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Franz-Nabl-Preis

Kabale und Bestatter

Ein Auszug aus der Laudatio, die Josef Winkler anlässlich der Verleihung des Franz-Nabl-Preises an Florjan Lipuš in Graz gehalten hat.

© KLZ/Sabine Hoffmann
 

Florjan Lipuš, der eigentliche und erste, wie ich es sage, Kärntner Schriftsteller slowenischer Sprache, also in einer Minderheitssprache sich ausdrückende kärntnerslowenische Autor, der einmal, wie auch andere literarische Größen, wie Peter Handke, Engelbert Obernosterer und Gustav Januš, das berühmte und damals jedenfalls auch berüchtigte Gymnasium in Tanzenberg besucht und das Lipuš einmal als "Internatszwinger" bezeichnet hatte und der eigentlich Priester hätte werden sollen, wurde am 4. Mai 1937 als Sohn einer Magd in Lobnig oberhalb von Bad Eisenkappel / Zelezna kapla geboren. Während sein Vater als Wehrmachtssoldat diente, wurde seine Mutter Marija Lipuš, nachdem sie eine als Partisanen verkleidete Gruppe von Gestapo-Männern bewirtet hatte, vor den Augen ihrer beiden Söhne Florjan und Franc von Nazischergen abgeführt, ins Konzentrationslager deportiert und am 3. Feber 1945 im KZ Ravensbrück ermordet. Der junge Florjan musste damals zusehen, wie die Mutter, die gerade den Brotteig angerührt hatte - zum Brotkneten ist sie nicht mehr gekommen -, von einem Gendarm mit dem Namen "Ugav" abgeführt wurde. "Vom Backtrog weg", heißt es im Roman 'Boštjans Flug' in der meisterhaften Übersetzung von Johann Strutz, "in dem sie den Teig angerührt hatte, wurde sie abgeführt und hat kein Brot mehr geknetet. Weder der blinde und taube Gott noch die Heerscharen der Heiligen, auch sie auf der Flucht vor den Gewalttätern, auch sie mit eingezogenen Köpfen vor den Schlächtern, auch sie ohne Rückgrat und krumm vom Verbeugen, den Mächtigen angepasst, auch sie Stumme, Ängstliche, Nutznießer, die alle ihr Mäntelchen nach dem Wind hängen, sie rührten keine Hand und regten nicht einmal den kleinen Finger, machten keinen Mucks auf ihren Sockeln." (...)

Die beiden, in diesem Schrecken alleingelassenen Kinder, Florjan und Franc, die verwaisten Halbwüchsigen, fragten sich, wer denn heuer das Obst schütteln, wer die Äpfel einlagern wird, wer das Sterzmehl mahlen, die Erdäpfel und die Rüben versorgen, das Kartoffelkraut verbrennen wird, wer "die sieben Regenbogen deuten", wer den Platz vor der Hauskapelle vom Eis freihacken wird? Aber auch vom "Schweiger am Kreuz", dem die Haut bereits abbröckelte, dem Wind und Wetter das Gesicht verzerrt und die Dornenkrone schon abgehoben hatten, kam weder ein Kopfschütteln, noch ein Nicken, denn auch er rührte sich nicht und hatte kein Wort übrig für die Kinder.

Nach der Verhaftung der Mutter lebten ihre beiden Buben alleine mit ihrer inzwischen schon dahinsiechenden Großmutter in der Einschicht in einer Seitenklamm des Grabens Remschenig/Remšenik und verbrachten einige Tage neben der toten Großmutter, ehe sie zufällig entdeckt wurden. Von den 200 Bewohnern des Grabens sind in der NS-Zeit 57 eines gewaltsamen Todes gestorben. Schließlich wuchs der junge Florjan, der auf dem Bauernhof schwere Arbeiten verrichten musste, mit einer Stiefmutter und einem traumatisierten Vater auf, der sich nach seiner Heimkehr aus dem Krieg ins Schweigen zurückgezogen hatte (...) und nur mehr die Arbeit und nichts als die Arbeit sehen konnte, und der auch dann und wann den Kopf seines widerspenstigen Sohnes Florjan zwischen seine harten Knie klemmte und, wie Florjan Lipuš in "Boštjans Flug" schreibt "...und es ihm gab, jedesmal wenn die Rute ihre Psalmen auf seinen Hintern pfiff und seinen Schenkeln irgendwelche Sinnsprüche einbleute." Der junge Florjan wuchs in einem tratschsüchtigen und bigotten Dorf auf, in dem alles und jeder kontrolliert wurde, in dem man stets auf der Lauer nach einem Ärgernis war, wo Kontakte subtil überwacht wurden, wo man bereits den Hauch einer Sünde witterte im "Rahmen der kirchlichen Folklorewochenenden", um ein Wort von Florjan Lipuš zu gebrauchen, in dem, obwohl und weil die Sünden hohes Ansehen genießen in der katholischen Kirche, der Pfarrer mit seinen Sprüchen versuchte, die Sünden seiner Lämmer, Kirchengänger und Gläubigen (...) im schwarzen Beichtstuhl mit dem violetten Vorhang zu zermürben, einer Dorfgemeinschaft, die nur das Unglück anderer glücklich macht, die in der Liebe katholisch verklemmt war und die ihm, den kleinen, vereinsamten und verlorenen Boštjan nicht einmal den Blick auf ein Mädchen vergönnten, einer jungen Liebe in dieser tiefen Trauer, dieser Einsamkeit, Verlorenheit und der Hoffnung, dass die Mutter doch bald wieder käme, einem Mädchen und einer zaghaften, zarten, von Angst, Skrupel, vom schlechten, wohl eingebeulten Gewissen (...) beschlichenen und Hoffnung genährten Liebe, die später zu Boštjans erhebenden Flug und schließlich auch zu diesem gerühmten Roman wurde, über den Peter Handke, der erste und bahnbrechende Lipuš-Übersetzer schreibt: "Boštjans Flug' ist, wie kein anderes Buch der letzten Jahrzehnte in unseren europäischen Breiten und Längen und vor allem Engen, das Buch des großen beständigen Aufruhrs, aber auch - warum ?aber'? -, und auch, erstmals bei Florjan Lipuš, ein Buch der Liebe, einer ersten, der ersten, und so erzählt, dass man es liest als das erste Buch der Liebe seit (fast) unvordenklichen Zeiten."

