AccessControl ac = AccessControl.getAccessControl(request);

LokalaugenscheinDas Sölktal wartet auf die Lawinen

Was heißt es, seit Tagen eingeschneit zu sein – und warten zu müssen, dass endlich die Lawinen abgesprengt werden können? Wir waren gestern im Sölktal.

Langes Warten auf Flugwetter - am späten Nachmittag kommt der Hubschrauber doch noch © Christian Nerat
 

Im kleinen Aufenthaltsraum der Feuerwehr Fleiß ist es warm und gemütlich. In der Ecke knistert ein Holzofen. In der Stube sitzt der Sölker Bürgermeister Werner Schwab und hat gerade eher wenig Sinn für Romantik. Hoch konzentriert telefoniert er auf dem Handy und studiert den Plan vor sich. Am anderen Ende der Leitung hat er das Hubschraubergeschwader der Kaserne Aigen.


Es geht um die Frage, ob Hubschrauberflüge im Tal möglich sind. Ein kurzer Blick aus dem Fenster reicht. „Keine Chance. Leider. Der Wind ist viel zu stark und die Sicht reicht auch nicht aus.“ Die Enttäuschung ist dem Ortschef anzumerken: „Das wär wichtig gewesen, heute wollten wir Lawinen sprengen.“ Aber das Wetter spielt eben nicht mit. Die Wolken hängen tief zwischen den steilen Hängen, immer wieder fegt der Schnee durchs Tal.

KK
Im Tal haben sich gewaltige Schneemassen angesammelt © KK

Um überhaupt ins gesperrte Gebiet zu kommen, braucht es ziemlichen logistischen Aufwand und ein stabiles Nervenkostüm. Bis zur Staumauer des Kraftwerkes Sölk kann man fahren, dann geht es zu Fuß über einen Gittersteg entlang der Staumauer auf die andere Talseite. Durchs Gitter schaut man geradewegs in den Abgrund. Oder vielleicht auch besser nicht.


Auf der anderen Seite wartet Roland Mayer, Chef der Feuerwehr Fleiß, mit dem Mannschaftsbus. Mit im Auto sind auch die beiden Jungfeuerwehrmänner Marcel Lerchegger und Jonas Perner – und die beiden sind hervorragender Laune. Keine Schule und das seit mehr als einer Woche. Für Marcel könnte das gerne so bleiben, „von mir aus bis Juli“. Fad wird den Buben nicht. Schneeschaufeln, Lebensmittel ausliefern und helfen, wo sie gebraucht werden, heißt das Tagesprogramm.

Wartezeiten vertreibt man sich mit einem Plauscherl Foto © Christian Nerat

Im Feuerwehrstüberl geht die Tür auf. Cilli, Conny und Gitti, drei Damen aus der Nachbarschaft, bringen einen Schwall kalter Luft mit. Und ein Sackerl mit Faschingskrapfen. Beim gemütlichen Nachmittagsplauscherl geht es um alles Mögliche. Nur nicht um den Schnee. Das Thema hat in den letzten neun Tagen irgendwie seinen Reiz verloren.


Plötzlich ändert sich die Stimmung. Aigen hat angerufen, ein Hubschrauber könnte starten. Die Verhältnisse im engen Tal sind etwas besser, Werner Schwab entschließt sich, einen Versuch zu starten. Jetzt muss es schnell gehen. Die Feuerwehr Mössna weiter drinnen im Tal wird in Marsch gesetzt. Landeplatz einrichten und absichern. Die Bergretter werden informiert, sie werden später den Hubschrauber zu den größten Gefahrenstellen dirigieren. Und auch der Bürgermeister springt ins Auto und schnappt sich das Handy. Weil im Sölktal auf acht Kilometern gleich fünf bekannte Lawinenstriche lauern, wurde ein System aus Beobachtungsposten installiert. Drei Posten stehen irgendwo auf den Hängen und beobachten per Fernglas die Gefahrenstellen. Will man ins nächste Dorf, ruft man die Posten an und gibt ständig durch, wo man sich gerade befindet. „Anders geht es einfach nicht“, betont der Bürgermeister und bringt ein drastisches Beispiel: „Was haben alle Lawinenopfer gemeinsam? Sie wussten wenige Sekunden vorher nicht, was gleich passieren wird.“ Was er damit sagen will? Eine Lawine kündigt sich nicht an. Sie kommt einfach und das oft rasend schnell.

Auch Lebensmittel kommen per Luftfracht ins Sölktal Foto © KK

In Mössna tobt gerade ein Schneesturm. Hausgemacht. Die Alouette III des Bundesheeres ist da, mit hochexplosiver Fracht. Schnell springen zwei Bergretter in die Maschine und ab geht’s. Es wird langsam düster und der Wind legt auch zu. Im Schneegestöber kämpft sich der Hubschrauber zu den gefährlichsten Rinnen vor. Dreimal knallt es mächtig. Lawine löst sich aber trotzdem keine. Das kommt öfter vor, wissen die Spezialisten der Bergrettung. Der Schnee ist so gepresst, dass die Sprengladung nicht weit genug einsinkt. Werner Schwab gibt die Hoffnung nicht auf. Manchmal lösen sich Lawinen erst Stunden nach der Sprengung. Hoffentlich.

Marcel und Jonas können mit den Zwangsferien gut leben Foto © Christian Nerat

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung! Kommentieren