"Anschluss" 1938„Plötzlich waren überall Hakenkreuze“

Der Leibnitzer Hans Stoisser erlebte als Junge vor 80 Jahren den Einzug der Nazis in Leibnitz. Krieg und Gefangenschaft überlebte er nur mit viel Glück. Er erinnert sich noch lebhaft an diese grausamen, schweren Zeiten.

Zeitzeuge Hans Stoisser © Wieser
 

Plötzlich waren überall Hakenkreuze, auch viele selbst gebastelte“, erinnert sich Hans Stoisser an jene März-Tage im Jahr 1938, die in einem völkischen Jubeln in Leibnitz ihren Höhepunkt fanden. Am 13. März vor 80 Jahren marschierte das Militär in Leibnitz ein. „Am Hauptplatz war eine Bombenstimmung. Ich war begeistert. Mein Vater ließ mich aber zuerst nicht hinaus“, erinnert sich Stoisser. Es war vier Tage vor seinem elften Geburtstag.


Der Zweite Weltkrieg, er war eine frühe Zäsur für Hans Stoisser. Davor der Einzug der Nazis in Leibnitz, zum Abschluss die Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1947. Dazwischen siebeneinhalb Jahre mit anfangs kindlichem Staunen über das pompöse Auftreten der neuen Machthaber, mit dem Erfüllen von irrwitzigen Aufträgen in der Flieger-Hitlerjugend nahe Dresden, mit dem Grauen der Kriegshandlungen, mit der Gefangennahme durch russische Soldaten im April 1945 und 31 Monaten in einem Arbeitslager im Ural. Mit viel Glück war der junge Mann dem Furor des Krieges entkommen. In Russland wäre er beinahe einer Blutvergiftung erlegen.


Die Erinnerungen an diese schreckensvollen Jahre, sie sind sehr präsent bei dem regen 90-Jährigen. Auch an den Frühling 1938 erinnert er sich noch. „Die wirtschaftliche Lage war hundsmiserabel. Mein Vater, ein Kriegsinvalide, hatte nur einen Lehrling in seiner Tischlerwerkstatt.“ Nach dem Anschluss aber gab es zunächst einen wirtschaftlichen Aufschwung. „Mein Vater produzierte Tische, Bänke und Spinde für die Wehrmacht. Plötzlich hatte er wieder sechs, sieben Leute.“


Stoisser erinnert sich an einen „liebenswerten Lehrer“: „Er hat aus einer Zahnpastatube ein Hakenkreuz gebastelt. 14 Tage später war er verschwunden.“ Er war ein Halbjude. Vermeintliche „Staatsfeinde“ seien „eingesammelt“ worden. „Ein bekannter Schuldirektor aus Gralla wurde wie ein Schwerverbrecher abgeführt.“ Der frühere Lehrbursch seines Vaters indes wurde Kampfflieger und verlor im Kaukasus sein Leben.
Im November 1947 kehrte Stoisser heim. Er maturierte, wurde erfolgreicher Unternehmer, Stadtchef, Abgeordneter, Humanist und kritischer Mahner. „Wir wissen nicht, in welchem Paradies wir leben. Auch wenn Manches nicht passt: Wo gibt es ein besseres Land?“

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