Dossier
Teil 19: Armin, Mathilda, Serife und Mina

"Es passiert auch hier"

Von Daniela Brescakovic

Armin: „Vor ein paar Jahren, ich war gerade 19 Jahre alt geworden, war ich fort in einem Grazer Club und habe dort mit einer Freundin auf der Tanzfläche getanzt. Andere Typen haben das mitbekommen und sind auf uns zu gekommen: ‚Was willst du von ihm? Warum redest du überhaupt mit dem Neger?‘, haben sie sie gefragt. Erste Reaktion: Erstmal ignorieren. Darauf folgte: ‚Was schaust du? Kannst du mir ein Kebab verkaufen?`Ich habe ihm gesagt, er soll seinen Mund halten und uns in Ruhe lassen. Er hat mich angespuckt. Ich bin zum Türsteher gegangen, weil ich keinen Streit wollte und auch weil ich nicht wollte, dass uns so etwas den Abend ruiniert. Seine Antwort: ‚Gib a Rua Brauner!‘“

Armin

ist 23 Jahre alt und studiert Rechts- und Politikwissenschaften an der Uni Graz. Daneben ist er Vorsitzender der ÖH. Als Jugendlicher war er  oft rat- und hilflos, wenn es, wie so oft, zu solchen Auseinandersetzungen gekommen ist. Heute weiß er: „Das muss ich mir nicht bieten lassen, das sollte niemand. Dass Diskriminierung etwas ist, das nur in den USA passiert oder nur am Land und in Graz gar kein großes Thema ist, ist einfach nicht wahr.“

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Mathilda: „Vor einer Woche habe ich mit einer Freundin in Eggenberg auf den Bus gewartet. Sie: ist weiß. Gegenüber unserer Haltestelle war ein Lokal. Eine Frau und zwei Männer sind aus dem Lokal direkt auf uns zugekommen. Sie waren betrunken, haben angefangen mich auszulachen und mich zu beschimpfen: ‚Scheiß Neger, was willst du in Österreich, verschwinde aus unserem Land.‘ Es war am helllichten Tag. Meine Freundin hatte Angst, ich wollte sie nicht gefährden und habe mich deswegen auch nicht gewehrt. Wäre ich alleine gewesen, hätte ich nicht so reagiert. Von meinen weißen Freunden hat mich noch nie jemand in solchen Situationen verteidigt. „Nimm das nicht so ernst“, habe ich zu oft zu hören bekommen. Doch was hilft es mir, diese Dinge zu ignorieren, verletzt bin ich trotzdem.“

Mathilda

ist vor 20 Jahren nach Österreich gekommen. Ein schwedisches Pärchen hat die damals 4-Jährige in Afrika adoptiert. Seit knapp vier Jahren lebt sie nun in Graz und arbeitet als Pflegeassistentin in einem Altenheim. Dort ist es, als wäre sie in einer Blase – „alle sind so herzlich zu mir“. Doch draußen in der Welt spürt sie Rassismus, wie sie sagt, „jeden Tag in irgendeiner Form“. Sei es im Bus, wo sich andere nicht neben sie setzen wollen oder in der Art und Weise, wie sie sie ansehen: „Ich merke den Unterschied, wenn mich die Leute wegen meines Outfits ansehen, oder wenn sie über mich urteilen, wegen meiner Hautfarbe. Sie kennen meine Geschichte nicht, aber machen sich ihr eigenes Bild über mich. Ich habe es satt, mich ständig beweisen zu müssen, um in ihren Augen etwas wert zu sein.“

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Serife: „Ich hatte bisher zwei Situationen in meinem Leben, wo ich mich sehr unwohl und gleichzeitig traurig gefühlt habe. In der Hauptschule, damals war ich 14 Jahre alt, hat mir mein Sitznachbar mein Kopftuch heruntergerissen und mich ausgelacht. Ich fühlte mich irgendwie beschämt und habe nur angefangen zu weinen. Irgendwie war ich auch wütend auf mich selbst, nicht stärker reagiert zu haben. Später hat er sich noch bei mir entschuldigt.
Vor zwei Jahren zu Silvester bin ich von einem Mädchen angesprochen worden, wenn ich schon meinen Kopf bedecken muss, dann soll ich das gefälligst zu Hause machen. Ich habe das Gespräch gesucht, um zu verstehen, wieso sie so etwas sagt. Doch mit manchen Menschen ist es unmöglich über diese Dinge zu sprechen.“

Serife

ist 22 Jahre alt und arbeitet als Restaurantfachfrau in einem Grazer Lokal. „Es war schwer eine Stelle zu finden“, gibt sie zu. Vor allem in der Gastronomie ist der Hidschab bei der Arbeitssuche ein Hindernis.

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Mina: „Was heißt, oft erlebt? Die ein oder andere Bemerkung habe ich schon mal zu hören bekommen. Meistens waren es ältere Menschen oder Kinder, die Schlitzaugen gemacht und mir ins Gesicht gelacht haben oder irgendwelche chinesischen Gerichte lautstark aufgezählt hatten. Wirklich Angst hatte ich aber nie. Erst als Corona immer mehr zugenommen hat und ich gelesen hatte, dass viele Asiaten sogar zusammengeschlagen worden sind. Kurz bevor der Lockdown in Österreich ausgesprochen worden ist, bin ich zur Blutabnahme gegangen. An der Tür stand ein Schild zur Entwarnung, dass hier keine positiv getesteten Covid-19-Patienten hineindürfen, trotzdem war da diese Frau, die, als sie mich dort liegen sah, erschrak und sich weiter weg einen anderen Platz gesucht hatte.“

Mina

ist 21 Jahre alt und arbeitet als Konstrukteurin. Seit 2008 lebt sie mit ihrer Familie in Graz. Aufgewachsen ist sie in China.

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Teil 18: Tizian

"Jeder sollte mehr an die eigene Fähigkeit statt Unfähigkeit glauben"

Von Daniela Brescakovic

"Ich selbst halte mich nicht unbedingt für einen Mathe-Nerd, es gibt sicher Leute, die eine größere Begeisterung für Zahlen und fürs Rechnen haben. Mir ging das Fach ziemlich leicht von der Hand, in der Schule war ich ganz gut darin und irgendwie habe ich mir dann als Ziel gesetzt, anderen Mitschülern zu helfen. Dass es Menschen gibt, die in Mathe einfach nicht gut sind und es nicht drauf haben, glaube ich nicht. Dieser Satz klingt wahrscheinlich sehr nach Lehrer, aber davon bin ich nun mal überzeugt.

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Denn das, was in der Schule gelehrt wird, kann jeder. Man muss es nur für sich wollen und sich dafür entscheiden, dass man es kann. Es ist eine Frage des Selbstvertrauens. Niemand sollte vor Mathe-Prüfungen Albträume bekommen und am Prüfungstag die Nerven verlieren müssen. Es sollte mehr an die eigene Fähigkeit statt Unfähigkeit geglaubt werden. Und jeder hat die Fähigkeit diesem Fach, wie jedem anderen, quasi die Stirn zu bieten.

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In der Oberstufe war ich Schulsprecher und habe es irgendwie als meine Pflicht gesehen, bei Fragen meiner Schulkollegen zu reagieren und etwas zu unternehmen – die meisten Fragen drehten sich rund um das 'Horrorfach' Mathe, das gesellschaftlich auch als solches gesehen und von allen akzeptiert wird. Ich gehörte zu jenen Schülern, die sich als erste der Zentralmatura gestellt hatten. Klar, dass davor die Aufregung bei allen unglaublich groß war. Deswegen habe ich alle Beispiele, die wir zur Vorbereitung geübt hatten, ausgerechnet, den Lösungsweg beschrieben, zusammengefasst und irgendwie semiprofessionell unter den Schülern verteilt.

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Als immer mehr Mitschüler auf mich zukamen, habe ich mich beim Bildungsministerium erkundigt und nachgefragt, ob ich aus den einzelnen Beispielen ein Mathe-Buch machen darf. Antwort: Ja. Und im Laufe der Jahre ist das Buch immer dicker geworden, da jedes Jahr neue Beispiele dazukommen. Derzeit sind knapp 750 Mathematik-Beispiele darin zusammengefasst, sowohl die grundlegenden AHS Typ 1 Aufgaben als auch die komplexen und textlastigen Typ 2 Aufgaben. Erklärt, nach Themen geordnet und mit Tipps für alle Maturanten.

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Die viele Zeit während der Ausgangsbeschränkungen habe ich genutzt, um die nächste Auflage für das kommende Schuljahr vorzubereiten. Mir kam auch die Idee einen kontaktlosen Abholservice für Grazer Maturanten einzurichten. Genauer gesagt: Ich habe einen alten Fahrradkorb am Haustor montiert und dort das Buch zur Abholung hineingelegt."

Tizian

ist 22 Jahre alt und wusste bereits in der Volksschule, dass er später einmal Lehrer werden möchte. Für ihn ist es, wie er sagt, "exakt das Richtige", wenn nicht sogar eine Berufung. "Ich glaube, man kann den Beruf nur wirklich leidenschaftlich ausüben, wenn es sich wie eine Berufung anfühlt. Und ich glaube meine Schüler merken das.“

Seine Berufserfahrung hat er bislang nur in Schulpraktika sammeln können. Den Abschluss hat er aber demnächst in der Tasche. In Spanisch, Geschichte, Biologie und Mathematik.

