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Chefetage

Das Holzbrett, das die Geister scheidet

Die Holzbrett-Affäre im Bioladen löst eine breite Debatte über Bürokratiewahn und Überregulierung aus. Die Wahlkämpfer in der Wirtschaftskammer sind begeistert. Von Ernst Sittinger

Ushij Matzer
Ushij Matzer © Susanne Hassler
 

Offenbar war das jetzt fällig: Ein Holzbrett und ein paar Kochlöffel in einem Grazer Bioladen reichten aus, um breite Debatten rund um die Überregulierung der heimischen Wirtschaft zu befeuern. Die Wogen gehen hoch, denn fast jeder Unternehmer kann Gruselgeschichten über abstruse Vorschriften oder Zertifizierungsorgien erzählen.

Dass Bioladen-Betreiberin Ushij Matzer für ihren Entschluss, notfalls für die Verwendung von Holzbrettern ins Gefängnis zu gehen, so viel Beifall erhält, ist freilich auch den im Februar 2015 anstehenden Wahlen zur Wirtschaftskammer geschuldet. Die Frau wusste gar nicht, wie ihr geschieht: Bundes-Kammerpräsident Christoph Leitl und der steirische Kammerchef Josef Herk kündigten an, mit Matzer ins Gefängnis zu gehen. Herk stattete dem Laden gestern vorsorglich einen Besuch ab.

"Dutzende Unternehmer" wollen ins Gefängnis

Mittlerweile sollen laut Kammer bereits „Dutzende Unternehmer“ darauf brennen, sich in den Häfen zu begeben. Auch andere Bürger melden sich fürs Gefängnis an – die Bereitschaft zum „Wutbürgertum“ ist groß.
Der Grat zwischen Pose, Posse und ehrlicher Empörung dürfte im Einzelfall eher schmal sein. Doch die Gefahr, dass die Gefängnisse wegen Überfüllung schließen, ist ohnedies gering: Ersatz-Arrest gibt es nämlich nur bei Uneinbringlichkeit einer Strafe. Zuvor wird vom Exekutor gepfändet. Der dürfe auch Waren und Geld aus dem Bioladen holen, sagt die Stadt Graz.

Doch die Wirtschaftskammer hält kräftig dagegen: Frau Matzer habe sämtliche Besitztümer überschrieben und sei daher „juristisch mittellos“, sagt Herk nach dem Bioladen-Besuch. Die Betroffene selbst bleibt dabei: Sie sei entschlossen, alles zu tun, um den Ersatz-Arrest anzutreten.

"Chuzpe der ÖVP"

Ins Gefecht eingetreten ist auch die Landtagsklubobfrau der Grünen, Sabine Jungwirth: Es sei „Chuzpe“, wenn sich nun jene ÖVP-Funktionäre solidarisch erklärten, auf deren „Mist“ die Gesetze gewachsen seien. Denn für die Gewerbeordnung sei immer die ÖVP zuständig gewesen.
Dieses Argument zieht freilich nur bedingt. Denn erstens geht es nicht ums Gewerberecht, sondern um eine Hygieneleitlinie, die vom (SPÖ-geführten) Gesundheitsministerium auf Basis von EU-Recht erlassen wurde. Zweitens ist für den Vollzug das Gesundheitsamt der Stadt Graz zuständig. Wirtschaftsbunddirektor Kurt Egger warf Jungwirth prompt „polemische Wahlkampfmanier“ vor. Der Kochlöffel sei Symbol für die Überregulierung im Lande.

