Kohle, Kult und KugelgrillGrillpionier Weber steht vor milliardenschwerem Börsengang

Ganzjahresphänomen und Fluchtort: Dass Grillen immer populärer wird, freut die Hersteller. Diese drängen nach und nach an die Börse. Es lockt das große Geld.

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Grillen ist längst zum Milliardenmarkt gereift
Grillen ist längst zum Milliardenmarkt gereift © Anselm - stock.adobe.com
 

Ein desaströser Grillabend im Familienkreis, bei dem das gesamte Essen verkohlte, soll Anfang der 1950er-Jahre so etwas wie der emotionale Ausgangspunkt für eine bemerkenswerte Unternehmensgeschichte gewesen sein. George Stephen erkannte in der improvisierten Grill-Feuerstelle seines Vaters die Wurzel des Problems. Stephen arbeitete damals bei „Weber Brother Metal Works“, einer Fabrik, die Schiffsbojen für den Hafen in Chicago fertigte. Die dafür nötigen zusammengeschweißten Metall-Halbkugeln inspirierten ihn – und wurden zur Grundlage des von ihm 1952 erfundenen Kugelgrills, „Weber Kettle“, der bis heute – in unterschiedlichsten Ausführungen – der Verkaufsschlager des US-Grillriesen „Weber“ ist. Fast 70 Jahre nach der Gründung strebt das Unternehmen noch in dieser Woche an die New Yorker Börse.

Die „Grill-Konjunktur“ hat sich nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie prächtig entwickelt. Allein in Deutschland haben sich laut GfK 2020 gut 5,6 Millionen Haushalte einen neuen Griller gekauft, in den USA wurden laut den Marktforschern von NPD heuer zwischen März und Mai 1,8 Milliarden Dollar für Grills, Smoker und Zubehör ausgegeben.
Davon profitierte Weber mit seinen hochpreisigen Grillern besonders. In der ersten Hälfte des Geschäftsjahres stieg der Umsatz um gut 60 Prozent auf 963 Millionen Dollar, der Gewinn verdreifachte sich auf 73,8 Millionen Dollar.

Soziologen sehen Grillen als "Wurmloch"

Beim Börsengang sollen rund 916 Millionen Euro erlöst werden, das Unternehmen könnte dabei mit vier bis sechs Milliarden Dollar bewertet werden. Und Weber ist nicht der einzige Grillkonzern, der am Börsenparkett für Feuer sorgt: In der Vorwoche feierte auch der US-Hersteller „Traeger“ ein durchaus fulminantes Börsendebüt – der Ausgabepreis der Aktie lag bei 18 Dollar, aktuell liegt der Kurs bei gut 27 Dollar.

Grillen wurde in den Pandemiezeiten soziologisch auch als eine Art „Flucht“ eingeordnet. Das Silvester-Feuerwerk, die Ziehung der Lottozahlen, das Grillfest: „Wurmlöcher“ nennt der Soziologe Sacha Szabo solche Fluchten aus der Wirklichkeit, die die Menschen ihre Sorgen für einen Moment vergessen lassen. Offenes Feuer, freier Himmel, rohes Fleisch. Grillen bietet sich in vielerlei Hinsicht zum modernen Wurmloch an. Auch in Österreich, wo Grillen ebenfalls ein enormer Wirtschafts- und Gesellschaftsfaktor ist.

Jürgen Fuchs/KLZ
René Peuschler (rechts) mit einem Kollegen im neuen Weber-Story © Jürgen Fuchs/KLZ

„Unsere Grillkurse sind auf Monate ausgebucht. Bei den Grillern kommen wir mit den Lieferungen kaum nach“, sagt René Peuschler, Geschäftsführer vom Weber Original Store in Graz-Seiersberg, der zu Grill & Co. gehört. Peuschlers hochwertigste Modelle kosten um die 4000 Euro, aber „die teuersten Modelle sind immer als erste ausverkauft.“ Seit Corona wird noch öfter gegrillt, „weil die Menschen dabei im Freien ungezwungen und unbeengt zusammenkommen können“, sagt Peuschler. „Die Nachfrage ist riesig.“