Teil 17: Livia und Lisa

„Es fühlte sich an, wie eingesperrt zu sein“

Von Daniela Brescakovic

Livia: "Es lag nicht daran, dass ich das Haus nicht verlassen durfte. Noch belasteten mich die Schutzmasken und super angespannten Menschen. Es ist eine mir bekannte Angst, die schon vor Corona da war und vor den Ausgangsbeschränkungen und den Desinfektionsspendern an allen Ecken. Doch aber haben diese Dinge etwas in mir ausgelöst. Mich gezwungen, die Furcht wieder zu fühlen. Bei Angstpatienten schlummert die Angst immer irgendwo und schafft es in bestimmten Situationen mich an jene Momente zu erinnern, als es mir nicht gut ging.

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Damals war ich krank und hatte Schmerzen. Die Diagnose war anfangs niemandem so richtig klar – wie auch, bei Gallensteinen im Teenageralter. Nach erfolgreicher Behandlung waren die Schmerzen weg – die Angst blieb aber. Und war mit Corona stärker geworden. Im Kopf weiß ich, ich habe keine Angst vor einer Infektion. Dennoch kann mein Körper den damaligen Schmerz und den Krankenhausaufenthalt nicht vergessen. Ich sage mir selbst: ‚Ich weiß, dass es vorbeigehen wird und das alles wieder normal wird.‘ Manchmal wünsche ich mir meine seelische Erkrankung wäre sicht- und greifbar, um es anderen nicht erklären zu müssen. Wenige verstehen so etwas. Eine davon ist Lisa."

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Lisa: "Unsichtbare Schmerzen sind alles andere als ein Schrei nach Aufmerksamkeit – jeder, der so etwas denkt, muss doch wissen, dass eine Krankheit keine blauen Flecken und Wunden braucht. Jahrelang wurde ich in der Schule gemobbt. Ich war schon als Kind sehr unsicher und kam mit meinem Körper nur schwer klar. Von außen war ich kaum anders als die anderen, etwas leiser und schüchtern vielleicht. Im Inneren waren Sorgen, Druck und Stress kaum zu ertragen. Warum sie mich nicht mochten, weiß ich bis heute nicht. Der Unterschied zu damals ist, dass es mir heute völlig egal ist, was diese Menschen über mich denken. Im Moment geht es mir besser, aber ein Rauf und Runter wird es für mich immer bleiben und ich bemühe mich täglich damit klar zu kommen.

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Anders als Livia hat mich das Gefühl eingesperrt zu sein stark belastet. Und die Tatsache, sie nicht sehen zu können. Ich bin dann zu ihr gezogen, die ersten drei Wochen haben wir zusammen verbracht. Zu Beginn hat es uns beiden Halt gegeben. Aber irgendwie wurden die Tage immer länger und es war nur eine Frage der Zeit, dass wir uns irgendwann in die Haare kriegen und das falsche Einräumen des Geschirrspülers einen Jahrhundertstreit entfacht. Wozu es dann auch gekommen ist. Und anderen kurzweiligen Krisen."

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Livia: "Ich erinnere mich an unsere Anfangsphase, ich konnte kaum essen vor lauter Schmetterlinge. In einer Woche habe ich drei Kilo abgenommen. Vor jedem Treffen: Herzrasen. Ich glaube, wenn das noch so weitergegangen wäre, hätte mein Magen das nicht mehr mitgemacht." Lisa: "Mir ging es nicht anders: Ich habe bei unserem ersten Kuss vergessen zu atmen. So sehr haben mich die Schmetterlinge im Bauch abgelenkt."
Livia: "Und die jetzige Situation mit Lisa hat mir ein anderes Bild gezeigt. Für viele Beziehungen – egal ob junge oder welche die seit Jahren halten – bedeutet Nähe Halt, aber zu viel davon engt ein. Was es braucht, ist nur die richtige Strategie und damit meine ich nicht das richtige Einräumen des Geschirrspülers."

Livia und Lisa

sind beide 20 Jahre alt und seit knapp einem Jahr zusammen. Bevor die Geschichte zur ihrer gemeinsamen geworden ist, erlebten sie, unabhängig voneinander,  schwierige Tage, geprägt von Gefühlen der Angst und Unsicherheit. Noch heute schwingen diese Gefühle mit. Beide haben mit psychischen Belastungen zu kämpfen, Corona hat ihre Welt nochmal auf den Kopf gestellt und sie an vergangene Momente zurückerinnert. In ihrem eigenen Podcast und auf Social Media erzählen die jungen Frauen über ihr Leben, das Erlebte und wie sie tagtäglich mit Schwierigkeiten fertig werden.

Teil 16: Elias

"Ich bin stark, ich weiß das"

Von Daniela Brescakovic

"Jeden Tag bekam ich es zu spüren. Weil ich anders war, nicht so ausgesehen hab wie die der Rest meiner Klasse und nicht ihre Sprache gesprochen hab. Als Teenager hatte ich lange Zeit damit zu kämpfen. Egal wie sehr ich es ihnen recht machen wollte, wie sehr ich mich angestrengt habe diese Dinge zu ignorieren – ich bin ausgegrenzt worden.

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Als Kind habe ich mich am ganzen Körper stark verbrüht. Seitdem habe ich überall Narben auf meinem Körper. Es hat mich sehr stark belastet und heute noch erinnere ich mich an einige Momente zurück, die mich wütend und traurig zugleich machen.

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Niemand sollte wegen seines Andersseins schlecht behandelt werden. Als ich mich damals nur mit einem T-Shirt ins Schwimmbad traute und nicht anders konnte, um die Narben auf meinem Oberkörper so gut es ging zu verstecken, musste ich mir Gemeinheiten meiner Mitschüler gefallen lassen.

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Mit der Zeit habe ich gelernt damit zu leben und als ich angefangen habe, diese Dinge nicht mehr zu hören, haben sie auch aufgehört mein Leben zu bestimmen. Ich bin stark und ich weiß das. Ich hab mich akzeptiert wie ich bin und in meinem Leben Freunde gefunden, die das auch tun.

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Kommendes Jahr möchte ich mir endlich meinen langersehnten Traum erfüllen und in die USA auswandern. Ich absolviere derzeit in Graz eine Schauspielausbildung und will in Amerika weitermachen.

Elias

ist 21 Jahre alt und kam im Libanon zur Welt. Vor knapp 9 Jahren kam er mit seinen Eltern nach Österreich. Als Kind wurde er aufgrund seines Aussehens und seiner Herkunft in der Schule stark gemobbt. Er hatte lange Zeit damit zu kämpfen. Fand aber in den letzten Freunde, die ihn darin bestärken, so zu sein, wie er ist.

Teil 15: Valentina

"Ihr müsst nur euren Erwartungen entsprechen"

Von Daniela Brescakovic

"Praktisch seit ich denken kann, gehört Kunst zu meinem Leben. Malen konnte ich vermutlich eher, bevor ich überhaupt zu sprechen gelernt hatte. Meine Mama ist Künstlerin und eine starke Frau zugleich. Was Stift und Pinsel sind, hat sie mir gezeigt und dadurch mein Leben geprägt.

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Als junges Mädchen war ich sehr introvertiert. Jeder Tag war für mich ein Kampf in meinem Kopf. Die Kunst war es, die mir eine neue Tür geöffnet hat. Ich hatte gemerkt, dass ich mir Strich für Strich, Klecks für Klecks meine eigene Welt bauen konnte. Es war ein Zufluchtsort. Weg von den Meinungen und Gedanken anderer, die einem den Richtwert für das eigene Leben vorgeben. Ist man schüchtern, ist man für andere gleich schräg und fällt aus dem Rahmen, weil man den gesellschaftlichen Standards nicht entspricht.

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Doch mit der Zeit wurden meine Illustrationen zum Ausdruck meiner selbst – über die Leinwand hinaus. Tief hinter dieser Sensibilität und Unsicherheit schrie förmlich der Drang nach Ausbruch. Und wurde immer lauter.

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Meine Bilder spiegeln genau das wider: die Entwicklung starker Frauen. Empowerment. So zu sein, wie man ist, soll jungen Frauen nicht das Gefühl geben, an sich selbst zweifeln zu müssen. Erst recht nicht soll das Urteil oder die Wertung anderer ihr Auftreten und Dasein in irgendeiner Form ein- oder beschränken. Natürlich wird es Kritik und andere Meinungen immer geben, doch wir sollten aus diesem Teufelskreis der Fremdbestimmung ausbrechen. Und Entscheidungen treffen, die für einen selbst wichtig sind, nicht für andere.

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Die Frauen in meinen Illustrationen sollen die Spiegelbilder für jene sein, deren Selbstbewusstsein manchmal ins Wanken gerät, weil sie das Gefühl haben, den Erwartungen anderer nicht gerecht zu werden. Denn dafür reichen manchmal schon Kleinigkeiten aus. Und von diesem Denken will ich sie abbringen und sagen: Ihr müsst nicht den Erwartungen der anderen entsprechen, sondern nur euren!"

