachlose Kriegsveteranen und eine Hyperinflation sind nur einige Brandherde dieser Epoche.

„Sell in May and go away!“ – diese alte Börsenweisheit hat sich 2021 zumindest kurzfristig wieder einmal bewahrheitet. So musste beispielsweise der deutsche DAX zu Wochenbeginn den größten Tagesverlust des Jahres hinnehmen. US-Finanzministerin und die frühere Fed-Chefin Janet Yellen verlautbarte, dass ihrer Meinung nach die Zinsen angehoben werden müssen, um ein Überhitzen des Konjunkturmotors zu verhindern. Na bumm, das wollen Börsianer auf keinen Fall hören! Die Lage beruhigte sich aber relativ rasch wieder und die Party geht munter weiter. Willkommen in den goldenen 20ern!

Diese Woche ließ auch der Microsoft-Gründer Bill Gates eine Bombe platzen. Seine Frau Melinda und er lassen sich nach 27 Ehejahren scheiden. Bill Gates ist aktuell (noch) der viertreichste Mann der Welt. Sein Vermögen wird laut dem Bloomberg Billionaires Index auf 145 Milliarden Dollar geschätzt. Melinda und Bill Gates betreiben auch eine wohltätige Stiftung. In den letzten zwei Dekaden hat die Stiftung bereits in Summe 50 Milliarden Dollar ausgegeben. Spannend finde ich, dass ein großer Teil des Stiftungsvermögens in Aktien von Berkshire Hathaway investiert ist. Das Unternehmen gehört dem Börsen-Guru Warren Buffet, einem langjährigen Freund von Bill Gates und selbst auch einer der größten Geldgeber der Stiftung. Die Stiftung wollen die beiden Eheleute auch in Zukunft weiterführen. Teuer dürfte die Scheidung für Bill auf jeden Fall werden. Vielleicht kann er sich einen Tipp von Jeff Bezos holen. Der Amazon-Gründer ist trotz der Scheidung von seiner langjährigen Ehefrau noch immer der reichste Mann der Welt.

Samstag, 1. Mai: Irgendwie unglaublich, oder?

Am 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Die Ursprünge dieses Feiertages reichen bis ins Jahr 1856 zurück. Damals gab es Massendemonstrationen der Arbeiterschicht, um den Achtstundentag durchzusetzen. 1886 rief die nordamerikanische Arbeiterbewegung am 1. Mai zum Generalstreik auf, um den Achtstundentag durchzusetzen. Wir blenden nach Chicago auf den Haymarket, wo August Spies am 1. Mai 1886 eine Rede hält. Es folgt ein mehrtägiger Streik. Ein paar Tage später eskaliert die Gewalt. Nachdem die Polizei eine Versammlung stürmt, wirft ein Unbekannter eine Bombe. Das anschließende Gefecht geht als „Haymarket Affair“ in die Geschichte ein. Es verletzen sich mehr als 200 Arbeiter und knapp 30 Menschen sterben. Die Verschwörer werden festgenommen und durch den Strang hingerichtet. Im Jahr 1889 wird der 1. Mai zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen. In Österreich finden die Mai-Kundgebungen seit 1890 statt.

Im Vergleich zum Vorjahr, als wir uns noch mitten im Corona-Lockdown waren, ist die Lage zwar nach wie vor angespannt aber schon deutlich „entschärft“. In der Eurozone liegt die Arbeitslosenquote aktuell bei 8,3 Prozent, in den USA bei 6,0 Prozent. Hinsichtlich der Strategie der beiden Machtblöcke gibt es aber deutliche Unterschiede. Europa setzt auf Kurzarbeit und Überbrückungshilfen, in den USA verfolgen Unternehmen eine „Hire-and-Fire“ Politik. Binnen weniger Wochen haben einerseits mehr als 20 Millionen Amerikaner ihren Job verloren. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich aber die Arbeitslosenrate dafür mehr als halbiert. In Europa kommt die Krise erst schleichend am Arbeitsmarkt an. Die Arbeitslosenquote ist heute höher als im April 2020.



An den Finanzmärkten befinden wir uns in der Berichtssaison. Für Börsianer herrscht Hochkonjunktur. Etwas mehr als ein Fünftel der Unternehmen hat bereits ihre Quartalsergebnisse vorgelegt. Diese Woche berichten große Tech-Unternehmen wie Amazon, Apple, Facebook oder Tesla.

Ein Großteil der Unternehmen konnte bisher die ohnehin hohen Erwartungen der Analysten übertreffen. Gerade die Zahlen von Tesla wurden mit Spannung erwartet. Das Unternehmen konnte knapp 600 Millionen Dollar verdienen. Auch die Absatzzahlen liegen deutlich über den ohnehin schon hohen Erwartungen. Das ist gut. Wenn man sich aber anschaut, woher die Gewinne stammen, verkehrt sich das Bild. Mehr als 85 Prozent der Gewinne stammen aus Emissionserlösen mit Klimazertifikaten. Zudem hat der Konzern einen Teil der Bitcoins wieder veräußert und damit einen dreistelligen Millionenbetrag verdient. Nimmt man diese beiden Aspekte heraus, ist das Unternehmensergebnis negativ. Tesla wird sehr kontrovers diskutiert. Mir fällt kein Titel ein, bei dem die Kluft zwischen Bullen und Bären derart groß ist.

Bei Amazon gibt es Gerüchte, dass es einen Aktiensplit geben wird. Dieses Manöver würde den Aktienkurs von rund 3500 US-Dollar zumindest optisch günstiger machen. In der Vergangenheit konnten Tesla oder Apple-Aktien nach einer solchen Kapitalmaßnahme deutliche Kursgewinne erzielen. Als das Gerücht sich über das Börsenparkett verteilte, ging der Aktienkurs sprunghaft in die Höhe. Amazon konnte den Marktwert um mehr als 30 Milliarden Dollar erhöhen. Das ist unfassbar viel. Um die Größenordnung in Relation zu stellen: Das entspricht mehr als 20 Prozent des gesamten Börsenwertes von SAP, dem Unternehmen mit der größten Marktkapitalisierung im DAX.

Im ATX ist die Verbund-Aktie mit rund 24 Milliarden am höchsten bewertet. Mit 30 Milliarden Dollar kann ich 13 ATX-Unternehmen aufkaufen. Darunter klingende Namen wie Wienerberger, Vienna Insurance, UNIQA, oder EVN. Irgendwie unglaublich, oder?

Samstag, 24. April: Wir erleben ein riesiges Experiment

Einige Regionen befinden sich noch immer im Lockdown. Der globalen Wirtschaft ist das reichlich egal. Der Konjunkturmotor brummt und die Wachstumsprognosen lassen uns von einem bombastischen Aufschwung träumen. Durch die Corona-Pandemie sind die Lieferketten eingeschränkt. Rohstoffe sind Mangelware. Das betrifft sowohl die Industrie aber auch andere Bereiche wie beispielsweise die Bauwirtschaft. Die Kosten für die händeringend benötigten Materialien steigen in lichte Höhen und erzeugen Margendruck. Das stellt viele Unternehmen vor große Herausforderungen. Obwohl die Auftragsbücher gut gefüllt sind, ist man zur Untätigkeit gezwungen. Daimlers Fertigungsprozesse etwa sind durch einen eklatanten Mangel an elektronischen Bauteilen stark beeinträchtigt. Das bedeutet für mehrere Tausend Mitarbeiter erneut Kurzarbeit.

UNO-Generalsekretär Antonio Guterres sieht uns im Kampf gegen die Klimakrise bereits am Rande des Abgrundes. Beim Klimagipfel forderte er die Staaten auf, verstärkt aufs Tempo zu drücken. Die EU hat sich darauf verständigt, die bisherigen Klimaziele bis 2030 zu verschärfen und die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 um 55% zu reduzieren. Bisher lag der Zielwert bei Minus 40%. Einen Tag danach ging auch US-Präsident Joe Biden in die Offensive. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die USA in seiner Präsidentschaft vom Bremser zum Vorreiter in Sachen Klimapolitik zu verwandeln. Biden beabsichtigt, die Treibhausgasemissionen bis 2030 im Vergleich zu 2005 zu halbieren. Damit hat er sich noch ambitioniertere Ziele gesetzt als Barack Obama im letzten Jahr seiner Präsidentschaft. Diese Ziele sind wichtig, keine Frage. Schließlich ist der Klimawandel eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Mit den Verschärfungen ist allerdings davon auszugehen, dass viele Geschäftsmodelle von alteingesessenen Unternehmen nicht mehr zukunftsträchtig sind. Eine große Transformationswelle steht uns unmittelbar bevor. Es ist eine Zeit der Veränderung. Die Karten werden neu gemischt.

Diese Woche jährt sich der 75. Todestag von John Maynrad Keynes. Der Brite war einer der einflussreichsten und bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftler. In seinen Arbeiten ging er auf die Stimulierung von Wachstumsprozessen ein. Keynes lebte in einer Zeit, wo Hitler und Roosevelt mir riesigen staatlichen Investitionsprogrammen der Großen Depression zu Beginn der 1930er Jahre entkommen konnten. Als Keynesianismus bezeichnet man die volkswirtschaftliche Theorie, dass der Staat die Aufgabe hat, in Krisenzeiten die Nachfrage durch staatliche Interventionen anzuheizen. Für Keynes ist es aber auch bedeutend, dass die Stimulationen in wirtschaftlichen Boom-Phasen auch wieder zurückgenommen und Schulden abgebaut werden.

In vielen, großen Volkswirtschaften erleben wir seit der Lehman-Pleite im Jahr 2008 einen Dauer-Stimulus. Aber nicht nur Staaten, sondern auch Notenbanken versorgen die Märkte im Dauerfeuermodus mit frischem Geld. Die zweite Phase – jene der rückläufigen Staatsdefizite und Schuldentilgung – wird von politischen Entscheidungsträgern häufig „vergessen“. Die Zinssätze, die Schuldner für ihre Außenstände bezahlen müssen, waren in der Historie oftmals ein guter Regulator. Durch die steigenden Refinanzierungskosten ist auch der Druck auf die Staatsfinanzen und damit auch auf die politischen Entscheidungsträger größer geworden. Die Selbstregulierung des Marktes ist 2021 weitestgehend abgeschafft. Es besteht kein Druck, die eigenen Finanzen zu sanieren. Zumindest nicht, so lange es den Notenbanken gelingt, das Zinsniveau derart tief zu halten. Die EZB hat den Leitzins diese Woche unverändert auf dem Rekordtief von 0% belassen und angekündigt, das Tempo der Wertpapierkäufe zu beschleunigen. Wir erleben ein riesiges Experiment. Und ich bin schon gespannt, wie es am Ende des Tages ausgehen wird.

Samstag, 17. April: Schwindelerregende Kyrptoparty

Der Frühling kehrt ein. Es ist die Zeit, in der alles zu blühen beginnt und die Zeit des Aufbruchs. Auch Österreichs Wirtschaft erlebt trotz der Verschärfung der Lockdown-Bestimmungen in Ostösterreich eine Aufbruchsstimmung. Die Volkswirte der Bank Austria sehen uns am Beginn eines Aufschwungs. Für 2021 wird ein Wachstum von 2,1 Prozent prognostiziert. Mit Blick auf 2022 reiben sich die Ökonomen verschmitzt die Hände, da mit einem Wirtschaftswachstum von nahezu 6 Prozent gerechnet wird. Sollte es eintreffen, wäre es das stärkste Wachstum seit 50 Jahren. Andere Institutionen (IWF, WIFO, IHS, EU) sind mit ihren Prognosen etwas zurückhaltender. Die OECD ruft diese Woche angesichts der dramatischen Folgen der Corona-Pandemie dazu auf, sich neu zu erfinden. Für Österreich ergeben sich drei große Handlungsspielräume, die dringend angegangen werden müssten. Neben den Mängeln im Digitalbereich wird auch die vergleichsweise hohe Anzahl an Langzeitarbeitslosen sowie die geringe Vollzeitquote von Frauen angeprangert.

Für den klassischen Sparer herrscht auch im April 2021 karges, düsteres Winterwetter. In Deutschland verlangen mittlerweile 300 Banken und Sparkasse vor allem für Tagesgeld ein „Verwahrentgelt“ von meist 0,5 Prozent. Allein im 1. Quartal 2021 führten mehr als 100 Geldinstitute „Strafzinsen“ ein. Und das, obwohl die großen Notenbanken ihrem Expansionskurs auch weiterhin treu bleiben. Die Bilanzsumme der US-Fed, der EZB und der Bank of Japan beläuft sich mittlerweile auf in Summe 23 Billionen US-Dollar und ist damit allein im letzten Jahr um mehr als 40 Prozent gestiegen. Es wird also weiterhin fleißig gedruckt.

Das ist normalerweise ein Signal für steigende Inflation. Obwohl diese tatsächlich schön langsam zu steigen beginnen, liegen wir immer noch auf sehr tiefen Niveaus. Die Inflationsrate der Euro-Länder von 2010 bis 2020 lag kumuliert bei rund 15 Prozent. Wer also 100 Euro unter dem Kopfpolster gebunkert hat, ist nun um 15 Euro an Kaufkraft ärmer. Spürbar ist die Geldentwertung aber im „normalen“ Leben kaum, da sie hauptsächlich im Bereich der Vermögenspreise stattfindet. In der letzten Dekade hat sich der Verkaufspreis für Wohnungen nahezu verdoppelt. Als Aktienbesitzer kann ich mich trotz der vielen Krisen über einen satten Gewinn von 130 Prozent freuen.

All jene, die ihr Geld in Realwerte, wie z. B. Immobilien oder Aktien investiert haben, gehören damit zu den großen Gewinnern. All jene, die ihr Geld auf Konten oder Sparbüchern geparkt haben, müssen im Gegensatz dazu reale Wertverluste hinnehmen. Es würde mich keinesfalls überraschen, wenn wir in zehn Jahren den 2020er-Jahren ein ähnliches Attest ausstellen können. Kein Wunder, dass es junge Menschen verstärkt in den Aktien- oder Kryptowährungsmarkt zieht.

Diese Woche startete die Berichtssaison mit den großen US-Banken. Sowohl Goldman Sachs als auch JPMorgan Chase überraschten mit sehr starken Quartalszahlen und sorgten für eine positive Stimmung.
Mit Coinbase ging am Mittwoch der größte Handelsplatz für Digitalwährungen an die Börse. Das nenne ich einmal Timing. Kryptowährungen wie Bitcoin klettern schließlich ambitioniert in schwindelerregende Höhen. Mit einem fulminanten Start im Nasdaq verlagert sich die Kryptoparty aus dem Netz an die New Yorker Wall Street.

Der Börsenwert von Coinbase näherte sich zum Börsenstart bereits der Marke von 100 Milliarden US-Dollar, verlor in weiterer Folge aber doch wieder etwas an Terrain. Kein Wunder, dass die EZB-Präsidentin jetzt auch für Europa einen digitalen Euro einplant. Ist das das Endes unseres Bargeldes?

Samstag, 10. April: Lichtblicke und globale Steuerideen

In den letzten Tagen ist es kalt geworden. Das Wetter ändert sich, der morgendliche Espresso ist meine Konstante. Falls mir einmal die Bohnen ausgehen sollten, stelle ich mich einfach ein paar Minuten auf unsere Terrasse. Ich wäre augenblicklich hellwach. Ich spreche im Konjunktiv, denn Routinen soll man nicht brechen. Auch der Internationale Währungsfonds veröffentlicht traditionell im April und Oktober einen großen, umfassenden Wirtschaftsbericht, der für uns Börsianer von großem Interesse ist. Vor allem der Ausblick und die Prognosen geben ein Gefühl darüber, wie es um die globale Wirtschaft bestellt ist. Ich kann Sie beruhigen, lieber Leser! Für heuer wird ein Wirtschaftswachstum von 6,0 Prozent prognostiziert. Das ist Balsam auf die Wunden. 2020 haben wir schließlich genug gelitten.

Besonders stark wachsen Schwellenländer, wie z. B. Indien oder China. Aber auch die USA zündet die Konjunktur-Rakete. Mit 6,4 Prozent liegt man deutlich vor den alten Industrienationen in Europa (4,4 Prozent) oder auch Japan (3,3 Prozent).

Die Stimmung am US-Aktienmarkt ist nach wie vor sehr gut. Der S&P 500 schloss erstmals in seiner Geschichte bei über 4000 Punkten. In den letzten zwölf Monaten haben US-Aktien um 82 Prozent zulegen können. Das ist die beste 12-Monats-Performance seit 1936! Wer hätte das vor einem Jahr inmitten des Corona-Crashs für möglich gehalten? Spannend finde ich, dass 40 Prozent aller globalen Börsengewinne auf lediglich 25 Unternehmen zurückzuführen sind. Die Mega-Themen sind Technologie, Digitalisierung, Elektroautos und Halbleiterunternehmen. Vor allem die Tech-Unternehmen aus den USA und Asien zählen zu den großen Gewinnern.

