Ungenügende ReinigungEin Tanklaster für Schokolade, Öl und Plastik

Weil es keine internationalen Standards für die Reinigung von Tanklastern gibt, steigt die Verunreinigung von Lebensmitteln rapide an: mit Plastik, Pilzen, Bakterien, Schimmelpilzgiften und vielen anderen Grauslichkeiten.

© APA/dpa/Josef Reisner
 

Sie stehen schon fast auf der Tagesordnung: Rückrufe von Lebensmitteln wegen Verunreinigungen. Erst am Freitag musste die Firma Rewe Blätterteig-Produkte der Eigenmarken Penny und Clever zurückrufen, tags darauf auch "Tante Fanny Blätterteig" - wegen Verunreinigung mit Metallteilen. Wenige Tage zuvor rief die Firma Albert Schiller Leberwurst zurück, weil ein rotes Plastikteilchen, fünf mal sieben Millimeter groß, entdeckt wurde.

Dabei passieren Verunreinigungen oft gar nicht bei der Herstellung, sondern beim Transport. Kein Wunder. Ein Transportlaster, ein Tank mit drei Kammern - aber nur ein Abflussrohr. In einem Tank seien 8000 Liter Öl, daneben im zweiten 8000 Liter Milch und im dritten 8000 Kilo Schokolade. „Und alles wird über ein gemeinsames Ablaufrohr entleert“, kritisiert Hans-Dieter Philipowski. Er ist Präsident der ENFIT, einer neuen EU-Arbeitsgruppe, die sich für die Einführung von Qualitätsstandards von Reinigungs- und Desinfektionsverfahren bei Tank- und Silofahrzeugen einsetzt.

Denn immer häufiger kommt es zu Verunreinigungen von Lebensmitteln und einer Kontamination mit Bakterien, Viren, Pilzen, Allergenen, Schimmelpilzgiften oder Kunststoffgranulaten, Holz, Metall oder Glas. Plastikteilchen im Essen sind der Grund für rund 30 Prozent der Rückrufe von Lebensmitteln. Schuld daran dürfte die jahrelange Praxis schlampiger Reinigungen von Lebensmittel-Transportlastern sein. Dieses „schwarze Loch“ sei ein unkalkulierbares Risiko für die Gesundheit der Konsumenten, warnt Philipowski.

Das Problem, sagt er, sei vor allem, dass die sonst funktionierende Qualitätssicherung in den Betrieben den Transport nicht erfasse. Da nimmt dann ein Tanklaster, der mit Kunststoffgranulat beladen von München nach Hamburg fährt, auf dem Weg zurück eine Milchlieferung im selben Tank mit. Im Bescheid muss nur die Milch aufgeführt sein, nicht das Plastik, was eine Rückverfolgbarkeit von Verunreinigungen unmöglich macht. Eine Zwischenreinigung sei zwar vorgesehen, doch die Hygienevorschriften würden kaum erfüllt.

An den Wänden abgelagertes Mehl würde bei Feuchtigkeit steinhart, sei kaum zu entfernen und würde mit der Zeit immer mehr Schimmelpilz-Gift entwickeln - ein Verursacher von Leberzirrhose. „Und das essen wir.“ Im Fall des gemeinsamen Abflussrohrs liegt die Menge der Verunreinigung nicht mehr im Millionstel-Bereich, „da geht's um 50 oder 100 Kilogramm.“ Firmen wüssten oft gar nicht, mit welchen kontaminierten Produkten sie beliefert werden. „Jeder Transport, der in die Fabrik reingeht, ist wie ein trojanisches Pferd“, sagt Philipowski, „man weiß nicht, was in dem bestellten Produkt noch alles drin ist.“

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Danke für Ihr Verständnis.

paulrandig
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Ich werde nie wieder...

...irgendwas essen.
Aber mal ernst: Alleine dieses Problem, zusammen mit der Unverhältnismäßigkeit der Kostenbeteiligung des LKW-Verkehrs an den Straßenerhaltungskosten und dem grenzüberschreitenden Lohndumpingproblem der Frächter sollte doch einmal Anlass geben den Transportwahnsinn im Lebensmittelbereich gründlich zu hinterfragen.

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woelffchen
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Kauft regionale Produkte

Sollte das Gebot der Stunde heißen! wenn die Bevölkerung diesen Trend verfolgen würde, dann würde sich auch der Schwertransporter drastisch reduzieren und das wäre dann auch noch gut für die Umwelt.

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homerjsimpson
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Richtig.

Aber die Transportproblematik bleibt auch in dem Bereich ein offenes Thema, sobald es um größere Mengen geht (und in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern geht's halt nicht mit Individual-Zustellung).

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