Magistrat: "Sind Bioladen entgegengekommen"

In der ursprünglichen Frage – ob nämlich Holzbretter verboten sind und wo das steht – scheiden sich nach wie vor die Geister. Der Direktor des Grazer Magistrats, Martin Haidvogl, hält fest: Da der Bioladen für Kindergärten koche, handle es sich um eine „Speisen produzierende Einrichtung der Gemeinschaftsverpflegung“. Fürs Gesetz ist das eine Großküche, Holz ist dort – im Unterschied etwa zu Buschenschenken oder Konditoreien – verboten.
Man sei dem Bioladen ohnedies entgegengekommen und habe Holz erlaubt, sagt der Magistrats-Chef. Nur habe man verlangt, dass abgesplitterte Holzutensilien ausgetauscht werden. Für Matzer ist dies eine „Schmutzkübelkampagne“, denn sie habe keineswegs abgesplitterte Löffel verwendet. Im Magistrat wiederum verweist man auf abgenützte Holztische in der Bioladen-Küche.

Wie auch immer – die Frage nach der Überregulierung im Wirtschaftsleben bedrängt jedenfalls nicht nur viele Unternehmer, sondern macht auch den Behörden zu schaffen. Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl fordert nun generell eine Totalentrümpelung der Vorschriften, besonders im Bauwesen und in der Gastronomie. Nagl: „Ich halte es nicht mehr aus, dass Bund und Land pausenlos Novellen rauslassen. Der Vollzug dieser Gesetzesflut ist nicht möglich.“ Vorschlag des Bürgermeisters: Die Bau-, Lebensmittel- und Hygienevorschriften sollten nicht bloß korrigiert werden – das wäre ja wieder nur eine Novelle –, sondern man möge „bei null“ beginnen und sie neu formulieren.

Der Vorschlag ist gut, aber die Umsetzung ist ungefähr so realistisch wie bei einem kürzlich geäußerten Wunsch Leitls. Der hat nämlich zu Wochenbeginn Stein und Bein geschworen, dass der Wirtschaftskammer-Wahlkampf „erst im Jänner beginnt“. Wenn man die Holzbrett-Affäre betrachtet, darf man sagen: An der breiten Durchsetzung dieser Vorgabe muss noch intensiv gearbeitet werden.

Kommentare (52)

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Experten....

stellten fest, das ein Stück Holz einen IQ von 20 hat. Was unsere gewählten Verantwortlichen nach dieser Frechheit wohl für einen haben? Bei den letzten Wahlen hat sich die BZÖ im Ernst den Witz erlaubt.....Holzkochlöffel als Werbegeschenk zu verteilen.Also ist die Quintessenz...Kauft Holz.....

FlotteMotte
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ein Holzbrett

wie lächerlich ist das denn und der Umweltskandal in Kärnten was machen wir dann mit dem?

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es geht nicht um holzwerkzeuge in der küche.

die Werkzeuge der Dame sind beschädigt, darum müssen sie ausgetauscht werden.
das ganze ist ein riesiger werbegeck der frau.

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Was ist ein "Werbegeck"?

Geck = "Mensch mit übertriebenem Modebewusstsein"
Werbegeck = Mensch mit besonderen Bewusstsein für Mode in der Werbung???

schteirischprovessa
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war halt werbegag, wenn die gefahr besteht, dass holz von gerätschaften

A
absplittert, dürfen sie halt nicht mehr verwendet werden. Das ist auch bei bäckereien, konditoreien etc so und macht auch sinn.

Katza
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Das Problem ist die (aus Angloamerika importierte) Angst vor Keimen. Auch die berühmt berüchtigten "Chlorhühner" sind desinfizierte Hühner.

Nur weil hin und wieder einmal jemand an irgendeiner Infektion stirbt, müssen wir uns mit teils hochgiftigen Desinfektionsmitteln zuschütten und müssen Verpackungen bis zum geht nicht mehr hinnehmen, die oft mehr schaden anrichten, als verhindern.
Tatsächlich ist es mittlerweile schon so, dass wie zu so hygienisch leben, dass wir davon schon wieder krank werden. Denn wenn das Immunsystem "gelangweilt" ist, fängt es an sich neue Opfer zu suchen. Meist wird es da in der Lunge fündig, weil dort am meisten (meist harmlose) Fremdkörper eindringen (-> Allergien, Asthma), in manchen Fällen greift es sogar den Körper selbst an (-> Autoimmunerkrankungen).
Also liebe Eltern: Lasst eure Kinder im Dreck spielen und Finger weg von Desinfektionsmitteln, die haben im Haushalt nichts verloren!
(gut gemeinter Rat von einem Medizinstudenten)

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Völlig richtig!

