Der Österreichische Luftfahrtverband hat beim Luftfahrtsymposium in Wien in dieser Woche eine Umfrage präsentiert, die das Verhältnis der Österreicherinnen und Österreicher zum Fliegen ausgelotet hat. Ein Tenor: Wer vor der Corona-Krise gerne geflogen ist, will das danach auch wieder tun. Spannend: Laut der Umfrage können sich immerhin 61 Prozent der Befragten auch für Mindestpreise bei Flügen erwärmen. Der Neos-Abgeordnete Yannick Shetty hat zuletzt mit einer Reiserechnung vor wenigen Tagen für viel Aufsehen gesorgt: Er ist mit dem Zug nach Glasgow zum Gipfel gereist. Kostenpunkt: 508,58 Euro. Fahrzeit: 18 Stunden und 32 Minuten. Zurück ging es dann per Flugzeug. Kostenpunkt: 19 Euro bei zwei Stunden Flugzeit. Sein Fazit: Solange die Unterschiede „so absurd groß sind, wird sich das Mobilitätsverhalten nicht ändern“.

Liegt das auch daran, dass Fliegen noch immer zu billig ist? Braucht es einen Mindestpreis? Wir haben ÖBB-Chef Andreas Matthä und Peter Malanik, Präsident des Österreichischen Luftverkehrsverbands um ihre Meinung gebeten. 

PRO: Klares Ja zu Mindestflugpreisen

Mit den Dumpingpreisen der Billigflieger muss endlich Schluss sein, fordert ÖBB-Chef Andreas Matthä. Flugtickets um wenige Euro seien nicht nur schlecht fürs Klima, sondern verzerren auch den Wettbewerb.

Ja, mit den Dumpingpreisen der Billigflieger muss endlich Schluss sein. Flugtickets um wenige Euro sind schlecht fürs Klima und schlecht für den Wettbewerb – in der eigenen Branche und generell.

Niemand will das Flugzeug als Verkehrsmittel verbieten. Was wir aber brauchen, sind faire Rahmenbedingungen und Kostenwahrheit. Solange Kerosin steuerfrei ist, während die Bahn Steuern auf grünen Bahnstrom zahlt, gibt es keine Kostenwahrheit. Solange grenzüberschreitende Flugtickets von der Mehrwertsteuer befreit sind, während man für Bahntickets diese Steuer zahlt und dazu noch die Schienenmaut teuer zu Buche schlägt, gibt es keine Kostenwahrheit.

Solange es keine Kostenwahrheit gibt zwischen Zug und Flug, hat die Verkehrswende keine Chance. Wir werden die notwendigen Klimaziele nicht erreichen, wenn es nicht gelingt, Verkehr auf die Schiene zu bringen. Denn eine Fahrt mit der Bahn ist 51-mal „grüner“ als ein Flug. Vor allem von den Kurzstreckenflügen sollten wir dem Klima zuliebe wegkommen. Für rund 30 Prozent aller Kurzflüge in Europa gibt es Zugverbindungen, die unter 6 Stunden dauern. Wichtig ist, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit noch viel enger wird. Die Diskussion über Billigflieger zeigt doch eines ganz deutlich: Europa braucht mehr Bahn und die Bahn braucht mehr Europa. Hochleistungsstrecken sind das Ziel, Verbindungen wie Wien – Berlin in vier Stunden sind keine Utopie mehr.

Eine echte Alternative haben wir auf vielen Strecken jetzt schon: die Nachtzüge. Diese Option wirkt sich auch auf das Geldbörsel aus. Im Nightjet spart man sich für eine Nacht das Hotelzimmer und viele Kosten, die von Billig-Airlines gerne versteckt werden und oft für ein böses Erwachen sorgen – etwa Extragebühren fürs Check-in, für den Sitzplatz oder pro Gepäckstück. Aber nicht nur Klimaschützer und Bahnunternehmen kämpfen gegen Dumpingtickets. Auch viele Airlines, die auf Qualität setzen - nicht zuletzt die AUA, wehren sich dagegen. Denn es darf nicht ums Kaputtmachen gehen – weder einander noch unser Klima. Vielmehr sollten wir gemeinsam auf unseren Planeten schauen und zusammenarbeiten.