Valentina,

von allen liebevoll Tini genannt, ist 24 Jahre alt und beschäftigt sich mit Kunst über starke Frauen. In ihren Bildern spiegelt sie unter anderem ihre persönliche Entwicklung und Gefühlslage wider und will gleichzeitig Motivation für andere sein, selbstbestimmter zu leben.

Pink und Rot sind in erster Linie keine geschlechtszuordnenden Farben, sondern signalisierende, die sie häufig verwendet, um dadurch einen noch kräftigeren Ausdruck zum Vorschein zu bringen. Im Zuge ihrer Masterarbeit, an der FH Joanneum, wird sie ein digitales Buch erstellen mit Illustrationen um den weiblichen Körper, um dadurch die körperliche Selbstwahrnehmung junger Mädchen und Frauen zu enttabuisieren.

Teil 14: Christina

"Ich habe diesem Etwas nie die Kontrolle über mich gegeben"

Von Daniela Brescakovic

"Noch bevor ich wusste, was es ist, habe ich diesem Etwas nie die Kontrolle gegeben, über mich zu bestimmen. Von Tag eins weg. In der Nacht vor meiner Diagnose oder sagen wir erst mal Selbstdiagnose, hatte ich einen Traum – es unterbewusst gespürt – dass mit meiner Brust irgendwas nicht in Ordnung ist. Am Morgen in der Dusche hatte ich den Tumor dann ertastet und in der Hand gehalten. Dass es keine Zyste oder etwas Harmloses war, war mir damals auch schon irgendwie klar. Panisch zu werden und ins Grübeln zu fallen, habe ich sein lassen. Schließlich war ich gerade dabei mich für mein anschließendes Date fertigzumachen. Wo ich dann auch hingegangen bin. Tage später stand ich im Ordinationszimmer des Radiologen. Die Diagnose, weniger überraschend: Brustkrebs. Meine Mama hatte es, meine Tante ist an Lungenkrebs verstorben. Mit 25 Jahren stand der Krebs auch in meinem Lebenslauf drinnen.

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Es ist die eine Sache, was die Diagnose mit einem selbst macht und die andere, was die Gesellschaft aus einem macht. Das Prozedere aus Operation, Strahlen- und Chemotherapie verändert den Körper. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich irgendwie gehofft davon ausgenommen zu sein. Die, die ihre Haare nicht verliert, sodass der Krebs nie an die Oberfläche kommt, im Vordergrund steht oder Raum bekommt. Ich hoffte immer noch ich bleiben zu können. Letztlich mussten die Haare aber ab. Sie fielen aus, waren überall. Es war auch ein praktischer Gedanke dahinter. So gesehen musste weniger Staub gesaugt werden. Meine Mama hat, wie auch ich damals bei ihr, mir den Kopf rasiert. Ohne Augenbrauen, Wimpern und Haare fühlte ich mich wie eine Nacktschnecke. Verdecken, oder nennen wir es verstecken, sollte das eine Perücke.

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Es fühlte sich an, als läge ein Druck von außen auf mir. Ich wollte andere nicht schocken, sondern es mehr verschleiern, um mich in der Gesellschaft des intakten Funktionierens einfügen zu können. Was sich schließlich noch schlimmer angefühlt hatte, war das Tragen dieses Dings. Es juckte am Kopf, der Schweiß floss an den Rändern meines Gesichts hinab und irgendwie sah es aus wie die Überreste eines verstorbenen Hamsters – wie wir sie später auch genannt haben: toter Hamster.

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Ich saß mit einer Freundin im Café, hatte eine Mütze auf, weil ich meine Perücke 'aus Versehen' vergessen hatte. Schwitzte und hatte genug davon. Bis zu der Sekunde des Mutes, die Mütze abzunehmen und mich ohne Haare in der Öffentlichkeit zu zeigen, haben wir beide am Tisch mitgefiebert. Der Tag, als ich sie ablegte, war gleichzeitig der Tag, an dem ich wieder zu mir selbst gefunden hatte. Oder zu diesem neuen, starken Ich, zu dem ich geworden bin. Als Frau kannst du es der Gesellschaft sowieso nur schwer recht machen. An diesem Tag habe ich damit aufgehört. Und gleichzeitig meinen damaligen Freund kennengelernt. Und die Perücke? – Sie wurde zum Faschingsaccessoire – grün gefärbt.

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Drei Jahre später habe ich den Kampf erneut bestritten, mit der zweiten Diagnose auch mein Brustgewebe entfernen lassen. Mein Körper ist übersät mit Narben. So etwas wie Scham empfinde ich aber ganz und gar nicht. Es sind Narben. Narben, die nach einem Krieg übrig bleiben und zeigen: Ich habe gekämpft und ich habe gesiegt. Und sowieso hat Weiblichkeit nichts mit makellosem Aussehen zu tun. Trotz meiner Kämpfe ist die Angst vor dem Tod geblieben. Während meiner Chemotherapien habe ich andere Frauen mit derselben Diagnose kennengelernt. Freundschaften geschlossen. Und zu sehen, dass sie den Kampf verlieren, sich nicht wehren können, ist unfair. Ein Gegner, der zu einem Faustkampf mit einem Messer kommt und es dir von hinten in den Rücken rammt: ist der Feigling. Es macht mich wütend. Alle Frauen, die sich der Diagnose stellen, sind Kriegerinnen. Keine kämpft schlechter oder ist schwächer als die andere.“

Christina

ist 32 Jahre alt und hat in ihrem Leben zweimal den Kampf gegen Brustkrebs gewonnen. Im Jahr 2012 erhielt sie ihre erste Diagnose, 2015 die zweite. Sie entschied sich ihre Brüste zu entfernen, aus Risikogründen anschließend auch ihre Eierstöcke. Ihr Körper fiel aus der Reihe der Gesellschaft, die sie aufgrund ihrer Krankheit an den Rand drängte. Für Christina, kaum ein Thema mehr. Runterkriegen ließ sie sich nicht.

Zwar haderte sie anfangs viel mit sich selbst und mit ihrer Krankheit, doch ihre Kraftquelle waren ihre, wie sie sie nennt, "ganz persönlichen Helden und Heldinnen" – Freunde und Familie, die ihr Rückhalt und Trost gespendet hatten.

Derzeit ist sie für das Jugendmanagement "Logo" tätig, wo sie anderen etwas zurückgeben möchte und sich dafür engagiert Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Schichten einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen und für sie kostenlose Styling- und Fototermine für gratis Bewerbungsfotos arrangiert.

Teil 13: René

"Mein Rolli ist nicht mein Trostpreis"

Von Daniela Brescakovic

"Meinen Führerschein habe ich nicht verloren, so gesehen, hätte es mich schlimmer treffen können. Aus eigenen Erinnerungen weiß ich von damals gar nichts. Erst nach zwei Wochen im Krankenhaus bin ich aufgewacht. Familie und Freunde sind gekommen und gegangen. Es war mir kaum möglich irgendwas in meiner Umgebung richtig wahrzunehmen. Doch ich spürte den Schmerz in Schädel, Schulter, Bauch; woanders, da spürte ich nichts: in meinen Beinen.

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Zehn Jahre ist der Autounfall nun her. Ich hab mir ein Fußballspiel angesehen, mich in meinen Wagen gesetzt, auf den Heimweg gemacht und bin daraufhin blöderweise von der Straße abgekommen. Daran zurückzudenken tue ich nicht sehr oft. Es war nicht die beste Zeit, das ist klar. Die ersten beiden Jahre hatte ich mehr mit mir selbst zu kämpfen als mit meiner Verletzung. Wenn du als 22-Jähriger in einem Bett aufwachst und für jede größere Bewegung auf fremde Hilfe angewiesen bist, holen dich die berühmten ‚Wenn-Gedanken‘ sehr schnell ein: Was wäre, wenn ich nicht ins Auto gestiegen wäre, wenn ich nicht zum Fußball gegangen wäre? In solchen Grübeleien kann man sich leicht verfangen. Sie schaffen es jedes bisschen Antriebslust, Motivation und noch schneller die Hoffnung aus deinem Kopf zu verbannen.

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Durch meine Reha änderte sich schlagartig alles. Ich bin wieder rausgekommen, unter Menschen, habe sogar welche kennengelernt die aktiv Sport betreiben. Angefangen habe ich mit Tischtennis, bin mit der Zeit und dank der Therapien danach auf Rugby umgestiegen und hab später Basketball für mich entdeckt.
Seitdem gehöre ich zu den Nationalmannschaften, sowohl im Rollstuhl-Basketball als auch im -Rugby. Und dank eines Roadtrips durch die USA und dem spontanen Besuch und Probespielen bei der Rollstuhl-Rugby-Mannschaft in Los Angeles durfte ich zwei Saisons in der besten Liga weltweit mitspielen.

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In Amerika ist die Wahrnehmung von Behindertensport eine ganz andere als hierzulande. Live-Übertragungen, bis zum Rand gefüllte Sporthallen und viel mehr Euphorie. Während der Rollstuhl in Österreich als eine Art Trost gesehen, beinahe schon negativ assoziiert wird. Er ist der Trostpreis, den niemand will, der aber trotzdem verliehen wird. Besonders am Anfang kämpft man mit den Blicken anderer, Mütter, die ihren Kindern die Augen zuhalten, wenn ich vorbeirolle, als wäre ich eine wandelnde Krankheit. Doch auf so etwas zu achten, bringt wenig.

