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Steirer des Tages

Franz Karl Stanzel: Vom Zufall beglückt

Er wollte zur See fahren, stattdessen wurde die englische Literatur seine Leidenschaft: Franz Karl Stanzel, Österreichs bekanntester Anglist, wird 90.

© Gery Wolf
 

"Die Gefangenenlager in England und Kanada waren meine Universitäten", sagt Franz Karl Stanzel. Und erzählt von jenem "Zufall", der ihn zur englischen Literatur brachte und damit seine Laufbahn als Österreichs bekanntester Anglist begründete. Denn eigentlich wollte er, der am Sonntag seinen 90. Geburtstag feiert, nur zur See fahren, um der Enge und Strenge der oberösterreichischen Klosterschule zu entkommen. So landete er zunächst bei der Kriegsmarine, danach in englischer Kriegsgefangenschaft und machte dort Bekanntschaft mit den Texten eines gewissen William Wordsworths. Damit wurde eine Leidenschaft begründet, die zunächst zum Anglistik-Studium in Graz führte und dann in eine Universitätslaufbahn mündete, die Stanzel an die Universitäten nach Harvard, Göttingen, Erlangen, aber schließlich zurück nach Graz führte.

Standardwerk

Noch heute ist Stanzels Opus Magnum, die "Theorie des Erzählens", ein Standardwerk für Literaturstudenten und prägte das Verständnis von Erzählsituationen im Roman. Aber Stanzels Interessengebiete sind weiter gestreut: So war er es auch, der sich der steirischen Völkertafel annahm und dieses Urstück aller nationalen Vorurteile wissenschaftlich aufzuarbeiten begann. Außerdem leitete er 20 Jahre lang das Institut für Anglistik an der Uni Graz, wo er 1993 emeritiert wurde - aber keineswegs in den Ruhestand ging.

"Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden", zitiert der Vater einer Tochter Philosoph Kierkegaard und hat in diesem Sinne seine Jugend in den Kriegsjahren in einem Buch aufgearbeitet, das im September erscheint. In dieser Retrospektive entdeckte Stanzel eine für ihn erschreckende Parallelität: "Am Tag, an dem mir ein englischer Soldat das Leben rettete, indem er mich nach der Zerstörung meines U-Bootes aus dem Wasser zog, starb die jüdische Anglistin Helene Richter in Theresienstadt", erzählt Stanzel. So vergibt der Forscher, der selbst Träger vieler Auszeichnungen wie dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ist, in Richters Namen ein Stipendium an junge Anglisten - die vielleicht in seine Fußstapfen treten.

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