Dossier
Tour durch Graz

7er – Eine Linie der Gegensätze

Vom teuren Westen zum alten Osten: Die Linie 7 führt quer durch die steirische Landeshauptstadt Graz, durch acht von 17 Bezirken, entlang der Peripherie, durch soziale Schmelzpunkte und Wohlfühl-Oasen. Eine Fahrt mit der Bimlinie führt durch den soziologischen und ökonomischen Mikrokosmos der Stadt. Statistiken zeigen die Unterschiede: Haltestelle für Haltestelle, Bezirk für Bezirk.

Die Linie 7 schlängelt sich von West nach Ost durch Graz, die zweitgrößte Stadt Österreichs. Sie kreuzt den längsten Fluss der Steiermark und acht der gegensätzlichsten Bezirke ihrer Metropole. Eine Fahrt mit der 8,3 Kilometer langen Straßenbahn-Strecke offenbart die Identität der Stadt und ihrer Bewohner.

Wo werden die Menschen bevorzugt alt? Welchen Einfluss hat der Migrationsanteil auf die Bevölkerungsentwicklung einer Stadt? Wie zufrieden ist man mit der gewählten Regierung? Und was kostet die Miete für eine Drei-Zimmer-Wohnung? Eine statistische Tour mit der Linie 7 bringt Bekanntes, bereits Vermutetes und gänzlich Unbekanntes ans Licht – für Graz-Insider sowie Stadt-Neulinge. Haltestelle für Haltestelle, Bezirk für Bezirk.

– Ein datenjournalistisches Projekt von Michael Sommer

Bevölkerung

Alter, Bevölkerung, Migration

Die Alten wohnen in den Randbezirken – auf halber Strecke werden die Jungen zur Minderheit. Während einige Bezirke ihren Wachstumsprognosen um Längen voraus sind, bleiben manche hinter den Erwartungen. Die kulturellen Unterschiede entlang der Strecke sind enorm.

Jung und Alt

In einer Großstadt wie Graz werden öffentliche Verkehrsmittel von jeder Altersschicht genutzt. Schließen sich die Türen der Straßenbahn in der Remise Wetzelsdorf, fahren Jugendliche in die Schule, geschäftige Männer und Frauen in die Arbeit und Senioren ins Lieblingscafé. Grobe Unterschiede in der Altersstruktur fallen auf den ersten Haltestellen der Linie der Gegensätze nicht auf. In den Randbezirken von Graz und an der Linie 7 lässt es sich aber offenbar alt werden: Der Anteil der über 60-Jährigen steigt an der ersten und letzten Haltestelle unserer Reise signifikant an.

BEOBACHTUNGEN

  • Die "Alten" wohnen lieber in den Randbezirken
  • Auf halber Strecke werden die "Jungen" zur Minderheit

An der – erst neu gebauten – letzten Station LKH Med Uni /LKH-Nord liegt er bei seinem Höchstwert: 26,1 Prozent. Auf der Fahrt vom linken zum rechten Murufer sinkt der Anteil der Alten jedoch fast um die Hälfte auf Höhe der Bezirke Gries und Lend. Unter 19-Jährige sind auf der Linie der Gegensätze generell unterrepräsentiert. Dies fällt bei einer Straßenbahnfahrt vielleicht nicht auf, doch bis auf die zwei Haltestellen im Gries liegt der Anteil der Jungen immer unter dem Wert der Alten. Ab Hauptplatz-Congress ist sogar nur jeder zehnte Einwohner 19 Jahre oder jünger. 

Bevölkerungsprognose

Ein Blick auf das Wachstum der Grazer Bevölkerung zeigt: Im Jahr 2018 leben in jedem Bezirk der Hauptstadt bereits mehr Einwohner, als im Jahr 2015 prognostiziert wurde. An einigen Haltestellen der Linie 7 übersteigt die aktuelle Population sogar schon jene, welche von der Statistik Austria für 2034 vorausgesagt wurde. Entlang der Annenstraße – einer ehemals glanzvollen Einkaufsstraße, welche die Bezirke Gries und Lend teilt – wurden die Prognosen bereits 16 Jahre früher überschritten.

