Mit dem Verkauf seiner Aufzugssparte für 17,2 Milliarden Euro hat sich der schwer angeschlagene Stahl- und Industriekonzern Thyssenkrupp finanziell Luft verschafft. Durch das am Freitag abgewickelte Geschäft verliert Thyssenkrupp aber zugleich seinen wertvollsten Unternehmenszweig und derzeit einzigen nennenswerten Gewinnbringer sowie mehr als 50 000 Mitarbeiter.

Vorstandschefin Martina Merz nannte den Verkauf an ein Konsortium um die Finanzinvestoren Advent und Cinven eine schwierige Entscheidung, die niemandem leichtgefallen sei. "Im Interesse der gesamten Unternehmensgruppe war sie aber unabdingbar." Der Eingang des Kaufpreises führe unmittelbar zu einem signifikanten Rückgang der Verschuldung und einer deutlichen Erhöhung des Eigenkapitals, betonte das Unternehmen. Geld der Förderbank KfW muss der Konzern jetzt nicht aufnehmen, eine Kreditlinie von einer Milliarde Euro sei nicht abgerufen worden. Der Verkauf war noch vereinbart worden, bevor die Corona-Krise Deutschland erreichte.

Rote Zahlen

Thyssenkrupp steckt tief in den roten Zahlen. Allein in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres könnte sich ein Verlust von bis zu einer Milliarde Euro aufgetürmt haben. Die Einnahmen aus dem Verkauf sollten eigentlich zum großen Befreiungsschlag werden. Aus dem Milliardenzufluss will Merz den Schuldenabbau, die Absicherung von Pensionslasten und einen Konzernumbau finanzieren.

Wie viel Geld für Investitionen übrig bleibt, ist aber ungewiss. Es sei klar, "dass Corona unseren Spielraum deutlich einschränken wird", hatte Merz bei der Vorlage der Halbjahreszahlen im Mai eingeräumt. Jetzt betonte der Konzern, er werde bei der Verwendung der Mittel "größtmögliche Flexibilität bewahren".

Problemfelder

Bei Thyssenkrupp brennt es an allen Ecken und Enden. Nach der Trennung von der Aufzugssparte bleibt der Stahlbereich die größte Baustelle von Merz. Die Vorstandschefin ist auf Partnersuche und schließt selbst eine Minderheitsbeteiligung am Kern des Traditionskonzerns nicht mehr aus. "Es gibt keine Denkverbote", hatte sie betont. Nahezu jeder Stahlkocher in Europa gilt inzwischen als möglicher Partner für Thyssenkrupp.

Der Stahl ist aber nicht das einzige Problemfeld des geschrumpften Konzerns. Der Anlagenbau, der Edelstahlbereich, die Produktion von Federn und Stabilisatoren sowie Grobblech - die Liste der Firmenteile, für die Partner gebraucht werden, die verkauft oder geschlossen werden sollen, ist lang. Es gehe jetzt darum, "die Leistungsfähigkeit der verbliebenen Geschäfte substanziell zu verbessern", betonte Merz.

Geschäft mit Wartung

Angesichts der bisherigen Bedeutung des Aufzugsgeschäfts für Thyssenkrupp sprach Vorstandsmitglied Oliver Burkhard von "gemischten Gefühlen" beim Verkauf. "Bestes Geschäft weg, aber neuer Spielraum zur Stärkung unserer anderen Geschäfte", schrieb er im Kurznachrichtendienst Twitter.

Die Aufzugssparte mit einem Jahresumsatz von zuletzt 8 Milliarden Euro hat sich bisher als wenig krisenanfällig erwiesen. Auch deshalb, weil die Wartung von etwa 1,4 Millionen Aufzügen und Fahrtreppen weltweit das wichtigste Geschäftsfeld ist.

Welche Rolle die neuen Eigentümer, zu denen auch die Essener RAG-Stiftung gehört, übernehmen wollen, ist noch nicht deutlich geworden. Der Vorstandschef von Thyssenkrupp Elevator, Peter Walker, bezeichnetet sie am Freitag als "Strategie- und Finanzpartner". Advent und Cinven kündigten an, ihr neues Unternehmen "durch Investitionen in organisches Wachstum und gezielte Akquisitionen" zu stärken. Eine erste Entscheidung ist bereits gefallen: Die Zentrale des jetzt selbstständigen Unternehmens, an dem Thyssenkrupp eine Minderheitsbeteiligung übernimmt, wird aus Essen nach Düsseldorf umziehen.

(Schluss) cri