Wenn das Fliegen generell aber nicht mehr so unverschämt billig ist und Airlines die gleichen Kosten bewältigen müssen wie die Bahn, werden die Preise vergleichbar werden. Und die Bahn kann endlich ihre Vorteile ausspielen: Sie bringt ihre Fahrgäste direkt ans Ziel, von Zentrum zu Zentrum, bequem, entspannend und - für uns und unsere Nachkommen - klimaschützend.

Andreas Matthä wurde am 20. September 1962 in
Villach geboren. Bei den ÖBB bekleidete er Leitungsfunktionen in den Bereichen Bau, Controlling, Verkehrsplanung. Seit Mai 2016 ist Matthä Vorstandschef der ÖBB-Holding.

© KLZ/Helmuth Weichselbraun

KONTRA: Klares Nein zu Mindestflugpreisen

Staatliche Preisregulierung hat noch nie Positives bewirkt, meint der Präsident des Luftverkehrsverbands, Peter Malanik. Es sei überdies noch nicht lange her, dass Fluglinien vorgeworfen wurde, viel zu teuer zu sein.

Die Fragestellung ist schon erstaunlich: Es ist noch nicht lange her, dass Fluggesellschaften vorgeworfen wurde, viel zu teuer zu sein. Demokratischer sollte Fliegen werden. Leistbar für jedermann. Zur Abhilfe wurde den Fluggesellschaften mehr Wettbewerb vorordnet. Und siehe da: Die Medizin, für viele recht bitter, hat gewirkt. Neue Low-Cost- Fluggesellschaften wie Ryanair und Wizzair haben die etablierten Fluggesellschaften veranlasst, um ein vielfaches effizienter und günstiger zu werden. Politisches Ziel erreicht, oder? Offenbar nicht. Denn jetzt ist es auf einmal zu billig.

Nicht immer natürlich und oft nur auf Plakaten der Ryanair. Nicht viele sind wirklich je um 14,90 Euro geflogen. Derartige Preise sind reine Marketingmaßnahmen. Auch Ryanair legt dabei bei jedem Passagier, der ein solches Ticket doch irgendwie ergattert, etwas drauf. Nur: selbst wenn 500 Tickets um einen Preis verkauft werden, bei dem Ryanair 30 Euro pro Ticket drauflegt, hat die ganze Marketingaktion gerade mal 15.000 Euro gekostet. Ein Megaboard am Weg zum Airport kostet mehr. Natürlich: solche Marketingmaßnahmen haben viel dazu beigetragen, der Luftfahrt einen unverdient schlechten ökologischen Ruf zu verpassen. Und sicher ist Marketing mit Preisen unter den Kosten unökonomisch und unökologisch. Aber soll man das mit Mindestpreisen um die 40 Euro unterbinden?

Wollen wir ein zentrales Element der freien Marktwirtschaft, nämlich die freie Preisgestaltung, wegen Marketing-Konzepten einzelner Marktteilnehmer beschränken? Staatliche Preisregulierung hat noch nie Positives bewirkt.

Denkbar wäre eher vorzuschreiben, dass die vielen Steuern und Abgaben auf Flugtickets ausgewiesen werden müssen, sodass Passagiere erkennen können wie hoch die Belastung des Luftverkehrs bereits ist. Das würde zumindest das Missverständnis aufklären, der Luftverkehr hätte Steuerprivilegien. Und weil die vielen Abgaben einen Lenkungseffekt haben sollen, könnte sogar überlegt werden, vorzuschreiben, dass Passagiere zumindest die Abgaben tatsächlich bezahlen müssen. Ryanair wird dann halt Tickets verschenken. Marketing ist alles. Der Bahn, die trotz massiver staatlicher Subventionen nicht mit Flugpreisen mithalten kann, würden Mindestpreise von 40 Euro auch nicht helfen. Anzuraten wäre hingegen die Medizin, die auch das Fliegen effizient und günstig gemacht hat: Wettbewerb nämlich. Und zwar nicht nur innerösterreichischer, sondern internationaler. Das wirkt besser, als die Konkurrenz in der Luft teurer machen zu wollen.

Peter Malanik, geboren am 29. August 1961 in Mödling. Der Jurist war von 2008 bis 2012 AUA-Vorstand. Er ist Präsident des Österreichischen Luftfahrtverbands und Aufsichtsratschef des Klagenfurter Flughafens.

© APA/Gert Eggenberger