BEOBACHTUNGEN

  • Das Bevölkerungswachstum an der Linie 7 liegt durchgängig über den Prognosen
  • Im Stadtinneren toppt das Bevölkerungswachstum bereits die Prognosen für 2034

Diese Entwicklung bleibt auch nach der Überquerung der Mur, an den Haltestellen der Inneren Stadt, konstant. Die einzige Ausnahme am rechten Murufer bildet der Bezirk St. Leonhard, welcher seine Prognose für 2018 zwar überschritten, jedoch als einziger noch nicht diese von 2034 erreicht hat. 

Migrationsanteil

 
26,45 Prozent der Grazer Stadtbevölkerung hat an der Linie 7 eine andere Staatsbürgerschaft als die österreichische. Die meisten Haltestellen liegen unter diesem Durchschnittswert, wobei die Ausländer-Quote an den westlichen und östlichen Haltestellen am niedrigsten ist. Einen Ausreißer bilden die Stopps auf halber Strecke der Linie – von der Alten Poststraße bis zum Südtirolerplatz / Kunsthaus.

BEOBACHTUNGEN

  • Bezirk Ries mit niedrigstem Migrationsanteil
  • Gries und Lend bilden kulturelle Schmelzpunkte der Stadt

An der letzten Haltestelle, LKH Med Uni / LKH Nord, liegt der Migrationsanteil lediglich bei 13,54 Prozent – ein krasser Gegensatz zu den Bezirken Gries und Lend. Bei den in der Mitte der Linie liegenden Haltestellen Alte Poststraße und Wagner-Biro-Straße beträgt der Anteil an Ausländern 42,27 Prozent, im Bezirk Lend liegt er mit 35,35 Prozent ebenfalls deutlich über dem Durchschnitt.

An den Rändern wie Wetzelsdorf liegt der Anteil, jeweils unter dem Durchschnitt, bei 18-26 Prozent. Im Vergleich der österreichischen Großstädte ist der Migrationsanteil der gesamten Stadt Graz (23 Prozent) übrigens geringer als der in Wien (29,6 Prozent).

Politik

Gemeinderatswahl 2017

Die Gemeinderatswahl 2017 machte Siegfried Nagl erneut zum Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Österreichs. Auch entlang der Linie 7 bekam er viel Zuspruch – an manchen Haltestellen musste sich der ÖVP-Politiker jedoch seiner größten Konkurrentin Elke Kahr (KPÖ) geschlagen geben.

Das Rennen in den Gemeinderat

Ready, Set, Go! Die ÖVP legt einen fulminanten Start hin und setzt sich gleich auf Platz eins fest, dicht gefolgt von der FPÖ – die in Wetzelsdorf ihr bestes Zwischenergebnis feiert – und der KPÖ. Bis zur Fachhochschule Joanneum sieht es so aus, als wäre die Partei von Siegfried Nagl uneinholbar, doch in der Alten Poststraße zieht Elke Kahrs KPÖ vorbei und führt das Rennen an.

Auf Höhe Roseggerhaus wird die Volkspartei sogar von den Grünen eingeholt, doch die können sich nicht lange in den Top 3 halten. Die ÖVP holt zum Gegenschlag aus und liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der KPÖ, das gegen Ende der Linie 7 deutlich an die Volkspartei geht. Die KPÖ bleibt auf dem zweiten Rang und die FPÖ erkämpft sich mit einem starken Antritt in Ries den dritten Platz.

Die Grünen und die SPÖ liegen weit hinter den Erwartungen zurück und abgeschlagen auf dem vierten respektive fünften Rang. Die Neos schlagen sich bei ihrem ersten Antritt in einigen Wahlsprengeln nicht schlecht und erkämpfen sich einen Sitz im Gemeinderat. Die Piraten, Liste Petrovic, WIR und Einsparkraftwerk teilen sich die letzten Plätze und schaffen den Einzug nicht.

So oder so ähnlich hätte das Rennen zwischen den bei der Gemeinderatswahl 2017 angetretenen Parteien an der Linie 7 aussehen können. Große Ausreißer gab es nicht: die Ergebnisse entlang der Strecke decken sich weitestgehend mit dem Endergebnis der restlichen Stadt.

