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Schwerpunkt Lehman-PleiteDer Absturz in die Angstgesellschaft

Die Folgen der Finanzkrise gehen tief. Die Sozialisierung des Sparens ist zum gesellschaftlichen Auslaufmodell geworden – was manche beunruhigt und andere freut.

© (c) AP (Richard Drew)
 

Das kollektive Gedächtnis versagt bei Lehman. Im Gegensatz zu den Attentaten auf das World Trade Center hinterließ die Pleite des US-Investmenthauses naturgemäß viel weniger konkrete Erinnerungen bei den Menschen als die Bilder der brennenden Hochhaustürme. Das Vorstellungsvermögen reicht einfach nicht, um zu verstehen, wie weltweite Milliardenströme, die ohnehin niemand zu Gesicht bekommt, versiegen.

Was in den Köpfen tatsächlich angekommen ist, passt in einen kurzen Satz: Ein Finanzkollaps ist jederzeit möglich. Ein Gefühl, das auch im Rückspiegel der vergangenen zehn Jahre nicht völlig verblasst ist. Welcher Philosoph hätte schon Mitte 2008 thematisiert, dass wir in einer von Angst geprägten Gesellschaft leben?

„Dieses Gefühl, mir gehört die Welt, dieses positive Denken, das ist heute sicher nicht mehr so ausgeprägt wie früher“, sagt Ex-Topbankerin Regina Prehofer. Ausgerechnet am 15. September 2008, dem Tag der Lehman-Pleite, hatte sie ihren ersten Arbeitstag bei der Bawag, nachdem sie vorher der Bank-Austria Unicredit den Rücken gekehrt hatte. Die Bawag hatte da ihre eigene, hausgemachte tiefe Spekulationskrise schon hinter sich, war finanziell wieder auf solidem Boden. „Aber es war klar, dass durch den Vertrauensverlust die alten Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren.“ Dabei seien die meisten österreichischen Banken sehr stabil aufgestellt gewesen, erinnert sich Prehofer. „Dass sie die Auswirkungen des globalen Dominoeffekts trotzdem voll zu spüren bekommen haben, hat mich am meisten überrascht.“ Als sie drei Jahre später Managerin an der Wiener Wirtschaftsuni wurde, „hatte ich auch das Gefühl, dass ich von den 1990er-Jahren bis 2006 die beste Zeit der Banken miterleben durfte.“

"Sich selbst einen Fünfer zu geben, haben sie vergessen"

Für Karl Sevelda fing 2013 die Zeit des ganz großen Aufräumens erst an. Zwar hatten weder die Raiffeisenzentralbank, wo er zur Zeit des Lehman-Zusammenbruchs Vorstand für große Firmenkunden war, noch die Raiffeisen International selbst finanzielle Leichen im Keller. „Giftige Papiere hatten wir nicht. Aber wir hatten hohe Kredite bei Banken mit giftigen Papieren draußen.“ Die Welle von Bank-Pleiten in Island kostete die Raiffeisen-Banker schließlich einen hohen dreistelligen Millionenbetrag.
Am meisten wundert Sevelda, der später im Sinne massiv erhöhter Kapitalanforderungen RZB und die Raiffeisen International fusionieren sollte, „wie unbeschadet die US-Ratingagenturen davongekommen sind. „Die fatalen Produkte waren ja alle mit Bestnoten bewertet. Sich selbst einen Fünfer zu geben, haben sie vergessen. Die Finanzkrise war das Desaster der Ratingagenturen.“

 

Zehn Jahre Finanzkrise

Das RZB-Urteil über die Investkredit/Kommunalkredit erwies sich dagegen als goldrichtig. Das Angebot der Volksbanken 2005, bei beiden mit einzusteigen, schlug Raiffeisen aus. Die Kommunalkredit saß im Herbst 2008 auf einem Berg von Schrottpapieren, war praktisch pleite und wurde notverstaatlicht. Für die Volksbanken hatte die Beteiligung weitreichende Folgen, denn die völlige Neuaufstellung des Sektors läuft zumindest im Detail noch immer.

"Es gelingt keinem Normalverdiener mehr, Vermögen zu bilden"

Die gute Seite der Medaille der vernetzten Finanzwelt war jene der Notenbanker, die koordiniert Geld ins System pumpten. Dass durch Nullzinsen am ärgsten die Sparer zum Handkuss kommen, ist die Kehrseite. „So hat Geld keinen Wert mehr, es gelingt keinem Normalverdiener mehr, Vermögen zu bilden,“ warnt Erste-Group-Chef Andreas Treichl oft vor den Folgen. Dass Sparen sinnlos sei, komme einem Werteverlust gleich, stelle die Basis des Wirtschaftssystems auf den Kopf.

 

Die Sicht zweier erfolgreicher Privatbanker ist da differenzierter. „Wenn das Sparbuch bei den Jungen out ist, sehe ich das positiv“, so Capital-Bank-Vorstand Constantin Veyder-Malberg. Sozialisierung zum Sparen verhindere das Investieren, sagt Schoellerbank-Chef Franz Witt-Dörring. Beide brechen eine Lanze für fundierte Aktienkäufe ohne übereilte Ausstiege. Laut Veyder-Malberg stehen Banken heute generell besser da denn je. Witt-Dörring: „Uns hat die Krise viel Wachstum gebracht, weil wir so gut drübergekommen sind. 2009 massiv in Aktien zu gehen, hat sich für uns voll ausgezahlt.“

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