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Danach zu fragen: ‚Was wäre, wenn…‘ habe ich hinter mir gelassen. Stattdessen hole ich das Maximum heraus und gebe niemals auf. Denn das war schon immer meins."

René

ist 32 Jahre alt und sitzt seit 10 Jahren im Rollstuhl. Davor war er Restaurantfachmann und Barkeeper und ist jetzt, aufgrund zweier Räder statt Beine auf der Überholspur: Fünfmal in der Woche macht er Sport und trainiert, daneben engagiert er sich für die Organisation "Soziale Projekte Steiermark" und hilft Patienten in der Erstrehabilitation in der Arbeit mit ihrer körperlichen Wahrnehmung und steht ihnen motivierend zur Seite. „Am Anfang lässt man wenig von außen zu, das war bei mir nicht anders“, sagt er. Die Zahl derer, die nach einem solchen Schicksalsschlag ihre Lebensqualität als minderwertig sehen, sei laut René noch immer höher als die, die darin eine neue Chance für sich entdecken. Und diese Zahlen möchte er im Zuge seiner Arbeiten drehen.

Teil 12: Sara und Bozidar

"Eine Weile habe ich ihn dann doch verheimlicht"

Von Daniela Brescakovic

Sara: "Es war unsere Liebe zur Musik, Kunst und zu Anime, die aus etwas Unkonventionellem eine ernste Beziehung gemacht hat. Anfangs habe ich nicht daran gedacht, dass wir zusammen funktionieren würden. Ich selbst war damals noch in einer Beziehung. Und sowieso: Online jemanden kennenzulernen war auch für mich, für uns beide ungewohnt. Für Ältere ist Onlinedating ein Merkmal unserer Generation. Ein Ding, das bei jungen Menschen eben so ist. Für uns war es das eben nicht.

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Mit ‚Fuego‘ (spanisch für: "leidenschaftlich", "Feuer") hatte er mich damals angeschrieben. Ist mal eine Abwechslung zu Anglizismen. Und Deutsch verwendet heute kaum noch wer. Jedenfalls war es genug, um mein Interesse zu wecken. Er hat mich einfach fasziniert. Eine Weile habe ich ihn aber doch verheimlicht. ‚Entweder es ist etwas Ernstes oder ich will ihn nicht kennenlernen‘, sagte meine Mutter damals. Ich wurde zwar nicht streng erzogen, aber da behielt sie ihren Willen. Ihn also zu Nachmittagskaffee und Kuchen nach Hause einzuladen fiel anfangs flach. Solange ich mir nicht sicher war: Er ist es, er gehört zu mir."

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Bozidar: "Dass wir beide Wurzeln vom Balkan haben, ist ein Zufall. Ich habe in meinem bisherigen Leben etliche Leute kennengelernt und habe mit den unterschiedlichsten Menschen die verrücktesten Dinge erlebt. Sara auch. Danach gefragt, woher jemand stammt und was er ist, hatte ich nie im Sinn. Dass die Herkunft allein einen Menschen prägen kann, obwohl die Kultur, in der man lebt und die man kennt, eine völlig andere ist, habe ich in der Beziehung mit Sara gemerkt. Kleine Dinge, die einem nicht auffallen, sich aber von anderen Familien, die der Freunde, unterscheiden, muss man nicht erklären. Sie kennt sie. Diese Tatsache, war eigentlich das Ungewohnte daran."

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Sara: "Er liebt Musik. Ich die Kunst. Und meine Leinwand ist er. Ich zeichne für mein Leben gerne. Irgendwann werde ich Tätowiererin."

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Bozidar: "Bis dahin übt sie an mir. Mir gefällt es. Meiner Mama weniger."

Sara und Bozidar

Sie ist 22, er 25 Jahre alt. Beide sind in Graz zu Hause, in Lend, "dort wo alles auf einem Fleck ist". Die Ecken der Stadt kennen sie alle schon längst. Die Tage und Nächte verbringen sie daheim am liebsten. Er kommt aus einer Musiker-Familie, musiziert und produziert selbst, hat Jazz studiert. Sie studiert Kunstgeschichte. Kennengelernt haben sie sich online. Für beide ein Bruch der Konventionen. Doch gezweifelt haben sie daran nie.

Teil 11: Nina

"Messlatte nach oben? - Ich glaube ich stehe schon seit Jahren an"

Von Daniela Brescakovic

"Mit 16 Jahren habe ich meine erste Spiegelreflexkamera bekommen. Fotografin zu werden, kam mir anfangs aber nie in den Sinn. Zu meinem Traumjob wurde es erst mit der Zeit. Klar war mir aber, dass wohl mein einziges Talent, das ich zu besitzen scheine, im künstlerischen Bereich liegen muss. Meine Mama war Schneiderin, mein Papa Steinmetz. Irgend etwas sollte ich von ihnen mitbekommen haben.

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In Frohnleiten bin ich aufgewachsen, in Graz später das Gymnasium besucht. Relativ früh sind wir aber nach München gezogen. Dort wollte ich aus dem vagen Traum eine handfeste Umsetzung machen und eine Ausbildung anfangen. Das Problem allerdings war: Ich trat gegen 699 weitere Bewerber an, die sich für einen Ausbildungsplatz an der FH München beworben haben. Als anderen Ausweg hätte es natürlich noch ein Dutzend Privatschulen gegeben, für die mir, glücklicherweise, das Geld gefehlt hat.

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Durch Zufall habe ich in der Szene schließlich viele neue Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen, abseits des täglichen Konkurrenzkampfs, haben wir uns unterstützt. Nach langem Überlegen fiel schließlich die Entscheidung: Ich möchte mich Selbstständig machen. Und seitdem ich zum Aufstehen keinen Wecker mehr brauche, weiß ich, es war die beste Entscheidung meines Lebens.

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In meinem ersten Jahr habe ich sehr intensiv gearbeitet. 24 Stunden, rund um die Uhr, genauer gesagt. Jeden Auftrag, der hereinkam, habe ich abgearbeitet, nicht unterschieden, ob etwas mehr oder weniger von Bedeutung ist. Hinsetzen und einfach machen. Ich glaube, das gehört dazu.

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Derzeit arbeite ich von Kapstadt aus. Wenn ich solche Dinge sage, begreife ich das zum Teil erst wirklich. Magazine durchzublättern und die eigenen Bilder darin wiederzufinden - noch immer überwältigend. Keine Ahnung, ob die Messlatte noch weiter nach oben gehen kann, ich habe das Gefühl, seit Jahren schon anzustehen. Und um ehrlich zu sein, ich liebe es. Noch mehr aber, wenn ich auch einfach mal nichts machen muss, bei aller Liebe zum Beruf. Ich bin ein riesiger Familienmensch und bin immer gerne daheim. Und ja, ich telefoniere mit meiner Mama. Täglich. So, jetzt ist es raus.“

Nina

ist 26 Jahre alt. In Graz geboren später nach Deutschland gezogen. Ihren Traum, der wie sie sagt, "anfangs keiner war", hat sie wahr werden lassen.

Ihre Bilder schafften es unter anderem auf das Cover der Vogue Portugal oder in die Elle. Auch bei namhaften Kampagnen für große Marken wie Marc 'O' Polo und Dolce & Gabbana war Nina mit dabei.

Teil 10: Utha und Ariana

"Den Seelenschmerz gemeinsam lindern"

Von Daniela Brescakovic

Utha: "Meine letzte Enkelin ist ausgezogen und dann hatte ich niemanden mehr. Was die Wohnung hat, sind viele leere Zimmer, da findet die Stille schnell ihren Platz darin. Und wo Stille ist, ist das Alleinsein und alleine, da spüre ich die Einsamkeit. Im Laufe der Jahre waren es vier Enkerln, die neben ihrem Studium bei mir gewohnt haben. Zu schnell vergeht die Zeit. Körperlich halte ich mich fit, so gut es geht. Auch das Kopferl merkt sich noch jedes Rezept. Aber in der Seele, da schmerzt es manchmal.

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Vor über 30 Jahren ist mein Mann verstorben. Lange waren wir verheiratet. Ich vermisse ihn sehr. Mit der Zeit sind die Kinder ausgezogen. Es ist halt das Leben, so wie es ist. Die Enkel, gekommen und gegangen. Besuchen tun sie mich alle schon, aber das Gefühl des Alleinseins ist nie ganz weg. Bis Ariana in mein Leben trat und den Seelenschmerz des Alltags linderte."

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Ariana: "Jetzt sind wir wie eine Familie. Ich wohne weit weg von zu Hause. Geboren wurde ich im Kosovo. Mama, Papa und meine fünf Geschwister leben dort. Oft können wir uns nicht sehen. Das Studium, der Sprachkurs und meine Arbeit hindern mich daran. An manchen Tagen ist es besonders schwer. Umso glücklicher macht es mich Utha bei mir zu haben. Wir sind beide für einander da, helfen, reden und lernen voneinander. Wenn ich wieder zu viel mache, hektisch bin, dann hilft sie mir die innere Ruhe für mich selbst zu finden. Alles zu überdenken, nochmal mit Bedacht an die Sachen heranzugehen.

