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Forschung

Vom Kaffeekult bis zur Pappbecherparade

Zwischen Milchmariandl und Milchschaumhauberl: In ihrer Dissertation hat Sarah Schimeczek Grazer Kaffeehauskultur vom 18. Jahrhundert bis heute erforscht. Eine traurige Geschichte.

© Privat
 

Höchste gediegene Brühkultur mit Ober im Frack, meterhohen Wänden und Zeitungsrascheln: geliebte, gelobte Wiener Kaffeehäuser. Früher hieß es auch einmal Grazer Kaffeehäuser. Viel davon ist heute nicht mehr übrig. "Die beiden letzten Wiener Kaffeehäuser in Graz, das Operncafé und das Café Promenade, die schon im 19. Jahrhundert bestanden, sind durch Umbauten nicht mehr als solche zu erkennen", sagt Sarah Schimeczek. Ihrer Analyse nach bleibt nur noch das Café des Hotels Weitzer. Sie muss es wissen, denn in ihrer Dissertation am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie an der Uni Graz hat sie die Geschichte der Grazer Kaffeehauskultur erforscht. Von den zarten Anfängen im 18. Jahrhundert bis zum kollektiven Sterben in den 1950ern und dem aufgeschäumten Trend von Coffee to go im Pappbecher.

Aufgekocht

Angefangen hat alles 1704, als sich die ersten italienischen Kaffeesieder an der Mur niedergelassen haben. Die weitere Erfolgsgeschichte liest sich hochkonzentriert wie ein doppelter Espresso. 1747 rotteten sich die Sieder zur Zunft zusammen, 1790 sollen bereits 20 Häuser Koffein in der Stadt ausgeschenkt haben.

Bis 1860 wuchs die Zahl der Kaffeeschenken laut dem Autor Gernot Fournier auf 300 an. "Sämtliche Ausschanken waren bereits mit Billardtischen ausgestattet und hatten eine Auswahl gängiger Zeitungen aufliegen. Sie waren als Pflichtinventar eines jeden Cafés vorgeschrieben", hat die Doktorandin recherchiert. Kaffee gekocht wurde damals nicht in der eigenen Küche, man trank ihn auswärts, das gehörte zum guten bürgerlichen Ton.

Aufgeputzt

Mit der Fertigstellung der Südbahn war Graz nicht nur an andere europäische Großstädte angedockt, sondern auch an die in der gesamten Monarchie verbreiteten "Wiener Kaffeehäuser". 36 dieser Koffeinkultorte zählte man im Jahr 1860. "Das Kaffeehaus wurde Institution des täglichen Lebens", beschreibt es die Doktorandin. Später säumten vier Prachtcafés die Herrengasse. Große Namen prägten die Ära: Europa, Nordstern, Kaiserhof.

Eine Gegenposition dazu stellten die in Graz rege besuchten Milchmariandln dar - schichtübergreifende Orte zum Prachtcafé.

Übrigens: Mit den ausgeprägten Wiener Kaffeekreationen konnte Graz nicht mithalten: "Hier trank man Kaffee schlicht lange Zeit mit gesüßtem Rahm, inklusive Wasser im Glas." Bis 1927 erste Espresso-Experimente passierten, als das Café Express am Dietrichsteinplatz aufsperrte: zum Kippen von kurzen Schwarzen im Stehen.

Schimeczek selber favorisiert den Muntermacher ohne viel Schaum-Schnickschnack als Verlängerten - gerne auch mit Zucker. Die Liebe zur Röstung scheint bei ihr vererbt zu sein: Ihrem Urgroßvater gehörte das Café Humboldt, zugesperrt 1952.

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