Rückzug von AmazonJeff Bezos: Die Erde ist ihm nicht mehr genug

Jeff Bezos, der seinen Onlinehandel in der Garage zu einem machtvollen Internetgiganten formte, gibt im Sommer das Szepter ab. Amazon ist heute schlagkräftiger denn je. Der 57-Jährige Bezos wechselt das Spielfeld.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Amazon-Gründer Jeff Bezos zieht sich im Sommer aus dem operativen Geschäft zurück
Amazon-Gründer Jeff Bezos zieht sich im Sommer aus dem operativen Geschäft zurück © AP
 

Seine sagenhafte Allmacht will Onlinegigant Amazon künftig in aller Deutlichkeit auch in der analogen Welt zur Schau stellen. Der Name des Projekts „Helix“ kommt aus dem Griechischen und benennt eine Kurve, die sich um den Mantel eines Zylinders windet. Ein Hinweis auf die ungewöhnliche Architektur des zweiten US-Hauptquartiers, das in Arlington im US-Staat Virginia entstehen wird. Dem mächtigen Büroturm, in, wie Kritiker lästern, „Softeis-Architektur“, stehen drei 22-stöckige Gebäude auf einem Campus förmlich zur Seite. Im Zentrum der Zentrale, die sich 107 Meter in die Höhe schraubt und die menschliche DNA symbolisiert, soll der Mensch stehen - sagt Amazon.

Schauplatzwechsel ins Amazon-Headquarter nach Seattle: „Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist“, diese Redewendun hat sich Amazon-Gründer Jeff Bezos wohl zu Herzen genommen. 2020 konnte Amazon seinen Gewinn um 84 Prozent auf 21,3 Milliarden US-Dollar steigern, im Weihnachtsquartal durchbricht der Versandhändler die magische 100-Milliarden-Dollar-Marke beim Umsatz deutlich (125,6 Milliarden Dollar).

Extravagante Firmenzentralen: Amazon, Apple und Co

Amazon Helix

Als Amazon angekündigte, dass in den USA ein zweiter Firmensitz entstehen soll, bewarben sich gleich mehrere Städte. Der Zuschlag ging an Arlington in Virginia. Nun hat der Versandriese seine Entwürfe vorgelegt. Geplant ist ein verwirbelter Glasturm. Auf der Außenseite werden zwei begehbare spiralförmige Pfade mit üppiger Vegetation bis zur Spitze des Turms führen. Schon am Hauptsitz in Seattle hat Amazon mit seinen Biosphären-Gebäuden für Aufsehen gesorgt.

AP

Apple Park

Doch Amazon ist nicht der einzige IT-Konzern, der sich mit auffälliger Architektur ein Denkmal setzen will. 2017 eröffnete Apple in Cupertino den Apple-Park. Das ringförmige Gebäude mit einem Durchmesser von 461 Metern wurde vom Star-Architekten Norman Foster gebaut. Im Inneren des Rings ist ein zwölf Hektar großer Park.

(c) imago images/ZUMA Wire (Kenneth Cantrell)

Googleplex

Das Hauptquartier von Google ist nur wenige Kilometer entfernt. Es besteht aus einem Komplex von Gebäuden und trägt daher den Namen Googleplex. Basis ist die ehemalige Zentrale von Silicon Graphics, die schon 1994 gebaut wurde. 2003 zog Google dort ein. Seitdem wird das Gelände laufend erweitert. 2007 kam der Google Campus dazu und 2013 wurde das Hauptquartier mit der Bay View Addition erweitert.

(c) imago/Hans Blossey (imago stock&people)

Red Bull Hauptverwaltung

Doch man muss nicht in die Ferne schweifen, um ausgefallene Firmenzentralen zu finden. In Fuschl hat Red Bull sich ein architektonisches Denkmal gesetzt. Verantwortlich für das Design zeichnete der Osttiroler Künstler Jos Pirkner. Das Zentrum des 2014 fertiggestellten Gebäudekomplexes sind zwei nach innen offene Gebäude mit einer Skulptur einer Bullenherde, die in einen angelegten Teich zu laufen scheint.

APA/BARBARA GINDL

BMW Welt

Einige Hundert Kilometer westlich liegt die Firmenzentrale von BMW. Schon 1973 hat der Autokonzern mit dem "Vierzylinder" ein architektonisches Zeichen gesetzt. 2007 wurde das BMW-Hochhaus durch die BMW-Welt ergänzt, die als Ausstellung und Museum dient und inzwischen zu den meistbesuchten Tourismusattraktionen Münchens gehört.

(c) imago images/Peter Widmann (Peter Widmann via www.imago-images.de)

Swatch

Wieder einige Hundert Kilometer weiter südwestlich liegt der Schweizer Ort Biel. Dort hat der Uhrenhersteller Swatch 2019 sein neues Headquarter eröffnet. Entworfen wurde es vom japanischen Architekten Shigeru Ban. Auf insgesamt 240 Meter Länge und 35 Meter Breite erstreckt sich die schimmernde, geschwungene Silhouette des neuen Swatch Gebäudes. Auch im Inneren setzen sich die geschwungenen Formen fort.

(c) imago images/GFC Collection (GFC Collection via www.imago-images.de)

Durst Phototechnik AG

Nicht nur Konzerne mit weltweit bekannten Marken setzen auf moderne Architektur. In Brixen in Südtirol hat die Durst Phototechnik AG ebenfalls 2019 eine futuristische Firmenzentrale eröffnet. An den sechsgeschossigen Turm fügt sich ein stilisierter Flügel. Die Fenster sind wie Pixel angeordnet, was auf den Geschäftsbereich des Unternehmens deutet. Durst ist ein Weltmarktführer für digitale Hochleistungs-Drucksysteme – von der Verarbeitung der Bilddaten über den Druck bis hin zur Veredlung des finalen Produkts.