Auch übertriebene Reinlichkeit schadet. Das Immunsystem funktioniert nur, wenn es einmal gelernt hat, mit Dreck umzugehen. Wenn wir so weiter tun, wird uns bald ein an sich harmloser Infekt umbringen, weil das träge gewordene Immunsystem nicht weiß, was es dagegen tun soll.

Katza
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ich korrigiere: .... dass wir so hygienisch leben....

schebach
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Gefängnis auf Wunsch?

Zum Glück, kann nicht jeder der das wünscht - aus Publictygründen oder anderen, ins Gefängnis gehen. Eine Ersatzstrafe kann ja ohnehin nur der antreten, bei dem Pfändungen erfolglos waren. Also ist es kein Rennomee, wenn jemand ins Gefängnis darf und manche glauben, sich anhängen zu können. Natürlich sind viele Verordnungen zu hinterfragen und auch teils lächerlich.

bahnfahrer
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@bahnfahrer

Stimmt, aber nur im Bereich der Mehlspeisküche.
In allen übrigen Teilen ist Holz verboten (6) - ein absoluter Unsinn, wenn man bedenkt, wie sich Keime in einem zerkratzten Kunststoff-Brett halten und vermehren.

ATT2
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H3uchlerische P0l1t1k

Ist ja bewundernswert (Achtung Ironie!), wie z.b. auf eine Kleinstunternehmerin eingedroschen wird, weil sie Holz statt Plastikbrettln in der Küche verwendet.

Und wo bleibt die ganze Schar der ach so "besorgten" Politiker, wenn:

* jahrzehntelang Smogalarm in Graz herrscht
* jahrzehntelang im Benzin Blei ist
* Aspartam gesundheitsschädlich ist
* wir mit Ch3mtr@ils eingenebelt werden
* Lachs der giftigste Fisch überhaupt ist, aber anstandslos in unseren Regalen landet? Wie gerade auf einer ORF-III-Doku zu sehen war???

WO SIND DIE GANZE SCHAR DER HEUCHLER-BÜROKRATEN DANN?

Jaaa, dann sind sie nirgendst, weil ACHTUNG! ... die norwegische Lachs-Lobby ja ihren Einfluss in der Politik hat, genauso wie die Benzin-Lobby und die Plastikproduzenten und die Chemiefirmen und und und ....!!!!

SCH...SS AUF DIESE POLITIK!!!

paulrandig
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ATT2 - Nachplappern - Sehr gut. Setzen.

Mit solchen Leuten soll man diskutieren, die sich aus allen möglichen und unmöglichen Winkerln Äpfel und Birnen zusammensuchen um dann empört ihren Fruchtsalat in die Welt zu schreien? Schade, denn dadurch werden auch die paar durchaus berechtigten Punkte entkräftet!
Blei im Benzin? Ist behoben. War mal notwendig, mittlerweile gibt's Ersatz. Chemtrails?- Geh bitte! Lachs der giftigste Fisch überhaupt? Lade Sie gerne auf Fugo ein, obwohl ich nicht weiß, wie man ihn zubereitet.
Ansonsten stimme ich Ihrer Grundaussage ja durchaus zu, aber bei dieser Argumentenliste zieht's mir alles zusammen.

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Mit dem Lachs hat er Recht.

paulrandig
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Okay, da kann man streiten.

Aber ich hab' bisher jeden Lachs überlebt. Ich glaub' schon, dass es da Probleme geben kann.
Ich mag einfach diese reißerischen Superlative nicht ("Lachs der giftigste Fisch überhaupt"). Superlative und Absoluta sind das Gift jeder Differenziertheit und Vernunft. Und sie ändern sich laufend, was sie eigentlich schon entkräftet, wenn sie ausgesprochen werden.

