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Produktionsstopp737-Max-Debakel zieht Boeing und die Branche hinunter

Der Flugzeugtyp ist bereits seit Mitte März mit Startverboten belegt. Grund sind zwei Abstürze innerhalb weniger Monate, bei denen zahlreiche Menschen starben. Ab Jänner wird Boeing die Maschinen vorübergehend nicht mehr produzieren. Ein herber Schlag auch für europäische Zulieferer.

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© APA/AFP/JASON REDMOND
 

Die Krise beim US-Flugzeughersteller Boeing spitzt sich zu: Nach zwei verheerenden Abstürzen ist die Ungewissheit um die Zukunft des Unglücksfliegers 737 Max so groß, dass die Produktion ab Jänner vorübergehend gestoppt wird. Boeing entscheidet sich für eine drastische Maßnahme, die die gesamte US-Wirtschaft erheblich belasten dürfte.

Boeing setzt die Produktion des Krisenjets 737 MAX angesichts der hohen Ungewissheit um eine Wiederzulassung ab Jänner vorübergehend aus. Das teilte der US-Luftfahrtkonzern am Montag (Ortszeit) in Chicago mit. Der Flugzeugtyp ist bereits seit Mitte März mit Startverboten belegt. Grund sind zwei Abstürze innerhalb weniger Monate, bei denen zahlreiche Menschen starben. Für den Airbus-Rivalen ist es die größte Produktionsunterbrechung seit mehr als 20 Jahren.

Schlag für die Wirtschaft

An dem Großkonzern hängen zahlreiche Zulieferer, Airlines und andere Firmen, die der Fertigungsstopp in Mitleidenschaft zieht.

Der Kongressabgeordnete Rick Larsen, der den Bundesstaat Washington im US-Repräsentantenhaus vertritt, sprach von einem schweren Schlag für die Mitarbeiter von Boeing und die Wirtschaft in der Region. "Die einzige Rettung ist, dass die Führungsmannschaft von Boeing versprochen hat, keine Mitarbeiter zu entlassen", sagte er.

400 Maschinen auf Lager

Überraschend kam die am Montag nach US-Börsenschluss von Boeing bekannt gegebene Entscheidung nicht. Vorstandschef Dennis Muilenburg hatte seit Juli wiederholt gewarnt, dass die 737-Produktion weiter gedrosselt oder ganz ausgesetzt werden könnte, falls sich die Wiederzulassung der Modellreihe länger als erwartet hinzieht. Die 737 Max ist wegen zwei Abstürzen, bei denen Hunderte Menschen starben, seit Mitte März rund um den Globus mit Startverboten belegt. Boeing kosteten die Folgen der Tragödie bisher mehr als neun Milliarden Dollar (8,1 Milliarden Euro). Etwa 400 Maschinen sind derzeit auf Lager.

Boeing-Aktien notierten am Dienstag vorbörslich 1,3 Prozent schwächer. Die Anteilsscheine der größten europäischen Zulieferer Safran und Senior brachen dagegen in der Spitze um vier beziehungsweise um rund neun Prozent ein, während Airbus-Aktien leicht zulegten.

Folgen für die Airlines

Auch die Fluggesellschaften stehen teils vor großen Herausforderungen. Immer wieder müssen sie ihre Flugpläne wegen der fehlenden Maschinen umstellen und ihre Wachstumsziele verschieben. Der irische Billigflieger Ryanair etwa schließt deshalb Basen, kappt sein Flugangebot für den Sommer 2020 und streicht Jobs.

Southwest Airlines, der größte Kunde der 737 Max, vereinbarte jüngst eine Entschädigungsvereinbarung mit Boeing für einen Teil der Ergebnisbelastungen, die die Fluggesellschaft durch die Probleme in diesem Jahr verdauen muss. Dem weltgrößten Reisekonzern TUI brockte das Flugverbot für die 737 Max im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Gewinneinbruch um rund ein Viertel ein.

Mit dem nun angekündigten Schritt wählt Boeing eine radikale Option, die nur unter massivem Druck zustande gekommen sein kann. Wann die 737-Produktion wieder anlaufen könnte, dazu gab der Hersteller zunächst keinerlei Hinweise. "Wir werden weitere Finanzinformationen hinsichtlich der Fertigungsaussetzung in Verbindung mit unserem Quartalsbericht Ende Jänner veröffentlichen", hieß es lediglich. Die Ungewissheit ist also hoch - doch Boeing hatte wohl nur noch eine Wahl.

Bedenken

Denn in den letzten Tagen wurde immer deutlicher, wie angespannt das Verhältnis zwischen dem Flugzeugbauer und der US-Luftfahrtaufsicht FAA ist. Der Geduldsfaden der Regulierer scheint arg strapaziert, vergangene Woche wies FAA-Chef Steve Dickson Boeing sogar öffentlich zurecht. Er äußerte nicht nur Bedenken, dass der Konzern bei der 737 Max einen "unrealistischen" Zeitplan verfolge, sondern verbat sich auch weitere Statements von Boeing, die dazu angetan seien, den Druck auf seine Behörde beim Wiederzulassungsverfahren zu erhöhen.

Zuletzt noch Zuversicht

Im November noch hatte Boeing Zuversicht verbreitet, vor dem Jahreswechsel grünes Licht von der FAA zu bekommen, um zumindest wieder mit den Auslieferungen der 737 Max beginnen zu können. Nachdem Dickson dem eine klare Absage erteilte, stieg an der Börse bereits die Nervosität. Seit Tagen stehen Boeings Aktien unter Druck, auch eine stabile Dividende konnte Anleger nicht versöhnen. Die 737 Max - Boeings Bestseller und Profittreiber - ist momentan viel wichtiger.

Die Abstürze des Modells in Indonesien und Äthiopien, bei denen im Oktober 2018 und März 2019 insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen, haben den Flugzeugbauer in eine tiefe Krise gebracht. Boeing steht im Verdacht, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Der Hersteller weist dies zwar zurück, hat aber verschiedene Fehler und Pannen eingeräumt.

Im Zentrum der Krise steht das für die 737 Max entwickelte Steuerungsprogramm MCAS, das laut Untersuchungsberichten eine entscheidende Rolle bei den Abstürzen gespielt hat. Boeing hatte bereits nach dem Unglück in Indonesien versprochen, die MCAS-Probleme per Software-Update zu beheben. Wenig später kam es zum Absturz in Äthiopien. Das Update hat noch immer keine Zulassung der FAA, stattdessen standen die Zeichen zuletzt auf Knatsch mit der Behörde.

 

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