Wien statt Kiew: Österreichs Wirtschaftsdelegierte Gabriele Haselsberger flüchtete in den ersten Kriegstagen aus der ukrainischen Hauptstadt und leitet ihr Team nun von Wien aus. Ein Teil ihrer Mannschaft blieb vor Ort.

In den ersten Wochen ging es ihr vor allem darum, österreichische Betriebe bei der Evakuierung zu helfen. "Am Anfang hat man in 24 Stunden gedacht und geplant, jetzt denkt man wieder längerfristiger", meint Haselsberger. Das ukrainische Wirtschaftsleben habe sich stark in den Westen des Landes verlagert, nicht nur Menschen, sondern auch ganze Betriebe mit ihren Maschinen flohen, staatlich unterstützt, in die Region um Lwiw (Lemberg). Auch heimische Betriebe bauten in der Westukraine neue Büros und Lager auf.

Eine aktuelle Umfrage der WKÖ unter österreichischen Unternehmen in der Ukraine zeige, dass über 50 Prozent der dort aktiven Betriebe weiter zumindest teilweise oder "remote" - also über Fernarbeit - geschäftlich tätig sind. 40 Prozent mussten den Betrieb vorübergehend schließen, der Rest, knapp zehn Prozent, ist voll operativ.

"Viele machen weiter"

Produzierende ukrainische Betriebe arbeiten in der Westukraine und in anderen Regionen teilweise in Dreischichtbetrieben, "gerade in den kritischen Branchen versuchen alle, weiterzumachen oder ihre Arbeit wieder aufzunehmen", sagt Haselsberger zur Kleinen Zeitung. Vor allem die West- und Zentralukraine seien "relativ sicher".

Zentrales Thema für die ukrainische Wirtschaft ist der Aufbau alternativer Logistiksysteme zu Seehäfen, die von den russischen Invasoren blockiert und/oder vermint sind, sagt Haselsberger. Vor allem Agrarwaren und Stahl wurden bisher von den Meereshäfen aus exportiert.

40 bis 50 Prozent der ukrainischen Unternehmen sind stillgelegt, mehr als die Hälfte der ukrainischen Wirtschaftsleistung wurde in Gebieten erwirtschaftet, in denen gekämpft wird. Viele ukrainische Firmen suchten sich nun neue Absatzmärkte, um die einst wichtigen Märkte Russland und Belarus zu ersetzen. "Den Ukrainern kommt ihre große Improvisationsfähigkeit entgegen, sie ziehen rasch neue Geschäfte und neue Logistik auf", sagt Haselsberger. Die Firmen "helfen einander und unterstützen sich gegenseitig auf großartige Weise".