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Man kann nicht nur einen Menschen lieben

© KK
 

Fremdgehen als Trennungsgrund fällt bei ihnen flach. Bernhard Reicher und Suna Jones sind ein polyamores (poly für viele und amor für Liebe) Paar. Das heißt, sie sind in einer Liebesbeziehung und gleichzeitig offen für andere.

"Polyamorie stellt das Konzept infrage, dass man nur einen Menschen lieben kann und darf", sagt Bernhard Reicher (36). Seit 16 Jahren lebt und liebt er polyamor. Auch wenn er den korrekten Begriff Polyamorie erst seit vier Jahren kennt. Entstanden sind diese Modelle in den 1960ern in Lebenslaboren namens Kommunen. In den 1990ern tauchte Polyamorie erstmals auf. "Das Internet hat die Dinge für sexuelle Minderheiten revolutioniert", sagt der Psychologe Bjaerne Holmes vom Champlain College in Vermont im Magazin Scientific American. Dort rief man Polyamorie im Februar sogar als "neue sexuelle Revolution" aus. Anlass: die erste internationale Konferenz dazu an der kalifornischen Elite-Uni Berkeley.

Polyamorie ist längst in Graz gelandet: Einmal im Monat treffen sich polyamore Menschen zum Stammtisch im Café Centraal. "Zuletzt waren 40 Menschen dort", erzählt Reicher. Die Grazer Szene sei mit jener in anderen Städten vernetzt.

Mitfreude statt Eifersucht

"Polys", wie sich die Anhänger nennen, stellen das konventionelle monogame Paarkonzept infrage. Suna Jones (22) vertraut dem Liebesmodell erst seit ihrer Zeitrechnung mit Bernhard, also knapp sechs Monate. Ihre Bilanz: "Ich erfahre nun, dass Liebe und Freiheit sich nicht kategorisch ausschließen müssen. Im Gegenteil: Das eine bedingt das andere. Und das vermittelt mir eine unglaubliche Sicherheit und Geborgenheit, die ich selbst in meiner siebenjährigen monogamen Beziehung so nie erlebt habe."

Mitfreude statt Eifersucht. Teilen statt Besitzen. Offenheit statt Einkapseln. Ehrlichkeit statt Betrügen. Er definiert Treue "nicht als sexuelles Besitzdenken", sondern als Loyalität zu ihr. "Es ist mir in erster Linie wichtig, dass es ihr gut geht." Nachsatz: "Wenn das beinhaltet, dass sie andere Menschen liebt, auch sexuell, kann ich mich für sie mitfreuen."

So weit die Theorie. Aber wie funktioniert das in der Praxis? Am wichtigsten, beteuern beide, sei Ehrlichkeit. "Wir haben keine Regeln vereinbart. Es ist eher so, dass wir beide unabhängig voneinander dieselben Einstellungen teilen", erklärt Jones.

Grundwerte, die sie verbinden. Vorerst leben sie eine polyamore Fernbeziehung. Ab Sommer will die Deutsche zu ihm nach Graz ziehen. Ihr aktueller Beziehungsstatus: "Es muss nicht immer andere fix nebenher geben, es ist nur nicht ausgeschlossen. Zurzeit sind wir zu zweit. Aber es gibt immer wieder zärtliche Kontakte zu Freunden." Die Erfahrung wird geteilt.

Definitiv Gefühlskram

Mit einem Klischee wollen sie im Gespräch aufräumen: "Klar, Sex spielt eine wichtige Rolle - wie bei den meisten Beziehungen -, aber sicher nicht die wichtigste. Sonst wäre es Polygamie", sagt er. Und sie betont: "Wenn jemand darauf spekuliert, dass eine polyamore Lebensweise einfach ein Freifahrtschein für Sex ist, könnte man das viel einfacher haben. Und ohne Gefühlskram."

Da unterscheiden sich monogame von polyamoren Banden nicht. In der Haltbarkeit, hat Reicher erfahren, genauso wenig. Jedes Mal, wenn eine Beziehung zerbrach, musste er sich anhören: "Siehst, hält auch nicht länger."

Ihre Eifersucht zu überwinden, war für Suna schwierig. "Bis ich feststellte, dass dieses Haben und Festhalten wollen aus meiner inneren Unsicherheit resultiert."

Treue entspricht also Mitfreude. Und Untreue? "In meinen Augen wäre jemand untreu, der die Freiheit, die dieses Konzept auch sexuell bietet, auszubeuten versucht, ohne auf die Gefühle der anderen Menschen Rücksicht zu nehmen", sagt sie. Gegenstrategie: darüber reden. Klingt platt, ist aber wissenschaftlich untermauert. US-Psychologe Holmes hat 5000 "Polys" befragt. Mit dem Ergebnis, dass sie stärker ihre Gefühle kommunizieren. Sie hätten auch mehr akademische Grade als die Gesamtbevölkerung und setzen im Leben stärker auf Erfahrungen als auf Geld.

Die Ängste der anderen

Als Suna es ihrem Umfeld mitteilte, hat sie alle einmal total geschockt. "Im ersten Moment konnte niemand etwas damit anfangen. In vielen sind Ängste angeklungen." Bernhard kennt die Ängste der anderen, der Außenstehenden, auch. Aber: "Mir ist das egal, ob Graz oder sonst jemand offen dafür ist. Ich mache mein Glücklichsein nicht von der Meinung anderer abhängig."

In einem Thema sind sich die beiden uneinig: Kinder. Er wollte nie welche haben. Sie immer und am liebsten viele. Reicher kennt auch polyamore Eltern. "Viele sind es aber nicht." Ausgang: offen. Wie ihre Beziehung auch.

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