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RLB-Chef Schaller Lehman-Pleite: „Die Welt war plötzlich eine andere“

Vor zehn Jahren kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers. Martin Schaller, Generaldirektor der Raiffeisen Landesbank erinnert sich an diese „Zäsur“ und warnt vor den Folgen der Nullzinspolitik.

 Martin Schaller, Generaldirektor der Raiffeisen Landesbank
Martin Schaller, Generaldirektor der Raiffeisen Landesbank © RLB/(c) KANIZAJ
 

Heute vor genau zehn Jahren kam es zur folgenschweren Pleite von Lehman Brothers, es folgten stürmische Tage. Wie haben Sie die Geschehnisse damals erlebt?
Martin Schaller: Ich kann mich noch sehr gut erinnern, fast so, als wäre es gestern gewesen. Wenn man, wie ich damals, im Treasuring für die Liquidität einer Bank verantwortlich ist, dann fährt so ein Ereignis durch Mark und Bein. Wir haben zwar in den Tagen und Wochen davor gewusst, dass es da in den USA große Probleme gibt. Bei Lehman hat es sich dann am Wochenende vor der Pleite zugespitzt. Wir sind am Freitag aus dem Büro hinausgegangen und rechneten eher mit einer Lösung – da war Lehman übrigens noch mit A1 geratet, so viel zur damaligen Rolle der Ratingagenturen. Als wir dann am Montag in der Früh in die Bank gekommen sind, war die Welt plötzlich eine andere.

Wie hat sich das gezeigt?
Schaller: Es war ein Zeitenwandel in der Bankenwelt. Die vermeintlich gute alte Zeit war mit einem Schlag zu Ende. Wir sind in ein neues Zeitalter für Banken eingetreten. Speziell als Treasurer haben wir immer gewusst, dass die Liquidität das höchste Gut ist. Wir als Bank waren damals von der Liquidität her, Gott sei Dank, sehr gut ausgestattet. Aber es ist dann doch auf einmal ein massiver Einschnitt erfolgt, weil der gesamte Interbankenmarkt zum Stillstand gekommen ist.

Mit welchen Folgen?
Schaller: Banken sind nun einmal der Blutkreislauf der Wirtschaft und wenn der plötzlich zum Stocken kommt, dann kann das ganz erhebliche Auswirkungen haben. Es war eine Schockwelle. Diejenigen Banken, die das Liquiditätsrisiko im Vorfeld schon ernst genommen haben, haben diese erste Schockwelle aber gut überstanden.

In Europa ist die Nachricht von der Lehman-Pleite in den frühen Morgenstunden über den Nachrichtenticker gekommen. Was waren Ihre ersten Reaktionen?
Schaller: Die Nachricht ist kurz vor sieben Uhr gekommen, ich bin an diesem Montag auch früher als normal ins Büro gekommen. Es gab also eine Art Schockstunde, bevor die Märkte in Europa langsam geöffnet haben. Als es so weit war, war die Katastrophe da. Die Märkte haben nicht mehr funktioniert.

War Ihnen in dieser Schockstunde schon klar, dass da mehr kommt als nur ein paar krisenhafte Tage oder Wochen?
Schaller: Wir haben das gesamte Ausmaß, das uns ja auch zehn Jahre danach noch immer beschäftigt, in dieser Stunde noch nicht gesehen. Aber wir haben gewusst, dass da jetzt eine Zäsur bevorsteht. Das ganze Ausmaß, das konnten wir noch nicht wissen, weil es das in dieser Form in der Geschichte auch noch nicht gab. Man hat bis dahin ja geglaubt, dass es so etwas wie unsinkbare Schiffe gibt.

Zur Person

Martin Schaller, geboren am 25. Juli 1965. Der gebürtige Oberösterreicher studierte
Handels- und Politikwissenschaften in Wien.

Nach Stationen bei der Creditanstalt war er von 2001 bis 2012 bei der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, wo er die Bereiche Treasury und Financial Markets leitete.

Im Mai 2012 wurde er Vorstandsmitglied bei der RLB Steiermark, seit 1. Oktober 2013 ist er Generaldirektor.