Kennen Sie FAATMAN? Unter diesem Synonym sind die Unternehmen Facebook, Apple, Amazon, Tesla, Microsoft, Alphabet (Google) und Netflix zusammengefasst. Die Unternehmen haben ihren Börsenwert auf schwindelerregende 8,4 Billionen Dollar geschraubt. Das ist unglaublich viel! Auf der anderen Seite nehmen die FAATMAN’s pro Minute durchschnittlich 416.768 Dollar ein. Der Primus Amazon kratzt mit 956 Tausend bereits an der Millionengrenze. Während Sie diesen Artikel lesen, nimmt Amazon 4 Millionen Dollar ein. Unfassbar, nicht wahr?
Facebook gerät diese Woche allerdings etwas unter Druck. Der Grund ist ein neues Datenleck, welches Telefonnummern von 533 Millionen Nutzern darunter auch 1,2 Millionen Österreichern offenlegte. Der Aktienkurs blieb aber weitestgehend unbeeindruckt. An der „Front“ der E-Autos dominiert Elon Musks Tesla seit Jahren das Geschehen. Mittlerweile haben sich auch deutsche Autobauer, allen voran Volkswagen, der Elektromobilität verschrieben. Die Tesla-Aktie notiert seit Jahresbeginn leicht im Minus. Im Gegensatz dazu konnte Volkswagen um 60 Prozent zulegen. Ist das ein Trendwechsel oder muss selbst ein Elon Musk einmal kurzfristig Luft holen? Zu seinem Glück hat er bereits Cash-Reserven in Milliardenhöhe in Bitcoins umgewandelt. Der Kryptowährungsmarkt hat diese Woche erstmals eine Marktkapitalisierung von mehr als zwei Billionen Dollar erreicht. Da kann Elon beruhigt aufatmen!

Wir leben in einer Zeit von Hilfspaketen, welche tiefe Löcher in die Staatsbudgets reißen. US-Finanzministerin Janet Yellen hat vorgeschlagen, weltweit einen Mindeststeuersatz für Unternehmen einzuführen. Damit wollen die G-20-Länder dem Steuer-Dumping den Kampf ansagen. Die US-Regierung von US-Präsident Joe Biden hat das Ziel, ein seit 30 Jahren andauerndes Wettrennen um die niedrigsten Steuersätze zu beenden. Darüber hinaus sollen auch Steuern angehoben werden.

Einen kleinen Vorgeschmack bekommen amerikanische Immobilienbesitzer. Die durchschnittliche Steuer für Eigentum hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Schließlich müssen irgendwie und irgendwann die Staatskassen auch wieder gefüllt werden. Da wird wohl der eine oder andere US-Bürger ein paar seiner FAATMAN-Aktien verkaufen müssen, um die Steuerrechnung begleichen zu können.

Samstag, 3. April: Hilfspakete ohne Ende ...

In der Osterwoche kehrt traditionell etwas Ruhe in die Büros ein. Nicht so 2021. Seit mehr als einem Jahr befinden wir uns gefühlt in einem Shutdown. Insofern bringt die Osterwoche diesbezüglich keine Veränderung. Die Büros waren auch schon in den Wochen und Monaten davor leer gefegt. An den Finanzmärkten sorgen steigende Renditen für Unbehagen. Die langlaufenden US-Staatsanleihen klettern auf den höchsten Stand seit Anfang 2020. US-Präsident Joe Biden plant mit einem 2,25 Billionen schweren Investitionspaket die US-Wirtschaft anzukurbeln und den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen. Vor lauter Hilfspaketen verliere ich schön langsam den Überblick. Aber irgendwie hat es den Anschein, dass ohne Staats- und Notenbankunterstützung nicht mehr viel geht. Der Plafond scheint längst überschritten.

Diese Woche war auch für den deutschen Aktienmarkt von beinahe historischer Bedeutung. Erstmals in der Geschichte wurde die 15.000- Punkte-Marke überschritten. Mit Unternehmen wie adidas, Allianz, BASF BMW, Daimler, Deutsche Bank, Linde, SAP, Siemens oder auch Volkswagen zählen viele renommierte Namen zu diesem erlauchten Kreis. Damit sind alle DAX-Unternehmen zusammen wieder mehr wert als Amazon.

Unfassbar, das haben wir schon lange nicht mehr gesehen! Der Online-Händler wurde erst vor 27 Jahren gegründet. Amazon schaffte es auch noch aus einem anderen Grund in die Schlagzeilen. Erstmals „droht“ dem Konzern eine Gewerkschaft. Das ist unvorstellbar. Immerhin ist Amazon einer der größten privaten Arbeitgeber der Welt. In der Corona-Krise wurden täglich 1400 Mitarbeiter eingestellt. Weltweit arbeiten rund 1,3 Millionen Menschen beim Online-Giganten. Das sind rund doppelt so viele wie beim größten deutschen Arbeitgeber Volkswagen. Der Gründer Jeff Bezos, dem immer noch 14 Prozent des Unternehmens gehören, hat sich bisher erfolgreich gegen eine Gewerkschaft gewehrt.

Kommen wir zu einem anderen Giganten. Vor mittlerweile 50 Jahren haben drei Studenten ein kleines Café eröffnet. Damals konnte noch niemand ahnen, dass es sich um die Geburtsstunde eines Imperiums handeln würde. 2021 gibt es weltweit über 32.000 Starbucks-Filialen, in denen rund 350.000 Mitarbeiter arbeiten. An der Börse wird Starbucks mit 130 Milliarden Dollar bewertet. Die Umsätze sind im Zuge der Corona-Pandemie eingebrochen. Im abgelaufenen Jahr konnte aber immer noch ein Gewinn von mehr als 600 Millionen Dollar erwirtschaftet werden. Der Börsenwert hat sich seit dem Tief von März 2020 nahezu verdoppelt. Gratulation zum 50er – und dass aus dem Munde eines italienischen Espresso-Liebhabers!

Seit der letzten Woche dominiert der Suez-Kanal auch die Wirtschaftsnachrichten. Das Containerschiff „Ever Given“ ging auf Grund. Der Kanal wurde 1869 gebaut. Davor mussten die Schiffe Afrika „umrunden“. Unglaubliche zwölf Prozent des globalen Fracht- bzw. 30 Prozent des globalen Containervolumens werden durch den 193 Kilometer langen Suez Kanal geschleust. Im Vorjahr passierten rund 19.000 Schiffe mit mehr als einer Milliarde Tonnen Fracht den Suez Kanal. In der Vorwoche lief das Container-Schiff „Ever Given“ auf Grund. Nach tagelangen Arbeiten schwimmt die „Ever Given“ wieder. Zwischenzeitlich warteten rund 450 Schiffe auf beiden Seiten des Kanals auf ihre Durchfahrt. Bei einer täglichen Kapazität von etwas mehr als 50 Schiffen kann es noch etwas dauern, bis sich der Stau auflöst. Der Schaden beträgt mehrere Milliarden Euro. Na bumm!

Dieses Wochenende steht das Osterfest bevor. Meine Kinder werden wieder euphorisiert ihre Osternester suchen. In den letzten Monaten wurden von Regierungen, Notenbanken und Unternehmen viele Eier gelegt. Ich bin schon sehr gespannt, ob wir die nächsten Monate das eine oder andere faule Osterei finden werden!

Samstag, 27. März: Gestörter wirtschaftlicher Rhythmus 

Morgen ist Sonntag. Für mich traditionell ein Tag, um etwas zur Ruhe zu kommen. Auch ein Tag zum Nachdenken und die kommende Woche zu planen. In der Nacht werden die Uhren um eine Stunde nach vorne gestellt. Je älter ich werde, desto mehr spüre ich den Mini-Jetlag. Mein biologischer Rhythmus ist gestört und es dauert trotz einer temporären Erhöhung meines Espresso-Konsums wieder ein paar Tage, um wieder in den „Normalbetrieb“ zu kommen.

Mit der Corona-Pandemie wurde auch kräftig am Uhrzeiger gedreht. Immer mehr Menschen unterscheiden zwischen der Zeit vor und der Zeit nach Corona. Unser wirtschaftlicher Rhythmus ist sichtlich gestört. So wie ein Espresso mir einen Energieschub gibt, so sehr bemühen sich die Staaten und Notenbanken, mit exorbitant hohen Hilfspaketen unterstützend einzugreifen. Manch ein Politiker ist in diesen Tagen sichtlich überfordert. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass nach den exorbitanten Kursgewinnen der letzten Wochen und Monate die Luft ein bisschen draußen ist. Zeit für Jerome Powell, die Zügel wieder einmal fester in die Hand zu nehmen. Fürchtet euch nicht, er ist eh da! Der US-Notenbankchef verkündetet bei einer Anhörung vor dem Bankenausschuss, dass „2021 ein sehr, sehr starkes“ Jahr wird. Er rechne mit einem Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent.

Damit würde Uncle Sam stärker wachsen als der heranstürmende chinesische Dauerrivale. Das wäre wahrlich Balsam auf die Wunden. Die Fed werde noch so lange wie möglich stützen, da die Konjunkturerholung noch nicht abgeschlossen sei.

Mit monatlichen Wertpapierzukäufen von 120 Milliarden US-Dollar pumpt man weiter viel Geld in die Märkte. Powell stellt in Aussicht, dass der Leitzinssatz von 0 – 0,25 Prozent noch zumindest bis 2023 Bestand haben wird. Die Märkte können durchschnaufen.

Die wichtigste Notenbank der Welt bleibt trotz einer anziehenden Inflation im Dauerfeuermodus. Auch Elon Musk sorgte diese Woche wieder einmal für Schlagzeilen. Ab sofort können Kunden sein E-Auto mit der Kryptowährung Bitcoin bezahlen. Tesla hatte bereits Anfang Februar für 1,5 Milliarden US-Dollar Bitcoins gekauft und damit bereits satte Kursgewinne verbuchen können. Musk kündigte an, dass er nicht beabsichtige, die eingenommenen Bitcoins in FIAT-Währungen zu tauschen. Damit ist klar, dass Tesla den Bitcoin-Bestand auf den eigenen Bilanzen weiter aufblasen wird. Fiat-Geld bedeutet im Bankgenjargon ungedecktes Geld – also ein Wirtschaftsobjekt ohne inneren Wert. Das hat aber nichts mit der italienischen Automarke zu tun. Der Ursprung stammt vom lateinischen Wort fiat („Es werde! Es sei getan! Es geschehe!“).

Alle Leitwährungen wie z. B. der US-Dollar, der Euro, der Schweizer Franken oder der Japanische Yen sind Fiat-Währungen. Fiat-Währungen sind nicht begrenzt. Schließlich kann eine Notenbank die Geldmenge beliebig erhöhen. Bitcoins im Gegensatz dazu sind mit maximal 21 Millionen begrenzt. Auch wenn ich mit dem Begriff Währung vorsichtig bin, unterscheiden sie sich dadurch deutlich von den herkömmlichen Währungen. Auch US-Finanzministerin Janet Yellen rückte aus, um ihren Nachfolger Powell zu unterstützen. Ihrer Ansicht nach seien US-Banken „gesund genug“, um wieder Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe aufnehmen zu können. Die Aktionäre werden sich freuen.

Abschließend machen wir noch einen Ausflug zu einer exotischeren Währung. Die Türkische Lira verlor zu Wochenbeginn gegenüber dem Euro mehr als 17 Prozent an Wert. Ausschlaggeben dafür war der Austausch des türkischen Notenbank-Chefs durch Präsident Erdogan. Der Entlassungsgrund: Die Leitzinsen wurden entgegen Erdogans Willen und dezenter „Anweisung“ erhöht. Es lebe die Unabhängigkeit der Notenbank!

Samstag, 20. März: Wenn alle Alarmglocken läuten

Am 16. März feierte meine Schwiegermutter Geburtstag. Lange Zeit war es das Einzige, was mich mit diesem Datum verbindet. Seit 2020 ist das anders. Als ich an meinem Espresso nippe, werde ich unweigerlich wieder in diese dunklen Tage des Jahres 2020 hineingezogen. Wir waren in einem Ausnahmezustand. Willkommen im Corona Jahr! Willkommen in der neuen Realität! Es war ein frühlingshafter März-Tag. Gebannt saß ich mit meiner Familie vor dem Fernseher und lauschte den Worten des Bundeskanzlers. „Heute ist es soweit. Unser Leben wird sich in den nächsten Wochen massiv verändern!“ Mit diesen Worten bereitete uns Sebastian Kurz auf den ersten Lockdown vor. Am 16. März, fuhr ganz Österreich herunter! Österreichs Bundeskanzler kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen, wie sehr er recht behalten sollte. Dieser 16. März 2020 geht aber auch für einen Börsianer in die Geschichte ein. Der Dow Jones Index verlor an diesem Tag nahezu 3000 Punkte. Das ist der größte Ein-Tages-Verlust seit seiner Auflage im Jahr 1896. Eine derartige Krise haben wir noch nicht erlebt. Das ist keine klassische Finanzmarktkrise. Es ist nahezu jeder von uns in irgendeiner Weise davon betroffen. Vertreter der amerikanischen Notenbank verlautbarten, dass die US-Wirtschaft um bis zu 50 Prozent einbrechen könnte. Vergleiche mit der Großen Depression der 1930er Jahre wurden gezogen. Gepaart mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit ein wahrlich gefährlicher Cocktail. Eine Woche später war der Spuk an den Finanzmärkten vorbei.

Der Crash an den Börsen war hinsichtlich Dynamik und Geschwindigkeit einzigartig. In lediglich 16 Tagen (!) verlor der Markt mehr als 20 Prozent und wir befanden uns damit in einem Bärenmarkt. Am 23. März, also nur eine Woche später, erreichten wir die Tiefststände. Ab diesem Tag hat sich der Finanzmarkt von der Realwirtschaft abgekoppelt. Während wir auch im Jahr 2021 noch mit makroökonomischen Folgen und einem mit Unsicherheit behafteten Ausblick zu kämpfen haben, erlebten die Börsianer eine rasante und auch im historischen Kontext einzigartige Kurs-Rallye. Heute, ein Jahr später, notieren viele Indizes am oder zumindest nahe am Höchststand und deutlich über dem Vor-Corona-Niveau. In diesem, für Investoren schwierigen Umfeld, geht der Trend klar in Richtung Realwerte. Darunter fallen z. B. Aktien oder Immobilien. Die Inflationsrate in der Eurozone betrug im Februar 0,9 Prozent. Auch wenn das der höchste Wert seit mehr als einem Jahr ist, liegt man immer noch deutlich unter dem EZB-Zielwert von zwei Prozent. Diese Woche hat auch die amerikanische Notenbank verkündet, an ihrer lockeren Geldpolitik festzuhalten.

Schon irgendwie verwunderlich, dass sich der Geldmengenanstieg noch nicht in den Inflationszahlen niedergeschlagen hat, oder? Es gibt aber eine Inflation. Eine Vermögenspreis-Inflation. Was aber nun? Ist es Zeit, Gewinne zu realisieren? Aber was mache ich dann mit meinem Geld? Wie schütze ich mich vor dem Inflationsgespenst, das hämisch grinsend um uns kreist? Wie kann ich mich vor einer Geldentwertung schützen? Das sind Fragen, die dieser Tage viele von uns beschäftigen. Im Februar haben sich auch Finanzvorstände großer Unternehmen intensiv damit auseinandergesetzt. Ein Teil von ihnen sprach sich dafür aus, Cash-Reserven in den Kryptowährungsmarkt zu investieren. Und das, nachdem sich der Bitcoin-Kurs im letzten Jahr nahezu verzehnfacht hat. Das wäre dann, neben dem klassischen Geschäftsfeld, sogar ein „neuer“ Geschäftszweig.

Elon Musk preschte vor und verkündete, dass Tesla Bitcoins in Milliardenhöhe gekauft hat. Bei einem alten Börsianer wie mir läuten da alle Alarmglocken. Selbst dann, wenn die alte Börsenweisheit „The Trend is your Friend“ eintreffen sollte.

Samstag, 13. März: Die „Wall of Money“ sucht Rendite! 