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Wir frühstücken gerne zusammen, kochen oder gehen Spazieren. Gezeigt hat sie mir viel Neues. Schikanöschen hat sie mir beigebracht. Und ihre Zwetschgenknödel sind zu meinem absoluten Lieblingsessen geworden."

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Utha: "Ariana redet viel mit mir. Sie erzählt mir viel über ihr Heimatland, die Menschen und das Leben dort und das es vielen nicht besonders gut geht. Lange hat sie gebraucht, um eine Arbeit hier in Österreich zu finden. Nicht-EU-Bürger haben es besonders schwer bei ihrer Suche. Nach eingereichten Bewerbungen kommen oftmals keine Antworten zurück. Die Angst trage ich immer in mir, dass jemand kommt und sie wegbringt. Da schüttle ich schnell den Kopf, um den Gedanken wieder loszuwerden. Diesmal ist sie über Weihnachten nicht bei mir. Ich weiß, wie sehr sie ihre Familie vermisst und wie groß die Freude nach 15 Stunden Busfahrt ist, sie wieder umarmen zu können. Aber so groß die Freude bei der einen Familie ist, so groß ist die Trauer der anderen – hier – sie zu verabschieden. Denn Feste will man mit seinen Liebsten feiern und meine Ariane ist wie eine Tochter für mich."

Utha und Ariana

sind ein Mehrgenerationen-Duo, das auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein kann. Doch was sie verbindet, geht tiefer, als sich von außen erkennen lässt. Beide, sowohl die 85-jährige ehemalige Fremdenführerin, die alle Ecken in Graz samt dazugehöriger Geschichte kennt, als auch die 22-jährige Studentin, die seit knapp zwei Jahren in Graz wohnt, sind sehr große Familienmenschen. Arianas Eltern und ihre fünf Geschwister leben im Kosovo. Utha hat insgesamt fünf Kinder, 11 Enkerl und sieben Urenkel. Und mit Ariana kommt "noch eine Tochter" dazu.

Kennengelernt haben sie sich durch das Projekt "Leistbares Wohnen" (ehemals: "Wohnen für Hilfe") vom Sozialreferat der ÖH Uni Graz. Pro Quadratmeter Wohnfläche helfen die Studenten eine Stunde im Haushalt, im Garten, beim Kochen oder erledigen Aufgaben die anstehen und ersetzen dadurch die Miete.

Teil 9: Gertraud Johanna

"Das mit dem Kloster, das wird jetzt ernst"

Von Daniela Brescakovic

"An die Reaktion meiner Mutter kann ich mich bis heute noch erinnern. Ich meine, wie sagt man seinen Eltern, dass man ins Kloster gehen möchte? - So einfach ist das dann doch nicht.
Wir saßen zu Mittag am Esstisch. Meine Mutter, mein Vater und ich. 'Das mit dem Kloster, das wird jetzt irgendwie ernst', sagte ich geradeheraus. Und von meiner Mutter kam: 'Ja, das hab ich mir schon gedacht'.

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Von der Kirche habe ich mich keineswegs abgestoßen gefühlt – ich war gläubig, bin auch so erzogen worden – wirklich identifiziert habe ich mich anfangs aber auch nicht. Zu viele Männer und wirklich jung war da auch niemand. Für dieses 'Wirtshausgesitze' am Sonntag nach der Messe konnte ich mich einfach nicht begeistern. Ich hatte zwischendurch auch einen Freund. Nach viereinhalb Jahren Beziehung wusste ich, dass es bald soweit sein wird. Er wird fragen, ob ich ihn heiraten möchte. Ich konnte nicht. In mir spürte ich, dass das nicht der Weg ist, den ich gehen sollte. Ich habe mich getrennt. War im Ausland. Und dieser Zug zu Gott ließ nicht nach. Im Gegenteil.

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2003 schaute ich mich erstmals in einem Kloster um. Wie das dort so ist. Dort zu leben und zu arbeiten. Zehn Jahre später entschied ich mich Ordensschwester zu werden. Der richtige Stress folgte aber erst danach. Zum Beispiel fragte ich mich: 'Nehme ich das Ordenskleid, oder nicht?' Das zu entscheiden, war für mich eine große Herausforderung. Ich soll einen Rock tragen? Oder gar ein Kleid? Mich darin überhaupt vorzustellen ging gar nicht. Zunächst habe ich versucht es umweltfreundlich auszurechnen: Wie teuer ist das Kleid? Welcher Stoff wird verwendet? Wie viele Kleider würde ich denn brauchen? Gebracht hat es mir nichts, außer Überanstrengung. Und es ist doch so: Ein Grund, es zu nehmen, ist, dass man markiert ist, man selbst und die Menschen um einen herum wissen, wer man ist und wozu man steht und was man glaubt. Gleichzeitig ist man aber eben markiert. Einfach gesagt: Es gibt Tage, da verlasse ich das Haus ungern: zu Halloween und Fasching. Dann war es aber einfacher als gedacht. Im Nähzimmer: Anprobiert, gepasst und angezogen. Die Anprobe verlief letztlich besser als gedacht. Es saß gut an mir. Ich war dafür geboren, dachte ich mir nur.

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Besonders oft zu hören bekomme ich seitdem Fragen nach dem Weg. Das Kleid muss wohl ein gewisses Vertrauen ausstrahlen. Gegrüßt, beinahe angeschrien aus der Ferne: 'Gelobt sei Jesus Christus!', ich würde nicht sagen, dass es Alltag ist, aber eine gewisse Häufigkeit macht sich schon bemerkbar. Ohne Frage. Profitiert habe ich durch mein Ordenskleid aber kaum. Die Verteilung von Gratisproben auf den Straßen kommen immer an mir vorbei. Dafür fragt einen jeder Bettler um Kleingeld.

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Fast schon ein wenig paradox."

Sr. Gertraud Johanna

ist 36 Jahre alt und Ordensschwester der Kreuzschwestern in Graz. Den Glauben trug sie, wie sie sagt, immer schon in sich. Doch richtig angesprochen, hat es sie zu Beginn nie. Nach zu vielen "hieroglyphischen Formeln" in ihrem Physikstudium wechselte sie in ein Theologie- und Pädagogikstudium und promovierte. 

Als Ordensschwester gehört sie, wie sie meint "zu einer aussterbenden Rasse", vielen fällt es schwer sich heute für den Weg Gottes zu entscheiden. Die Zahl an nachkommenden jungen Frauen fällt rapide. Sie ist eine der wenigen, die dieses Leben leben. Ihren Namen hat sie nicht geändert. Das sei keine Pflicht. Jedoch, um interne Verwechslungen zu vermeiden, noch Gertraud an Johanna angehängt.

Teil 8: Nermin

"Es geht nicht darum, sich selbst besser zu fühlen"

Von Daniela Brescakovic

"Zu sagen, dass es mir nichts gebracht hat, wäre eine Lüge. Klar. Es geht aber nicht darum, sich besser zu fühlen. Und es geht auch nicht um mich. Sondern um die Momente und gemeinsame Zeit, die wir verbringen, wenn ich sie in die Innenstadt begleite, wir bei Tisch im Restaurant gemeinsam essen oder einen Einkaufsbummel machen. Natürlich macht es mir Freude, noch mehr aber, zu sehen, wie ihr Herz dabei aufgeht. Ich möchte niemanden davor abschrecken, wenn ich sage, Freizeitassistenz und Besuchsdienst seien einfach. Ich spreche für mich. Und für mich ist es das. Einen Menschen im Rollstuhl durch die volle Innenstadt zu schieben, mit ihnen zur Mittagsstunde im Lokal essen zu gehen, sie danach abzuwischen, sie auf die Toilette zu heben, ihnen die Hände abzuwaschen. Es ist komisch, aber ständig sind es dieselben Blicke im Nacken und Blickwinkel. So etwas wie Ehrfurcht und Abneigung zugleich. Aber das sind Dinge, die im Hintergrund passieren. Und was dort abläuft, daran habe ich kein Interesse.

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Ich bin jemand, der mit jedem Menschen ein gemeinsames Wort finden kann. Ich binde mich an Menschen. Das mache ich gerne. Darin bin ich gut. Geb' ich zu. Denn zu gut weiß ich, wie es sich auf der gegenüberliegenden Seite anfühlt. Alleine und einsam. Ich weiß, was es heißt, ohne seine Familie zu leben. Ich kenne den Schmerz, ich will nicht, dass ihn auch andere Menschen erfahren müssen. Der Krebs hat meiner Mutter das Leben genommen, Parkinson und Alzheimer meinen Vater, den, den ich kannte, geholt und der Krieg meine Familie zerstreut. In der Weihnachtszeit spüre ich es ganz stark. Lange bin ich schon dabei, um das zu wissen. Die Einsamkeit, sie ist immer da. Aber wenn der Trubel rundherum zunimmt, es lauter und greller wird, dann fühlt man sie praktisch. Man fühlt es, verlassen zu sein, links liegen gelassen. Realer wird es nochmal, wenn die Tränen auf den Schoß fallen. Wartend, während die Hoffnung im Inneren einen immer wieder zum Fenster aufschauen lässt.

