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In arte voluptasAuf den Spuren von Ritter Heimgarten

Peter Rosegger erzählte 1890 im „Heimgarten“, wie er den Männerbund der Schlaraffen kennenlernte. 128 Jahre später bin auch ich als Pilger in die Burg der Grazia eingeritten.

Die Schlaraffen bei der Begrüßungs­zeremonie © Ballguide/Pajman
 

Wir traten in einen großen altgotischen Saal, der mit Fackeln und Ampeln beleuchtet, mit Fahnen und Standarten geschmückt und in welchem an Tafelrunden Männer in alter Gewandung saßen, viele angetan mit Zeichen hoher Würde. […] „Ich, Ritter Kuno der Drachenschwanz, geleite einen müden Pilger und heische Eintritt in die Burg.“ Bald hernach öffnete sich eine Gasse zwischen Rittern und Knappen, zwischen zwei ­Reihen von Hellebarden. Wir ­stiegen Stufen hinan bis vor einen Altar, an welchem still und düster zwei Flammen lohten und auf welchem ein großer Vogel saß. Mein Führer kreuzte seine Arme über die Brust, verneigte sich sehr tief vor dem Altare und murmelte: „Uhu“. Dann winkte er mir, das Gleiche zu tun

6. März 2018. 128 Jahre nachdem Peter Rosegger dies über seine erste Begegnung mit dem Schlaraffenreich Grazia im Heimgarten („Im Reich des Uhu“, 1890) geschrieben hat, begehrt erneut ein Pilger, ich, Einlass in die Schlaraffenburg. Die Erzählung Roseggers im Hinterkopf und von einem väterlichen Freund begleitet, öffnet sich mir die Tür. Ich betrete einen hellen, warmen Vorraum, die „Vorburg“, wie ich alsbald erfahren werde. Zu meiner Linken sind Schwerter in doppelter Reihe aufgestellt, eine massive Tür an der Frontseite gemahnt an eine Schlosspforte. Nach rechts führt eine andere Tür in den Rittersaal. Und diesen darf man wahrlich so nennen: Unzählige farbenfrohe Wappen und Fahnen schmücken seine Wände, entlang seiner Front ist ein breiter Thron aufgebaut, zu beiden Seiten warten lange Tafeln auf die Ritter. Und inmitten aller Pracht: Ein Uhu, der mich mit leuchtenden Augen beäugt. Neugierig begrüßt werde ich profaner Schreiberling auch von den Schlaraffen selbst. Doch kann ich mit Freude ganz offen sagen: In Bälde fühle ich mich wie ein König, so herzlich werde ich empfangen. Was mich anfangs doch etwas verwirrte: der schlaraffische Gruß: „Lulu“.

Der Uhu: das Zeichen höchster Weisheit für die Schlaraffen Foto © Ballguide/Pajman

Die Schlaraffen über ihr Wesen

"Schlaraffia ist ein Abenteuer, eine Chance, eine Seeligkeit, eine Herausforderung, ein Traum, eine Verpflichtung, ein Spiel, eine kostbare Freundschaft, sie enthält Liebe, Kämpfe, ­Rätsel und Versprechen und sie ist Glück und Leben.“

Was ist das? Ist es ein Mummenschanz? Nein dafür däucht mir die Ordnung und der Ernst zu groß. Ich habe von Freimaurerlogen gehört, ist es dergleichen? Oder bin ich wirklich durch Zauber in eine Ritterburg des Mittelalters versetzt worden?

Das Wort Schlaraffe leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort „Slur-Affe“ ab, was so viel hieß wie „sorgloser Genießer“. Das erste Schlaraffenreych entstand 1859 in Prag, im Jahr „anno Uhui 1“ nach schlaraffischer Zeitrechnung (somit verfasse ich meine Zeilen a. U. 159). Gegründet wurde der deutschsprachige Männerbund von Künstlern zum Zwecke der Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor. Folglich lautet auch sein Wahlspruch: „In arte voluptas – in der Kunst liegt das Ver­gnügen“. Der Inbegriff aller schlaraffischen Tugenden heißt „Uhu“. Und so finden sich in den Annalen der „Allschlaraffia“ (internationale Vereinigung aller Schlaraffenreiche) berühmte Namen wie Franz Lehár, Oscar Straus, Gustav Mahler, Alexander Girardi, Gustl Bayrhammer, Paul Hörbiger – und: Peter Rosegger. Jener wurde am 21. Dezember 1889 als Knappe in die „Grazia“ aufgenommen und am 11. April 1891 zum Ritter „Heimgarten der Burggeist“ geschlagen. Und er schrieb des Weiteren: „Ich hatte die Vereinigung lange für nichts als für eine Ulkgesellschaft gehalten und bin erst allmählich eines Besseren belehrt worden.

Die drei Oberschlaraffen der Grazia: „Hermeneutix“, „Multi-­Mädi-A“ und, „Fechs-Dachs“ Foto © Ballguide/Pajman

Mit dem großen „Tamtam“ beginnt die „Sippung“ – der offizielle Teil der Versammlung. Im Nu werden aus rund 60 profanen Herrschaften honorige Junker und Ritter. Sie tragen jetzt ihre „Rüstungen“: Bunte Kappen, die den Helm, Schärpen, die den Körperpanzer darstellen. Auf dem „Helm“ ist bei jedem Sassen (Mitglied) vorne sein Rittername eingestickt, hinten der Name seines Reiches. Namen wie „Multi-­Mädi-A“, „Hermeneutix“, „Fechs-Dachs“ – die Oberschlaraffen der Grazia –, Telios oder „Secur“ entziffere ich. „Heimgarten“ hätte ich auf Peter Roseggers Helm lesen können. Ich werde Zeuge eines festlichen Begrüßungsrituals, bei dem Gast-Ritter aus anderen Reichen einreiten und von „Fechsungen“, spannenden Vorträgen über aktuelle Themen und von leibhaftiger Musik. Vermutlich hat sich die Zermonie auch zu Roseggers Lebzeiten sehr ähnlich zugetragen.

Was diesen zeitlebens geplagt hatte: Schlechtes Gewissen, weil er kein sehr eifriger Sippungsbesucher gewesen war. Weshalb ihm auch der Zusatz „Burggeist“ verliehen wurde. Aber er verehrte und liebte die Schlaraffen und ihre „welten­fremden“ Sitten.

„Wie lechzt man in einer solchen Wüste nach einer Oase, wo vom frischen Hauche des Olymps belebt, der Geist einmal auf dem Kopfe stehen und die Beine in die Luft reden darf, wo das Herz einmal recht von Herzen pudelnärrisch sein darf, wo der sonst von Sorgen ernsthaft und gebückt einherschreitende Mann wieder einmal kindliche Spiele zu treiben weiß und sich daran ergötzt, als ob er wirklich wieder ein reiner Liebling Gottes, ein Kind geworden wäre.“

Dem kann ich wahrlich nichts Besseres hinzufügen. Lulu!

An den Wänden: Wappen von bereits nach ­„Alhalla“ heim­gegangenen und von aktiven Rittern Foto © Ballguide/Pajman

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