Heute Morgen stehe ich am Küchenfenster und blicke in das Morgengrauen. Zeit für mich und Zeit, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ein Schluck von meinem Espresso haucht mir neue Lebensenergie ein. Seit fünf Jahren stehe ich jeden Morgen an diesem Fenster. Es ist irgendwie vertraut, aber etwas hat sich kolossal verändert. Im März 2020 hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Ich kann es gar nicht glauben, dass wir in dieser Woche den Jahrestag des ersten Shutdowns erleben. Ein Jahr voller Krisen, voller Durchhaltevermögen und voller Veränderungen. Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt. Wir haben aber auch gelernt, die Veränderung anzunehmen und damit zu leben. Ein Blick auf mein Smartphone verrät mir, dass an den Finanzmärkten Aufbruchsstimmung herrscht.

Die meisten Aktienkurse notieren am oder zumindest nahe an den Höchstständen. Überraschenderweise bildetet der chinesische Aktienmarkt eine Ausnahme. Die aktuellen Kurse liegen knapp zehn Prozent unter dem Höchststand. Irgendwie komisch, oder? China ist relativ gut aus der Krise gekommen. Die Wirtschaft läuft wieder auf Hochtouren. Gemeinsam mit den USA sind sie der Wachstumstreiber im Jahr 2021. Die OECD prognostiziert, dass die globale Wirtschaft heuer um 5,6 Prozent wachsen wird. Europa hinkt im Vergleich dazu mit 3,9 Prozent deutlich hinterher. Durch den Einsatz von Corona-Impfstoffen habe sich die Lage deutlich verbessert. Um am chinesischen Wachstum partizipieren zu wollen, muss man nicht zwingend in lokale Aktien investieren. Auch Chinesen kaufen iPhones oder einen Volkswagen. Ein weiteres Indiz für die starke Konjunkturdynamik ist der Ölpreis, der diese Woche den höchsten Stand seit 14 Monaten erreicht hat.

In der Corona-Pandemie wird kräftig gespart. Die Konsumenten haben weltweit 2,9 Billionen US-Dollar auf die hohe Kante gelegt. Das ist mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung Frankreichs oder des Vereinigten Königreichs. Wo soll man in der Krise auch Geld ausgeben? Die USA haben diese Woche das nächste Konjunkturpaket beschlossen. Der 1,9 Billionen Dollar teure Wunsch von US-Präsident Joe Biden wird damit Realität. Was Präsidenten heutzutage kosten – unglaublich, nicht wahr!? Das wurde von den Börsianern goutiert. Darüber hinaus ist geplant, den Bürgern einen 1400 Dollar-Scheck zukommen zu lassen. Na, da werden sich die Amerikaner aber freuen!

An den Zinsmärkten sind die Renditen in den letzten Wochen stark gestiegen. Die Risikoaufschläge, die man gegenwärtig für ein Investment in einen Schuldner mit schlechterer Bonität bekommt, sind allerdings deutlich zurückgegangen. Auch das „Kriseninvestment“ Gold konnte diese Woche zwar etwas zulegen, notiert aber auf dem tiefsten Stand seit Juni 2020 und damit deutlich unter Höchstwert.

Spannend finde ich auch, dass Kryptowährungen anscheinend schön langsam auch für professionelle Investoren eine Option werden. Laut einer Umfrage der Investmentbank Goldman Sachs war diese Assetklasse bisher sehr stark im Privatkundengeschäft verankert. Aktuell halten aber bereits mehr als 14 Prozent der befragten institutionellen Anleger Kryptowährungen. Mehr als 60 Prozent planen, in den kommenden Monaten Bestände aufzubauen. Die „Wall of Money“ sucht Rendite! Die Frage, ob man sich bei einem Bitcoin-Kurs die vergangene Performance oder tatsächliches Ertragspotenzial kauft, werden wir erst in Zukunft beantworten können.

Samstag, 6. März: Der Griff in die Naschlade

An den Märkten setzt die Frühjahrsmüdigkeit ein. Mal geht es rauf, mal geht es runter. Aber im Grunde wirkt das Treiben relativ lust- und antriebslos. Nach den Kursanstiegen der letzten Monate ist das auch irgendwie nicht ungewöhnlich. Ausschlaggebend für die Kursanstiege waren mit Sicherheit auch die billionenschweren Rettungspakete, die seit Ausbruch der Corona-Pandemie beschlossen wurden. Allein die USA haben 4,9 Billionen Dollar verabschiedet. Das ist nahezu doppelt so viel wie die EU (2,9 Billionen Dollar) aufwendet und ein Vielfaches von China (0,14 Billionen Dollar).

Auch mir selbst setzt die Frühjahrsmüdigkeit zu. Heute Morgen haucht mir nicht einmal mein heiß geliebter Espresso neue Lebensgeister ein. Vielleicht hilft ein Stück Schokolade? Glücksgefühle am frühen Morgen können sicher nicht schaden, oder? Weltweit wird der Umsatz im Segment Süßwaren und Nachtische auf 840 Milliarden Euro geschätzt. Damit gibt jeder Erdenbürger etwas mehr als 100 Euro pro Jahr für Süßes aus. Die Schweizer Schokolade erfreut sich weltweiter Beliebtheit. Die eidgenössische Schokoladenindustrie kämpft mit einem Absatzproblem. Das betrifft sowohl den inländischen Konsum, aber auch die Exporte. Rund 70 Prozent der Schokolade wird exportiert. Im Corona-Jahr 2020 viel der Pro-Kopf Schokoladenkonsum erstmals seit 1982 unter die 10-Kilogramm-Marke. Respekt, die Schweizer scheinen sehr krisenresistent zu sein.

In Österreich wird etwas weniger Schokolade gegessen als in der Schweiz. Aber auch hierzulande greifen laut einer Umfrage 71 Prozent der Österreicher mindestens einmal pro Woche in die Naschlade. Nur drei Prozent verzichten dahingehend völlig auf Schokolade. Zu diesen gehöre ich persönlich mit Sicherheit nicht dazu.

Kennen Sie SPAC? Nein, dabei handelt es sich um keinen Rechtschreibfehler und ein vergessenes „E“ und die unendlichen Weiten des Weltraums. SPAC steht für „Special Purpose Acquisition Company“. Dabei handelt es sich um eine börsennotierte Mantel-Gesellschaft, die von Investoren Geld einsammelt, um ein oder mehrere andere Unternehmen zu übernehmen. Die SPAC-Investoren investieren ins Blaue, da das Akquisitionsziel häufig nur sehr grob definiert ist. Bei einem SPAC-Konstrukt handelt es sich um einen „indirekten“ Börsengang (IPO). Im Vorjahr spülten an der New-Yorker-Stock-Exchange 194 klassische IPOs 67 Milliarden Dollar ein. 2020 war aber auch das Jahr der SPACSs. 200 SPACs haben in Summe 64 Milliarden Dollar eingenommen.

Das Unternehmen und deren Manager sitzen auf prall gefüllten Kassen. Die Investoren kaufen damit gewissermaßen die Katze im Sack. Wissen Sie, woher die Redewendung angeblich stammt? Dazu müssen wir die Zeit ein paar Jahrhunderte zurückdrehen. Damals wurde eine Vielzahl von Geschäften auf Märkten abgeschlossen. Wenn Kunden abgelenkt waren, konnte es schon passieren, dass sie mit einem Sack nach Hause gingen und feststellen mussten, dass der Händler anstelle des gekauften Kaninchens lediglich eine Katze eingepackt hatte. Was werden die SPAC-Investoren am Ende des Tages in ihren Säcken wohl finden?

Samstag, 27. Februar: Unschöne Erinnerungen ...

An den Finanzmärkten treibt sich das Inflationsgespenst herum. Die Angst und Furcht vor ihm ist vielen Börsianern ins Gesicht geschrieben. Vor allem der Anleihenmarkt und Momentum- bzw. Technologie-Aktien kamen gehörig unter die Räder. Die Renditen für zehnjährige US-Treasuries sind seit Jahresbeginn um 0,5 Prozent auf 1,4 Prozent gestiegen. Joe Biden rückt mit einem 1,9 Billionen Stimulus-Paket aus, welches bis Mitte März vom Senat und Repräsentantenhaus verabschiedet werden soll. In der Vergangenheit löste das an den Märkten eine Euphorie aus. 2021 ist anders.

Börsianer fürchten eine Überhitzung und damit ein Anziehen der Inflationsraten. Damit ist Jerome Powell, Präsident der amerikanischen Notenbank, gefordert, die Märkte zu beruhigen. Er sehe die Wirtschaft noch weit entfernt von einer Vollbeschäftigung und den Inflationszielen und es brauche seiner Ansicht nach noch Zeit, um wieder in ein normales Fahrwasser zu kommen. Es ist davon auszugehen, dass die größte Notenbank der Welt weiter stimulieren wird und das monatliche Anleihenkaufprogramm im Ausmaß von 120 Milliarden Dollar bis auf weiteres fortführen wird.

Spannend finde ich auch, dass Vertreter der Notenbank gegenwärtig an den Finanzmärkten keine „extremen Bewertungen“ erkennen. Wenn man es aus fundamentaler Sicht betrachtet, werden bei mir Erinnerungen an die Jahrtausendwende wach. Darüber hinaus äußerte sich Powell vor dem Kongress auch über die Einführung eines digitalen US-Dollars. Die Fed werde das sorgsam prüfen und mit entsprechender Priorität behandeln. Als Hüter der wichtigsten Währung der Welt sieht er die FED nicht in der Position, als erste Notenbank eine digitale Währung zu lancieren.

Zur Ermittlung der Inflationserwartung gibt es zwei bekannte volkswirtschaftliche Theorien. Milton Friedman geht in seiner „Modern Money Theory“ davon aus, dass die Inflation von der Geldmenge abhängt. Die Notenbanken überschütten seit Jahren die Märkte mit einer Liquiditätsschwemme, die selbst im historischen Kontext ihresgleichen sucht. Laut dieser Theorie müssten die Inflationszahlen durch die Decke gehen. Viele dieser Mittel kommen aber in der Realwirtschaft nicht an. Insofern ist davon in den klassischen Inflationsraten noch nichts zu erkennen.

In anderen Bereichen – man denke beispielsweise an den Aktien- oder Immobilienmarkt – sind die Preise in den letzten Jahren zum Teil in schwindelerregende Höhen gestiegen. Es kam sozusagen zu einer „Vermögenspreis-Inflation“. Dem gegenüber steht die Theorie der Phillips-Kurve. In diesem Konzept hängt die Inflation von der Nachfrage nach Arbeitskräften ab. Seit Ausbruch der Covid-19 Pandemie hat sich der Arbeitsmarkt noch nicht erholt. Diese Woche attestiert beispielsweise Fed-Präsident Powell dem Arbeitsmarkt nach wie vor große Schäden. Gemäß dieser Theorie kann man alle Inflationssorgen zum gegenwärtigen Zeitpunkt wohl getrost vom Tisch wischen. Die „Modern Money Theory“ und die Theorie der Philipps Kurve stehen zum aktuellen Zeitpunkt in einem so klaren Widerspruch wie wahrscheinlich noch nie. Ich bin schon sehr gespannt, welche volkswirtschaftliche Theorie sich in diesem Umfeld durchsetzen wird.

Samstag, 20. Februar: Das Match hat längst begonnen

Der Fasching ist vorbei. Na ja, eigentlich war er heuer bereits vorbei, bevor er richtig begonnen hat. Nachdem der letzte Faschingskrapfen verputzt ist, beginnt die Fastenzeit. An den Finanzmärkten geht indes die Party munter weiter. Der globale MSCI World Index konnten seinen Wert 2021 um knapp sechs Prozent steigern.

Besonders stark entwickelten sich die Aktienmärkte in Asien, allen voran in China. Der chinesische Aktienmarkt konnte seit Jahresbeginn um 20 Prozent zulegen, wohingegen europäische Aktien nur ein Plus von zwei Prozent verbuchten. Die Musik spielt nach wie vor an der New Yorker Wall Street. Amerikanische Unternehmen repräsentieren rund zwei Drittel des Marktwertes aller börsennotierten Unternehmen. Mit zunehmenden Kursgewinnen steigt auch die Nervosität der Investoren. Das ist in dieser Woche besonders spürbar. Ein harter Winter, die anhaltenden Corona-Pandemie, makroökonomische Sorgen und Inflationsängste lassen sich wohl doch nicht einfach so wegwischen.

Die Berichtssaison neigt sich dem Ende zu. Die Unternehmen konnten weitestgehend positiv bilanzieren. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Gewinne der US-Unternehmen um 25 Prozent eingebrochen. Der Cocktail aus deutlichen Kursanstiegen und stark fallendenden Gewinnen hat zu einer teuren fundamentalen Bewertung geführt. Die Investoren kaufen aber Erwartungen. Und diese sind nach wie vor sehr positiv.
Für den breiten amerikanischen S&P 500 Index wird für 2021 ein Gewinnwachstum von 25 Prozent prognostiziert. Das ist deutlich mehr als zu Zeiten der Internet-Blase um die Jahrtausendwende. Damals betrug die prognostizierte Wachstumsrate „nur“ 19 Prozent.

Von Amerika schwenken wir nun nach Fernost. Chinas Wirtschaft konnte als einzige große Volkswirtschaft der Welt im Jahr 2020 zulegen. Diese Woche erfolgte der nächste Paukenschlag. China konnte erstmals die USA als wichtigsten Handelspartner der EU ablösen. Das Handelsvolumen mit der Volksrepublik betrug im abgelaufenen Jahr 586 Milliarden Euro und damit um 31 Milliarden mehr als jenes mit den USA. Der neue US-Präsident Joe Biden versucht nach den Trump-Jahren, sich wieder an Europa anzunähern. Er plant unter dem Slogan „Allianz der Demokratien“ eine starke Achse, die sich der asiatischen Wirtschaftsmacht China entgegenstellen soll. Dieses Vorhaben stößt in Europa auf wenig Gegenliebe. Zu stark sind die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Fernost. China ist mittlerweile Deutschlands wichtigster Handelspartner. Beliebtes Exportgut sind Autos. Allein der VW-Konzern erwirtschaftete 2020 mehr als 40 Prozent des Absatzes am chinesischen Markt. Europa scheint die Rolle zwischen dem buhlenden Cowboy aus dem fernen Amerika und dem chinesischen Kung-Fu Kämpfer sichtlich zu genießen.

Auch die Bitcoin-Party geht munter weiter. Es wurde erstmals die Schwelle von 50.000 Dollar durchbrochen. Der Kurs konnte heuer um 80 Prozent bzw. allein im Februar um 50 Prozent zulegen. Bei diesen Zahlen kann man sich nur ungläubig die Augen reiben. Mit dem E-Yuan will China als erste große Volkswirtschaft eine digitale Währung auflegen. Zum Neujahrsfest erhielten zu Testzwecken Bürger, die man zuvor ausgelost hat, 200 digitale Yuan – rund 25 Euro – als Geschenk auf ihr Smartphone gebucht. Spätestens zu den Olympischen Winterspielen 2022 soll der E-Yuan am breiten Markt einsetzbar sein. Das wäre eine weitere Machtdemonstration Chinas. Im Gegensatz zu Bitcoin ist der E-Yuan zentralisiert und ermöglicht damit die Überwachung der eigenen Bürger. Da bahnt sich ein Kampf an. Auf der einen Seite liberale Kryptowährungen, die dem Traum einer „Währung“ frei von staatlicher Regulierung leben. Auf der anderen Seite Notenbanken und Staaten, die ihre aktuelle Machtposition mit allen Mitteln verteidigen werden. Das Match hat schon längst begonnen. Der Ausgang scheint noch ungewiss!

Samstag, 13. Februar: Abschwung ohne Einkehrschwung

Heute Morgen schmerzt mein ganzer Körper. Mühsam schleppe ich mich zu meiner Kaffeemaschine. Nicht einmal der Espresso schafft es heute, mir neue Lebensgeister einzuhauchen. Meinen heutigen Zustand habe ich meinem ausgeprägten Geschwindigkeitsrausch gepaart mit einer maßlosen Selbstüberschätzung zu verdanken.

Gestern fuhren meine Kinder und ich in ein großes Skigebiet. Wir waren bereits um halb neun vor menschenleeren Kassen. Na gut, das mag vielleicht an der frühen Zeit liegen. Bezahlt habe ich mit meinem iPhone. Kennen Sie den iPhone-Index, der die Kaufkraft in einzelnen Ländern vergleicht? Dabei geht es darum, wie lange ein Arbeitnehmer dafür arbeiten muss, um ein neues iPhone kaufen zu können. In Indien muss man 54,4 Tage arbeiten, in der Schweiz „nur“ 4,4 Tage. Österreich und Deutschland liegen bei 10,8 bzw. 9,7 Tagen.

