Kolumne vom BörsenparkettLogbuch eines Börsianers: Wenn Preise stärker als Einkommen steigen

In seinem wöchentlichen „Logbuch eines Börsianers“ bilanziert der erfahrene Kapitalmarktexperte Josef Obergantschnig das aktuelle Börsengeschehen.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Josef Obergantschnig
Josef Obergantschnig © © Ethico
 

Josef Obergantschnig ist Präsident des Wirtschaftsethikklubs Ethico und allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Bank- und Börsenwesen. In seinem „Logbuch eines Börsianers“ schildert der erfahrene Kapitalmarktexperte für die „Kleine Zeitung“ seine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse in diesem – auch auf dem Börsenparkett – ereignisreichen Zeiten und zieht jeweils eine Wochenbilanz.

Samstag, 29. Jänner: Wohin mit dem Geld?

Irgendwie bin ich unsicher, als ich heute Morgen bei meiner Kaffeemaschine stehe. Selbst der sich ausbreitende Kaffeegeruch sorgt für keine Stimmungsaufbesserung. Auf einem Foto lächeln mir meine Kinder entgegen. Voller Lebensfreude und voller Tatendrang. Unweigerlich muss ich an den jüngsten Edelman Trust Barometer denken. In einer Umfrage in 28 Ländern der Welt werden Menschen darüber befragt, ob sie glauben, dass es ihnen und ihren Familien in fünf Jahren ökonomisch besser geht als heute. Das Ergebnis ist niederschmetternd. In neun der 28 Ländern liegt die Stimmung auf einem Allzeittief. Darunter finden sich große Volkswirtschaften wie die USA, China, Japan, Frankreich oder auch Deutschland. In Deutschland glauben lediglich 22 Prozent aller Umfrageteilnehmer, dass es ihnen in 2027 besser gehen wird als heute. Für Österreich oder die Schweiz sind leider keine Detailergebnisse vorhanden, aber ich denke, dass wir uns auf einem ähnlichen Niveau befinden.
 
In ärmeren Ländern wie Kenia, Nigeria oder Kolumbien blicken die Menschen viel optimistischer in die Zukunft. Wir sind jetzt wahrscheinlich die erste Elterngeneration seit sehr langer Zeit, die nicht davon ausgeht, dass es den eigenen Kindern einmal besser geht. Diese Einschätzung spiegelt die Unsicherheit der Konsumenten wider. Ich gehe davon aus, dass viele in Anbetracht der negativen Erwartung ein eher zurückhaltendes Konsumverhalten an den Tag legen werden. Und der Konsum ist bekanntlich eine wesentliche und tragende Wirtschaftssäule.
 

Buchtipp

Der Finanzmarktexperte Josef Obergantschnig hat die dramatischen Entwicklungen an den Börsen ab März in Form eines – auch via Kleine Zeitung online geführten – Tagebuchs
festgehalten.

Seine pointierten und hintergründigen Kolumnen sind unter dem Titel „Tagebuch eines Börsianers – Corona Crash 2020 – Wie alles begann“ nun auch in Buchform erschienen (SCEN.Zeitwertverlag.ruhr; 500 Seiten; 20,20 Euro).

Hier geht's zum Video Buchpräsentation

 
Der IWF hat diese Woche bereits reagiert und die Wachstumsrate der Weltwirtschaft von 4,9 Prozent auf 4,4 Prozent gesenkt. Bei einer höheren Sparquote stellt sich aber auch unweigerlich die Frage: Wohin mit dem Geld? Eine Investition in eine deutsche Bundesanleihe wird für einen Privatinvestor mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Verlust führen. Daran können auch die Sektkorken nichts ändern, die der eine oder andere Finanzmarktteilnehmer verschossen hat, als die Rendite für eine 10-jährige Deutsche Bundesanleihe erstmals seit 2019 wieder über die 0%-Grenze gestiegen ist. Wenn man allerdings Transaktionskosten, Steuern oder sogar die Inflation berücksichtigt, ist die Ertragserwartung eines Investors zappendüster.
 
Die Inflationsangst ist in der breiten Bevölkerung angekommen. Das verdeutlicht für mich eine aktuelle Umfage von ipsos im Rahmen der Global Advisor Predictions 2022. 75 Prozent der weltweit befragten Teilnehmer gehen davon aus, dass Preise stärker steigen als die Einkommen. In Deutschland oder Frankreich ist die Sorge mit 81 Prozent besonders ausgeprägt. In Japan, welches seit Jahrzehnten mit deflationären Tendenzen zu kämpfen hat, liegt mit 33 Prozent deutlich darunter. Durch Inflation sinkt die reale Kaufkraft, was sich wiederum nicht positiv auf die Stimmung auswirken wird.
 
Jerome Powell, Präsident der amerikanischen Notenbank, deutete bereits die erste Zinsanhebung im März seit Ausbruch der Corona-Pandemie an. Zudem beabsichtigt die Fed, die milliardenschweren Wertpapierkäufe im März einzustellen. Powell begründete seine Äußerungen mit der zuletzt stark gestiegenen Inflation, der Ukraine-Krise sowie einer deutlichen Verbesserung am Arbeitsmarkt. Aktuell gibt es viele Millionen offene Stellen und er sehe viel Spielraum, die Zinsen zu erhöhen, ohne dem Arbeitsmarkt zu schaden.
 

