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Interview

Lampert: "Fleisch müsste zehnmal so teuer sein"

Bio ist etwas unsexy geworden, fürchtet Bio-Pionier Werner Lampert. Vielen Bauern sei es heute schlicht zu anstrengend, strenge Richtlinien erfüllen zu müssen.

© KK
 

Wenn man 30 Jahre als Bio-Pionier geackert hat, ist dann angesichts eines Bio-Anteils von acht Prozent bei Lebensmitteln die Bilanz nicht etwas durchwachsen?

WERNER LAMPERT: Wie bitte? Durchwachsen? Nein, aber absolut nicht. Das ist doch ein riesiger Erfolg. Wenn "bio" heute in den Köpfen verankert ist, dann darf ich das doch hoffentlich zu einem Teil auf meine Fahnen heften. Und was heißt Bilanz? Ich will noch 30 Jahre arbeiten.

Was war Ihre Vision vor 30 Jahren und wie sieht sie dann für die nächsten 30 Jahre aus?

LAMPERT: Mein Traum war, als ich begonnen habe, dass die Menschen einmal 40 Prozent Bioprodukte kaufen. Und ich bin ehrlich gesagt total darüber erstaunt, dass das nicht der Fall ist.

Sind die Menschen zu geizig?

LAMPERT: Die konventionelle Landwirtschaft hat ein gutes Lobbying, über das Inhalte transportiert werden, die wenig mit der Realität zu tun haben. Und meine Vision? Eine echte Liaison zwischen Konsumenten und Bauern als Gegenentwurf, Stolperstein für die industrielle Landwirtschaft, die nicht mehr für die Nachbarn, die Region, sondern für den Weltmarkt arbeitet.

Das ist offenbar attraktiv.

LAMPERT: Wer heute Milch nach Deutschland liefert, liefert sie nach China, weil die Chinesen inzwischen dort im großen Stil Milch kaufen und den Preis bestimmen.

Bestätigen Sie mein subjektives Gefühl, dass Lebensmittel gerade empfindlich teurer werden?

LAMPERT: Sie werden teurer, weil knapper. Man merkt inzwischen deutlich den Wohlstandsschub in Russland und China mit all den Ansprüchen, die auch mit hohem Fleischkonsum einhergehen.

Wer politisch für weniger Fleischkonsum eintritt, wie etwa die Grünen-Chefin Eva Glawischnig im Wahlkampf 2013, wird gewatscht.

LAMPERT: Diese Botschaft fand ich völlig richtig. Wir sollten uns langsam darin üben, weil Fleisch ein kostbares Gut ist, das im Moment nur durch den zu Verelendung und Versklavung führenden Sojaanbau in Südamerika so unter seinem Wert geschlagen werden kann. Würde man den sozialen Preis, den Menschen dafür zahlen, einrechnen, müsste das Fleisch zehnmal so teuer sein.

In Vorträgen zeichnen Sie sehr pessimistische Szenarien über die ökologische Zukunft unseres Planeten.

LAMPERT: Ich bin auch pessimistisch. Der Klimawandel wird unser Leben massiv verändern. Dabei ist es nicht im öffentlichen Bewusstsein, dass die industrielle Landwirtschaft weltweit der größte CO2-Produzent ist.

Auch Bio-Landwirtschaft produziert CO2.

LAMPERT: Aber Bioböden puffern Unmengen mehr CO2.

Können Sie sich eine industrielle Bio-Landwirtschaft vorstellen?

LAMPERT: Wahrscheinlich wird es sie geben, aber man muss dann definieren, was das heißt bezüglich Methoden und Betriebsmitteln wie Saatgut, Dünger, Futter oder Spritzmitteln. Ist das dann Soja aus Brasilien und Gerste aus der Ukraine? Mein Wunsch ist der Bauer, der sich als Lieferant für seine Umgebung versteht, einen Bezug zu seinen Tieren, seinem Boden hat (er sinniert) .

Warum so nachdenklich?

LAMPERT: Bio ist ein bissl unsexy geworden, oder?

Das wissen Sie doch viel besser als ich. Woran könnte das denn liegen?

LAMPERT: Weil es den Bauern wirtschaftlich so gut wie nie geht.

Ist das nicht gut? Oder meinen Sie damit satt, selbstzufrieden?

LAMPERT: Das bestmögliche Lebensmittel, also ein Bio-Lebensmittel, bereitzustellen mit all den strengen Richtlinien dahinter, ist vielen Bauern zu anstrengend.

Gibt es schon einen Engpass bei Bioprodukten für den Handel?

LAMPERT: Nein. Noch nicht.

Würden Sie sich politisch mehr "grünen" Druck wünschen?

LAMPERT (schaut lange über seinen Brillenrand): Habe ich mich je politisch geäußert?

Was ist aus dem einstigen EU-Ziel geworden, die Landwirtschaft ökologischer zu machen?

LAMPERT: Ich glaube, es gibt nichts, was so gescheitert ist wie dieses Projekt. Die konventionelle Landwirtschaft wieder einzufangen, ist ganz schwierig.

Auch völlig unpolitisch: Werden gentechnische Anwendungen in der Landwirtschaft nicht oft undifferenziert verteufelt?

LAMPERT: Alle bisherigen Anwendungen, die ich kenne, haben nur die Abhängigkeit der Bauern ins Unendliche gesteigert.

Wird Europa seine strikte Haltung verteidigen können?

LAMPERT: Wenn es zu diesem Handelsabkommen zwischen der EU und den USA kommt, nicht. Nur werden dann Politik und Bürgerwille noch weiter auseinanderdriften.

Sehen Sie als Bio-Trendforscher gute, neue Entwicklungen?

LAMPERT: Ich sehe mich eher als Trendsetter. Aber dieses Urban Gardening, wo Menschen städtische Grünflächen zu Gemüsebeeten machen, finde ich spannend. Diese Haltung dahinter, wir nehmen unser Schicksal selbst in die Hand, die gefällt mir ungemein.

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