Die Pisten waren traumhaft schön und auch die Pistenränder in eine wunderschöne Winterlandschaft gehüllt. Meine Kinder und ich flitzen die Pisten hinunter. Auch im Laufe des Tages waren sehr wenige Menschen auf den Pisten zu sehen. Für mich – in meinem fortgeschrittenen Alter – bleibt kaum Zeit zum Verschnaufen. Als ich wieder einmal meinen Kindern bei der Talstation hinterher hetze, fällt mir ein nahe liegendes Sportgeschäft auf. Der Verkäufer am Tresen „fadisiert sich“, obwohl an den Schaufenstern bunte Schilder mit „minus 70 Prozent“ prangern. In einem normalen Winter im Februar würden ihm wahrscheinlich Menschenmassen die Türe einrennen. Um die Mittagszeit gönnen mir meine Kinder eine kurze Pause.

Bei einem Lebensmittelgeschäft versorgen wir uns mit einer Jause. Die Hütten haben ja bekanntlich zu und bieten den Wintersportlern „Take-away“-Gerichte, welche mit Respektabstand von der Hütte verspeist werden können. Dafür ist es mir heute aber zu kalt. Insofern heißt es Wurstsemmeln im Auto mampfen. Auch am Nachmittag ging es munter weiter. Durch die geschlossenen Hotels werden viel weniger Mehrtagestickets verkauft. Für die Region bedeutet das einen enormen wirtschaftlichen Schaden. Für mich als Skifahrer ist es ein Winter wie damals – allerdings im Körper eines „alten“ Mannes! Auf den zweiten Teil könnte ich aber gerne verzichten.

Im 4. Quartal 2020 kam es zu einem erneuten Wirtschaftseinbruch. Laut den jüngsten Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat ist Österreichs Wirtschaft um 4,3 Prozent geschrumpft. Selbst das kriselnde Italien konnte mit einem Rückgang von minus zwei Prozent deutlich besser behaupten. Damit liegt die Alpenrepublik deutlich unter dem EU-Schnitt. In der EU ging die Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozent zurück. Deutschland konnte mit einem Plus von 0,1 Prozent sogar ein leicht positives Ergebnis erzielen. Begründet kann das mit vergleichsweise härteren und längeren Lockdowns sowie mit der größeren Rolle des Wintertourismus in Österreich werden. Am Donnerstag hat Deutschland verkündet, den Corona-Lockdown bis 7. März zu verlängern. Die Abwärtsspirale wird sich also auch 2021 weiterdrehen.

An den Finanzmärkten sorgte Tesla Chef Elon Musk wieder für Aufsehen. Sein Unternehmen investiert 1,5 Milliarden Dollar in Bitcoins und facht damit die Kurseuphorie weiter an. Die Stimmung ist nach wie vor gut. Der Bitcoin-Kurs aber auch der Dow Jones Industrial Index und der deutsche DAX erreichten neue Höchststände.

Der wilde Ritt auf dem Bullen geht also munter weiter. Der Börsianer scheint nach wie vor fest im Sattel zu sitzen. Es bleibt zu hoffen, dass er sich nicht übernimmt und eines Morgens mit einem ähnlichen Muskelkater wie ich erwacht.

Samstag, 6. Februar: Von fehlenden Bohnen und Drohnen

Der letzte Schultag vor den Semesterferien: Meine beiden Kinder können es kaum erwarten, endlich einmal wieder durchschnaufen zu können. Noch ein Schultag und ab in die Freiheit. Zumindest das, was man unter Corona-Bedingungen unter Freiheit verstehen kann.
Als ich mich heute Morgen in gewohnter Manier meinem Espresso widmen möchte, muss ich mit Schrecken feststellen, dass mir die Bohnen ausgegangen sind. Für einen Kaffeeliebhaber wie mich, ist das einmal ein ganz schlechtes Omen. Wo bekomme ich nur in diesen frühen Morgenstunden Kaffeebohnen her? Die Geschäfte haben zu. Mir kommt ein wirrer Gedanke. Kann ich ein paar Espresso-Bohnen bei Amazon bestellen, eine Express-Lieferung beauftragen und mir von Drohnen die Bohnen in rasender Geschwindigkeit nach Hause fliegen lassen? Nein, leider (noch) nicht. Aber wer weiß, ob ich mein Problem in zehn Jahren auf diese Weise lösen kann.

Als Jeff Bezos Amazon 1994 als Online-Buchhandlung gegründet hat, war es auch surreal, praktisch alle Dinge unseres Alltags über eine einzige Plattform beziehen zu können.

Im 4. Quartal 2020 konnte der Online-Gigant 125 Milliarden Dollar einnehmen. Damit wurde erstmals in der Unternehmensgeschichte die 100-Milliarden-Dollar Grenze übertroffen. Jeff Bezos nimmt das zum Anlass, den Vorstandsvorsitz im dritten Quartal an Andy Jassy abzugeben, der bislang das florierende Cloud-Geschäft verantwortete. Mit dem Rückzug von Jeff Bezos endet eine Ära. Von Null auf eine Billion Dollar – in nicht einmal 25 Jahren! Ein Titel für einen Bestseller? Die Kehrseite der Medaille sind zunehmend leerere Innenstädte und ein zunehmendes Händlersterben.

An den Finanzmärkten ist die Stimmung nach wie vor sehr gut. Die Aktienmärkte notieren nahe den Höchstständen, die Risikoprämien sind auf einem 6-Monatstief und die Berichtssaison ist bisher ganz gut gelaufen. Der neue US-Präsident Joe Biden stellt sich gleich mit einem 1400- Dollar-Scheck bei seinen Bürgern vor. Ausgenommen davon sind Gutverdiener. Die Kurzarbeit ist in Deutschland und Österreich nach wie vor sehr stark ausgeprägt. Besonders stark betroffen sind die Gastronomie und der Tourismussektor. Die Rahmenbedingungen haben zur Folge, dass die Konsumenten vorsichtiger agieren und die Ausgaben etwas drosseln.

Die Sparquote hat sich in Österreich 2020 nahezu verdoppelt. Laut Österreichischer Nationalbank (OeNB) handelt es sich um einen Mix aus „Zwangs- und Vorsichtssparen“.

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, ob in Corona-Zeiten mehr Alkohol getrunken wird? Laut der neuesten Studie der Global Drug Survey ist das definitiv der Fall. Mehr als 43 Prozent der weltweit 59.000 Befragten gab das zu Protokoll. Paradoxerweise ist das in den Bilanzen der Brauereien nicht ersichtlich. Der Wegfall von Veranstaltungen und Events und der Gastronomie hat eine zu tiefe Kerbe geschlagen. Deutsche Brauereien haben 2020 den niedrigsten Bierabsatz seit 1993 verzeichnet. Wie viel Bier wird eigentlich getrunken? Beim Pro-Kopf Bierverbrauch liegen Deutschland und Österreich im globalen Spitzenfeld. Die Tschechen führen mit gut 140 Liter Jahreskonsum pro Kopf und Nase das Ranking an. Österreich folgt mit mehr als 106 Liter auf Platz zwei, Deutschland kommt auf knapp 100 Liter. Spannend finde ich, dass in der Schweiz, mit 55 Liter pro Kopf, nur in etwa halb soviel Bier getrunken wird wie in Österreich oder Deutschland.

Auch wenn ich mein Kaffeeproblem immer noch nicht gelöst habe, ist es noch eindeutig zu früh, um mit einem Bier die Österreicher-Statistik anzuheben.

Samstag, 30. Jänner: Retro-Look oder zum Friseur nach Luxemburg

Kennen Sie das Gefühl, morgens schwer in die Gänge zu kommen? Als notorischer Frühaufsteher zieht es mich magisch zu meiner Kaffeemaschine. Auf den Weg dorthin bin ich über Legobausteine meines Sohnes gestolpert. Irgendwie passend am Welt-Lego-Tag! Lego hat im 21. Jahrhundert einen Neustart hingelegt. Noch 2000 schrieb das dänische Unternehmen bei einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro Verluste. Heute verdient Lego 5,8 Milliarden Euro und kann einen Gewinn von über 1 Milliarde aufweisen. From Zero to Hero!

Als ich nun bei meiner Kaffeemaschine stehe und mein Espresso langsam in die kleine Tasse fließt, sehe ich mein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Dabei muss ich schmunzeln – ich dachte, diese Frisur ist seit Jahrzehnten aus der Mode! Ein Irrtum, wie es scheint. Wussten Sie, dass laut einer Umfrage Männern der Friseur weit mehr abgeht als Frauen? Wenn ich mich so betrachte, kein Wunder. Manche Deutsche dürften wohl auf ähnliche Gedanken gekommen sein. Es entsteht ein neuer Trend. Kolonnenweise pilgern Deutsche nach Luxemburg, um sich dort die Haare beim Friseur schneiden zu lassen. Das wäre doch was? Zum Glück gibt es das Internet. Auf Facebook, die Seite wird monatlich 25,5 Milliarden mal aufgerufen, suche ich mir einen Friseur in Luxemburg. Auf Google, die beliebteste Website wird 92,5 Milliarden mal monatlich aufgerufen, checke ich die Entfernung von Graz nach Luxemburg. Uff, knapp 1000 Kilometer in jede Richtung.

Das muss anders gehen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als auf YouTube mein Schicksal mit 34,6 Milliarden Usern (Mehrfachzählungen natürlich inbegriffen) zu teilen und mir ein Video anzusehen, wie ich mir die Haare selbst schneiden kann. Die Top-3 Websites werden monatlich unglaubliche 152 Milliarden mal besucht!

Als ich meinen Espresso trinke, muss ich nochmals schmunzeln. Der Kampf David gegen Goliath! GameStop ist ein börsennotiertes Unternehmen, welches Videospiele – und jetzt halten Sie sich fest – in „normalen“ Läden verkauft. Das ist in etwa so Retro wie mein Haarschnitt. Aufgrund des nicht mehr zeitgemäßen Geschäftsmodells ist der Umsatz in den letzten drei Jahren um 40 Prozent eingebrochen. Filialschließungen, unzufriedene Mitarbeiter und die Corona-Krise, die den lokalen Handel vor große Probleme stellt, sind wahrlich große Probleme. Einige Hedgefonds haben auf fallende Kurse gesetzt und sich – zumindest bis vor drei Wochen – eine goldene Nase verdient.

Eine Initiative von Kleinanlegern, die von Tesla Gründer Elon Musk zusätzlich angefeuert wurde, hat eine unfassbare Kursrallye ausgelöst. Im April, in der Blütephase des Corona-Crashs, notierte der Aktienkurs bei 2,80 Dollar. Zu Jahresbeginn waren es 18,84 Dollar und diese Woche stieg der Kurs auf 378 Dollar. Seit Jahresbeginn konnten Investoren aus 1000 Dollar unglaublich 20.000 Dollar machen. Das Resultat: Der Kleinanleger David gewinnt gegen den Hedgefonds-Manager Goliath. Die US-Hedgefonds Melvin Capital und Citron sind mittlerweile in Schieflage.

Was gibt es sonst noch zu berichten? Mittlerweile haben 25 Prozent der US-Unternehmen ihre Quartalszahlen vorgelegt. Ganze 83 Prozent konnten die Erwartungen übertreffen, lediglich 13 Prozent lagen hinter den Analystenschätzungen. An den Kapitalmärkten kam es diese Woche zu Gewinnmitnahmen. Der Chef der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) spricht von der größten Krise seit den 1930ern. Im Jahr 2020 seien 225 Millionen Jobs weltweit verloren gegangen. Arbeitnehmer mussten Einkommenseinbußen von 3,5 Milliarden Dollar hinnehmen. Das entspricht nahezu der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands, immerhin der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt. Irgendwie passend das Motto des Weltwirtschaftsforums in Davos: The great Reset!

Samstag, 23. Jänner: Trübe Blicke und Gefahren für Lemminge

Diese Woche war es soweit. Joe Biden hat Donald Trump als Präsident abgelöst. Die Wall Street feiert. Die Aktienkurse erreichten neue Rekordwerte. Nachdem der 78-jährige Biden auf den Stufen des Capitol Hill den Amtseid schwor, krempelte er gleich die Ärmel hoch, um loszulegen. Unter einer alten, müden und antriebslosen Politikerpersönlichkeit stelle ich mir etwas anderes vor.

Bereits an seinem ersten Tag erließ der 46. Präsident der Vereinigten Staaten eine lange Liste von Verfügungen. Darunter fällt etwa der Wiedereintritt in das Pariser Klimaabkommen und in die Weltgesundheitsorganisation sowie der Baustopp des äußerst umstrittenen Zauns an der mexikanischen Grenze. Zudem scheint das 1,9 Billionen-Dollar Hilfspaket langsam, aber sicher, Formen anzunehmen. Corona ist auch in der ersten Phase der Biden-Ära ein zentrales Thema. Er rief die US-Bürger auf, die nächsten 100 Tage in der Öffentlichkeit Masken zu tragen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Neben der Biden-Euphorie sorgten diese Woche auch die Zahlen von Netflix für Aufsehen. Der Online-Streaming- Anbieter gehört zu den großen Corona-Gewinnern und konnte erstmals die Marke von 200 Millionen Bestands-Abonnenten überschreiten.

Seit 2017 haben sich die Einnahmen mehr als verdoppelt. Der Aktienkurs des bereits seit 2002 gelisteten Unternehmens erreichte einen neuen Rekordwert und konnte am Tag der Berichtsveröffentlichung um 17 Prozent zulegen. Das Unternehmen repräsentiert einen Börsenwert von 260 Milliarden Dollar. In der aktuellen Bewertung liegt aber auch viel Euphorie. Gegenwärtig muss ein Investor 93 Dollar dafür zahlen, um einen Dollar Gewinn zu erhalten. Im Vergleich dazu weist der Gesamtmarkt (S&P 500) ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 39 auf. Im historischen Vergleich ist das deutlich über dem Mittelwert, der bei rund 15 liegt. Die „Wall-of-Money“ sucht Rendite und im Vergleich zum Anleihenmarkt sind Aktien für viele Investoren trotz der Kursanstiege der letzten Monate die Asset-Klasse der Stunde.

In den letzten zwölf Monaten schlug die Stunde der Technologie-Unternehmen. Während beispielsweise der technologielastige Nasdaq-100 um knapp 50 Prozent zulegte, konnte der breite S&P 500 vergleichsweise „nur“ um 16 Prozent zulegen. Fast unbemerkt von vielen Börsianern zählten Unternehmen, die sich dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben haben, zu den größten Gewinnern. Der „Wilder Hill New Energy Global Innovation Index“ (NEX) konnte in den letzten zwölf Monaten um unglaubliche 165 Prozent zulegen. In dem Index werden knapp 100 Unternehmen aus 25 Ländern gewichtet.

Der Klimawandel ist ein zentrales Thema unserer Zeit. Aus dem Blickwinkel eines Börsianers handelt es sich aber um ein sehr spitzes Marktsegment. Eine breite Streuung und bewusst eingegangene Risiken sorgen auch in turbulenten Marktphasen für ruhige Nächte.

Die Gefahr besteht, dass einige Marktteilnehmer wie die Lemminge Trends hinterherlaufen und in jene Werte investieren, die in der Vergangenheit die größten Gewinne erzielten. Nur davon kann man sich nichts kaufen. Viel wichtiger ist es, die Attraktivität einer Investition nicht auf Basis der Vergangenheit, sondern des aktuellen Ertragspotenzials einzuschätzen. Der Blick nach vorne ist immer trüb und verschwommen.

Ich habe in all den Jahren noch niemanden getroffen, der die Zukunft vorhersagen kann. Unsicherheit gehört damit zum Tagesgeschäft eines Börsianers. 2021 gilt das wohl mehr denn je!

Samstag, 16. Jänner: Kaffeebohnen, Zerstörung und Erneuerung

Es ist früh am Morgen. Draußen ist es trüb und kalt. Bei einem genauen Blick aus dem Fenster erkenne ich ein paar Schneeflocken, die tänzelnd vom Nachthimmel zu Boden fallen und die Wiesen und Wälder in eine bezaubernde Winterlandschaft verwandeln. Das beruhigende Geräusch meiner Kaffeemaschine sorgt für ein wohliges Gefühl. Kaffeebohnen werden durch ein Mahlwerk gemahlen. Durch das „Zerstören“ der Kaffeebohne entsteht etwas Wunderbares. Der erste Schluck meines geliebten Espressos ist eine wahre Wohltat.