DagobertderZweite
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Dass Holzbretter lebensgefährlich sind, kann

wahrscheinlich durch ein konkretes Beispiel nachgewiesen werden.

Im Sommer des Jahres 1902 öffnete die Sonnhofer Alm in Bayern für Touristen.
Die Bretteljause wurde bei der Eröffnungsfeier auf Holzbretteln serviert.

...ich weiß nicht, ob wirklich die Holzbretter Schuld waren. Erwiesen ist aber, dass keiner mehr lebt, der damals bei der Eröffnung dabei war und von diesen Brettern seine Brotzeit verzehrt hatte.

Imhotep
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Man verweist auf abgenützte Holztische

Was dies Beamten im Magistrat reitet würde ich nur zu gerne wissen. Offensichtlich geht es nur darum Macht auszuüben und zu zeigen wer der stärkere ist. Diesen Beamten gehört sofort von Seiten der Politik Einhalt geboten.

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Nicht nur diesen, vielen Beamten gehört Einhalt geboten - manche sehen sich wohl als Ersatzkaiser.
Ich hatte aber auch schon mit welchen zu tun die ihres Amtes wirklich würdig und bemessen sind - fairerweise muss ich das auch erwähnen.

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Komisch...

Gestern habe ich gespostet, dass es im konkreten Fall um beschädigte Holzgeräte (und nichtum Holz an sich) geht,und habe dafür zahlreiche Nein-Klicker erhalten. Heute steht es auch im Kl.Z.-Bericht so. Endlich - drei Tage lang hat uns die Kl.Z. dieses nicht unwesentliche Faktum vorenthalten.

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Wieso ist die WK begeistert ?

Wenn die WK nur EINEN Prozent des Einflusses und Einsatzwillens hätte den sie gerne für sich reklamiert, wäre dieses und viele andere unsinnige Gesetze gar nicht erst verabschiedet worden.
So aber versuchen ein paar Funktionäre genaus des dem Unsinn und den Schikanen, die sie selbst mit zu veranworten haben, politisches Kleingeld zu schlagen.
Was ihnen aber kaum bei den Zwangsmitgliedern gelingen dürfte, die haben alle so ihre eigenen Erfahrungen mit der WK.

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Den Holzfreunden könnte ich ein Kebapstadl in Graz verraten, wo der "Koch" ein Messer mit Holzgriff verwendet und zusätzlich noch Tesaband (Schweissband?) um den Griff gewickelt hat. Wer traut sich einen Hühnerkebap mit "Alles" zu bestellen?

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Sehr g'schmackig :) .... Meine Toperfahrung war in einem Biobuschenschank an der Weinstraße. Auf der einen Seite der Specklende klebte eine tote Motte, auf der anderen Seite gab es einen undefinierbaren, schwarzen Fleck. Später stellte sich heraus, dass der vom grindigen Pflaster am Daumen der Chefin stammte :)

norma44
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Bei einem Bio markt

ein Standbetreiber geht auf die Toilette und schliesslich ohne anschliessend seine Hände zu waschen wieder Salat anrichten.

paulrandig
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norma44

Herr Ober, Sie haben ja den Daumen in meiner Suppe! - Ja, ich hab ein Abszess und der Arzt hat Wärme verordnet. - Dann stecken's den Daumen von mir aus sonstwo hin! - Hab ich ja normal ja eh, aber beim Servieren geht das nicht.

argus13
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Nagl

sagt als Politiker er kann die Gesetzesflut nicht vollziehen. Dann sollte er endlich zurücktreten. Seine Politikerkollegen haben den Regulierungswahnsinn verbrochen. Ansonsten soll er für seine Grazer Bürger sich dagegen wehren - seinen Kollegen Mittelehner kennt er sicher!

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naja..

holzlöffel und holzbretter darf man nicht so waschen wie konventionelles besteck. der geschierspühler ist oftmals der tot für holz.

 
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