In "Boštjans Flug" ist auch einmal, gegen Schluss, von einem der vielen Erniedrigten und Beleidigten die Rede, von einem Knecht, den man, da er nur ein Leibeigener war, der zwar eine Geliebte hatte, dem man aber das Aufgebot verweigert hatte, den also auch der Pfarrer nicht kirchlich trauen wollte. Der verbitterte und wohl todtraurige Knecht zog sein Sonntagsgewand an, mit dem er sich immer bei den Gottesdiensten blicken ließ, ebenfalls seine neuesten Schuhe, steckte sich eine Wachsblume auf den Rockaufschlag und legte sich, auf dem Ast eines Baumes stehend, einen Strick um den Hals. "Der Teufel hat ihm das Blut verwirrt!", sagten die Dorfleute. Lange soll der Leichnam abgehangen sein, im Wind vertrocknend und in den Unwettern verwesend, bis die sterblichen Überreste, wie es bei der katholischen Kirche heißt, im Laufe von Monaten Stück für Stück zu Boden gefallen sind. Zuerst sollen die Hoden des Knechts abgefallen sein, und die niederträchtigen Dorfleute behaupteten, dass aus seinem Samen ein männchenförmiger, krummer, dem gebuckelten Knecht ähnlicher Strauch gewachsen sein soll, in einem Jahr, in dem der lasterhafte und vom strafenden Gott geschickte Teufel, verkörpert in ein Weltuntergangsunwetter Brücken in der Umgebung fortgeschwemmt, Wege und Hausdächer zerstört haben soll. Die Geschichte mit dem Leibeigenen, dem man das Aufgebot verweigert hatte, erinnerte mich auch an mein Heimatdorf im Kärntner Drautal, an eine Geschichte, die mir der Vater erzählt hatte, in der ein Herrschaftsbauer (...) einmal einen schwer betrunkenen, leibeigenen Knecht, in ein Schweineglitsch werfen ließ und dem die Schweine im Zustand seiner Ohnmacht die Hoden abgefressen haben sollen.

Die Wahl, die er traf", schreibt Florjan Lipuš in "Boštjans Flug", "entsprach seiner augenblicklichen Stimmung, er suchte ein Dach aus mit einem Kamin, aus dem der Rauch des Brotbackens quoll, genaugenommen erst der Duft der harzigen Föhrenscheiter, während durch das angelehnte Fenster ein säuerlicher Geruch nach dem im Backtrog aufgehenden Teig kam, und die Seraphim um den Gottesthron verdeckten sich noch mit dem zweiten Flügelpaar, dem für das Fliegen, die Augen, die gefallenen Engel der Unterwelt aber rieben sich die schwarz gewordenen Hände, als sie sahen, wo der Seraph den Stachel Gottes hineinstecken würde." Tief, unendlich tief, in maßlosen senkrechten Kilometern steckte der Seraph den Stachel Gottes in die Menschen hinein, in der Gaskammer, unter den Düsen, wo die nackten Frauen zusammengepfercht wurden und mit emporgestreckten Händen und gespreizten Fingern einander festhielten und schließlich übereinander fielen. Und: "Zum Glühen gebracht, zerschmolzen, eingeäschert, verweht. Damals, beim Backen, das sie schuldig blieb, wird sie vermutlich noch nichts geahnt haben, wahrscheinlich vermochte sie sich auch das Knistern im Ofen nicht vorzustellen, an dem Morgen, an dem sie abgeholt wurde und es so eilig war, auf den Posten zu kommen."

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