Als ich darüber nachdenke, kommt mir ein berühmter österreichischer Volkswirt und Sozialwissenschaftler Joseph Alois Schumpeter in den Sinn. An den Arbeiten des Professors, der in Graz, Bonn und Harvard forschte, kommt wohl auch im 21. Jahrhundert kein Wirtschaftsstudent vorbei. Schumpeters Kernaussage ist, dass jede ökonomische Entwicklung und jeder technische Fortschritt auf den Prozess der „Schöpferischen Zerstörung“ aufgebaut ist. Ohne Zerstörung gibt es also keinen Neuanfang. Sie ist der Motor jeder wirtschaftlichen Entwicklung.

Es wäre spannend, wie Schumpeter die aktuelle Lage beurteilen würde. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie steht die Welt Kopf und Geschäftsmodelle, die Jahre oder vielleichte sogar Jahrzehnte Geld in die Unternehmenskassen gefüllt haben, stehen auf dem Prüfstand. Die Karten werden neu gemischt. Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle anpassen oder sich sogar neu erfinden, um auch in dem veränderten Umfeld bestehen zu können. Damit hätten wir den ersten Teil von Schumpeters Konzept erfüllt. Die Zerstörung! Wie sieht es aber mit der Erneuerung aus.

Mit der Zerstörung ist auch Schmerz verbunden. Ein wesentlicher Treiber für etwas Neues. Durch die Corona-Pandemie wird der Schmerz durch unglaublich hohe Unterstützungsmaßnahmen deutlich abgemildert. Ohne sie wäre wohl der Flächenbrand zu groß. Dadurch ist der Veränderungsdruck auch deutlich abgefedert. Was würde wohl Schumpeter dazu sagen?

In den letzten Monaten konnten sich die Börsianer über satte Zugewinne freuen. Die Dynamik des Aufwärtstrends hat sich etwas abgeschwächt, die Stimmung bleibt aber positiv. Für Rückenwind sorgte das Gerücht, dass unter dem neuen US-Präsident Joe Biden das 1,3 Billionen US-Dollar Konjunkturpaket auf 2 Billionen aufgestockt werden könnte. Die Stimmung trüben könnte eine sich anbahnende Regierungskrise in Italien und die anhaltende Corona-Krise, die trotz der beginnenden Impfkampagne ein zentrales Thema bleibt. Immer mehr Länder haben die Lockdowns verschärft oder verlängert. Auch hier sind wir bei Schumpeters Zerstörung. Im Gegensatz zur Realwirtschaft nimmt die Börse aber den wirtschaftlichen Erfolg bereits vorweg.

Nächste Woche neigt sich auch die Amtszeit von US-Präsident Donald Trump dem Ende zu. Seine Amtszeit geht unrühmlich mit einem Amtsenthebungsverfahren zu Ende. Trump hat in den letzten vier Jahren alte Traditionen und Strukturen aufgebrochen und wahrlich viel zerstört. Es liegt am neuen Präsidenten Joe Biden, die Kluft zwischen den zwei politischen Lagern wieder zu schließen. Auch hier stellt sich für mich die Frage, ob Schumpeters Konzept der schöpferischen Zerstörung greift?

Samstag, 9. Jänner: Kein Stein ist auf dem anderen geblieben

Der Jahreswechsel ist vollzogen. Die Herausforderungen sind aber nach wie vor die gleichen. Seit der Corona-Pandemie ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Die Welt steht Kopf und politische, gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Systeme stehen am Prüfstand.

Die Einschnitte sind tief und werden uns noch längere Zeit beschäftigen. Auch das Jahr 2021 begann „anders“. In den USA wird der scheidende Präsident Donald Trump das Zepter an Joe Biden übergeben. Militante Trump-Anhänger haben das Kapitol gestürmt, um Mitglieder des Senats sowie des Repräsentantenhauses zu zwingen, ihre Arbeit einzustellen bzw. doch noch Trump zum Präsidenten zu „küren“. Kurz davor war Trump vor seinen Anhängern aufgetreten, hat von Wahlbetrug gesprochen und seine Anhänger aufgefordert, zum Kapitol zu ziehen und sich den Diebstahl der Wahl nicht gefallen zu lassen. Das Ergebnis: vier Todesopfer und eine tief gespaltene Gesellschaft. Der neue Präsident Joe Biden wird einiges zu tun haben, um die Kluft zwischen den Republikanern und den Demokraten zu schließen.



Die Börsen zeigten sich von den Ereignissen weitestgehend unbeeindruckt. Am ersten Handelstag kam es noch zu Gewinnmitnahmen. Der Dow Jones verlor zwischenzeitlich mehr als 700 Punkte, was auf Schlusskursbasis den schlechtesten Jahresstart seit 1932 bedeutet hätte. Danach ging das Treiben der Bullen munter weiter und, selbst der Sturm auf das Kapitol in Washington, konnte die Euphorie am glitschigen Börsenparkett der New Yorker Wall Street nicht vertreiben. Der US-Dollar ist weiterhin sehr schwach. Laut einer Analyse der Schweizer Nationalbank erreichte der US-Dollar gegenüber dem Schweizer Franken ein 170-Jahres-Tief. Während man in der Spitze 6 Schweizer Franken für einen US-Dollar hinlegen musste, bekommt man heutzutage bereits für 0,88 Franken einen Dollar.

Auch Tesla-Chef Elon Musk konnte sich freuen. Durch die Tesla-Kursrallye konnte er diese Woche mit einem geschätzten Vermögen von 195 Milliarden US-Dollar sogar den Amazon-Chef Jeff Bezos (185 Milliarden), der seit 2017 das Ranking anführt, übertrumpfen. Allein in den ersten sieben Tagen des Jahres 2021 stieg das Vermögen Musks um unglaubliche 25 Milliarden Dollar. Noch Anfang 2020 betrug Musks Gesamtvermögen knapp 27 Milliarden und er schaffte es gerade einmal in die Top-50 dieses Rankings. Erst im November hatte Musk den drittplatzierten Bill Gates (134 Milliarden) überholt. Elon Musk scheint den Tesla Model X gegen eine Rakete von SpaceX getauscht zu haben, um in die unendlichen Weiten des Weltraums vorzudringen.



Auch der Höhenflug der Kryptowährung Bitcoin scheint kein Ende zu nehmen. Diese Woche konnte der Kurs erstmals die 40.000 US-Dollar Hürde überwinden. Der Marktwert aller Bitcoins liegt damit erstmals über einer Billion US-Dollar. Satoshi Nakamoto legte mit der Veröffentlichung des Bitcoin-Whitepapers im Oktober 2008 den Grundstein. Die Erzeugung von Bitcoins, die sogenannte Miner mit einer speziellen Software erzeugen, ist sehr komplex und verbraucht viel Strom. Der Stromverbrauch für den Bitcoin-Abbau hat sich seit Oktober nahezu verdoppelt. Laut einer Analyse der Universität Cambridge verbrauchten Miner 2020 rund 92,8 Terawattstunden Strom. Das ist mehr als der Stromverbrauch Österreichs (72 Terawattstunden) oder rund ein Sechstel des gesamten Stromverbrauchs Deutschlands. Der eingesetzte Strom gilt aber nicht gerade als sauber. China ist der mit Abstand größte Bitcoin-Miner. Im Reich der Mitte wird noch mehr als die Hälfte des Stroms in Kohlekraftwerken erzeugt. Auf den Plätzen dahinter folgen mit den USA, Russland und Kasachstan öl- und erdgasreiche Nationen.

Ein für Kryptowährungsliebhaber historischer Tag ist der 22. Mai 2010, der als „Bitcoin Pizza Day“ in die Geschichte einging. An diesem Tag fand die erste dokumentierte Transaktion statt. Für 10.000 Bitcoins wurden 2 Pizzen gekauft. Das ist mittlerweile etwas mehr als zehn Jahre her. Heute würde man für 10.000 Bitcoins anstelle von 2 Pizzen 400 Millionen Dollar bekommen. Damit könnte man sich für die nächsten 110.000 Jahre täglich eine Pizza liefern lassen.

Donnerstag, 31. Dezember: Blockbuster und Geschichtsbücher

2020 ist anders. Die letzten Tage des Jahres verwende ich traditionell dazu, das abgelaufene Jahr Revue passieren zu lassen, zu reflektieren und mich für das kommende Jahr auszurichten. Während ich meinen Espresso trinke, tobt draußen ein wilder Schneesturm. Unweigerlich kommen mir die Gedanken in den Sinn, die ich mir vor genau einem Jahr - an der gleichen Stelle sitzend - machte. Corona war für mich noch ein mexikanisches Bier, einen Shutdown kannte ich nur von Hollywood-Blockbustern und einen derart dramatischen Börsencrash und einen so rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit kannte ich, trotz meiner mehr als 20 Jahre Berufserfahrung, nur aus den Geschichtsbüchern.

Es kam alles ganz anders und Surreales wurde plötzlich zur Realität. 2020 hat mich gelehrt, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts, unmöglich ist. Im Frühjahr, nach dem Shutdown im März erlebten wir einen Börsencrash, der auch im historischen Kontext seinesgleichen sucht. Binnen weniger Tage verloren die Weltbörsen mehr als ein Drittel ihres Wertes. An den Märkten ging man davon aus, dass das BIP um rund 25 Prozent einbrechen wird. Es kam aber alles ganz anders als befürchtet. Die Finanzmärkte zündeten ein Kursfeuerwerk, welches seinesgleichen sucht. Ausschlaggebend dafür war aber nicht die realwirtschaftliche Entwicklung.

Die Notenbanken feuerten aus allen Rohren. Die Bilanzsumme der vier größten Notenbanken der Welt erhöhte sich innerhalb eines Jahres von 16,5 Billionen US-Dollar um mehr als 50 Prozent auf unglaubliche 25 Billionen US-Dollar. Die Notenbanken überschwemmten die Märkte mit Liquidität und stützten damit die Kurse. Die Europäische Zentralbank mutierte in diesem Umfeld zum größten Gläubiger von Staatsanleihen. 35,9 Prozent der deutschen, 28,3 Prozent der spanischen, 26,8 Prozent der österreichischen oder 21,1 Prozent der italienischen Staatsanleihen türmen sich auf der EZB-Bilanz. Global betrachtet, weist aktuell mehr als jede vierte Anleihe im guten Bonitätenbereich (Investment-Grade) eine negative Ertragserwartung auf. In Europa ist das mit mehr als 40 Prozent noch ausgeprägter. Aber auch die Staaten ließen sich nicht lumpen. In Summe wurden global bereits mehr als 10 Billionen US-Dollar in Rettungspakete verabschiedet. 20 Prozent davon werden in die Arbeitsplätze-Rettungsprogramme investiert.

Rechtzeitig zum Jahresende hat der scheidende US-Präsident Donald Trump auch noch ein 900 Milliarden. US-Dollar Hilfspaket zähneknirschend verabschiedet, nachdem er es im Vorfeld noch als Schande bezeichnete. Eine Minute vor 12 – oder nur weniger als eine Handvoll Tage vor dem harten BREXIT – konnten sich die EU und Großbritannien doch noch einigen. Damit ist ein Thema, welches die Finanzmärkte seit vielen Jahren beschäftigte, einmal vom Tisch.

Für 2021 scheint alles angerichtet zu sein. Die Notenbanken und die Politik bleiben im Dauerfeuermodus. Mit einer baldigen Kursänderung rechnen mittlerweile nicht einmal mehr die kühnsten Pessimisten. Mit dem Zitat „Whatever it takes“ scheint dem früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi ohnehin längst ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Obwohl ich prinzipiell wenig von Prognosen halte, wage ich dennoch einen Versuch: 2021 wird weniger turbulent als 2020.

Samstag, 19. Dezember: Zombie-Unternehmen im Fokus

Rund um die bevorstehenden Feiertage haben viele europäische Staaten ihre Schutzmaßnahmen drastisch verschärft. Österreich steht nach den Weihnachtsfeiertagen der dritte Lockdown bevor. Nach den Weihnachtsfeiertagen sperren die Geschäfte nicht mehr auf. Auch in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden werden die Coronamaßnahmen verschärft. In Deutschland sind mindestens bis zum 10. Jänner die Schotten dicht, in den Niederlanden sogar bis zumindest zum 19. Jänner. In London gilt die höchste Warnstufe, im Rest Großbritanniens dürfen maximal drei Haushalte eine „Christmas Bubble“ bilden. Frankreich hat bereits eine Silvester-Ausgangssperre ab 20:00 Uhr verhängt. 2020 ist einfach anders!

Die verschärften Corona-Maßnahmen einiger großer europäischer Länder beschäftigt natürlich auch die Kapitalmärkte. Es ist schließlich davon auszugehen, dass er tiefe wirtschaftliche Spuren hinterlassen wird. In Deutschland rechnet z.B. die Commerzbank durch den harten Lockdown mit einem BIP-Rückgang von -2% im 4. Quartal 2020 und -0,5% im 1. Quartal 2021.

Die Frage liegt auf der Hand, wie viele der verzweifelten Unternehmer das Handtuch werfen (müssen)? Die Creditreform gibt an, dass 2020 in Deutschland die wenigsten Insolvenzen seit 1993 und in Österreich sogar die wenigsten seit 1990 zu verzeichnen sind. Das aktuelle Niedrigzinsumfeld und die staatlichen Subventionen haben vielen (zumindest kurzfristig) das Überleben gesichert. Die Bundesbank spricht von der Gefahr der Insolvenzverschleppung und einem Anstieg von Zombie-Unternehmen. Damit sind Unternehmen gemeint, die eigentlich nicht überlebensfähig sind, allerdings künstlich am Leben gehalten werden. Für 2021 rechnet Creditreform aber mit einem signifikanten Anstieg der Insolvenzen. Der Kreditversicherer Euler sieht global betrachtet ähnliche Tendenzen und spricht sogar von einer „tickenden Zeitbombe“. Aufgeschoben ist schließlich nicht aufgehoben!

Die stockenden Brexit-Verhandlungen werden von den Finanzmärkten mehr oder weniger ausgeblendet. Mit der Zeit wird man abgebrüht. Die Welt wird sich – mit oder ohne Einigung in der letzten Minute – auch 2021 weiterdrehen. Eine Euphorie haben die ersten Covid-19 Impfungen entfacht. Vorreiter sind die USA und Großbritannien, aber auch in der EU scheint es nur mehr eine Frage von Tagen zu sein, bis mit den Impfungen begonnen werden kann. Das sorgt für positive Stimmung, da viele davon ausgehen, dass sich unser Leben bald wieder „normalisiert“.

Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health haben diese Woche eine neue Covid-19 Studie veröffentlicht. Wohlhabende Nationen, das sind rund 14% der Weltbevölkerung, haben bereits mehr als die Hälfte der potenziellen Impfdosen für 2021 reserviert. Das sind über 7 Milliarden Dosen, die im besten Fall für eine Immunisierung von 3,7 Milliarden Menschen sorgen können. Einige Länder sind hier besonders aktiv. Kanada hat sich z.B. vier Dosen pro Einwohner gesichert.

Als ein Problem könnten sich die extrem niedrigen Lagertemperaturen herausstellen. Selbst unter der Annahme, dass die Impfstoffe der 13 führenden Hersteller wirksam sein sollten und die Produktionsziele für das nächste Jahr erreicht werden, bestehe die Gefahr, dass ärmere Länder abgehängt werden. Wer zahlt, schafft an! Bis zu einem flächendeckenden Einsatz wird es wohl noch dauern. Mindestens einem Fünftel der Weltbevölkerung wird laut Einschätzung der Forscher der Zugang zu einem Impfstoff bis zum Jahr 2022 verwehrt. Auch wenn wir noch länger von den Klauen der Corona-Pandemie festgehalten werden, lernen wir damit zu leben und uns anzupassen. Und genau das stimmt mich positiv.

Samstag, 12. Dezember: Darf's ein bisserl mehr sein?

Diese Woche ist wieder ein bisschen Normalität bei uns zu Hause eingekehrt. Frühmorgens verlassen meine Frau und meine Kinder unsere Wohnung. Home-Office und Home-Schooling gehören der Vergangenheit an, der Normalzustand hat uns wieder. Für mich bedeutet das, dass ich „mein“ Büro wieder von meiner Tochter zurückerobern und meinen Arbeitsplatz vom Esstisch wieder an den gewohnten Schreibtisch verlagern konnte. Business as usual sozusagen. In Österreich haben diese Woche auch die Geschäfte wieder aufgemacht. Der große Andrang ist aber bisher ausgeblieben.