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Mit Rosa* habe ich Weihnachten gefeiert. Ihr Sohn – ihre Liebe zu ihm war groß, so, wie es die einer Mutter eben ist oder sein sollte – lebt woanders und arbeitet viel. Er besuchte sie nicht im Altersheim. Wieder ein Weihnachtsfest alleine. Wieder einmal. Er bezahlte ihren Aufenthalt, er kümmerte sich um alle finanziellen Dinge. Aber er fehlte ihr. Und so saß ich am 25. Dezember neben ihr, während die anderen Bewohner Besuch von ihren Familien bekamen, war ich Rosas Familie.

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Wie viel ein Besuch und eine gemeinsame Zeit einem Menschen geben können, habe ich erst dadurch gemerkt. Auch, wenn es nur ein Nachmittagstee ist oder sich gemeinsam Bilder und Videos auf Facebook anzusehen. Geschenkte Zeit, so nenn ich das.

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Wir leben im Überfluss. Haben so viel. Und Kleinigkeit zurückzugeben, ist eine Sache, die die Welt vielleicht nicht sofort besser machen wird, aber sie zumindest in die richtige Richtung lenkt, irgendwann nicht mehr die zu sein, die sie jetzt ist."

*Name von der Redaktion geändert.

Nermin

ist 37 Jahre alt. Seit 16 Jahren betreut er Menschen mit Behinderungen und psychischen und physischen Beeinträchtigungen und das neben seinem Medizinstudium, welches er in Kürze abschließen wird und sich erste Überlegungen für seine zukünftige Facharztausbildung macht. Die, so sagt Nermin, "nichts mit Notfallmedizin zu tun haben soll", denn das Gefühl "von Leben zu Tod in einer Sekunde", will er nicht für seine Zukunft.

Teil 7: Florian

"Die Kirche konkurriert mit Brunch, Sport und Ausschlafen"

Von Daniela Brescakovic

"Kinder und Jugendliche haben meist dieselben Hoffnungen, Ängste und Sehnsüchte, wie wir Erwachsenen. Stattdessen behaupten wir aber das Interesse sei nicht da. Was wir tun, ist, nicht an sie zu glauben. Sie nicht zu verstehen. Geschaffen haben wir zwei Gruppen: Wir Erwachsene, die glauben zu wissen, wie es funktioniert. Und ihr Jugendliche, die ihr von uns lernen müsst. So hat es auch die Kirche verpasst, den Menschen das zu geben, was ihnen einen Mehrwert im Leben bringt. Was sie tatsächlich brauchen, um sonntags anstelle von Brunch, Sport oder auszuschlafen, stattdessen zur Messe zu gehen. Diese Dinge konkurrieren mit der Kirche.

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Meine Berufsbezeichnung ist wohl so etwas wie ein Wegweiser. Eine Aufgabe, die mich gefunden hat, nicht umgekehrt. Viele sind zur Religion gekommen durch ihr Elternhaus. Es ist etwas, das mitgegeben und teils mehr, teils weniger hinterfragt wird. Ich habe mich als Kind alleine auf den Weg des Glaubens gewagt. Mein Vater ist Atheist. Verstanden hat er mich nie, mich aber immer unterstützt. Über Glauben zu sprechen: Wie man glaubt oder warum – macht man in Österreich selten und meist nur für sich selbst. Die Suche nach einer Gemeinschaft, in der man sich wohl und willkommen fühlt, kennen wir hier in der Kirche nicht.

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Das vergangene Jahr habe ich in den Vereinigten Staaten verbracht, in einem kleinen Vorort von Baltimore. Dort, wo sich die Kirchenbesuche kirchenferner Menschen verdreifacht haben. Das zu sehen, dass man durch Drehen einiger weniger Stellschrauben etwas Derartiges bewirken kann, hatte einen enormen Effekt auf mich. Ich habe das Verlangen verspürt die Kirche verändern zu wollen. Gute Musik, eine irrsinnig durchdachte und für die Menschen relevante Predigt, die mit ihrem Alltag zu tun hat und eine Willkommenskultur, die jeden Einzelnen in der Kirche begrüßt, machen den Menschen Lust wiederzukommen. In der Pfarre St. Leonhard habe ich diese Dinge etabliert. Und versuche es weiterhin.

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In Österreich brauchen wir eine Haltungsänderung. Das Wort Jesu ist es das Evangelium, sprich die Frohe Botschaft, bis an die Ränder der Welt zu verkünden. Wichtig ist nur, zu wissen, wie wir diese Botschaft richtig vermitteln. Dinge die vielleicht jahrelang gut gelaufen sind, sind heute vielleicht nicht mehr zeitgemäß. Oft steht sich die Kirche selbst im Weg oder verbaut ihn sich. Da wir uns schwertun, von alten Gewohnheiten wegzukommen.

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Ein positives Beispiel ist die Advents- und Weihnachtszeit. Wir haben die Botschaft und wir erreichen damit Jung und Alt. Ich selbst bin am 6. Dezember immer als Nikolo unterwegs."

Florian

ist 38 Jahre alt und Pastoraler Mitarbeiter im Pfarrverband St. Leonhard, Ragnitz und Kroisbach. Er hat Theologie studiert und wie er sagt "noch seinen Doktor angehängt". Sieben Jahre lang war er in Graz als Lehrer tätig. Ihn selbst auf den Pfad der Religion gebracht, hat ihn seine damalige Volksschullehrerin. Die Kinderbibel gekauft hat er sich aber ganz allein.
In Graz setzt er sich dafür ein, dass die Menschen zum Glauben und zur Kirche (zurück)finden. Nicht unbedingt, um die Kirchenbänke komplett auszufüllen, was ihn freuen würde, sondern um zu zeigen, dass Glaube einen Mehrwert im Leben haben kann. Es braucht nur die richtige Vermittlung der Botschaft.

Teil 6: Habiba

"Bücher dürfen Kinder nicht einschränken"

Von Daniela Brescakovic

"Mein Bücherregal fällt vermutlich aus dem Rahmen. Stephen King ist nicht jedermanns Geschmack. Ich weiß. Für mich ist er aber mein Vorbild. Ich bewundere nicht seine Geschichten, nein, nicht nur. Die Bewunderung fängt viel früher an. Dort wo seine Wörter aufeinandertreffen, einzigartige und bildhafte Formulierungen entstehen und sich erst daraus die Geschichte entwickelt. Genau so möchte ich auch werden. Für jedes Kind auf dieser Welt sollte Lesen lebhaft und lehrreich sein. Von dem, das man gern tut, sollte man schließlich nie genug bekommen. Wichtig ist die Vielfalt. Und die will ich ihnen Stück für Stück näher bringen. In kleinen Schritten oder besser gesagt kurzen Geschichten. Anstelle von dicken Wälzern. Und außerdem, Liebesgeschichten sind nicht nur für Mädchen oder Action nur für Jungs. Bücher sollen nicht einschränken, ganz im Gegenteil. Sie sollten einfach alle Lebenswelten zeigen dürfen.

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Mit 11 Jahren habe ich meine erste Kurzgeschichte geschrieben und sie online hochgeladen. Angst vor Enttäuschung oder Kritik hatte ich nicht, darüber nachgedacht habe ich, um ehrlich zu sein, auch gar nicht. Ich wollte es wissen, was die Leute über meine Formulierungen denken. Ja, darin drehte es sich um die Liebe. Ja, es war kitschig. Ja, ich war nicht stolz darauf.

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Trotzdem wusste ich mit 12 Jahren: Ich möchte Autorin werden. Mit dem Entschluss wechselte ich auch schnell mein Genre zu Psycho-Thrillern – in den letzten vier Jahren habe ich 20 Novellen geschrieben – mein Ziel blieb aber das Gleiche: Ich will Kinder und Jugendliche zum Lesen bringen. Angefangen habe ich damit schon in der Volksschule. Ich wollte meine Vorliebe zu ihrer machen.

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Anfangs dachte ich, ein Buch zu veröffentlichen sei schon die Erfüllung meines Traums gewesen. Bis mir bewusst wurde, das ist nur der Beginn. Um in Kindern den Wunsch nach Literatur zu erwecken, muss ich woanders ansetzen. Und das ist das Bildungssystem. Ich will unterrichten. Und die Freude am Lesen in den Kindern erwecken. Kinder wollen lesen, man muss sie nur darin fördern und bestärken. Davon bin ich überzeugt. Auch wenn das Schreiben schon lange kein Hobby, sondern viel mehr ein Teilzeitjob ist und mich viel Zeit kostet. Den Entschluss habe ich gefasst.

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Und so habe ich die Gelegenheit dazu, sie darin zu motivieren."

Habiba

ist 17 Jahre alt und besucht die AHS in Graz. Mit 11 Jahren hat sie begonnen zu schreiben, die Liebe zum Lesen aber viel früher für sich entdeckt. Egal ob Autorin oder zukünftige Lehrerin, eins, sagt sie, habe sie jetzt schon als Antwort parat, wenn jemand keine Lust zum Lesen hat: "Dann hat er nur noch nicht das richtige Buch für sich entdeckt."