KPÖ vs. FPÖ

Ein spannendes Duell lieferten sich jedoch die beiden Parteien, die um Rang zwei kämpften: nämlich KPÖ und FPÖ. Die zwei politischen Gegenpole zeigen deutlich, dass die 7er auch politisch eine Linie der Gegensätze ist.

Obwohl die KPÖ an den meisten Stationen mehr Zustimmung erfährt, hat sich die FPÖ vor allem zu Beginn der Tour einen Vorteil erarbeitet. An der Haltestelle Wetzelsdorf kommen die Freiheitlichen auf 26,4 Prozent; in Eggenberg gewinnt die FPÖ an fünf von sieben Haltestellen. Mit dem Erreichen der Haltestelle Alte Poststraße endet jedoch auch die Dominanz der FPÖ und die Prozentpunkte der KPÖ steigen in entgegengesetzter Richtung.

BEOBACHTUNGEN:

  • FPÖ an den Randbezirken stärker als in den inneren
  • KPÖ ist stärkste Kraft im "Annenviertel"

In den Bezirken Lend und Gries feierten die Kommunisten ihre besten Wahlergebnisse. Das hat vor allem mit den Steckenpferden der KPÖ, den Themen Soziales und Wohnen, zu tun. Darüber hinaus punktet die einwanderungskritische Politik der FPÖ im Bezirk mit den meisten Ausländern nicht.

Zufriedenheit mit der Stadtregierung

 

Eine erst vor kurzem erschienene Befragung zur Lebensqualität (Stand 2018) offenbart: Die Mehrheit der Grazer Bevölkerung ist mit der aktuellen Stadtregierung zufrieden – auch an der Linie 7 festigt sich dieser Eindruck. Auf halber Strecke gibt es allerdings ein deutliches Tief in der Zufriedenheits-Umfrage – ein Gebiet, in dem die ÖVP und FPÖ auch bei den Wahlen einige Verluste zu verzeichnen hatten.

BEOBACHTUNGEN

  • Stadtregierung punktet gegen Ende der Linie 7
  • Ein schwaches ÖVP-Ergebnis resultiert in schwächeren Umfragewerten für die Regierung

Am zufriedensten mit der aktuellen Stadtregierung – bestehend aus drei Mitgliedern der ÖVP, zwei der KPÖ und jeweils einem Mitglied der FPÖ und Grünen – ist man am Ende der 7er-Strecke. In Ries gaben 65,25 Prozent der rund 20.000 Befragten an, dass sie mit der aktuellen Stadtregierung zufrieden seien. Am östlichen Rand von Graz war die in der Stadtregierung am stärksten vertretene ÖVP auch bei den Wahlen am stärksten. Im Bereich der Haltestelle LKH Med Uni/LKH Nord erreichte die ÖVP bei den Gemeinderatswahlen üppige 45,3 Prozent – die Wähler scheinen bisher zufrieden mit den Repräsentanten zu sein.

Wohnen

Mietquiz, Immobilienpreise und Wohnungsauslastung

Im Vergleich mit europäischen Großstädten sind die Mieten in Graz sehr erschwinglich. Entlang der Linie 7 ergeben sich dennoch große Preissprünge.

Mietquiz

Die Preise für eine 60 Quadratmeter große Wohnung variieren entlang der Linie 7 durchschnittlich zwischen 642 und 720 Euro im Monat. Am günstigsten lebt es sich im Lend, am meisten müssen Menschen für Wohnraum in Wetzelsdorf hinlegen – beide Bezirke sind übrigens auch stadtübergreifend jeweils am teuersten und günstigsten. 

Immobilienpreise – Mieten

Für eine Wohnung an der Haltestelle FH Joanneum zahlt ein Student durchschnittlich 11,20 Euro pro Quadratmeter. Fährt er jedoch ein paar Stationen weiter, zum Hauptbahnhof oder zu Esperantoplatz / Arbeiterkammer, so verringert sich der Preis für die Studentenwohnung gleich um 50 Cent pro Quadratmeter – das macht bei einer 30 Quadratmeter großen Bleibe schon einen Unterschied von 15 Euro im Monat aus.