Auch Brauereien profitieren vom Grill-Boom

Die Grillerei bietet einen Konsumanlass, der auch Lebensmittelhändlern, Fleischerein und der Getränkeproduzenten in die Hände spielt. Es gibt nicht mehr eine Grillsauce, es gibt rauchig-herzhaft-würzige Cocktail-Barbecue-Chili-Usw. Am liebsten wird zum Grillen Bier und Spritzer getrunken. Florian Berger, der neue Geschäftsführer des Östereichischen Brauereiverbandes, spricht von Grillen als Livestyle und freut sich über den Trend zu „Food Pairing“, einer Aroma-Kombinations-Methode, die ursprünglich aus der Weinsprache kommt und nun auch auf das Bier überschwappt.

KK
Fleischereichef Roman Feiertag: "Grillen wird zum Ganzjahresphänomen" © KK

Roman Feiertag von der Qualitätsfleischerei „Der Feiertag“ aus Weiz wiederum hat den verstärkten Griff seiner Kunden zu hochwertigen Fleischprodukten – dem Grillen sei Dank – längst erkannt : „Früher wurde nur im Sommer gegrillt. Jetzt geht es gleich nach Ostern los und dauert bis weit in den Herbst. Das Grillen wird zum Ganzjahresphänomen“, sagt Feiertag. Die mehrfach ausgezeichnete Grillmeisterin und diplomierte Fleischsommeliére Petra Postl hat erhoben, dass die Altersgruppe von 40 bis 54 Jahren am häufigsten grillt. Schlechtes Wetter ist längst kein Hindernis mehr, das liege auch daran, dass immer mehr Menschen über eine überdachte Grillstelle verfügen. Outdoor-Küchen sind angesagt. Immer mehr haben einen Zweit- und sogar Drittgriller.
Bei der Hardware wird in Österreich der Holzkohlegrill mit Deckel favorisiert (56 Prozent), gefolgt vom Gasgrill (46 Prozent) und vom Elektrogrill (17 Prozent).

Immer mehr Sensoren und Software

Mit steigender Popularität beschleunigt sich am Grillmarkt auch der Einfluss neuer Technologien.

Beim Versuch, Kunden in die eigene Produktwelt zu locken und sie dort vor allem festzuhalten, werben Hersteller vermehrt mit Sensoren und Software.
Weber etwa lockt mit der hauseigenen iGrill-App und einem damit verbundenen Bluetooth-Thermometer.

Am Markt finden sich aber auch zahlreiche Alternativen. Die versprochenen Funktionalitäten ähneln sich: Neben der Temperatur im Inneren des Grills, können Anwender auch schnell die Kerntemperatur von gegrilltem Fleisch ablesen. Wer die Daten nicht ständig am Griller ablesen will, aktiviert in der App einfach eine entsprechende Erinnerung.

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melahide
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Weber

Natürlich sieht er das große Geld und natürlich geht er an die Börse. Damit dann in weiterer Folge Menschen die Gewinne abstauben, die außer sich Aktien zu kaufen nichts zum Erfolg der Unternehmung beitragen. Beteiligung der Mitarbeitenden steht da scheinbar nicht zur Diskussion. Aber so ist scheinbar das Leben.

Zum Grillen selber. Im Sommer wird bei uns sehr oft gegrillt da man die "Kochhitze" aus der Küche nur ganz schwer raus bekommt. "Draußen" favorisieren wird aber den Elektrogriller. Geht am schnellsten und unkompliziertesten. Den "Kugelgrill" holen wir nur heraus, wenn Besuch kommt bzw. mehere Leute sind. Ich experementiere da schon länger mit Kohlealternativen...

Balrog206
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Mel

Es steht doch jedem frei sich auch Aktien von seinem Unternehmen in dem er arbeitet zu kaufen !