Teil 5: Alexandra

"Ich würde sie mit Selbstliebe vollpumpen"

Von Daniela Brescakovic

"Ich soll doch mal die Jause weglassen, sagte meine Schulärztin damals zu mir. Mit diesem Satz nahm alles seinen Lauf. Schleichend, erst zu Beginn. Auf Essen verzichten, um sich schön zu fühlen. Das Gefühl, hungrig zu sein, hat sich immer mehr in mir minimiert. Essen wurde zu einem Trigger, der die Zahlen in meinem Kopf addieren ließ. Kilogramm, Kalorien und Mahlzeiten pro Tag. Das Endergebnis waren 30 Kilogramm bei 1,60 Meter Körpergröße. Kraftlos, ein Skelett, auf dem, wie ein Mantel auf einem Kleiderbügel, nur noch die Hülle meiner selbst hing. Mit 11 Jahren hat meine Magersucht begonnen, mit 16 wurde sie zur Bulimie. Mit 23 Jahren habe ich den Kampf gegen meine Krankheit gewonnen. Aber ein Kampf bleibt es wohl für immer.

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Es ist ein Doppelleben, das man führt. Mein Vater hat es lange Zeit negiert und abgestritten. Geleugnet, dass ich krank bin. Eine Phase, Teil der Pubertät, die junge Mädchen durchleben, eine Teenager-Blödheit, so nannte er es. Für mich war es keine Phase, sondern die Flucht in ein anderes Leben. Körper und Gewicht ließen sich leichter kontrollieren als die Streitereien der Eltern. Und durch die Bulimie wurden die Dinge betäubt, die im Verborgenen bleiben mussten: Unsicherheit, Schuld und das Gefühl nicht zu genügen. Alkohol und Gewalt waren bei uns Thema. Essen für mich der Ausweg. Danach hat sich alles verselbstständigt. Aus Fressattacken wurde eine Regelmäßigkeit. Täglich, mehrmals. Zu schlucken und verdauen musste ich nach diesen sieben Jahren erst wieder lernen. Bis mir schließlich der Anblick des Todes die Augen öffnete.

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Mein Vater wurde schwer krank. Multiple Sklerose war nicht nur seine Diagnose, sondern lebensverändernd für unsere ganze Familie. Stress, Belastung und Pflege, rund um die Uhr, waren zu viel für meine Mutter und mich. Sie erkrankte, ich floh und zog mich zurück. Zurück in die Essstörung. Als mein Vater an den Folgen seiner Erkrankung starb und ich sah, wie sehr eine Krankheit den Körper eines Menschen schädigt, ihn bewegungsunfähig macht, ihm die Kraft nimmt; wachte ich aus diesem leblosen Trancezustand auf. Der Tod war bis dahin nicht real für mich. Dass meine Essstörung auch zum Tod führt, habe ich lange Zeit von mir weggeschoben. Doch ein Feuer war in mir entfacht worden und der Wille stärker denn je, leben zu wollen.

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Begonnen habe ich wortwörtlich mit kleinen Happen. Mich endlich meiner Familie anvertraut und angefangen zu essen. Lebensmittel, die ich 'geistig verkraften' konnte – so nannte ich die Mahlzeiten auf meinem Teller, aus Vollkornbrot, Hühnchen und Gemüse – waren es zu Beginn. Mit Mentaltraining habe ich versucht, mich abzuhärten. Dass ich sieben Kilo in einer Woche zugenommen habe, war etwas, das ich mir erst gut reden musste. So sehr hatte mich diese Krankheit eingenommen.

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Ich gebe nicht jener Ärztin die Schuld, es waren die tieferliegenden Probleme und Umstände damals. Heute, gesund und ohne eine funktionierende Waage, habe ich es mir als Aufgabe gemacht alle Mädchen und Jungen noch an der Klippe dieses Abgrunds abzufangen und sie mit Selbstliebe und Selbstvertrauen vollzupumpen. Denn das sind die zwei Dinge, die in jedem Kranken fehlen."

Alexandra

ist 34 Jahre alt. 12 Jahre lang litt sie an einer Essstörung und versucht heute in ihrer Selbsthilfegruppe Betroffenen aber noch mehr deren Angehörigen Einblick in diese Krankheit zu geben, weil sie, so Alexandra, "nicht verstehen was in diesen Körpern passiert". Und findet. "Aus einem gesellschaftlichen Trend formt sich schnell eine Extremität und die Betroffenen werden heutzutage leider immer jünger."

Teil 4: Björn

"Schon immer war ich das schwarze Schaf"

Von Daniela Brescakovic

"Zuhause war ich schon immer das schwarze Schaf. Bist du nicht angepasst, schneiden sie dich. Sie sehen dich an. So, irgendwie fragend. Doch gefragt hat mich niemand was. Was ich gerne mache, wer ich sein möchte. Mainstream statt Revolution, das wollen Erwachsene für Kinder. Als Kind definierst du dich durch deine Mutter, deinen Vater oder den Ort, den du als Zuhause kennst. Als Erwachsener nur durch dich selbst.

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Mit Musik habe ich diese Dinge nur als Nebengeräusche wahrgenommen. Da war ein Junge. In meiner Schule. Nicht von hier, aus Afrika. Der nicht ins Bild passte. Den Leuten fiel er nur deswegen auf. Seine Hautfarbe hat ihn für sie anders gemacht. Meine Freunde suche ich mir nicht nach Herkunft oder Hautfarbe. Angepasst sein, wollte ich schon als Kind nie. Sondern auffallen. Bemerkt werden, für das, wer ich bin und was ich tue.

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Mit 15 habe ich angefangen. Lieder geschrieben, gerappt, zuerst auf Mundart, in steirischem Dialekt. Es war das Schönste für mich Musik zu machen, so wie ich spreche. Eben echt. Eben ich. Mit viel Platz für Individualität.
Später wurde es zu Deutsch und mit der Zeit aus Björn – 'Bjovan' der nirgends reinpassen wollte. Passen muss nur die Hose oder Jacke. Mehr nicht.

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Musik ist die Arbeit für mich, die sich nicht danach anfühlt welche zu sein. Hier und jetzt lebe ich dafür."

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Björn

ist 24 Jahre alt. Musik ist es, die ihm Authentizität gibt. Er schreibt, rappt, singt und produziert sie. Musik ist es, die ihn "zu dem macht, der er ist", sagt er. Auf Tour gewesen ist er schon mit einigen österreichischen Hip-Hop Größen.
Heute hat er Graz zu seiner Wahlheimat gemacht. Und sich auf den Bühnen der Stadt neu entdeckt.

Teil 3: Grit

"Lieber trage ich die Hantel statt des Krückstocks"

Von Daniela Brescakovic

"Ob es anstrengend war, ja das war es. Ohne Frage. Ich konnte anfangs überhaupt nichts damit anfangen. Davor hatte ich kein einziges Mal in meinem Leben eine Hantel in der Hand gehalten. Heute beginnt mein Tag damit. Ans Aufgeben hab ich nie gedacht. Ich war schon immer eine Kämpferin, muss man ja auch sein im Leben. Und sowieso trag ich lieber die Hantel statt des Krückstocks. Für meine Freunde ist Kraftsport nichts. Einige, die gehen mit Stock, krumm oder gar nicht mehr. Andere kommen nicht aus dem Bett. Ich bin da anders.

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Angefangen hat es damals in den USA. Mein Mann hat dort unterrichtet. Wir sind viel gereist und umgezogen. Deutschland, Amerika und Graz immer wieder hin und zurück. Eben dorthin, wo man ihn gebraucht hat. Er war Universitätsprofessor, ich Röntgenassistentin; später aber mehr zu Hause. Vielleicht war es auch die viele Zeit, die mich zum Sporteln überredet hat.

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Mit 35 Jahren habe ich dort zu schwimmen begonnen. Regelmäßig. Das lockert auf. Später in Graz weitergemacht. Mit 70 sagte meine Schwimmtrainerin zu mir: 'Crossfit, das wär was für dich!'  Meinen Freunden habe ich davon erzählt. Was ich mache, verstehen sie sowieso nicht. Kaum jemand, meines Alters, in Österreich. Nicht so in den USA. Riesige Sportzentren gab es dort an jeder Uni. 

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Mich hat es immer schon irgendwo hinauf gezogen. Rauf auf den Berg. Und solange es der Körper zulässt, solange will ich auch weitermachen. Open-End sozusagen."

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Grit

ist 77 Jahre alt. Seit knapp vier Jahren ist sie regelmäßiges Mitglied in der "CrossFit-Graz Box". Fünf Mal in der Woche, um 6 Uhr morgens – weil sie, wie sie sagt: "mehr der Morgenmensch ist" – stemmt Grit Gewichte; radelt, läuft, rudert und hämmert sie auf Traktorreifen. Auf die Uhr schaut sie dabei nicht, nur eins ist ihr wichtig: durchzubeißen.

Teil 2: Wardi

"Und ich war glücklich, da zu sein"

Von Daniela Brescakovic

"Sie ist jeden Schritt mit mir gegangen. Zur Schule und wieder zurück. Jeden Tag. Meine Mutter wusste um die Gefahren in unserem Land, als Kind habe ich das nie so richtig verstanden. Ich wollte zum Fußballspielen. Sie hat es mir verboten. Heute weiß ich, dass es aus Angst war. Die Angst einer Mutter, ihr Kind zu verlieren. Eltern tragen dieses Gefühl ständig in sich. Doch bei uns war es anders. Wir hatten nur einander. Meine Geschwister waren zu klein, mein Vater oft nicht zu Hause. Er war Widerstandskämpfer.

