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Flugzeugbauer in Not Boeing streicht 16.000 Stellen, Kurzarbeit bei Airbus

Boeing drosselt wegen Nachfrageeinbruch die Produktion, Airbus-Finanzchef will ohne Staatshilfe auskommen.

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US-AVIATION-EARNINGS-BOEING © (c) APA/AFP/OLIVIER DOULIERY (OLIVIER DOULIERY)
 

Boeing streicht angesichts des dramatischen Einbruchs der Flugzeug-Nachfrage in der Coronakrise etwa jede zehnte seiner 160.000 Stellen. Der US-Flugzeugbauer aus Seattle drosselt die Produktion seines lukrativen Langstreckenflugzeugs Boeing 787 um die Hälfte, wie er am Mittwoch mitteilte. Auch die Produktion der Boeing 737 MAX, die nach zwei tödlichen Abstürzen am Boden bleiben musste, soll nur langsam wieder anlaufen.

Boeing-Chef Dave Calhoun schrieb in einem Brief an die Mitarbeiter, in der Verkehrsflugzeug-Sparte müssten sogar rund 15 Prozent der Belegschaft gehen. Kündigungen schloss er dabei nicht aus.

Großes Finanzierungspaket geplant

Um die Krise zu überstehen, schnürt Boeing drei Insidern zufolge ein Finanzierungspaket mit Anleihen, das mehr als zehn Mrd. Dollar (9,2 Mrd. Euro) umfassen könnte. Der europäische Konkurrent Airbus will ohne Staatshilfe auskommen, wie Finanzchef Dominik Asam am Mittwoch klarmachte. Airbus-Aktien schossen in Paris um neun Prozent nach oben. In Deutschland schickt Vorstandschef Guillaume Faury allerdings einige tausend Mitarbeiter vorerst in Kurzarbeit. In Frankreich kommen Tausende hinzu.

Die beiden weltgrößten Flugzeughersteller schreiben in der Krise rote Zahlen - Boeing sogar bereits das zweite Quartal in Folge. Zwischen Jänner und März stand ein operativer Verlust von 1,7 Mrd. Dollar zu Buche - ein Jahr zuvor war es noch ein Gewinn von fast zwei Milliarden. Unter dem Strich fiel bei einem Umsatzeinbruch um 26 Prozent ein Verlust von 641 Mio. (plus 2,15 Mrd.) Dollar an. Airbus fuhr wegen der Folgen der Pandemie 481 Mio. Euro Verlust ein, im Vorjahr hatte es in den traditionell schwachen ersten drei Monaten zu einem kleinen Gewinn gereicht.

"Pandemie verändert unsere Branche"

Hoffnung auf eine rasche Erholung machen sich beide Konzerne nicht. Grenzschließungen und Reisewarnungen haben den Verkehr in der Luft weltweit fast zum Erliegen gebracht. Fluggesellschaften kämpfen gegen die Pleite und haben Flugzeuge ausgemustert. Neue Bestellungen werden verschoben oder storniert. Boeing hat von Jänner bis März gerade 50 Flugzeuge ausgeliefert, zwei Drittel weniger als vor einem Jahr. Der Umsatz hat sich auf 6,2 Mrd. Dollar fast halbiert. Airbus lieferte 122 Flugzeuge aus, doch 60 konnten wegen der Pandemie nicht an die Kunden übergeben werden. "Wir stecken mitten in der schwersten Krise, die die Luftfahrtindustrie je erlebt hat", sagte Airbus-Chef Faury.

Größtes Thema seien derzeit die unzähligen Anfragen von Fluggesellschaften, die Auslieferungen verschieben wollten. Die malaysische Billigfluggesellschaft AirAsia, die allein 349 Airbus A320neo bestellt hat, hat angekündigt, in diesem Jahr keine neuen Flugzeuge mehr anzunehmen und alle Airbus-Aufträge in Frage zu stellen.

Boeing geht es ähnlich. "Die Pandemie verändert unsere Branche. Wir stehen vor völlig neuen Herausforderungen", beginnt der Mitarbeiterbrief von Vorstandschef Calhoun, der bereits auf sein Gehalt für dieses Jahr verzichtet hat. Es werde Jahre dauern, bis die Luftfahrtindustrie wieder auf dem Niveau sei wie noch vor wenigen Monaten. "Darauf müssen wir vorbereitet sein", sagte Calhoun. Deshalb werde die Produktion der 737 in diesem Jahr auf zehn, ab 2022 auf sieben Maschinen im Monat gedrosselt. Im Herbst hatte sich Boeing für Ende 2020 noch einen Ausstoß von 14 Flugzeugen vorgenommen.

Die 737 MAX, die irgendwann in diesem Jahr - aber wohl nicht vor August - wieder abheben soll, werde die Produktion bis 2021 nach und nach auf 31 Flugzeuge pro Monat hochschrauben. Die Zwangspause des einstigen Erfolgsmodells hat Boeing inzwischen fünf Mrd. Dollar gekostet.

Neue Kreditlinie über 15 Milliarden Euro

Das Boeing-Management zeigte sich zuversichtlich, ausreichend Geld zur Finanzierung des laufenden Geschäfts aufzutreiben. Nach Aussage von Insider sind Anleihen und andere Finanzinstrumente in einem Volumen von mehr als zehn Mrd. Dollar geplant. Das trieb die Aktie um mehr als fünf Prozent nach oben. Boeing hat bereits die kompletten Kreditlinien über 13,8 Mrd. Dollar gezogen. Ob Boeing auch Staatshilfen beantragen will, ließ das Unternehmen offen. Airbus ist schon einen Schritt weiter: Dank einer neuen Kreditlinie über 15 Mrd. Euro und der Streichung der Dividende hatte der Konzern aus Toulouse Anfang April laut Finanzchef Asam 30 Mrd. Euro zur Verfügung.

Von Jänner bis März schrumpfte der Finanzmittelbestand von Airbus um netto knapp neun Mrd. Euro zusammen. Der Konzern hat die Flugzeugproduktion wegen der Pandemie um etwa ein Drittel gekappt. Mit weiteren Anpassungen sei nicht vor Juni zu rechnen, sagte Faury - und wenn, dann voraussichtlich in einem geringeren Umfang als zuletzt. Eine Erholung des Geschäfts erwarte er nicht vor dem Sommer, sagte Asam. "Unser Ziel ist es, spätestens im vierten Quartal wieder in einer Lage zu sein, in der wir kein Geld mehr verbrennen."

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