Covid-19 hat laut Einschätzung der Vereinten Nationen tiefe Spuren hinterlassen. Die Anzahl der Menschen, die in extremer Armut leben, hat sich in den letzten Monaten um 40 Prozent erhöht. Laut Definition sind das Menschen, denen weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung stehen. Mit dem Kauf eines Espressos in meinem Lieblingskaffeehaus gebe ich mehr Geld aus. Unvorstellbar. Weltweit leben aktuell knapp 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Das ist beinahe jeder zehnte Erdenbürger. 24 Prozent leben mit weniger als 3,20 US-Dollar und 43,6 Prozent mit weniger als 5,50 US-Dollar pro Tag. Guy Ryder, der Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), drückt es dramatisch aus: „Für Millionen Arbeiter bedeutet kein Einkommen: kein Essen, keine Sicherheit und keine Zukunft.“ Im 2. Quartal 2020 sind global 305 Millionen Vollzeitstellen verloren gegangen. Betroffen seien vor allem Tagelöhner, Leiharbeiter und Scheinselbstständige. Das Einkommen der Betroffenen ist durchschnittlich um 60 Prozent eingebrochen!

An den Börsen geht die Party weiter. Mit dem Dow Jones Industrial Index, dem S&P 500 und der Nasdaq 100 konnten diese Woche gleich drei US-Leitbörsen neue historische Höchststände erreichen. Die positiven Nachrichten auf der Corona-Impfstoff-Front und der expansive Kurs der Notenbanken sorgen für Rückenwind. Die Börsianer sind im Kauf-Fieber. Voll im Trend sind Tech-Aktien. Tesla nutzte den aktuellen Börsenkurs und führte eine Kapitalerhöhung durch. Eine Verwässerung von einem Prozent spülte stattliche fünf Milliarden Euro in die Kasse. Diese Woche ging auch der US-Essensauslieferer Doordash an die Börse. Investoren, die in der Emission Aktien zum Kurs von 102 Dollar zugeteilt bekommen haben, machten einen satten Gewinn. Der Firmenwert des Börsenneulings hat sich 2020 mehr als verdreifacht. Der erste Börsenkurs lag bei 182 Dollar! Wow!

Einen Tag später ging auch Airbnb an die Börse. Anfang der Woche ging man davon aus, dass der Emissionspreis zwischen 44 und 50 Dollar liegen wird. Der finale IPO-Kurs lag mit 68 Dollar deutlich darüber. Aber damit nicht genug. Der Eröffnungskurs lag bei 146 Dollar und damit 140 Prozent über dem Emissionskurs. Darf es ein bisserl mehr sein? Das Unternehmen wird mit 47 Milliarden Dollar bewertet und ist damit das teuerste IPO des Jahres 2020. Da hat sich in den letzten Monaten viel getan. In der letzten Finanzierungsrunde inmitten der Coronakrise wurde der Unternehmenswert noch auf 18 Milliarden US-Dollar geschätzt. Und das in einer Zeit, in der die Reisebranche am Boden liegt. Für Investoren scheint Airbnb mittlerweile viel mehr ein Technologie- als ein Touristikunternehmen zu sein. Das Jahresende 2020 ist IPO-Zeit!

Die Euphorie scheint grenzenlos. Jeder, der Aktien zugeteilt bekommen hat, kann sich schon einmal die Hände reiben. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie werden bei mir Erinnerungen an die Technologieblase in den 1990ern wach. Bin schon gespannt, ob die Unternehmen die hohen Erwartungen der Investoren auch langfristig erfüllen können.

Samstag, 5. Dezember: Alles überstanden? Wirklich?

Seit meiner frühesten Kindheit liebe ich Schnee. Besonders der erste Schnellfall eines Winters ist ein besonderes Ereignis. Diese Woche war es soweit. Während ich meinen Espresso nach einem ausgedehnten Morgenspaziergang genieße, blicke ich in eine wunderschöne, weiße Schneelandschaft. Diese Liebe zum Weiß habe ich offenbar auch an meine beiden Kinder vererbt. Schneemannbauen, Schneeballschlachten und Schlittenfahren sind dieser Tage Pflicht.

Als ich an die letzte Schlittenfahrt denke, kommt mir unweigerlich der Bitcoin-Kurs in den Sinn. Mal geht es rauf, mal geht es runter. Und das mit einer ziemlich rasanten Geschwindigkeit. Definitiv ist das nichts für Menschen mit einem schwachen Nervenkostüm. Dieser Tage war es dann soweit. Nach einigen erfolglosen Anläufen knackt der Bitcoin-Kurs die gläserne Decke und erreicht ein neues Allzeit-Hoch. Investoren können sich freuen. Seit Anfang des Jahres hat sich der Kurs verdoppelt. Kalt und düster – der Winter ist eine Zeit, die man benötigt, bevor im Frühling wieder alles in voller Pracht zu blühen beginnt. Die Corona-Epidemie hat einen Angebots- und Nachfrageschock ausgelöst. Das hat massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

In Europa ist die Arbeitsleistung im 2. Quartal um 14,7 Prozent zurückgegangen. Besonders stark betroffen waren laut einer Analyse der Agenda Austria Spanien, Griechenland, Portugal und Italien. Angestellte haben im 2. Quartal 2020 rund ein Viertel weniger gearbeitet als in einem normalen Jahr. Am wenigsten gesunken ist die geleistete Arbeitszeit in den Ländern Finnland, Schweden und Dänemark, die sich für einen weniger harten Lockdown entschieden haben. In den Nordländern ist die Arbeitsleistung lediglich um rund fünf Prozent zurückgegangen.

Werfen wir einen Blick auf die Finanzmärkte. Dort scheint der Optimismus überhandzunehmen. Der amerikanische S&P 500 Index erlebte den besten November seit 1928. Durchschnittlich konnten die größten 1000 US-Unternehmen um 17,4 Prozent zulegen. Besonders erfolgreich entwickelten sich Technologieunternehmen. Der Nasdaq Index konnte seit März 2020 Kursgewinne von mehr als 77 Prozent erwirtschaften. Es läuft wie am Schnürchen.

In den USA werden 2020 die Unternehmensgewinne um 17,2 Prozent einbrechen. Die Investmentbank Goldman Sachs geht davon aus, dass bereits 2021 die Gewinne wieder um 29 Prozent steigen werden. Wenn diese Prognose eintrifft, haben wir das Tal der Tränen bereits durchschritten. Mir ist bewusst, dass der Finanzmarkt der Realwirtschaft etwas vorausläuft.

Aber haben wir wirklich schon alles überstanden? Was ist mit den vielen Arbeitslosen? Amazon plant eine riesige Aufnahmewelle und stellt gegenwärtig 1500 Mitarbeiter pro Tag ein. Aber reicht das aus, wenn sich auf der anderen Seite viele Einzelhändler von Mitarbeitern trennen müssen? Ist die angekündigte Insolvenzwelle der Unternehmen abgesagt worden? Und schafft die Wirtschaft wirklich eine V-Bewegung? Für kommendes Jahr wird global mit einem Wachstum von 6,9 Prozent gerechnet. Oder liegt es daran, dass die Notenbanken weiterhin massiv Wertpapiere aufkaufen? Spannend ist auch, dass der US-Dollar im Verhältnis zum Euro erstmals seit 2018 wieder die Schwelle von 1,20 überschritten hat. Seit März hat der US-Dollar gegenüber dem Euro 13 Prozent an Wert eingebüßt. Die Marktteilnehmer sind sehr „bearish“, gehen also von einer weiteren US-Dollar Abwertung aus.

Ob die angekündigte Revolution der Dollar-Schwäche auch wirklich stattfinden wird, wird uns wohl erst die Zukunft weisen.

Samstag, 28. November: Sommer, Sonne, Sonnenschein - mitten im November

Es ist neblig und trüb. Ein typischer Novembermorgen. Mein geliebter Espresso ist seit vielen Jahren nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Genussvoll schwenke ich die kleine Tasse hin und her. Die neuen, starken Bohnen sind ausgezeichnet. Ein Markenzeichen des Espressos ist seine schwarze Farbe. Diese Woche erlebten wir aufgrund von Thanksgiving eine kurze Handelswoche in den USA. Traditionell folgt darauf der Black Friday. Einzelhändler überschütten Konsumenten mit Rabatten und versuchen dadurch, den Konsum anzuregen. Der Ursprung liegt in Philadelphia im Jahr 1966. Über die Herkunft des Namens gibt es viele Theorien. Eine davon ist, dass an jenem Freitag Händler durch exorbitant hohe Umsätze die Chance haben, in den positiven Ergebnisbereich zu kommen. Aus dem roten in den schwarzen Bereich sozusagen. Eine andere Theorie unterstellt, dass Händler an diesem Tag vom vielen Geldzählen schwarze Hände bekommen.

Trotz der kurzen US-Handelswoche herrscht an den Börsen eine gute Stimmung. Zu Wochenbeginn wurde verkündet, dass die ehemalige amerikanische Notenbankpräsidentin Janet Yellen neue Finanzministerin wird. Das löste an den Börsen eine Jubelstimmung aus. Yellen wird damit die erste Frau an der Spitze der amerikanischen Notenbank und die erste Frau an der Spitze des Finanzministeriums. Yellen wurde 2018 vom Noch-Präsidenten Donald Trump unrühmlich durch Jerome Powell ersetzt. Das Comeback 2021 ist damit sicher Balsam auf ihren Wunden. Apropos Powell: Er beschleunigt nochmals den expansiven Kurs. 21 Prozent der US-Dollar wurden 2020 gedruckt! Trotz der Liquiditätsflut ist von Inflation weit und breit keine Spur.

An den Börsen herrscht trotz trüber Novembertage Sommer, Sonne, Sonnenschein. Der Dow Jones erklomm diese Woche erstmals die 30.000-Punkte-Marke. Im März notierte er noch unter 20.000 Punkten. Elon Musk löste diese Woche Bill Gates als zweitreichsten Mann der Welt ab. Grund dafür war ein weiterer, sprunghafter Kursanstieg bei der Tesla-Aktie. In den letzten 12 Monaten konnte das Unternehmen um 675 Prozent zulegen. Unfassbar, meinen Sie nicht auch?

Und dann hätten wir auch noch den Bitcoin-Kurs, der sich zu Wochenbeginn wieder seinem Allzeithoch annäherte, bevor er Mittwoch wieder um 2000 US-Dollar abstürzte. Im März lag der Kurs noch bei knapp über 5000 US-Dollar – aus einem investierten Dollar wurden trotz der jüngsten Verluste innerhalb weniger Monate 3,5 US-Dollar. Da kann man am Black Friday ordentlich auf den Putz hauen! Die Euphorie scheint beinahe grenzenlos. Die Kursprognosen bis Ende 2021 liegen zwischen 25.000 und 318.000 US-Dollar. Da fällt mir nur ein: Alles ist möglich, aber nichts ist fix. Die Stimmung an den Finanzmärkten ist sehr optimistisch. Als Börsianer lernt man aber, sich nicht gegen den Trend zu stellen. Auf den S&P 500 werden aktuell nur 1,6 Prozent der Marktkapitalisierung auf fallende Kurse (Short-Positionen) gesetzt. Das ist ein Rekordtief. Wenn man die letzten Woche Tesla-Short war, erlebte man einen absoluten und nicht enden wollenden Albtraum!

Trotz aller Euphorie gibt es aber auch eine Schattenseite. Ein paar Beispiele gefällig? In den USA leben 43 Millionen Menschen von Essensmarken. Das sind immerhin 13 Prozent der Gesamtbevölkerung. Gegen Jahresende könnten viele US-Amerikaner den Wohnsitz verlieren. Rund 25 Millionen Selbstständige und Angestellte verlieren ihre Pandemie- und Arbeitslosenunterstützung. Die Kluft zwischen einzelnen Bevölkerungsschichten droht damit weiter auseinanderzuklaffen. Eine weitere Erklärung für den Black- Friday. Die Menschenmassen in den Einkaufszentren erinnern an den Bankenansturm nach dem Börsencrash 1929, der als Black Thursday in die Börsengeschichte eingegangen ist. Bleibt zu hoffen, dass uns ein „Black 2021“ erspart bleibt! Aber vorab heißt es für viele Konsumenten rund um den Erdball, rein ins „virtuelle“ Einkaufszentrum von Amazon-Chef Jeff Bezos – er muss schließlich den Top-Platz im Milliardärs-Ranking gegen den heranstürmenden Elon Musk verteidigen.

Samstag, 21. November: Immer wieder neu erfunden

Wehmütig schaue ich im Morgengrauen aus dem Fenster. Es ist trüb und die Wälder sind nebelverhangen. Vor nicht einmal einer Woche hat die Regierung den zweiten, harten Lockdown verkündet. Für eine Familie mit zwei Schulpflichtigen bedeutet das eine Ausnahmesituation. So wie uns geht es wahrscheinlich vielen anderen Familien auch. Die Tage sind bis zum Bersten gefüllt. Zwischen Home-Schooling, Home-Office und der Kinderbetreuung bleibt nicht mehr viel Zeit.

Diese Woche hat mich mein Sohn bei der Arbeit beobachtet. Ich habe mich gerade mit der Unternehmensgeschichte von Tech-Unternehmen beschäftigt. Diese Unternehmen sind gesellschaftlich fest verankert und auch für einen Zwölfjährigen keine Unbekannten. Sein erstes Mobiltelefon war von Samsung. Das Unternehmen wurde 1938 als Exportunternehmen gegründet und verschiffte Fische von Korea nach China. Heute dominiert Samsung mit Apple den Smartphone-Markt. Apple wiederum wurde 1976 gegründet und produzierte ursprünglich Personal Computer. Das erste iPhone, heute Apples wichtigste Ertragsquelle, wurde „erst“ 2007 präsentiert. Laut neuesten Zahlen sind erstmals mehr als eine Milliarde iPhones aktiv im Einsatz.

In diesem Zusammenhang hole ich etwas aus und erzähle ihm, dass mein erstes Handy ein Nokia war. Was damals hipp war, klingt heute irgendwie historisch. Das Unternehmen wurde 1973 gegründet und verkaufte ursprünglich Gummistiefel. Um die Jahrtausendwende dominierte Nokia den Markt. Danach wurde der Smartphone-Trend verschlafen und das Unternehmen versank in der Bedeutungslosigkeit. Sony wurde 1945 gegründet und scheiterte zunächst mit einem einfachen Reiskocher. Heute ist die Playstation aus dem Leben der Millennials und der Generation danach nicht mehr wegzudenken. Twitter wurde 2005 als Podcast-Unternehmen gegründet. Heute werden 6.000 Tweets pro Sekunde von 330 Millionen aktiven Usern produziert. Dann hätten wir noch YouTube. Das Unternehmen wurde 2005 als Video-Dating-Plattform gegründet. Heute ist YouTube die beliebteste Video-Plattform und wird monatlich von zwei Milliarden Menschen verwendet. Und abschließend kommen wir noch auf die Nintendo Switch meines Sohnes zu sprechen. Nintendo wurde 1889 gegründet und verkaufte ursprünglich handgemalte Spielkarten. Alle erfolgreichen Unternehmen eint, dass sie sich im Laufe der Zeit immer wieder neu erfunden haben. Gerade das ist es, was mich als Unternehmensgründer im Jahr 2020 antreibt. Die wenigsten Unternehmen sind bereits mit dem ersten Produkt erfolgreich.

Kennen Sie Intangible Assets? Damit sind immaterielle Vermögenswerte wie z.B. Patente, die Unternehmensreputation oder Markenwerte gemeint. Mittlerweile repräsentieren 90% aller Vermögenswerte des S&P 500 Intangible Assets. Tangible Assets, das sind herkömmliche Vermögenswerte, wie z.B. Immobilien, Maschinen oder auch Lagerbestände, verlieren zunehmend an Bedeutung. In den 1970ern repräsentierten sie noch 83% aller Vermögenswerte, in den 1990ern noch 68%. Intangible Assets sind schwer zu bewerten. In Zahlen ausgedrückt belaufen sie sich auf 21 Billionen Dollar. Das entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung (BIP) der USA. Vor einigen Jahrzehnten zeugten noch große Fabrikshallen oder eine riesige Firmenzentrale von wirtschaftlichem Erfolg. 2020 spielt das eine „untergeordnete“ Rolle.

Samstag, 14. November: Comeback für "Survival of the Fittest"

Die Schlacht der Schlachten ist geschlagen. Joe Biden wird der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Und das in einer Lebensphase, in welcher viele andere Männer pfeiferauchend in ihrem Schaukelstuhl sitzen und ihre Enkel beim Spielen beobachten. Eines scheint sich schon abzuzeichnen. Es wird anders. Ein neuer Wind eines alten Mannes pfeift durch Washington. Der neue US-Präsident will sich auch dem Kampf gegen den Klimawandel widmen.