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Ich habe ihn nur dann gesehen, als sie ihn schwer krank zu uns gebracht hatten. 'Sie': das war die Polizei. Mein Onkel und er wollten Frieden zwischen Äthiopien und Somalia. Kämpften aber dafür.
Für was ich stehe und wer ich bin, weiß ich bis heute nicht so richtig. Geboren wurde ich in Äthiopien, gelebt habe ich in Somalia doch gefühlt habe ich den Krieg. Wenn mich andere fragen, woher ich bin, passe ich mich so gut es geht an und sage ihnen das, was sie hören wollen.

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Mein Onkel schlich sich eines Tages zu uns. Er wollte nach meinem Vater sehen. Sehen, ob es ihm gut ging, hören, ob er der Polizei etwas gesagt hat. Mein Vater blieb, mein Onkel kehrte zurück. Wohin, das wusste ich nicht. Bis heute weiß ich das nicht. Doch damals glaubte mir das niemand. Dorfbewohner sahen meinen Onkel und meldeten es der Polizei. Sie fingen mich ab. Verschleppten mich. Fesselten und schlugen mich. Meine Handgelenke: aufgeschürft. Auf meinem Körper: Wunden, die sich zu blauen Flecken verfärbten. Ich wusste nicht, wo mein Onkel war; ich weiß es bis heute nicht. Sie ließen mich dort hängen. Mitten in diesem Raum. Lange. Zu lange. Bis ich krank wurde.

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Danach brachten sie mich ins Krankenhaus. ‚Egal wo du bist, du wirst keine Ruhe haben, auch nicht, wenn du fliehst‘, hörte ich sie sagen. Als es mir besser ging, sollte ich wieder zum Verhör. ‚Wenn du dort nochmal hingehst, wirst du sterben‘, sagte meine Mutter damals zu mir. Es war keine Angst in ihrer Stimme zu hören. Sie wusste es: Diesen Weg kann sie nicht mir gehen. ‚Du musst weg. Irgendwohin, wo es dir besser gehen wird.‘
Ich floh in den Sudan, dann nach Libyen und mit einem kleinen Plastikboot weiter nach Europa, bis uns ein Rettungsschiff auffing.

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Am liebsten erinnere ich mich an die kleinen, positiven Dinge und herzlichen Menschen in dieser Zeit. In Italien spielte an Mann Fußball mit mir auf Straße, später fuhr er mich in seinem Kombi zum Zug, der mich nach Österreich brachte. In Graz half ich anfangs in einem Pflegeheim aus. Ich hatte längere Haare damals. Und immer wieder musste ich meinen Kopf hinhalten, aber nur zum Streicheln. Nie zuvor haben sie dort so jemanden wie mich gesehen. Und ich war glücklich, da zu sein."

Wardi

ist 21 Jahre alt und der Älteste von fünf Geschwistern. Mit 16 Jahren – im Februar 2016 – hat er sich alleine auf den Weg gemacht, seine Familie und sein Leben hinter sich gelassen. Für immer. Seit seiner Flucht hat er weder mit seiner Mutter gesprochen, noch weiß er, ob seine Familie am Leben ist. Er ist hier. Hier in Graz. Und lebt.
Derzeit besucht er die Handelsschule, auch die Matura hat er sich als schaffbares Ziel gesetzt. Mit Fußball – am liebsten, wenn es sich um Cristiano Ronaldo und Juventus dreht – und Schreiben vertreibt er sich die Zeit. Sein Erlebtes verarbeitet er, wie er sagt, dadurch besser. „Ich habe Träume und wenn ich den Träumen Worte gebe, sie auf Papier bringe, kann ich wieder atmen“, sagt Wardi – obwohl vieles in seinem Leben von Ungewissheit gezeichnet ist – und wirkt dabei zufrieden. Wardi hat sich gefunden und noch dazu Schutz und Sicherheit. Ob das so bleiben wird, weiß er nicht. Sein Antrag auf Asyl ist zurzeit noch offen. Sein Verbleib, wie vieles, ungewiss.

Teil 1: Daniel

"Im Schaufenster der Öffentlichkeit"

Von Daniela Brescakovic

"Auf der Straße habe ich ein Messer getragen. Gezogen habe ich es einmal, gebraucht zum Glück nie. Die Ethik der Straße ist eine eigene. Es gibt eine Faustregel: Ein Jahr Straße, sind drei Jahre im echten Leben. Wir waren Wölfe. Und jeder Wolf braucht ein Rudel, um zu überleben.

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‚Willst du ein Bier?‘, hat er mich damals gefragt, als ich frierend neben ihm saß, ohne Geld und Zuhause. ‚Bezahlen kann ich nicht‘, antwortete ich fast schüchtern. ‚Ob du zahlen kannst, habe ich dich nicht gefragt‘, sagte er in einem Ton, der ganz und gar nicht von oben herab klang, sondern mehr so, als wäre das Teil eines Aufnahmerituals. Nach einem Bier folgte das Nächste. Und das nächste. Bis er mir eine Wolldecke hinwarf und ich so meine erste Nacht im Park verbracht habe. Ich kenne keinen, der in der Obdachlosigkeit zum Saufen angefangen hat. Die Sucht ist es, die dich erst dorthin führt. So war es bei mir.

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Sechs Jahre lang lebte ich auf der Straße. Vier davon, ohne es meiner Familie zu sagen. Zu groß war die Scham vor dem eigenen Versagen. Meine Tochter, meine Schwester, meine Eltern – sie wussten, dass es mir schlecht ging, aber nicht, wie es wirklich um mich stand. Mir das einzugestehen, konnte ich lange Zeit nicht. Ich wollte nicht um Hilfe betteln. Betteln liegt mir sowieso nicht. Dafür bin ich zu blöd. Man braucht Charme oder wie ich, Mut, den ich mir davor erst antrinken musste, um mich zur Weihnachtszeit in die Innenstadt zu stellen und die Hand für ein paar Cent auszustrecken.

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An Mut gefehlt hat es mir davor aber nie. Ich war Berufssoldat in der Schweiz. Liebte das Skifahren, noch mehr das Klettern. Bis mich ein Sturz aus dem Leben gerissen hat und ich nur langsam wieder auf die Beine gekommen bin. Diesen Frust habe ich trotzdem gespürt. Tagein, tagaus. Ich habe einen Unfall gebaut. Trunkenheit am Steuer war die Feststellung. Und für mich lebensverändernd. Nach diesem Tag habe ich alles verloren: meine Familie, meine Existenz und mich selbst. Danach habe ich weiter getrunken. Viel. Aufgehört aber nicht. Heute kann ich ohne Alkohol, will es aber nicht. Ein Quartalssäufer, das bin ich – wochenlang keinen Tropfen und dann wieder ein Bier.

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Die Therapie habe ich begonnen. Und abgebrochen. Vor Fremden über mein Leben zu sprechen? Nein, das ging nicht. Als Obdachloser stehst du ständig im Schaufenster der Öffentlichkeit. Ruhelosigkeit, ständig auf den Beinen zu sein, diese Blicke – das zerrt an einem. Den Kopf ausschalten – geht nicht. Morgens aus dem Bett zu kriechen und ins Bad zu gehen, ist etwas, was jeder Mensch unüberlegt macht. Als Obdachloser zählst du im Kopf die Münzen, die du übrig hast, um die öffentliche Toilette zu bezahlen. Du zählst die Schritte, die du am Tag gemacht hast. Geht man zu viel, reißen die Socken irgendwann auf. Oder die Nähte reiben an den Füßen. Außer bei den Bundesheersocken, die hab ich gern.  Doch oft half es nichts. Ich musste einfach weg; weg vom Bahnhof, weg von meinem Rudel. Nur allein sein. Hinein in den McDonald’s, mit einer Zeitung, einem Buch. Momente der Auszeit waren das für mich."

Daniel

ist 57 Jahre alt und war sechs Jahre lang obdachlos. Die Angst vor Fremden über sein Leben, seine Fehler und Ängste zu sprechen hat er abgelegt. Das hat sein Leben verändert. Er ist einer der wenigen, der es raus schaffte. Raus aus der Negativspirale. Begonnen in der Arbeitswelt Fuß zu fassen, hat er als Tour Guide bei „Shades Tours“, indem er Menschen durch die Obdachlosenszene führte. Einmal pro Woche auch in Graz.

Seit 16. September hat Daniel wieder eine Festanstellung und zieht in seine eigene Wohnung. Mit seiner Tochter und seinen zwei Enkerln hält er regelmäßigen Kontakt: „Die Jüngere, sie ist drei, kommt ganz nach mir. So schnell klettert sie auf den Baum, das glaubt man gar nicht.“

 

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Redaktion: Daniela Brescakovic; Bildmaterial: Goran Mihalj / peepsofgraz, Jürgen Fuchs (9), Manuel Hanschitz / ballguide (5), Nina Kramberger (5); © 2020, kleinezeitung.at | Kleine Zeitung GmbH & Co KG | Alle Rechte vorbehalten.