BEOBACHTUNGEN:

  • Mieten in Wetzelsdorf sind die teuersten der ganzen Stadt 
  • Mietpreis-Schwankungen auf der Linie 7 bei ca. 10 Prozent

Im Durchschnitt liegt der Preis pro Quadratmeter für eine Wohnung an der Linie 7 übrigens bei 11,15 Euro. In St. Leonhard lässt es sich, trotz zentraler Lage und einer guten Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, vergleichsweise günstig leben. Der geringe Durchschnittspreis in diesem Bezirk liegt vor allem am dort beheimateten "Uni-Viertel", welches viele günstige Wohnmöglichkeiten und Party-Locations für Studenten der Karl Franzens Universität bietet. In einem Vergleich des nächtlichen Lärmpegels an der Linie der Gegensätze würden die in dem Gebiet gelegenen Haltestellen vermutlich den Spitzenreiter stellen.

Wohnungs-Auslastung

Ein Blick auf die Wohnungs-Auslastung entlang der 7er zeigt: Die Mur trennt auch in diesem Punkt die Stadt Graz und ihre Linie der Gegensätze. Während am linken Murufer die Auslastung durchgängig über 1,7 Personen pro Wohnung liegt, leben am rechten Ufer der Mur deutlich weniger Menschen in einem Haushalt.

BEOBACHTUNGEN:

  • Auf der linken Ufer-Seite der Linie 7 leben mehr Menschen gemeinsam in einer Wohnung
  • Wohnungsauslastung an den Randbezirken höher, als in den inneren

Im Bezirk Innere Stadt ist die Auslastung mit 1,3 um 30 Prozent niedriger als noch an der Haltestelle Südtirolerplatz / Kunsthaus. Je weiter östlich die Linie verläuft, desto mehr Personen teilen sich in Folge auch wieder eine Wohnung. Nach der Haltestelle Odilien-Institut steigt die Anzahl der Personen pro Wohnung von 1,5 auf 1,9 an. Dieser ist – gemeinsam mit dem in Wetzelsdorf – der höchste Wert entlang der Linie 7. 

Zufriedenheit

Leben Sie gerne in ihrem Stadtteil?

Während am rechten Murufer der Linie 7 an jeder Haltestelle über 90 Prozent der Befragten sehr gerne oder gerne in ihrem Stadtteil wohnen, zeichnet sich das Bild am linken Murufer etwas dunkler.

Am Start der Route, in Wetzelsdorf und Eggenberg, sagen neun von zehn Grazern, dass sie gerne in ihrem Stadtteil wohnen – das ergab eine Umfrage zur Lebensqualität der Stadt Graz aus dem Jahr 2018. Im kulturellen Schmelzpunkt der Stadt, den Bezirken Gries und Lend, schaut man kritischer auf die Lebensbedingungen.

Nur 75,51 respektive 81,23 Prozent der Befragten wohnen hier "sehr gerne" oder "eher gerne". Bis auf die beiden Ausreisser im Annenviertel sind die Bewohner jedoch glücklicher über ihre Umgebung. Am zufriedensten ist man an der letzten Haltestelle der Linie 7: Bei LKH Med Uni / LKH Nord beträgt die Zustimmung stolze 97,39 Prozentpunkte.

BEOBACHTUNGEN:

  • Gries und Lend reißen erneut aus
  • In Ries sind die Menschen mit ihrem Stadtteil am zufriedensten

Dieses Projekt ist inspiriert von Projekten der New York Times und der Berliner Morgenpost und wurde im Rahmen eines Google News Lab Fellowships realisiert.

*Alle Daten wurden aus Open Data-Ressourcen der Stadt Graz gesammelt und sind auf Sprengel, bzw. Bezirksebene genau. Da Statistiken für Graz oft nur auf Bezirksebene ausgewertet werden, sind genaue Haltestellen-Auswertungen nicht immer möglich. Dennoch vermittelt der Blick auf die von West nach Ost verlaufende Linie 7 ein soziologisches und ökonomisches Gefühl der Stadt.