Joe Biden kündigte an, den Trump’schen Austritt aus dem Pariser Klima-Abkommen zurückzunehmen und mehr als 2 Billionen US-Dollar für saubere Energie und „grüne“ Arbeitsplätze ausgeben zu wollen. Zudem bekannte er sich zu dem Ziel, den CO2-Ausstausch bis 2050 auf Null zu reduzieren. Das ist einmal eine Ansage und eine Annäherung an Europa mit ihrem EU Green Deal. Von den weltweiten CO2-Emissionen entfallen rund drei Viertel auf den Bereich der Energieverwendung. Im Kampf gegen den Klimawandel, für mich eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, ist eine ambitionierte und global koordinierte Vorgehensweise unabdingbar.

Trotz des ungewöhnlich schönen Novemberwetters und der robusten Finanzmärkte durchlebe ich ein Stimmungstief. Die Ruhe vor dem Sturm? Steigende Covid-19 Zahlen und der erneute Lockdown drücken mir aufs Gemüt. Die wirtschaftlichen Folgen werden durch unfassbar große Hilfsmaßnahmen abgefedert. Zumindest vorrübergehend. Der Staat und die Notenbank, die Retter in der Not! Aber wie lange wird das noch gut gehen? Wann haben wir unser Pulver verschossen? Unweigerlich muss ich an die unbeschwerten Tage vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie denken. Die Welt teilt sich in die Zeit VOR und die Zeit NACH Corona. Die Welt ist im Umbruch.

Das wichtigste Exportgut vieler Staaten ist nach wie vor Öl. Das zieht sich von Nordamerika (USA und Kanada), Südamerika (z.B. Venezuela), Europa (z.B. Norwegen, Russland) und Asien (z.B. Iran, Indien) bis nach Afrika (z.B. Nigeria, Kongo). In Europa dominiert die Industrie. Wichtigstes Exportgut sind Teile der Automobilindustrie (z.B. Deutschland, Österreich oder Spanien), Flugzeugbau (Frankreich) oder Pharmaindustrie (z.B. Italien oder Irland). Aber ist das noch zeitgemäß? Vor allem in Zeiten der Technologisierung und des Klimawandels? Die Karten werden neu gemischt.

Das wird spätestens 2020 offensichtlich. Darwins „Survival of the Fittest“ feiert ein Comeback. Das Verwalten und verzweifelte Festhalten an alten Strukturen ist wenig erfolgversprechend. Die Welt ist schließlich im Umbruch. Innovation und Anpassungsfähigkeit ist das Gebot der Stunde. Chancen bietet schließlich jedes Umfeld. Überleben wird der Anpassungsfähigste und nicht der Stärkste. Die Dinosaurier können ein Lied davon singen. Das betrifft sowohl Unternehmen aber letztendlich jeden Einzelnen von uns. Und genau das stimmt mich wieder positiv. Schließlich haben wir es damit irgendwie selbst in der Hand!

Samstag, 7. November: Viel Lärm um Nichts an der Wall Street

Irgendwie kann ich es gar nicht glauben. Ungläubig starre ich in den trüben Novembermorgen und lasse die vergangene Woche Revue passieren. Der Espresso entfaltet wohltuend seine gewünschte Wirkung. Die Terroranschläge von Wien breiten sich wie ein dunkler Schatten über Österreich und die westliche Welt aus. Es zeigt unsere Verwundbarkeit und macht mich tief betroffen. Neben dem menschlichen Drama gehen damit auch verheerende wirtschaftliche Folgen für die Bundeshauptstadt einher. Die Hotellerie und der Handel klagen über (weitere) massive Umsatzeinbrüche. Erschwerend kommt hinzu, dass wir uns seit dieser Woche im zweiten Corona-Lockdown befinden. Das betrifft nicht nur Österreich, sondern viele weitere europäische Länder. Der wirtschaftliche Ausblick ist düster und die Wachstumsprognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute werden in Anbetracht dessen wohl nicht zu halten sein.

An den Finanzmärkten liegt der Fokus auf der US-Präsidentenwahl. Es scheint sehr wahrscheinlich, dass Joe Biden ins Weiße Haus einziehen wird. Noch-Präsident Donald Trump gibt sich als schlechter Verlierer. Bereits am Wahltag erklärt er sich vorzeitig zum Sieger und kündigte bereits Klagen an, sofern er nicht Präsident werden sollte. Die Wall Street nimmt Anleihe an William Shakespeare: Viel Lärm um Nichts! Irgendwie passend, dass es in der Komödie um eine Hochzeit , die durch eine Intrige eines Edelmannes verhindert werden sollte.

Die Börsianer befinden sich im Kauf-Modus. Am Mittwoch erlebten wir den größten Tagesgewinn in der US-Börsengeschichte am Tag nach einer US-Präsidentschaftswahl. Der Senat ist in republikanischer Hand. Dadurch wird es für einen Präsident Joe Biden nicht einfach, eine Steueranhebung durchzubringen. Auch die Drohung, das Monopol der Tech-Giganten zerschlagen zu wollen, scheint in dieser Konstellation nicht umsetzbar. Das regulatorische Risiko nimmt für den Tech-Sektor deutlich ab und beflügelt die Börsenlieblinge des Jahres 2020. Die Ant Group, ein Paypal-Konkurrent, musste diese Woche den Börsengang in Shanghai absagen. Die Emission (IPO) hätte 34 Milliarden Dollar einspielen sollen. Dieses Geld steht jetzt wieder zur Disposition und wird wohl wieder den Weg in die US-Technologiebörse Nasdaq finden. Das dürfte den Tech-Sektor weiter beflügeln.

Die Börsianer haben meiner Einschätzung nach einen Tunnelblick. Einzig und allein die US-Wahl erregte die Aufmerksamkeit. Diesen Logbuch-Eintrag möchte ich daher mit einem kurzen Ausblick abschließen. Die Zentralbanken geben weiterhin Vollgas. Die britische Notenbank hat diese Woche die expansive Politik stärker als erwartet ausgeweitet. Es ist davon auszugehen, dass die EZB in ihrer nächsten Sitzung nachzieht. Die Aktienmärkte beflügelt zudem die Hoffnung auf einen Covid-19 Impfstoff und die Aussicht auf ein 1,5 Billionen US-Dollar Wirtschaftspaket, das noch heuer von den USA verabschiedet werden soll.

Die Unternehmensergebnisse für das 3. Quartal konnten die Erwartungen der Analysten übertreffen. Sorgen bereitet ein erneuter, starker wirtschaftlicher Einbruch, steigende Arbeitslosenraten oder auch ein deutlicher Schuldenanstieg. In Deutschland steigen die Schulden dieser Tage um 10.424 Euro pro Sekunde. Zum Vergleich dazu sind sie in der Finanzkrise 2008/09 „nur“ um 4436 Euro angestiegen. Daran werden nicht nur wir, sondern auch noch unsere Nachkommen zu knabbern haben!

Samstag, 31. Oktober: Trump, Biden, Sumsi und der Sparefroh

Als ich heute morgen mit meinem morgendlichen Espresso auf die Terrasse trete, empfängt mich die kalte Morgenluft eines Herbsttages. Die Wälder erstrahlen in bunten Farben und die Tage sind bereits merklich kürzer geworden. Diese Woche steht wieder der Weltspartag auf der Agenda. Beim Gedanken daran kommen mir unweigerlich die Helden meiner Kindheit Sumsi und Sparefroh in den Sinn – erinnern Sie sich? Für mich war es immer sehr aufregend, mit meinen gesamten Ersparnissen auf die Bank zu pilgern und mir als Belohnung ein Geschenk aussuchen zu dürfen. Durch die aktuell vorherrschende Unsicherheit wird emsig gespart. Das Finanzvermögen der Österreicher liegt bei 731 Milliarden Euro. Dem gegenüber stehen knapp 200 Milliarden an Verpflichtungen. Rund die Hälfte des Nettovermögens wird bei Banken de facto mit Null verzinst gebunkert. Den Notenbanken sei Dank. Die aktuelle Inflationsrate beträgt 1,5 Prozent. Damit verliert das Sparguthaben der Österreicher jährlich 3,75 Milliarden Euro an (realem) Wert. Um die Chance auf einen realen Geldwerterhalt zu gewährleisten, ist man 2020 gezwungen, gewisse Risiken einzugehen.

Auch an den Finanzmärkten bläst diese Woche ein eisiger Herbstwind. Corona ist endgültig zurück und hat die Unsicherheit erneut entfacht. Zudem steht nächste Woche mit der US-Präsidentenwahl ein sehr wichtiges Ereignis vor der Tür. Die Börsianer sind gespalten. 50 Prozent gehen davon aus, dass der amtierende Präsident das Rennen machen wird – auch wenn Joe Biden in Umfragen vorne liegt. Die andere Hälfte rechnet mit einem Sieg des demokratischen Herausforderers. Fix scheint nur, dass in den kommenden Jahren ein Mann in den Siebzigern den Takt angeben wird. Finanzmarktteilnehmer sehen es gelassen. Skeptisch gesehen wird aber die Kombination Joe Biden als Präsident mit einem demokratisch dominierten Senat. In diesem Szenario ist mit Steuererhöhungen zu rechnen. Das wiederum könnte die Unternehmensgewinne laut Schätzungen um bis zu zehn Prozent reduzieren.

Durch die Covid-19 Krise sind die Gewinne der Unternehmen heuer bereits um 21 Prozent eingebrochen. Für 2021 rechnet der Markt mit einer massiven Erholung und einem Gewinnanstieg von 30 Prozent. Viele Investoren haben ihre Risikopositionen im Oktober wieder aufgebaut. Besonders der Bereich der indexnahen Investments (ETFs) hat mit 62 Prozent der Nettozuflüsse im Aktienbereich deutlich profitiert.

Nur wenige Aktien, allen voran jene aus dem Technologiesektor, haben zur Performance im letzten Jahr beigetragen. Nur 30 Prozent der Unternehmen konnten eine bessere Wertentwicklung als der „S&P 500 Index“ aufweisen. Vor Ausbruch der Covid-19 Pandemie lag der Wert noch bei deutlich über 50 Prozent. Damit liegen wir nicht mehr allzu weit vom Jahr 2000 entfernt, als wir uns mitten in der Internet-Blase befanden.

Der OECD-Generalsekretär Angel Gurria sorgte diese Woche für Aufsehen, als er eine „dicke, fette CO2-Steuer“ forderte. Trotz der wirtschaftlichen Rezession – die OECD geht 2020 von einem globalen Einbruch von fünf Prozent aus – müsse man den Kampf gegen den Klimawandel konsequenter angehen. Zudem warnte er vor einer neuen Flüchtlingskrise in Europa durch die Corona-Pandemie.

Wir leben in spannenden Zeiten. Die Zukunft ist ungewisser denn je. Abschließen möchte ich mit den Worten der deutschen Kanzlerin: „Der Winter wird schwer. Vier lange, schwere Monate. Aber er wird enden.“

Samstag, 24. Oktober: Das Jahr der Rezessions-Rekorde

Die USA sind immer noch die führende Wirtschaftsnation der Welt. Auch wenn China in den letzten Jahren massiv aufgeholt hat und sich abzeichnet, dass sich die jahrzehntelange US-Vorherrschaft in absehbarer Zeit dem Ende zuneigen wird. Für einen Börsianer wie mich steht im Oktober alle vier Jahre der US-Präsidenten-Wahlkampf auf der Agenda. Heuer ist es wieder soweit. Oder besser gesagt: Es sollte wieder soweit sein. Das Interesse der Investoren ist merkbar abgeflaut. Ich bin mir nicht sicher, ob das an den Kandidaten oder der Covid-19 Pandemie und deren Auswirkungen liegen mag. 2020 ist wahrlich anders. Donald Trump hat seinen demokratischen Kontrahenten Joe Biden als „Sleepy Joe“ bezeichnet. Der 77-jährige Biden sei für all jene die richtige Wahl, die eine schwache Wirtschaft und Verzweiflung wollen. Der amtierende Präsident scheint sich seiner Wiederwahl wohl alles andere als sicher zu sein. Ich bin schon sehr gespannt, was in den nächsten Wochen noch auf uns zukommen wird.

Wir leben in historischen Zeiten. Als ich heute Morgen meinen Espresso trinke, kreisen meine Gedanken immer wieder um eine Analyse der Weltbank. 2020 befinden sich 92,9 Prozent der Volkswirtschaften in einer Rezession. Das ist zwar wenig verwunderlich, aber doch irgendwie unglaublich. Von den großen Volkswirtschaften dürfte lediglich China 2020 wachsen. Seit Beginn der Analysen im Jahr 1871 gab es keinen vergleichbaren hohen Wert. Nicht in der Finanzkrise (61 Prozent), nicht in der Zeit des 1. Weltkriegs (70 Prozent), der Weltwirtschaftskrise (83,8 Prozent) oder des 2. Weltkriegs (60 Prozent). Im historischen Kontext wird das globale Ausmaß schonungslos offengelegt. Diese Krise ist ganz einfach anders und stellt uns vor große, weltweite Herausforderungen.

In diesem Umfeld kommen auch kleinere und mittelständische Unternehmen immer mehr unter Druck. In der Eurozone hat sich die Verschuldungsquote seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie mehr als verdoppelt. Tendenz stark steigend. An den Börsen treiben Zombie-Unternehmen ihr Unwesen. Damit sind jene Unternehmen gemeint, die mit ihrem durchschnittlichen Ergebnis der letzten drei Jahre nicht in der Lage sind, ihre Fremdkapitalzinsen zu begleichen. Am stärksten betroffen sind Unternehmen des Sektors „Pharma, Biotech & Life Sciences“. Jedes vierte US-Unternehmen ist ein Zombie! Überraschenderweise sind „nur“ 8 Prozent der US-Energieunternehmen nicht in der Lage, langfristig ihre Zinszahlungen durch ihre operative Tätigkeit begleichen zu können.
Als Synonym für diese Entwicklungen kommt die deutsche Lufthansa immer mehr in die Kritik. Im Rahmen einer Rettungsaktion wurde dem AUA-Mutterkonzern eine Staatshilfe von 9 Milliarden Euro zugesprochen. Der Börsenwert des Unternehmens beträgt allerdings „nur“ 4,9 Milliarden. Allein im heurigen Jahr fuhr das Unternehmen einen Verlust von 4,2 Milliarden ein. Wie lange werden die Staatshilfen wohl ausreichen?

Samstag, 17. Oktober: Ein Albtraum ohne Klimpern und Rascheln

Heute Nacht hatte ich einen Albtraum, der mich selbst für meine Verhältnisse früh aus den Federn gerissen hat. Als ich meinen Espresso trinke, werden Erinnerungen an meine Kindheit und Arnold Schwarzeneggers Terminator wach. In meinem Traum war ich der Held. Wer sonst! Anstelle mit Waffen habe ich mit einem 50-Euro-Schein um mein Überleben gekämpft. Alles andere wäre für einen Börsianer auch wirklich nicht glaubhaft, meinen Sie nicht auch? Mit meinem Bargeld bewaffnet, habe ich mich durch die Häuserschluchten meiner Heimatstadt geschlagen. Ein wahrer Kampf ums Überleben! „Keine Kreditkarte, keine Kryptowährungen – tut mir leid, alter Mann, aber so können Sie leider nichts kaufen.“ Bin ich wirklich ein Exot aus einer anderen Zeit? Ich spüre noch immer die Unruhe, die mich schweißgebadet hochfahren lässt. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.  

Ist dieser Gedanke Fiktion oder gehört eine Bezahlung ohne Klimpern und Rascheln wirklich bald der Vergangenheit an? Die Europäische Zentralbank steuert auf eine Digitalisierung des Geldes zu. Im September haben sich die Namensrechte für den „digitalen Euro“ gesichert. Zudem werden laufend Kryptowährungsexperten rekrutiert. Man muss schließlich mit der Zeit gehen. Das Wort „Krypto“ stammt von der Kryptographie ab und bedeutet verborgen oder geheim. Die Vorzüge liegen vor allem in der Transparenz und absoluten Nachvollziehbarkeit, was in Bezug auf die Namensgebung fast eine Themenverfehlung scheint.

Schwarzgeldzahlungen werden dadurch immer schwieriger. Die Kehrseite der Medaille ist der gläserne Mensch und ein Freiheitsverlust. Man wird noch in 100 Jahren nachvollziehen können, dass ich mir heute morgen beim Bäcker um die Ecke einen Espresso gekauft habe.