Diese Finanzkrise hat ja sehr schnell auf die Realwirtschaft durchgeschlagen. Hat das dann Regionalbanken stärker getroffen als die direkten Verwerfungen an den Finanzmärkten?
Schaller: Ja, diese Auswirkungen waren sicher die stärkeren, weil eben der Blutkreislauf der Wirtschaft nicht mehr so funktioniert hat. Das hat sich dann sehr schnell auf Unternehmen, andere Banken und auch Staatshaushalte ausgewirkt.

Gab es für Sie damals einen Moment, an dem Sie dachten, der Abgrund ist sehr nahe?
Schaller: Den Abgrund habe ich noch nicht vor mir gesehen. Auch deshalb, weil in dieser ersten Situation die Notenbanken sehr rasch und sehr energisch aufgetreten sind, um den Maximalschaden zu begrenzen. Es wurden Schutzschirme ausgefahren, das war damals auch absolut notwendig. Hätte es diese nicht gegeben, dann wäre der Abgrund nicht weit gewesen.

Die Immobilienblase in den USA, die den Weg für die Krise mitbereitet hat, basierte ja auch auf den damals extrem niedrigen US-Leitzinsen. Eine Situation, die wir heute auch in der Euro-Zone haben. Sehen Sie aktuell bedrohliche Blasenbildungen?
Schaller: Ich habe schon häufiger betont, dass ich nichts von dieser lang anhaltenden Null- oder Negativzinspolitik halte. Ja, es war kurzfristig ein Medikament, das man gebraucht hat. Aber wenn man so ein Medikament nicht irgendwann absetzt, dann wird man süchtig danach. Und die Ursachen werden dadurch nicht bekämpft. Es haben sich trotz dieser Zinsphase in vielen Ländern die Staatshaushalte nicht verbessert. Ganz im Gegenteil, man konnte zum Nulltarif weiter Schulden machen. Daraus können wiederum Gefahren für Blasen und Überhitzungen entstehen. Ich sehe das in Österreich derzeit zwar nicht. Aber gerade in einer guten konjunkturellen Situation, wie wir sie derzeit haben, ist diese Nullzinspolitik völlig überholt.

Ist das Finanzsystem heute weniger verwundbar?
Schaller: Man hat sicherlich in der Vor-Lehman-Zeit zu wenig auf Regulierungen auf den Finanzmärkten geachtet. Es wurden dann sehr viele Maßnahmen hergeleitet und umgesetzt. Für mich ist das Bild aber heute schon so, dass sich das Pendel von der zu wenig regulierten Phase hin zur Überregulierung bewegt hat. Ich bin auch der festen Meinung, dass es eine starke Aufsicht braucht und klare Regulierungen. Aber derzeit sehe ich die Gefahr der Überregulierung, die vor allem auch Regionalbanken trifft. Wenn man einen Markt überreguliert, kann das auch dazu führen, dass dieser Markt vor lauter Regeln nicht mehr gesund arbeiten kann.

Die globale Bankenbranche war in Folge von Lehman völlig in Verruf geraten, umgekehrt stieg das Vertrauen in Hausbanken. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Schaller: Ich glaube, dass es uns damals sehr schnell gelungen ist, da die Unterschiede herauszuarbeiten. Die Banken, die Banker waren auf der Beliebtheitsskala ganz unten. Wenn wir aber Studien gemacht haben, wie es um die Zufriedenheit mit der Hausbank steht, dann haben wir sehr gute Noten bekommen. Die persönliche Beratung stand und steht bei uns im Mittelpunkt. Das Einlagenvolumen ist bei Raiffeisen in der Steiermark seit 2008 um fast 40 Prozent angestiegen, von 10,8 auf derzeit 15,1 Milliarden Euro. Das ist ein sehr großer Vertrauensbeweis.