In diesem Zusammenhang kann ich meine Kinder beruhigen: Unser Familienvermögen wird bis 2027 mit Sicherheit nicht um 33 Milliarden US-Dollar schrumpfen.

Josef Obergantschnig
 
An den Finanzmärkten hat sich 2022 die Stimmung deutlich verschlechtert. Aktienmärkte mussten in den ersten Wochen zum Teil herbe Verluste hinnehmen. Besonders stark betroffen sind Technologie-Aktien, die in den vergangenen Jahren die Rangliste anführten. Elon Musk, der reichste Mann der Welt, verlor 2022 durch den Kurseinbruch der Tesla-Aktien 33 Milliarden US-Dollar. Das ist mit Sicherheit unangenehm, aber bei einem geschätzten Nettovermögen von 237 Milliarden US-Dollar scheint das durchaus verschmerzbar. In diesem Zusammenhang kann ich meine Kinder beruhigen: Unser Familienvermögen wird bis 2027 mit Sicherheit nicht um 33 Milliarden US-Dollar schrumpfen. Das ist doch ein Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken, meinen Sie nicht auch?


Samstag, 22. Jänner: Anleihen und das Pulverfass

Kommentare (11)
robertrr
3
57
Lesenswert?

Phillips Kurve

Die Nachfrage nach Arbeitskräften, die auch wirklich wertschöpfend sind, wird spätestens nach der Corona Krise explodieren. Das ist ein gesellschaftliches Problem, dass wir keine Leute mehr finden die echte Arbeit verrichten.

TrailandError
17
41
Lesenswert?

Wie deppert is die Menschheit

geworden..... die da alle spekulieren bilden sich nich ein das sei reelle Arbeit und trägt zur gesunden Wirtschaft bei?! Einige Wenige bekommen viel Geld auf Kosten vieler Sparer-abartig!!!

melahide
6
10
Lesenswert?

Das ist

die Welt die sich die „Mächtigen“ erschaffen haben. Und immer wenn von Links jemand schreit „höhere Steuern auf Kapitalerträge, Vermögen“ nimmt der brave Hackler die armen Aktionäre, die sich an seiner Arbeitskraft dumm und dämlich verdienen, auch noch in Schutz! „Brauch ma nicht“

LaPantera69
11
27
Lesenswert?

Marktanalyse

Ich würde mir eher eine wöchentliche Analyse des Marktes erwarten, und keinen Schwank aus dem Leben...

duerni
7
72
Lesenswert?

Sell in May and go away ........

. das kann ich aber erst, wenn ich vorher gekauft hatte. Aktien und Anleihen sind aktuell ohnehin das einzige Mittel gegen Kaufkrafteinbuse des Ersparten. Dass Aktien etc. immer mit Risiko verbunden sind und die Börse 2020 - covidbedingt - ohnehin alle Regeln ausser Kraft gesetzt wissen wir.
Dieser Artikel ist entbehrlich - er sagt nur Triviales, das jeder weiß, der sich mit der Börse beschäftigt. Was wichtig wäre ist, der Bevölkerung ein Grundwissen über die Geldanlage an der Börse zu vermitteln, um Angst vor Verlusten zu nehmen.
Das sollte in der Mittelschule beginnen!

joiedevivre
18
10
Lesenswert?

Fondsparen ist das Stichwort

Das Sparbuch ist tot. Wer Geld durch die Inflation verlieren möchte der kann es dort anlegen.
An investieren in Aktien, breit gestreut in einem Fonds führt kein Weg vorbei.

Als Tipp sei hier das Fintech Startup Own360 genannt.

melahide
0
2
Lesenswert?

Own360

Hab ich auch seit ähhh… 2019 hab ich das probiert. Geht immer schön rauf und runter. Man weiß dann bald, wann man kaufen und wann man verkaufen muss …

zweigerl
31
46
Lesenswert?

Zockergeneration

Diese "Bildung" scheint mir gleichfalls entbehrlich, da sie das Zeug hat, nicht mehr wirkliche Bildung zu vermitteln, sondern eine Zockergeneration zu züchten, die wirklich des Glaubens ist, nicht die Real-, sondern die Börsenwirtschaft besitze eine ökonomische Effizienz.

pescador
19
53
Lesenswert?

zweigerl

Geld in Aktien zu veranlagen hat mit zocken nichts zu tun. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, braucht es eben Finanzbildung.

heku49
5
23
Lesenswert?

Sehr richtig! Aber sich ein breites Basiswissen vor dem Handeln mit Aktien

aneignen ist wichtig!
Etwas leichter der Einstieg ins Fondssparen.....aber zum Aufbau eines kleinen Vermögens gut geeignet....und der Start ist mit 30 Euros im Monat möglich....

melahide
0
8
Lesenswert?

30 Euro im Monat

möglich. Dann lege Sie im Jahr heiße 360 Euro auf die Seite. Ein sehr kleines Vermögen ..