In den Abgrund zu schauen, das tut nicht gut. Rainer Petek, Sie standen als Extrembergsteiger genau an diesem Punkt und dachten, Sie sterben. Warum ist das nicht passiert?
Rainer Petek: Ich hatte mich verklettert und einen irreversiblen Kletterzug gemacht. Und war körperlich und mental bereits total erschöpft. Tatsächlich bemerkte ich mit dem Blick in den Abgrund, dass der Blick immer mehr Macht über mich bekommt. Und aus einem Grund, den ich gar nicht nennen kann, bin ich die einzigen 50 Zentimeter nach links gestiegen, die da waren. Dieser kleine Perspektivenwechsel war meine Rettung, denn ich sah plötzlich, dass da drüber vielleicht doch noch Griffe sind, die mich und mein Leben retten können.

Was haben Sie gelernt? Und was können Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger von Ihrem Erlebnis mitnehmen?
Rainer Petek: Die Kunst des konstruktiven Unterbrechens. Wenn wir nur noch das Problem sehen, dann bleibt kein Raum für Lösungen. Ein Time-out ist oftmals schwer vorstellbar, aber nur das setzt Lösungen frei.

Sie werden beim "Primus Wissensforum" der Kleinen Zeitung am 10. November in Graz auftreten und haben ein Buch – "Das Nordwand-Prinzip" – geschrieben. Im Untertitel dazu heißt es: "Wie Sie das Ungewisse managen". Ja, wie geht denn das?
Rainer Petek: Unsere Vorstellung von Sicherheit ist eine Illusion, alles, was wir wirklich tun können, ist, mit Überraschungen und Unsicherheiten besser umzugehen, indem wir es üben und die Ungewissheit als Einladung sehen, Zukunft gestalten zu dürfen. Ungewissheit ist dann keine Bedrohung, sie kann sexy sein.


Viele Konzepte, die erfolgreich schienen, müssen verändert werden. Es geht um den Klimawandel, aber auch um Energiekrisen durch Krieg und in Firmenstrukturen um neue Arbeitsweisen. Was macht in Zukunft erfolgreich?
Rainer Petek: Was uns zum Erfolg geführt hat, lässt uns nicht dauerhaft erfolgreich bleiben. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Wenn man diese nicht hat, aus Überheblichkeit oder aus falsch verstandener Sicherheit, dann wird man von der Realität überrascht. Oder auch das ist beim Extrembergsteigen zu beobachten, man wird nachlässig, ist weniger fokussiert.


Wie kann man üben, den Fokus nicht zu verlieren?
Rainer Petek: Die Kultivierung des Zweifels ist eine schöne Übung. Sich eben nicht sicher zu sein. Was hilft ist, sich in einer erfolgreichen Phase absichtlich einen Schritt in die Inkompetenz zu begeben. Das stärkt die Wachsamkeit und lässt neue Ideen zu. Man muss aber aushalten, mit einer erst mal fremd wirkenden Realität in Kontakt zu kommen.

Sie beraten viele Unternehmen, geht es flott genug?
Rainer Petek: In den ganzen C-Levels stehen all diese Überlegungen ganz oben. Die Aufmerksamkeit ist hoch, doch natürlich gibt es auch immer noch Interessen, die mit Geld und Macht zu tun haben, die hier bremsen. Es wird aber nicht aufzuhalten sein, dass sich auch Kulturen hier rasch ändern. Nur jene werden bleiben, die sich neu ausrichten.