In Haus im Ennstal regnet es. Der Frühling hat sich noch nicht für seine volle Blüte entschieden und zeigt stattdessen sein grauverschmutzes Gesicht. Beim Einbiegen in Erni Winklers Einfahrt ist das einerlei. Man sieht sofort: Hier wohnt der Sinn für das Schöne. Konkret im Ortsteil Höhenfeld, in dem die pensionierte Versicherungsangestellte ein Holzriegelhaus aus dem Jahr 1941 bewohnt.

In den vergangenen Jahren wurde das Haus liebevoll renoviert und beherbergt etwas, was man im Ennstal wohl selten sieht: eine Schreibstube. „Scriptorium“ steht auf einem weißen Schild an der kunstvoll verzierten Tür, natürlich in schön geschwungenen Lettern. Es ist die Bezeichnung für Schreibstuben, in denen vor allem Geistliche noch vor dem Buchdruck Texte handschriftlich vervielfältigten. Mit vermutlich genauso viel Hingabe, wie sie Erni Winkler an den Tag legt.

Schriften erlernen und hegen

Denn die Hauserin ist der Kalligrafie mit Haut, Haar und Federkiel verfallen, aus dem Griechischen mit „Kunst der schönen Schrift“ übersetzt. Seit zehn Jahren beschäftigt sich Winkler mit diesem Handwerk, bei dem Schriften aus längst vergangenen Tagen erlernt und gehegt werden. Was das genau bedeutet, zeigt die Hauserin an ihrem Schreibtisch mit Blick auf den Garten. Mehrere Stunden, oft täglich, verbringt sie hier.

„Das ist die römische Kursive aus dem achten Jahrhundert, das die englische Schreibschrift aus dem 16. Jahrhundert, das ist die Kurrentschrift, sie wurde 1942 verboten und das die karolingische Minuskel, nach Karl dem Großen“, erklärt Winkler einige Schriften auf einem Blatt Papier. Tausende verschiedene Schriftarten gäbe es auf der Welt, „zehn oder elf“ hat sie sich durch Kurse, vor allem in Deutschland, angeeignet.

Große Freude am Tun

Was aber fasziniert sie so an der Kalligrafie? „Es ist das Bewahren von altem Kulturgut. Wer keine alten Schriften entziffern kann, kann nicht in alten Büchern und Briefen lesen“, sagt die Künstlerin. Gleichzeitig bringt ihr diese Beschäftigung eine „große Freude“. Das spürt man bis in die kleinste Ecke der gemütlichen Schreibstube, voller Schreibutensilien, Bilder und natürlich Papier in unterschiedlichsten Farben, Formen und Texturen.

Auch wenn das Erlernen einer Schrift am Anfang durchaus zur Verzweiflung führen kann: „ Kalligrafie-Kurse dauern meist fünf Tage. Oft schreibt man hundert, zweihundertmal das gleiche Wort, den gleichen Buchstaben. Manchmal frage ich mich schon, warum tue ich mir das an. Und dann funktioniert es plötzlich“, erklärt Winkler mit leuchtenden Augen.

Kein teures Hobby

Seit fünf Jahren gibt sie ihre Erfahrungen auch regelmäßig in eigenen Kursen weiter. Die Teilnehmer kommen nicht nur aus dem Ennstal, sondern auch Salzburg, Graz oder Tirol. Gewisse „Stammdamen“ seien immer dabei, aber auch Jugendliche wollen Winklers Handwerk erlernen. Das Alter sei dafür nicht ausschlaggebend, aber sehr wohl „eine gewisse Ruhe. Mit einem nervösen Hudriwudri geht das nicht“, erklärt sie lachend.

Und auch wenn schön geschriebene Worte viel Wert sind, ist Kalligrafie kein teures Hobby, weiß die Kreative. Man braucht nur einen Federstiel und ein Stück Papier. „Von einem Freund habe ich gelernt, wie man selbst aus einer Coladose eine Schreibfeder machen kann.“ Gefüllt werden die Schreibobjekte mit Holzbeize aus dem Baumarkt, „die hat eine gute Fließeigenschaft und es gibt sie auch in allen Farben.“

Ein Leben lang schreiben

Nicht in Frage kommt für Winkler, ihre Schriftschätze im großen Stil zu verkaufen. Meist gehen sie als Geschenke oder Gefallen für Bekannte hinaus in die Welt. Dahinter steht die Mission, der Schnelllebigkeit des Alltages etwas entgegenzusetzen: „Heutzutage schickt man alles nur mehr mit WhatsApp. Ein schönes Kuvert mit einer schönen Anschrift – das macht doch mehr Freude.“ Gibt es für die Pensionistin eigentlich ein Leben nach der Kalligrafie? „Nein, ich schreibe, bis mir die Feder aus der Hand fällt.“