(c) imago images/Manfred Segerer (Manfred Segerer via www.imago-images.de)

Aldar

Von den Alpen geht es in die Wüste. Konkret nach Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Dort hat das staatliche Immobilienunternehmen Aldar eine architektonische Landmarke gesetzt. Es ist das erste kreisförmige Gebäude im Nahen Osten. Die Grundlage des Designs ist der Goldene Schnitt.

(c) imago images/Arabian Eye (Issam Madkouk/arabianEye via www.imago-images.de)

Petronas

Mit den Einnahmen aus dem Ölgeschäft wurde auch das Wahrzeichen der Hauptstadt Malaysias errichtet: Die Petronas-Zwillingstürme. Zwischen 1998 und 2004 waren sie die höchsten Gebäude der Welt. Der Grundriss ist dabei der islamischen Architektur entlehnt und entspricht der Form eines achteckigen Sterns.

AP

CCTV

Ecken und Kanten hat auch die Zentrale des chinesischen Staatssenders CCTV. Auffällig ist der vor allem der markante Überhang des 2012 eröffneten Gebäudes. Nach dem Pentagon ist es flächenmäßig das zweitgrößte Bürogebäude der Welt.

(c) imago images/Imaginechina-Tuchong (LINLYPU via www.imago-images.de)
1/10

Mit diesen Rekordzahlen im Rücken will Bezos im Sommer die operative Führung des Konzerns abgeben und sich auf den Posten des Verwaltungsratsvorsitzenden zurückziehen. In seiner zukünftigen Rolle wolle er seine Energie und Aufmerksamkeit auf neue Produkte und Initiativen ausrichten, schreibt Bezos in einem Memo. Sein Nachfolger als CEO wird der Cloud-Spezialist Andy Jassy.

Wachstum ohne Rücksicht

In den 27 Jahren als Kopf von Amazon erschuf Bezos aus dem Nichts einen digitalen Leviathan, ein weltumfassendes Konzern-Ungetüm, das nicht nur die Konsumwünsche seiner Kunden errät und erfüllt, sondern darüber hinaus mit „Alexa“ ins globale smarte Zuhause einziehen und mit Fire-TV zum Dreh- und Angelpunkt digitaler Unterhaltung werden will.

Zahlen und Fakten

44 Prozent mehr Umsatz erzielte Amazon im Weihnachtsquartal 2020. 125,6 Milliarden US-Dollar flossen in die Kassen des Konzerns. Unterm Strich blieb ein Quartalsgewinn von 7,2 Milliarden US-Dollar übrig.

32 Prozent Marktanteil hat die Amazon-Tochter AWS bei Cloud-Speichern, so viel wie die drei nachfolgenden Wettbewerber Microsoft, Google und IBM zusammen. Das Angebot von AWS reicht von Servern für Webseiten über Buchungssystemen bis zu Firmen-Netzwerken.

188 Milliarden US-Dollar beträgt das geschätzte Vermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der Großteil davon entfällt auf seine Firmenanteile. Bis vor Kurzem reichte diese Summe für den Titel „reichster Mann der Welt.“ Doch Tesla-Gründer Elon Musk hat ihm diesen Titel im Jänner weggeschnappt.

Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste: Das ist vom Start weg, als der Online-Buchhandel in der Garage gegründet wurde, die Devise. Bis 2015 machte Amazon kaum nennenswerte Gewinne. Seither gehen die Zahlen steil bergauf. Auch auf Kosten vieler kleiner Händler, die über Amazon ihre Waren verkaufen. Dem Konzern wird vorgeworfen, Daten aus diesen Verkäufen für eigene Zwecke zu nutzen, beispielsweise, um Verkaufsschlager selbst anzubieten. Die EU-Kommission leitete daher ein Verfahren ein. Die Marktmacht des Versandhändlers zu spüren bekommen auch Paketzusteller. In großen Städten übernimmt Amazon die Lieferung selbst. Nur wenig lukrative Adressen am Land dürfen Post und Co. noch beliefern.

Machtvolle Cloud

Doch all das ist nur die Spitze des Eisberges. Denn mit dem Cloud-Service AWS ist Amazon inzwischen auch zu einem essenziellen Bestandteil des Internets an sich geworden. AWS beherrscht ein Drittel des Marktes für Cloud-Speicher, im Markt für digitale Dienstleistungsinfrastruktur sind es sogar 45 Prozent. Was das konkret bedeutet? Selbst wenn man beim Shoppen im Internet bewusst auf Amazon verzichtet und andere Webseiten nutzt, ist die Chance hoch, dass der Konzern dennoch mitverdient, weil entweder die Seite, die Kundendatenverwaltung oder das Buchungs-System auf Amazon-Servern läuft.

Wie groß die digitale Schlagkraft dieses Giganten ist, zeigt sich am Beispiel von Parler. Der kleine Konkurrent von Twitter wurde von Trumpisten beim Sturm auf das Kapitol als primärer Kommunikationskanal genutzt. Technisch baut die App auf Infrastruktur von Amazon. Der Konzern reagierte prompt und drehte Parler einfach ab.

Längst ist der Einfluss des Onlineriesen gefürchtet. In der Coronakrise vergrößerte Amazon sein Imperium weiter. Handel und Internet hat Jeff Bezos bereits revolutioniert, nun will er eine Rakete zum Mond schießen. Der zweitreichste Mensch der Erde verzichtet auf eine der mächtigsten Positionen des Planeten, um mit seinem Raumfahrtunternehmen Blue Origin den Weltraum zu erobern. Es geht immer eine Etage höher – ähnlich einer Helix, die sich immer weiter nach oben schraubt.

Zwischen 0 Uhr und 6 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.