Für die EZB ist es sehr reizvoll, da sich damit unzählige Steuerungsmöglichkeiten ergeben. Sparer bekommen keine Zinsen. Wenn die Bank das Geld zur EZB legt, bezahlt Sie 0,5% „Strafzinsen“. Solange es Bargeld gibt, kann man es nicht an den Bürger weiterleiten. Wenn für unsere Bankeinlage jährlich ein „Strafzins“ von 10% berechnet werden würde, würden wir die Bankkonten leerräumen und das Geld unter unsere Matratze stopfen. Da ist der Zinssatz immerhin Null. Eine Abschaffung des Bargelds würde das untergraben. Die Zentralbank belastet alle Wallets jährlich mit einer „Strafsteuer“ und kurbelt damit den Konsum an. Im Falle einer großen Krise können die Bürger auch Geldgeschenke gutgebucht bekommen. Die Versendung von Schecks wie heuer z.B. in den USA gehört damit der Vergangenheit an. Wir als Bürger wären dann völlig machtlos.

Für mich ist das keine Fiktion, der Weg ist vorgezeichnet. Nur mehr 2% des Euros gibt es in physischer Form. Im Jahr 2019 wurden in der Eurozone bereits 162 Billionen Euro kontaktlos bezahlt. Covid-19 wird den Trend aus hygienischen Gründen weiter verstärken. EZB-Präsidentin Christine Largarde hat auf der Commander-Brücke Platz genommen und führt uns in eine neue Galaxie. Start the engine ...

Samstag, 10. Oktober: Heute erfolgreich, morgen obsolet

Die Corona-Pandemie zieht wieder weitere Kreise. In New York befinden sich bereits einige Stadtteile im Shutdown-Modus. Auch in Europa spitzt sich die Lage zu. Für mich heißt es traditionell Anfang Oktober, als externer Lektor auf die Karl-Franzens-Universität zurückzukehren. Am Freitag hatte ich meine erste Präsenzvorlesung im „Corona-Modus“. Das ist definitiv anders als noch in den Jahren davor. Trotz aller Vorgaben und Einschränkungen habe ich den direkten Kontakt und die Diskussionen sehr genossen. Das alles hat mir einmal mehr deutlich vor Augen geführt, wie sehr sich unser Leben in den letzten Monaten doch verändert hat. 2020 ist einfach anders!

An den Finanzmärkten hält die gute Stimmung an. In Deutschland ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob die Anzahl des erlauchten Kreises der DAX-Unternehmen von 30 auf 40 Mitglieder erhöht werden soll. Anscheinend sucht man zwanghaft Möglichkeiten, wichtigen Unternehmen einen Platz im Leitindex zu „sichern“. Auch in den USA erleben wir einen Umbruch. Während Tech-Titel ihren Vormarsch unbeirrt fortsetzen, verlieren alteingesessene Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Heute erfolgreiche Geschäftsmodelle können morgen schon wieder obsolet sein. Das sieht man auch an der durchschnittlichen Lebensspanne eines börsennotierten Unternehmens. In den 1950er Jahren betrug diese noch 60 Jahre. Also mehr als ein Erwerbsleben! Heute ist sie auf 15 Jahre gesunken. Das bedeutet, dass der Unternehmer im 21. Jahrhundert in derselben Zeitspanne vier Unternehmen gründet und zu Grabe trägt. „Trial and Error“ scheint die Devise zu sein.

Die Beschleunigung wird aber nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Arbeitnehmer sichtbar. War es in der Generation meiner Eltern „normal“, in seinem Leben nur bei einer Firma gearbeitet zu haben, ist man im 21. Jahrhundert mit einer mehr als zehnjährigen Firmenzugehörigkeit bereits ein Dinosaurier. Die Corona-Pandemie wird die Dynamik nochmals beschleunigen. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) geht davon aus, dass Arbeitnehmer, aufgrund der Corona-Pandemie, einen Einkommensverlust von zehn Prozent oder 3,5 Billionen US-Dollar erleiden. Das entspricht nahezu der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands, immerhin die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die Folgen sind wenig erbaulich. Staaten nehmen weniger Steuern ein und sind zudem mit höheren (Sozial)Ausgaben konfrontiert. Der „angeschlagene“ Konsument hortet das Geld und gibt weniger aus. Und das wiederum trifft die Unternehmen. Ein Teufelskreis, der trotz der ganzen Interventionen noch nicht wirklich durchbrochen scheint.

Samstag, 3. Oktober: Umbrüche und eine "nationale Peinlichkeit"

Diese Woche passiert in meinem Leben etwas Besonderes. Sie, lieber Leser, werden jetzt wahrscheinlich vermuten, dass ein Börsianer wie ich froh ist, den historisch schlechtesten Börsenmonat nahezu unbeschadet überstanden zu haben. Das trägt natürlich auch zu meiner guten Laune bei.

Es war schon lange mein Wunsch ein Unternehmen aufzubauen, zu entwickeln und zu gestalten. Für mich geht seit wenigen Tagen dieser langersehnte Traum in Erfüllung. Meine Unternehmervision ist es, den Fokus von kurzfristigen, singulären Ereignissen auf eine langfristige, nachhaltige Basis zu legen. Sie werden sich wahrscheinlich fragen, warum ich gerade in dieser wirtschaftlichen Krise diesen Schritt wage. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten und steigender Arbeitslosigkeit. Ihr Einwand ist berechtigt, keine Frage. In Zeiten großer Umbrüche ergeben sich aber auch viele Chancen. Die Karten werden neu gemischt und ganze Geschäftsfelder müssen neu bewertet und unter Umständen auch neu ausgerichtet werden. Beispiel gefällig?

Die Automobilindustrie ist im Umbruch. Erst wurde Tesla noch belächelt. Für Elon Musk ist das Automobil das komplexeste, wertvollste und massentauglichste Internet-Device. Die Erfolge veranlassen selbst alteingesessene Autobauer wie Volkswagen zum Umdenken. Der Börsenwert Teslas entspricht mehr als dem vierfachen Wert des deutschen Vorzeigeunternehmens. Auch in Wolfsburg lautet die Kernbotschaft mittelerweile: Volkswagen ist elektrisch oder gar nicht! Das ist einmal eine Ansage. Trotz der klaren Vorgaben ist aber ein Machtkampf zwischen drei Gruppen ausgebrochen. Der Konzern spaltet sich in Verweigerer, denen die Ausrichtung zu radikal erscheint, Verwirrte bzw. Überforderte und begeisterte Befürworter. Wenn nicht alle in die gleiche Richtung gehen, wird es schwierig, konkurrenzfähig zu bleiben.

Der Veränderungsprozess betrifft aber nicht nur deutsche Autobauer. Auch am amerikanischen Riesen Ford wird deutlich, dass die Karten neu gemischt werden. Alles was lange gut war, muss heute nicht mehr gut sein. Der Gewinn lag 2011 noch bei 16,9 Milliarden Dollar, 2015 betrug er noch 7,3 Milliarden und 2019 „nur“ mehr 47 Millionen Dollar. Das bedeutet, dass der Gewinn in acht Jahren um 99,7% eingebrochen ist. Die Corona-Pandemie 2020 noch gar nicht eingerechnet.

An den Börsen dominiert der US-Wahlkampf. Diese Woche erlebten wir die erste Debatte der Kandidaten Donald Trump und Joe Biden. Das TV-Duell wird wohl als die chaotischste Debatte aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Während Donald Trump sich selbstbewusst als Sieger erklärte, sprach Herausforderer Joe Biden von einer „nationalen Peinlichkeit“. Der US-Wahlkampf wird die nächsten Wochen eine dominante Rolle auf dem Börsenparkett einnehmen. Die Coronavirus-Infektion Donald Trumps und seiner Ehefrau Melinda sorgte gegen Wochenausklang noch für Unsicherheit. Nicht nur die Reise mit meinem Unternehmen, sondern auch der Kampf ums Weiße Haus hat eben erst so richtig begonnen.

Samstag, 26. September: V, U, W oder doch ein L?

Die Corona-Pandemie hat uns wieder fest in ihren Krallen. Mit steigenden Covid-19 Zahlen werden auch die Maßnahmen der Regierungen wieder restriktiver. Deutschland erklärte nach Wien zuletzt auch Innsbruck und Vorarlberg zum Risikogebiet.

Mit dem Schulbetrieb ist gerade für uns wieder ein Stückchen Normalität in den Alltag eingekehrt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber irgendwie fühlt es sich komisch an, mitten in einem Krisengebiet zu wohnen. Die Unsicherheit ist wieder zurückgekehrt und damit sinkt auch die Lust, zu konsumieren. Die größte Volkswirtschaft der Welt ist nach wie vor die USA. Nahezu jeder vierte Euro des Welt-BIPs stammt aus Übersee. Dahinter folgt China (noch) mit einem Anteil von 16,3 Prozent. Der Konsument ist dabei eine tragende Säule. In den USA sind 67,9 Prozent an der Gesamtwirtschaftsleistung auf die Konsumausgaben zurückzuführen. Im exportlastigen China sind es immerhin noch 38,5 Prozent. Gerade von dieser Säule der Weltwirtschaft ist in den nächsten Monaten relativ wenig Unterstützung zu erwarten. Das gesamte Umfeld, die damit verbundene hohe Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit sowie der zu erwartende Anstieg an Unternehmensinsolvenzen wirken mit Sicherheit nicht konsumanregend.

Wie rasch erholt sich die Weltwirtschaft? Die Aktienindizes der G-7 Länder haben auf Monatssicht zwar etwas mehr als sechs Prozent verloren, liegen seit Jahresbeginn aber nur leicht im negativen Terrain. Das impliziert eine „V“-Erholung, also einem starken Wirtschaftseinbruch und einer raschen Erholung innerhalb eines Jahres. Bei einer aktuellen und globalen Umfrage unter Vorstandsvorsitzenden (CEOs) gehen aber nur mehr elf Prozent der Befragten von diesem Szenario aus. Das wahrscheinlichste Szenario ist demnach eine „U“-förmige Erholung, also ein starker Einbruch und ein Erholungszeitraum von zwei Jahren. Rund ein Drittel geht vom ungünstigsten Szenario aus. In einer „L“-Bewegung haben wir einen starken Einbruch mit einer Erholungsphase, die viele Jahre andauern würde. Der verbleibende Rest prognostiziert ein „W“-Szenario. Hier würde uns nach einer raschen Erholung ein neuerlicher Einbruch bevorstehen. Ganz so optimistisch wie die Börse scheinen es die Unternehmenslenker also nicht zu sehen.

Larry Fink ist Chef von BlackRock, dem größten Asset-Manager der Welt. Fink geht davon aus, dass es in seiner Firma nie wieder eine 100-prozentige „Präsenzpflicht“ geben wird und maximal zwei Drittel der Mitarbeiter langfristig wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren. Es werden bereits Experimente mit Virtual-Reality-Headseats durchgeführt, welche den Bankern den Eindruck vermittelt, wie früher direkt im Handelsraum zu sitzen. 2020 ist irgendwie anders! Daran werden wir uns gewöhnen (müssen).

Samstag, 19. September: Spreu wird sich vom Weizen trennen

Mit dieser Woche kehrt ein Stückchen Normalität in unser Leben zurück. Damit geht es uns wahrscheinlich so wie vielen anderen Eltern schulpflichtiger Kinder. Auch wenn der Schulbetrieb nicht mehr mit jenem vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie vergleichbar ist, verläuft unser Leben wieder in geordneten Bahnen. Für einen Börsianer, wie mich, sorgen die Notenbanken für Kontinuität. Als ich meinen morgendlichen Espresso trinke, kommt mir Jerome Powell in den Sinn. Der Fed-Präsident signalisierte, dass die Nullzinspolitik zumindest bis 2023 beibehalten und Aktien und Anleihen weiterhin im großen Stil aufgekauft werden sollen. Auch die EZB verfolgt einen expansiven Kurs. Anfang Juni wurde das im März beschlossene Kaufprogramm (PEEP) um 600 Milliarden auf 1,35 Billionen Euro nahezu verdoppelt. Mittlerweile hält die EZB bereits Aktien- und Anleihenbestände von 3353 Milliarden Euro. Im März 2015 waren es vergleichsweise bescheidene 115 Milliarden.

Die Notenbanken befeuern damit die Finanzmärkte und sorgen dadurch für einen Käuferüberhang und steigende Kurse. Aber ist das alles nachhaltig? Was passiert, wenn die Liquiditätsschwemme versiegt oder die Marktteilnehmer das Vertrauen verlieren? Für mich haben sich die Finanzmärkte von der Realwirtschaft damit entkoppelt. Unter einer freien Marktwirtschaft stelle ich mir wahrlich etwas anderes vor.

Der Bankensektor steht vor einem Umbruch. Sinkende Margen, regulatorische Anforderungen und Fintechs bringen alteingesessene Institute schwer unter Druck. In der Schweiz verdichten sich die Gerüchte um eine Fusion der beiden Großbanken UBS und Credit Suisse. Die Bilanzsumme der Banken beträgt 1,7 Billionen oder rund den 2,5-fachen Wert der Schweizer Wirtschaftsleistung. Die beiden Häuser repräsentieren einen Börsenwert von rund 58 Milliarden Euro. Im internationalen Vergleich ist das immer noch gering. Angeführt wird das Ranking von J.P. Morgan mit 259 Milliarden Euro. Dahinter folgen die International Commericial Bank of China (217 Milliarden) und die Bank of America (186 Milliarden) auf den Plätzen zwei und drei. Der Börsenwert des einstigen Börsenprimus Deutsche Bank fällt mit 16 Milliarden Euro vergleichsweise bescheiden aus.

Europas Finanzinstitute haben in den letzten Jahren deutlich an Boden verloren. Es ist zu befürchten, dass sich der Druck auf die Banken durch Kreditausfälle weiter erhöhen wird. In den nächsten Jahren wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Tradition und eine lange Unternehmensgeschichte alleine werden nicht ausreichen, um auch in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben.

Samstag, 12. September: "Hin und her macht Taschen leer!"

Im September endet das Dolce Vita. Mit dem Schulbeginn ist es für viele von uns mit der Zeit der Muße vorbei. Für mich selbst war der Sommer eine Zeit des Abschiednehmens, des Loslassens und der Neuausrichtung. Es tat gut, nach dem kräfteraubenden Wochen rund um den Corona-Shutdown die Batterien wieder aufzuladen. Nach ein paar ruhigen Wochen wird es Zeit für ein Comeback des Börsianers.

Kennen Sie die alte Börsenweisheit: „Sell in may and go away, but remeber to come back in september“? Auch wenn es sich in der Vergangenheit oftmals als richtig herausgestellt haben sollte, reiben sich 2020 abwesende Investoren bei einem Blick auf die Kurse vermutlich verwundert die Augen. Der amerikanische S&P 500 konnte seinen Wert in den Monaten um 15 Prozent steigern. Wir erlebten den stärksten Augst seit 1986. Und das trotz der einbrechenden Unternehmensgewinne, der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit oder dem anstehenden Brexit. Gekauft wird nicht der Status quo - sondern 2021. Und wenn man deren Einschätzung glauben darf, können wir uns auf eine prosperierende Wirtschaft freuen.

Anfang September verkehrte sich das Bild etwas. Der S&P 500 verlor innerhalb weniger Tag sieben Prozent an Wert. Bei konsequenter Umsetzung der Börsenweisheit hätte man nicht nur 15 Prozent Gewinne „verloren“, sondern hätte gleich nach Wiedereinstieg herbe Verluste hinnehmen müssen. Blenden wir in den März zurück, wo die Kurse am Boden lagen und die Kurse in noch historisch einzigartiger Geschwindigkeit einbrachen. Beherzigt man die Börsenweisheit, „never catch a falling knife“, hätte man die atemberaubenden Kursgewinne der letzten Monate schlichtweg versäumt. Im Falle des ehemaligen DAX-Konzern Wirecard, der die Schlagzeilen in den Sommermonaten füllte, war es aber die richtige Entscheidung.

Komplett konträr lautet eine Empfehlung, die von Baron de Rothschild stammen soll: „Kaufe, wenn das Blut in den Straßen fließt.“ Mit einer konsequenten Umsetzung dieser Empfehlung wäre man 2020 reich geworden. Ausgenommen natürlich mit Wirecard. Bereits als junger Börsianer musste ich schmerzhaft erkennen, dass die These, „kaufe billig und verkaufe teuer“, gut klingt, aber schwer umsetzbar ist. Die essenzielle und meist nur rückblickend zu beantwortende Frage lautet: Was ist billig und was ist teuer? Meiner Erfahrung nach ist es erfolgversprechender, das Portfolio langfristig auszurichten anstatt dem kurzfristigen Erfolg hinterherzuhecheln. Denn eine Börsenweisheit stimmt mit Sicherheit: „Hin und her macht Taschen leer!“