Der Handelsverband hat erstmals in einer umfassenden Studie erhoben, wie sowohl die Konsumenten als auch Handelsunternehmen zu nachhaltigerem Konsum stehen. Der neue "Nachhaltigkeits-Kompass"  bietet einige überraschende Ergebnisse: So sehen es zwar 84 Prozent der Handelsunternehmen als "Chance" an, im Nachhaltigkeitsbereich aktiver zu werden. Konkret haben aber erst 27 Prozent der 81 befragten Unternehmen unterschiedlicher Größe das Thema umfassend in ihrer Strategie verankert.

Für Martin Unger vom Beratungsunternehmen EY (ehemals Ernst & Young), das die Studie durchführte, ist vor allem überraschend, wie wenig die Unternehmen vor der Tür stehende Gesetze und Regulatorien als Treiber einschätzten. "Nur 31 Prozent halten das Thema aus regulatorischer Sicht für relevant," so Unger. "Das ist erstaunlich, weil es einige Gesetze schon gibt und weitere zu erwarten sind." Er zählt auf: "Die Steuerreform mit der CO2-Steuer, die geplante Berichterstattungsplicht von Nachhaltigkeitszielen, Verpackungsrichtlinien, die kommen, oder ein Lieferkettengesetz, das zu erwarten ist."   

Konsumentenverhalten als Unsicherheitsfaktor 

Das Konsumentenverhalten in Österreich scheint derzeit noch ein erheblicher Unsicherheitsfaktor zu sein. Aktuell bemüht sich etwa ein Drittel um nachhaltigeres Einkaufen, die große Mehrheit von 50 Prozent ist dagegen unentschlossen. Sich selbst ordnen die Konsumenten offenbar weniger als Marktmacht ein, als die sie der Handel sieht. In der Verantwortung sieht "Otto Normalverbraucher" an erster Stelle die Hersteller, an zweiter die Politik, an dritter den Handel und erst auf dem vierten Platz die Konsumenten selbst.

Bonusprogramme könnten allerdings Konsumenten zu umwelt- und klimaverträglicherem Konsum motivieren, so Rainer Will vom Handelsverband. Fast 70 Prozent der Befragten würden dafür auch zu den "besseren" Produkten greifen. Könnte der Bonus auch woanders eingesetzt werden, etwa für eine niedrigere Stromrechnung, ist die Zustimmung sogar noch etwas größer. 

Die Händler verweisen dagegen darauf, dass für sie der größte Unsicherheitsfaktor ist, ob Konsumenten für Nachhaltigkeitsziele auch tiefer in die Tasche greifen. Diese Bereitschaft variiert: Hoch ist sie mit 57 Prozent bei Bio-Lebensmitteln, für fair gehandelte Produkte ist sie mit 49 Prozent ebenfalls groß. Umgekehrt sind die höheren Preise für 47 Prozent der Kunden ein Hemmschuh für nachhaltigen Konsum, gar nicht gering sind auch Verzichtsunwillen mit 36 Prozent, Bequemlichkeit mit 23 Prozent oder mangelnde Aufklärung mit 23 Prozent.

"Eines der größten globalen Wachstumsgeschäftsfelder"

Der neue "Nachhaltigkeits-Kompass" soll laut Rainer Will ein wichtiges Orientierungsinstrument im bevorstehenden Wandel sein. Will: "Je eher wir die Reise antreten, desto früher können wir als Handel die Früchte ernten." Unger verweist in diesem Zusammenhang auch auf den beginnenden Boom im Handel mit gebrauchter Kleidung: "Das wird international als eines der größten Wachstumsgeschäftsfelder gesehen." Hier könnte auch ein genereller Kosumentenwunsch zum Tragen kommen: Denn bei Kleidung will etwa die Hälfte der 1014 Befragten nicht auf Billigmode verzichten. Unger zufolge wird neben  gebraucht kaufen auch das Mieten von Dingen als Gesamtkonzept immer interessanter.

Nachhaltigkeitsstrategien werden in Zukunft jedenfalls gefragt sein. Unger zufolge müssen Unternehmen voraussichtlich ab 2023 per Gesetz ein Reporting einführen, wenn sie mehr als 250 Millionen Mitarbeiter haben und mehr als 40 Millionen Euro Umsatz machen. Das wird von Wirtschaftsprüfern testiert.

"In Österreich nach wie vor ein Thema"

Viel Luft nach oben dürfte es trotz zahlreicher Initiativen weiter bei der Vermeidung von Lebensmittelabfällen im Handel geben. "Wir haben da in Österreich nach wie vor ein Thema," bestätigt Will. Deshalb pocht er auf die Behebung vermeintlich kleiner Probleme, die etwa steuerlicher Natur sind. Auch sei es rechtlich nicht möglich, ein Produkt mit Null Cent an der Kassa zu bonnieren, weil es als dann als "wertloses" Produkt gar nicht mehr hergegeben werden darf, kritisiert Will.

Dass die Tafeln, die Essen als Spenden bekommen, genauso haften wie ein Lebensmittelhändler, müsse dringend geändert werden. Will zufolge gehen rund 12.000 Tonnen Lebensmittelspenden im Jahr an Vereine wie die Tafeln oder Kirchen. 10.000 Tonnen würden noch als Tierfutter dienen. Tatsächlich dürften allerdings noch weit höhere Mengen im Müll landen. Schätzungen gehen von 75.000 Tonnen Lebensmittel-"Abfall" im österreichischen Handel aus, zudem werden etwa 35.000 Brot und Gebäck an die Hersteller retourniert. Österreichs Haushalte sollen sogar mehr als 200.000 Tonnen Lebensmittel-Abfall pro Jahr produzieren.