 

 Martin Schaller, Generaldirektor der Raiffeisen Landesbank
Martin Schaller, Generaldirektor der Raiffeisen Landesbank Foto © RLB/Kanizaj

Wie lange dauert die Irritationsphase der Sparer nach dieser ersten Schockphase?
Schaller: Die allgemeine Verunsicherung war zwar groß, es kam schon häufiger die Frage, ob denn das Geld überhaupt noch sicher ist. Wir konnten diejenigen, die da besorgt waren, aber schnell beruhigen auch mit den Hinweis darauf, dass unser Geschäftsmodell eben ein ganz anderes ist. Auch die Einlagensicherung in Österreich spielt da eine ganz wichtige Rolle.

Wie hat sich das Spar- und Anlageverhalten geändert? Es ist ja seit Jahren so, dass Sparer vor allem auf kurzfristige Veranlagungen setzen.
Schaller: Das ist auch ein Grund, warum ich kein Anhänger der Null- und Negativzinspolitik bin. Nach wie vor ist den Köpfen vieler, dass man einmal abwarten möchte. Nicht aus einer Unsicherheit heraus, sondern weil sie warten wollen, bis die Zinsen irgendwann wieder steigen. Daher wird Geld vielfach kurzfristig geparkt. Das sehen auch wir, diese Grundtenden ist schon noch immer da.. Wir sehen aber auch, dass mittlerweile auch wieder verstärkt in alternativen Veranlagungen wie Investmentfonds veranlagt wird. Aber gerade da möchten wir die Kunden mit Beratung hinführen, bei der der Veranlagungshorizont und die Risikobereitschaft hinterfragt wird.

Lehman war auch Auslöser für riesige Rettungspakete, die aber milliardenschwer waren. Unvorstellbar hohe Summen, die viele bis heute verstören. Wie ist es Ihnen damit gegangen?
Schaller: Es ist auch uns so gegangen, dass diese ganz hohen Summen damals erst einmal etwas schockierend gewirkt haben. Aber in der näheren Analyse hat man sehr schnell gesehen, dass das tatsächlich notwendig war, um größere Panik zu vermeiden.

Was hat der gesamte Bankenstandort Österreich aus Lehman gelernt, es gab ja auch Glücksritter mit Banklizenz, die teuer mit Steuergeld abgewickelt werden müssen?
Schaller: Ich glaube, dass der österreichische Bankenmarkt mittlerweile gut aufgestellt ist. Natürlich haben wir alle gelernt, uns weiterentwickelt. Gewisse Glückritter gibt’s nicht mehr, was gut ist. Andere haben sich konsolidiert und sich neu aufgestellt. Ich sorge mich nicht um den österreichischen Bankenmarkt. Was mich derzeit etwas nachdenklich stimmt, sind Tendenzen, dass einige Marktteilnehmer versuchen, sich über Konditionen den Markt zu erkaufen. Das ist unvernünftig. Am Ende des Tages muss die Bank ihr Geld verdienen, um die Eigenkapitalanforderungen erfüllen zu können.

Hat die Finanzkrise die doch weit verbreitete Kapitamarktaversion in Österreich noch verstärkt?
Schaller: Ganz sicher. Es gab da aber auch einen undifferenzierten Blick. Bei Menschen, die sich nicht so intensiv damit auseinandersetzen, mag es nachvollziehbar sein, dass auch aufgrund der genannten unvorstellbar hohen Summen, eine Aversion gegen die Banken, gegen die Börse, gegen die Finanzmärkte entsteht. Aber man sollte nicht den Fehler machen, das alles undifferenziert zu sehen. Es gibt auch für mich nach wie vor Entwicklungen in internationalen Banken, die mir unvorstellbar sind. Ich denke nur an die Boni, die von internationalen Investmenthäusern heute noch oder wieder gezahlt werden. Das ist aus meiner Sicht absolut nicht vertretbar. Doch der Kapitalmarkt ist für mich ein Vehikel der Unternehmensfinanzierung, das aber richtig eingesetzt werden muss. Auswüchse müssen vermieden werden, Überregulierung aber ebenfalls, sonst funktioniert er nicht mehr. Dieses Gleichgewicht gilt es zu finden.

 

 

Schwerpunkt: Die Lehren aus der Lehman-Pleite

In einer Serie beleuchten wir die dramatischen Entwicklungen rund um den Lehman-Crash am 15. September 2008.

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